Jahn-Report - - 26. Ausgabe, Mai 2008

Ausgewählte Artikel der Jahn-Reporte

 

Braun, Harald: Friedrich Ludwig Jahn - gestern und heute (1994)
1
Braun, Harald: Der Turner/innen Gruß und Symbol (1996)
5
Frost, Wolfhard: Was hat uns Jahn (noch) zu sagen? (1996)
6
Bartmuß, Hans-Joachim: Friedrich Ludwig Jahn 1848/49 (1997)
8
Bartmuß, Hans-Joachim: Gedanken zur Jahn-Tradition (1998)
9
Göhler, Josef: Die Pflege der Muttersprache (1999)
11
  Ein Wort an die Fremdwörtler im turnerischen Bereich  
Kunze, Eberhard: Empfehlungen für Jahn 1807/09 (1999)
12
Frost, Wolfhard: Patriotisches Liedgut der frühen Turnbewegung (1999)
12
Kunze, Eberhard: Brief Salchows an Jahn von 1810 (2000)
14
Ulfkotte, Josef: Unbekannter Brief Jahns von 1846 (2000)
14
Braun, Harald: Jahn und das Lützower Freikorps (2001)
16
Thomas, Michael: Jahn und die patriotischen Lieder (2001)
16
Braun, Harald: Jahn und die nationale Frage (2002)
17
Bartmuß, Hans-Joachim: Zur Freyburger Polizeiakte betr. F. L. Jahn (2002)
17
Kunze, Eberhard: Freunschaftsbande, Freundschaftsbünde (2003)
20

Bartmuß, Hans-Joachim: Ascher gegen Jahn. Ein Freiheitskrieg? (PDF-Datei)  

 

Prof. Dr. Harald Braun

Friedrich Ludwig Jahn - gestern und heute

Die Leistungen JAHNs (1778 - 1852) sind im Laufe der deutschen Geschichte extrem unterschiedlich bewertet worden. Seine Würdigung reicht von der Verehrung, mitunter überzogenen Vergötterungen seiner Anhängerschaft, den Turnern/-innen einerseits, bis hin zur schroffen Ablehnung von einigen seiner und unserer Zeitgenossen.

Obwohl JAHN nur acht Jahre senes Lebens öffentlich aktiv war - im 33. Lebensjahr hat er 1811 den Turnplatz in der Hasenheide geschaffen, im 41. Lebensjahr wurde er 1819 verhaftet - hat er uns ein Erbe hinterlassen, das von den Machthabern aller Epochen deutscher Geschichte in Anspruch genommen wurde: im Kaiserreich
(1871 - 1918) war er der königstreue Nationalist, der für sein unerschütterliches Eintreten für die Einheit Deutschlands sogar ins Gefängnis ging, von den Nazis
(1933 -45) wurde er als der um hundert Jahre vorausdenkende erste Nationalsozialist mißbraucht. Ebenso wurde er von der DDR-Ideologie vereinnahmt. In der Bundesrepublik haben diverse politische Gruppierungen unterschiedliche Einordnungen vorgenommen, die sich entweder auf seine nationale Gesinnung stützen oder seine sozialen Tendenzen hervorheben. Unbestritten jedoch war stets die Anerkennung seiner Verdienste um die Schaffung des vaterländischen Turnens.
So ist im Laufe der Jahre der geschichtlichen Entwicklung und mit der Modifizierung des Turnens - vom alle Leibesübungen umfassenden Begriff bis zur Einengung auf das Gerätturnen - bis in die heutige Zeit immer wieder von den unterschiedlichsten Standpunkten her zu JAHNs Leben und Werk Stellung bezogen worden. Es entstand ein JAHN - Bild, das sehr heterogene Züge aufweist.

Wenn heute behauptet wird "der Bart ist ab", dann steht diesen Kritikern nur das ewiggestrige Bild des alten Turnvaters, kahlköpfig und mit langem Bart, vor Augen. Sie haben aber nicht verstanden, was der dynamische Dreiunddreißigjährige mit seinem Turnen beabsichtigte. Klammern wir den militärischen und politischen Aspekt, der damals aufgrund der politischen Situation Deutschlands Teil des Turnens war, aus und befassen wir uns mit der pädagogischen und sozialen Seite:
JAHN woltte " der bloß einseitigen Vergeistigung die wahre Leibhaftigkeit zuordnen (...) und im jugendlichen Zusammenleben den ganzen Menschen umfassen und ergreifen". Er hat nicht das Turnen über die geistige Ausbildung stellen, es aber auch nicht zur einseitigen "Drillschule" verkommen lassen wollen. Zu seiner Zeit wurden Leibesübungen nur an ganz wenigen Schulen unterrichtet; heute sind sie im Fächerkanon mit 2-3 Stunden in der über 30-Stundenwoche unterrepräsentiert. In unserer bewegungsarmen Zeit, in der das Straßenspiel verschwunden ist, genormte Spielgeräte wenig Aufforderungscharakter besitzen, Hallen-, Spiel- und Sortplätze verschlossen sind oder unter Aufsicht stehen, entspräche da nicht "das freie, öffentliche, volkstümliche, nicht in den Wänden eines Gymnasiums eingeschlossene Turnen", wie E. M. ARNDT sich über das JAHNsche Turnen vor 175 Jahren äußerte, den Forderungen unserer Zeit, in der sich die Jugend vom genormten und einseitigen Leistungssport abwendet und in Skate- und Snowboard, im Drachenfliegen und Freeclimbing, Herausforderungen mit und in der Natur sucht?
JAHN ist 1811 mit der Jugend an unterrichtsfreien Nachmittagen aus Berlin hinaus in die Natur gewandert. Zu Beginn des Turnnachmittags auf der Hasenheide wurde Kür geturnt, d. h., die Teinehmer durften je nach Motivation spielen, laufen, werfen, springen, klettern, balancieren, ringen. Diese Bewegungsvielfalt gab es auf dem Turnplatz. Anschließend erfolgte eine Turnrast auf dem Thie bzw. Ting, dem altgermanischen Versammlungsort freier Männer nachvollzogenen Ort auf dem Turnplatz, wo Lieder gesungen, Streitigkeiten beigelegt, Turngesetze besprochen und/oder Vorträge über deutsche Geschichte und Geographie gehört wurden. Dann folgte die Pflicht in Form von Riegenturnen. Hier wurden in strenger Ordnungsform neue Techniken oder Bewegungskonfigurationen erlernt. Diese Dreiteilung - sie hat schon gesamtunterrichtliche Züge - war in jener Zeit eine pädagogische Glanzleistung, die, würde sie heute in unserem Sportunterricht umgesetzt, garantiert mehr Lust als Frust brächte.


Selbständigkeit und Selbsttätigkeit

Mit den pädagogischen Prinzipien "Selbständigkeit" und "Selbsttätigkeit", die JAHN auf dem Turnplatz zu realisieren suchte, war er seiner Zeit um über hundert Jahre voraus.
DIESTERWEGs Forderung (1842), "zurück zu JAHN, es gibt kein besseres Vorwärts" hat auch heute noch Gültigkeit. Der freie Zusammenschluß von vorwiegend Schülern und Studenten auf der Hasenheide und den anderen Turnplätzen in Deutschland war von der sozialen Herkunft uneinheitlich: die jugendlichen Turnerscharen rekrutieren sich, so BORNEMANN 1814, "aus allen Ständen (...) vom Waisenknaben bis zum Fürstensohne". Sie unterwarfen sich freiweillig - dann aber bindend - der von JAHN und seinem Turnrat erstellten Turnordnung, sprachen sich mit "Du" an und kleideten sich in altdeutscher Tracht, um die bestehende, in verschiedene Stände unterteilte Gesellschaftsordnung zu überwinden.

"Zurück zu Jahn, es gibt kein besseres Vorwärts"

JAHN war aufgrund der politischen Situation Deutschlands Nationalist, er wäre es als Bürger ganz gleich welchen anderen Staates auch gewesen. Es darf aber unterstellt werden, daß er neben sozialen Randgruppen unserer Gesellschaft auch ausländische Mitbürger integriert hätte. Unsere heutigen Vereinssatzungen, die ja letztendlich auf der JAHNschen Turnordnung basieren, lassen dies ausdrücklich zu.
Das JAHNsche Turnen (1811 - 1819) muß als gelungener Versuch bezeichnet werden, der im außerschulischen Bereich mit eigenen gesetzen Formen des Gemeinschaftsbewußtseins entwickelt hat, der damals wie heute seine Gültigkeit besitzt.

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Prof. Dr. Harald Braun

Der Turner/-innen Gruß und Symbol

Anfragen beim DTB und kleinere Abhandlungen in Festschriften, Vereins- und Verbandszeitungen über Herkunft und Entstehung des Turnergrußes und des - wahrzeichens waren Anlaß für vorliegende Arbeit.

Vorgeschichte
Nach der "Allgemeine(n) Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste"
(Leipzig 1875, S. 350) "findet sich im Althochdeutschen der Kruoz oder gruoz, ursprünglich und eigentlich im Sinne des anrufes, des freundlichen wie des feindlichen". In der regel versteht man unter dem Grüßen das freundliche Begegnen oder Scheiden, das den Gruß als zeichen der Beachtung bzw. der teilnehmenden Achtung definiert. Wird der Gruß unterlassen, so soll damit die Achtung respektive Beachtung versagt bleiben. Zu den Sitten und Bräuchen der alttestamentlichen Juden gehörten Segen und Gruß, die die Anwünschung von Glück, Heil, Friede, Segen von Gott, Freude usw. beinhalten.
Nicht nur die antiken Völker des Mittelmeerraumes kannten den Gruß, verschiedene Lexika weisen ihn bei den Völkern aller Kontinente nach.
Den Germanen galt das Erheben der offenen Hand bei ausgestrecktem Arm als Zeichen des Vertrauens, daß man sich waffenlos, also freundschaftlich, begegnete. Spätestens seit der Christianisierung - Kaiser KARL der GROßE (768-814) hatte den Monat Dezember wegen der Geburt des Heilands Hel-, d.h. Heilmonat genannt - haben sie auch das "Heil" in ihren Gruß mit aufgenommen, so geschehen bei der Wahl des Sachsenherzogs HEINRICH (Herr HEINRICH saß am Vogelherd recht froh und wohlgemut ...) zum König der deutschen Stämme im Jahr 919.
Seit der zeit der Völkerwanderung galt also neben dem Ausdruck friedlicher Begegnung, des Glück- und Segenwunsches, der Gruß auch als zeichen der Unterwerfung, d. h., das auf Leistung beruhende charismatische Heil galt dem siegreichen Helden (MEYERS Lexikon, 1938, S. 563 f.)
Der Nazi-Gruß war aus der spätgermanischen Zeit hergeleitet (BROCKHAUS, 1989,
Bd. 9, S. 604).

Gut Heil

In der höfischen Kultur des Mittelalters war u. a. der Gruß "Gut Heil" Brauch. Laut JACOB und WILHELM GRIMMS "DEUTSCHES WÖRTERBUCH" (Leipzig 1877, S. 818) war dieser Gruß schon im frühen Mittelhochdeutschen bekannt. Tatsächlich findet er sich bereits um 1140 im Alexanderlied des Pfaffen LAMPRECHT, um 1170 im Rolandslied des Pfaffen KONRAD, 1204 in Iwein mit dem Löwen von HARTMANN von AUE, 1544 in der Fabel Reinecke Fuchs von FRATER PAULI und anderen Dichtungen. Die Landsknechte wünschten einander vor dem kampf "viel guot heil". Selbst in den schriften von KANT und ARNDT, in Dichtungen von GOETHE und SCHILLER und in Opern von MOZART, BEETHOVEN und WAGNER kommt der Gruß "Gut Heil" noch im 18. und 19. Jahrhundert vor.


  Klopfa, Klopfa hämmerla
`s brod ligt im Kämmerla
`s messer ligt darnöben;
seltmer eppes göben -
guthaal, guthaal
und mein gsellen a an thaal (Teil)!

So riefen die Kinder in Franken bei dem sog. Anklopfets mit dem Hämmerchen im Heilmonat (Dezember), um für sich und ihre " Gesellen" eine Gabe zu erhalten. (SCHEITLER, in: DTZ, 1879, S. 156).
Dieses Gut-Heil-Rufen war nach HALTAUS (Kalendarium von 1729) und nach den "Nördlinger Nachrichten" von 1760 auch im Volksmund gebräuchlich.
FRIEDRICH LUDWIG JAHN will nach eigener Aussage das "Gut Heil" 1817 gebraucht haben. Der Heidelberger Turner K. WASSMANNSDORF (DTZ, 1862, S. 50 u. 1884,
S. 430) bezweifelte dies, da der Gruß erst 1823 in JAHNS Lied von der "Altvorderen Trinksprüche" - abgedruckt in J. B. Metzler, Deutsches Liederbuch, Stuttgart 1823,
S. 37, und in Lübecks "Lieder für Deutschlands turnende Jugend" von 1842 - erschien:

 
  Die Alten hielten frohen Sang
Nebst frommem Wunsch in Ehren,
Sie mochten gern mit hellem Klang
Die Wunschesbecher leeren.
   
  Ihr erst "Gut Heil" scholl all`zeit
Dem deutschen Vaterlande;
Es grün` und blüh` in Ewigkeit
Im heil`gen Reichsverbande.

Der Turner Gruß "Gut Heil" stammt nicht von JAHN, sondern kam aus Plauen im Vogtland, wo OTTO LEONHARD HEUBNER, Sachsens Turnvater, beim Gutenbergfest 1840 zusammen mit der Einweihung des allgemeinen städtischen Turnplatzes eine Rede hielt und darin das Heil gebrauchte, was GUSTAV FINKE 1843 bei der Gründung der TG Plauen zum Gut Heil anregte (SCHEITLER, in: DTZ, 1879, S. 179).
Der Gruß breitete sich schnell aus, denn auf dem ersten schwäbischen Turnfest in Tübingen 1845 wurden die ankommenden Turner mit Gut Heil begrüßt, und auch den Siegern erscholl dieser Ruf.
In den "Liedern für Männer-Turngemeinden", die von der TG Heilbronn anläßlich des Turnfestes 1846 herausgegeben wurden, beginnt und schließt das Vorwort mit Gut Heil. Obwohl sich 1846 eine lebhafte Diskussion um einen allgemeinen Turnergruß in den regionalen Turnzeitungen, so im "Turner" (STEGLICH, Dresden), im "Nachrichtsblatt" (RAVENSTEIN, Frankfurt) und in der "Turnzeitung" (EULER und LAMEY, Karlsruhe) entwickelte, wobei u. a. "GUTSMUTHS", "Heil auf", "Frisch auf" als Turnergruß vorgeschlagen wurden, hat sich der Gruß Gut Heil seit dem Heilbronner Turnfest 1846 bei den Turnern durchgesetzt.
Zum Empfang der Turner am 23. Mai 1847 zur großen nationalen Turnfahrt hat die TG Bingen die Teilnehmer mit folgendem Vers begrüßt:

 
  Gut Heil Euch, Turngenossen,
Zur Wanderfahrt am Rhein;
Laßt ziehn uns unverdrossen;
Frisch, From, froh, frei uns sein.
(BRAUN, Bd. 1, S. 120)

In RAVENSTEINS "Nachrichtsblatt" (1846, Nr. 11) und in STEGLICHS "Turner" (1846,
S. 261 f) hat sich JAHN zum Gut Heil geäußert und als Turnergruß empfohlen:

 
 

"Gut Heil" ist ein deutscher Gruß, wie nur irgend einer. (...) Heil will
erstrebt, errungen, erworben, erhalten und bewahrt sein. So ist `Gut Heil` für das Wesen der Turnkunst bezeichnend, wo Selbstthätigkeit
erst Selbständigkeit gewinnt.
Darum mag der Turner, der in der Turnkunst eine Verjüngung der
altersschwachen Menschheit gewahrt und eine Heilung kranker
Zustände ahnt, mit vollem Bewußstsein sich untereinander durch
`Gut Heil` ermuntern.

   
  Darum, liebe Turner! laßt euch nicht irren noch verwirren. Grüßt
unverzagt, unbekümmert um Sprachmäkelei nach wie vor, mit
`Gut Heil!`" (Gg. HIRTH, Das gesamte TUrnwesen, 2. Aufl. v.
R. GASCH, 1893, S. 277 ff)

Der Arbeiter-Turnerbund (1893-1933) hat auf seinem 4. Bundestag in Nürnberg 1899 den Turnergruß Gut Heil in Frei Heil umgeändert. Die Skiläufer rufen sich Ski Heil, die Angler Petri Heil, die Jäger Weidmanns Heil zu.
Den Ausspruch Jahns von 1846 sollten sich die heutigen Turnerinnen und Turner zu eigen machen. Ihre Berührungsängste mit Gut Heil gründen in dem Mißverständnis, der Turner-Gruß sei dem Nazi-Gruß verwandt. Wenn unsere Väter und Großväter nach der Machtübernahme der Nazis 1933 freiwillig oder auf Druck den Turnergruß gegen den Nazigruß eintauschten, dann war das aus heutiger Sicht eine unerträgliche Verirrung; darum, liebe Turnerinnen und Turner (...) grüßt unverzagt (...) mit
Gut Heil.

Frisch, fromm, fröhlich, frei

Symbole sind Zeichen, "die etwas Geistiges vergegenwärtigen (...) als Botschaft oder Signal, sind Mittel der zwischenmenschlichen Kommunikation", zu verstehen als "Bindemittel für Gemeinschaften", z. B. der großen Religionen der Welt ebenso wie in Turnen und Sport (Hg. KLING, Hessenturner, 1994, S. 530). Wer sich zu einem Symbol bekennt, identifiziert sich mit einer Organisation und akzeptiert deren Ziele (BERNETT, 1992, H1, S. 16).
FR. L. JAHN hat den Turnerwahlspruch

  "frisch, frei, fröhlich, fromm"

als Mittel der Werbung für den guten Zweck des Turnens geschaffen. Er steht heute noch so an der Giebelseite seines Hauses in Freyburg/Unstrut. Da JAHN sehr belesen war, ist davon auszugehen, daß er ihn einem endreimenden Spruch des
16. Jahrhunderts zum Ruhm studentischer Lebensart in Gegensatz zu Philistertum und Besitzdenken übernommen hat:

  Frisch, frei, fröhlich, fromb:
Sind des Studenten Reichtumb!

Aus dem 14. Jahrhundert ist die Reihung "frisch, fro, frey" überliefert (METZNER,
DT, 3, 1990, zit. n. H. POLESNY, 1981, S. 49).
JAHN hat in seinem Buch "Die deutsche Turnkunst" im Kapitel Turngesetze die zweite Zeile des Studenten-Spruches in "das ist des Turners Reichtum" zweckentsprechend abgewandelt. Obwohl sich im Neuhochdeutschen der Zweizeiler nicht mehr reimt, hat JAHN einer Umstellung der vier F-Wörter in seinem Aufsatz zur "Ehrenrettung des `From` von 1846 nicht zugestimmt.

 

"In den vier Worten ist die Steigerung unverkennbar, jede Umstellung verändert den Sinn und verschwächt ihn. Der Spruch ist Inschrift eines Ringes um das turnerische Leben. Das Weglassen nur eines Wortes macht den Reifen brüchig. Selbst die Verwandlung des ´fröhlich` in ´froh` entstellt die Sinnschrift, weil, so nahe verwandt, sich auch beide Worte fügen, froh mehr die innere Stimmung bezeichnet und das Wirkende, fröhlich hingegen das Offenbarwerden in äußerer Erscheinung (...) fröhlich muß mitteilen, gemeinsam empfinden (...) bedarf der Gesellschaft." (HIRTH 1., GASCH ": Aufl., 1893, S. 207 f)

  Felsing 1846

Trotzdem wurde später die JAHNSCHE Reihung verändert zu

  Frisch, fromm, fröhlich, frei,
das andere Gott befohlen sei!

Während des Heilbronner Turnfestes 1846 schlug Kupferdrucker HEINRICH FELSING aus Darmstadt die bereits von ihm auf der Fahne des 1843 gegründeten Schülerturnvereins abgebildeten vier F in Kreuzform vor. "Den Spruch", so FELSING,

  "in seinen vier Anfangsbuchstaben habe ich zusammengestellt in 4 F.
Ich habe sie zum Zeichen vereint, sie bilden - wie die Turnerschaft - gleiche Kraft, gleiche Form und Stärke nach allen Seiten. Es ist das Viereck überall gleich stark, fest in den vier Ecken stehend. Nehmts´, wie ihr wollt, es ist das F aus dem FF. Vergeßt nur nicht, daß es auch das Christenzeichen ist."

FELSING HATTE DIESE Form der vier F einer preußischen Münze, einem Zweigroschenstück von 1693, der zeit des letzten Kurfürsten von Brandenburg, FRIEDRICH III. (ab 1701 König von Preußen, FRIEDRICH I.), nachgebildet (DTZ, 1876,
S. 128).
Eine weitere Gestaltung der 4 F hatte sich der Breslauer Alte Turnverein ausgedacht: Es standen die F mit ihren unteren Enden gegeneinander, so daß die Form den Flügeln einer Windmühle ähnelte, sich aber bei den Turnern nicht durchsetzte:

 

An FELSINGS Vorschlag schieden sich die Geister: Der Delegierte des Mannheimer TV, Dr.ELLER; sprach sich entschieden gegen das "Fromm" und das Christenzeichen mit der Begründung aus, er sei Jude und die Zeit des JAHNSCHEN Spruches längst vorüber. Man solle nicht an altem Plunder kleben, sondern das Unzeitgemäße fallen lassen
(BRAUN, Bd, 1, S.44; WIESER, in ZSGS, 1993, H1, S.32). A. SPIEß, der Begründer des Schulturnens, befürwortete das Zeichen und meinte, "wenn von einem Stifter einer solch edlen Sache ein solcher Kernspruch besteht, so muß dieser heilig und ehrwürdig sein für alle Zeit" (BRAUN; Bd, 1, S.44).
FELSINGS Turnzeichen wurde von den Bevollmächtigten abgelehnt. Es fand aber bei den Turnern in der Hauptversammlung mehr Zuspruch und setzte sich im Laufe der Zeit als Symbol durch.
Auf dem Turnfest in Frankfurt 1847 waren als Turnwappen Schwert und Flammenkeule mit der Umschrift Frisch, Fröhlich, Frei in rot und gold auf schwarzem Grund beschlossen worden (Ebd. S.126). Auch der 1846 gegründete TV Alzey (Volkerstadt aus der Nibelungensage) hat noch 1861 die vier F hintereinander gereiht, so wie sie auf der der Unstrut zugekehrten Seite des JAHNhauses in Freyburg heute noch zu sehen sind:

 

In der Nr. 28 der Deutschen Turnzeitung von 1876 heißt es, daß "auch die außerdeutschen Länder dieses (FELSING-)Symbol angenommen" hätten:

Französisch: Franc, Frais, Fier, Fort.
Englisch: Frank, Fresh, Frish, Free.
Italienisch: Franco, Fresco, Fiero, Forte.
Spanisch: Franco, Fresco, Firme, Fuerte.
Portugisisch: Franco, Fresco, Fero, Forte.
Schwedisch: Frisk, From, Freidji, Fri.
Dänisch: Frisk, From, Freidig, Fri.
Holländisch: Vroed, Vrank, Vrij, Vroom.
(Festbuch, 7. Dt. Turnfest, München 1889, XII./3.)

Auf o. g. Frankfurter Turnfest hatten die Turner bei der Planung einer Deutschen Turnerschaft auch das "Fromm" aus der Viererformel weggelassen. Das umgangssprachliche Fromm und seine Nähe zum Sinn von brav, lammfromm paßte nicht zum eingestandenen politisch-republikanischen Zweck. Der nicht sehr fromme Pfarrerssohn JAHN hat sich in seiner "Ehrenrettung" 1847 entschieden für die Beibehaltung des Fromm ausgesprochen und es als "Inbegriff aller sittlichen Thatkraft, aller Willensstimmung" definiert. "So befesselt fromm die gesamte Pflichttreue und das Voransein in ihr für die Gemeinde, so nachfolgt."
(GASCH "2.Aufl. 1893, S.208)
Warum JAHN unbedingt am Fromm festhielt, geht möglicherweise auf sein Bestreben der Wiederbelebung des unverfälschten altdeutschen Wesens, bzw. auf seine Verbindung mit der Studentenschaft (er war Mitbegründer der Burschenschaft von 1817) zurück und deren Reim aus dem 16.Jahrhundert.
Ein Dreierstabreim ohne "Fromm" wäre doch auch sinnvoll gewesen, da Dreiergruppen im Deutschen geläufig sind: "Aller guten Dinge sind drei; z.B. Einigkeit und Recht und Freiheit" - Dies zu erreichen, war doch der Turner Bestreben im Deutschen Vormärz.
Die nach der verlorenen Revolution von 1848/49 in die USA emigrierten republikanisch gesinnten Turner haben den Wahlspruch JAHNS auch in den dortigen Turnvereinen eingeführt: Das Fromm aber verschwand allmählich und 1880 wurden offiziell im Turnerbund der USA JAHNS VIER F in Frisch und Frei, Stark und Treu abgewandelt (NEUMANN, Bd. 32, S.71 f).
Der politischen Nähe der deutschen Emigranten mit den Turnern im ATB ist es wohl auch zuzuschreiben, daß der ATB auf seinem 8. Bundestag in Stuttgart 1907 die Einführung des Bundes(ab)zeichens "Frisch, Frei, Stark und Treu" beschloß.
(O. DREES, in: ACHILLES/LÜDECKE, 1928, S. 75)

  ATB-Bundesabzeichen

Auf Grund der Distanzierung der Deutschen Turnerschaft (DT) vom antijüdischen Verhalten des Niederösterreichischen Turngaues 1888 und der daraufhin 1889 in Österreich beschlossenen Gründung des Deutschen Turnerbundes erfolgte auch eine Abgrenzung in der Symbolik. Das FELSINGSCHE Kreuz, das sich inzwischen in der DT durchgesetzt hatte, wurde vom österreichischen DTB und der völkischen Bewegung so umgestaltet, daß es dem ab 1920 von den Nazis geführten Hakenkreuz ähnelte.

 
  Hakenkreuz der
völkischen Bewegung
Bundesabzeichen
des DTB
Kruckenkreuz
der Austrofaschisten

Mit der Machtübernahme durch die Nazis 1933 haben sich die Turnvereine allmählich in ihrer Symbolik auf das Hakenkreuz umgestellt. Viele Vereine haben z.B. zunächst noch ihre aus der Weimarer Zeit (1919-1933) stammenden Briefköpfe mit
DT-Emblem und FELSING-Kreuz verwendet, andere das Hakenkreuz hinzugenommen.
Eine Anweisung von "oben" gab es nicht. Spätestens mit dem Reichsflaggengesetz vom 15. September 1935, das die Hakenkreuzfahne als alleinige Reichs- und Nationalflagge vorschrieb (BERNETT, 1992, S.28), ist in den Turnvereinen das Hakenkreuz als einziges Symbol geführt worden.
Nach dem Krieg hat es Berührungsängste mit der Turner-Symbolik gegeben, denn beim Deutschen Turnfest in München 1958 wurde zumindest in der Festzeitung das Turnerkreuz noch nicht wieder verwendet, aber ein stilisierter Turner mit gespreizten Beinen und Armen gezeigt, der die Urfassung für das im Vorfeld des Deutschen Turnfestes in Hamburg 1994 entwickelte schöne Markenzeichen des DTB gewesen sein könnte. Dieses neue "Logo" soll sicherlich nicht die personifizierten vier F darstellen. Die je nach Sparte oder Sportart typisch sich bewegende Figur, die für viele traditionsbewußte Turner vielleicht zu farbenfroh ausgefallen ist, verlebendigt das steife Kreuz und spricht die Jugend an, auch viele Alte. Sie ist ein echter Gewinn.

 

  Deutscher Turner-Bund DTB

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Prof. Dr. Wolfhard Frost

Was hat uns Jahn zu sagen, oder hat uns Jahn (noch) etwas zu sagen?

Unser Ziel, unser Anliegen ist es, mit der Pflege der Jahn-Gedenkstätten in Freyburg Friedrich Ludwig Jahn als historische Persönlichkeit zu würdigen und so beizutragen, Jahn und sein deutsches, das vaterländische Turnen im Gedächtnis der Nation zu bewahren als - in seiner Zeit - wichtigen Impuls für bürgerlichen Fortschritt, für nationale Einheit, für eine diesen Erfordernissen entsprechende Nationalerziehung.

Das scheint heute um so wichtiger, als einmal unter der Jugend die Kenntnis der deutschen Geschichte erschreckend verloren gegangen ist, zum anderen diejenigen Jugendlichen, die sich doch ernsthaft mit Geschichte, ihren Lehren für die Gegenwart und auch mit den z. T. so gegensätzlichen Traditionsbildern in Deutschland befassen, auch Jahn gegenüber äußerst kritisch urteilen.
Prof. Bartmuß zitierte in seinem Bericht im August solche Auffassungen, wie sie in der "Aktion kritischer Schüler", einer Initiative in der Sozialistischen Jugend Niederösterreichs, in ihrer Auseinandersetzung mit deutsch-nationalistischen und rechtsextremen Tendenzen formuliert werden, und die dem ÖTB angelastet werden.
Man muß diese Bemühungen der Jugendlichen um ein korrektes Geschichtsbild achten, und man muß sie beachten. Wenn unser Dichter sagt
"Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt,
Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte",
so kann man das mit großer Berechtigung auch auf Jahn anwenden. Und gerade die Jugend hat das Recht, Fragen zu stellen, in Frage zu stellen - was ihr als gesellschaftliche Normative, als Richtwerte geboten wird. Und das schließt auch die - kritische - Prüfung von Traditionen, ihrer Auswahl, Nutzung (und ihres Mißbrauchs?) ein. Ja, wer ist in fast zwei Jahrhunderten deutscher Sportgeschichte mehr umstritten als Jahn? Es ist doch nicht zu übersehen, daß Friedrich Ludwig Jahn in der Tat vielerlei Ansätze bietet, ihn zum Ahnherren konservativer, rassistischer, nationalistischer und militaristischer Bestrebungen zu erheben - wenn man seinen Entwicklungsweg, seine Gedanken, sein Wirken und Handeln aus den Zusammenhängen der politischen Verhältnisse löst, in die er gestellt war! Und welcher der deutschen Historiker, insbesondere der Sporthistoriker, die über Jahn geschrieben und geurteilt haben, darf sagen, das allein gültige Jahnbild gezeichnet zu haben?
Hatte er eine Auffassung über Weg und Ziel seiner Arbeit gewonnen, strebte er sie ohne Rücksicht auf persönliche Vorteile und Nachteile zu vollenden. So gewann er sich seine Freunde und Anhänger, aber auch Gegener - und Feinde. Und so muß man an die gnadenlose Verfolgung in Preußen erinnern, der er seit 1819 über Jahre und Jahrzehnte ausgesetzt war, aber auch an die maßlose Enttäuschung, dann Verbitterung der Hanauer Turner, als er nicht ihr Vorkämpfer für bürgerlich-demokratischen Fortschritt in der Revolution von 1848 wurde, sondern versponnene Ideen entwickelte von des Reiches Herrlichkeit, die niemand ernst nehmen konnte. Die Ursache aber für sein Zurückbleiben hinter den Erfordernissen der Revolution - das waren die 30 Jahre politischer Isolierung durch das reaktionäre preußische Regime.
An diese konservativen Ideen aber knüpfte die Deutsche Turnerschaft des
19. Jahrhunderts an, als sie das Jahnbild zum Inhalt eines Kultes machte, in dem seine wahre historische Leistung verblaßte, und das ist und bleibt

- sein Wirken auf der Hasenheide, als Beitrag zum "Deutschen Volkstum", seinem
  Konzept einer Nationalerziehung, gerichtet auf den deutschen Einheitsstaat,
- sein Wirken als Werber für die Befreiungskriege 1813/14 und seine aktive Teilnahme am
  Feldzug,
- seine unbeugsame Haltung in Haft und Verbannung, sein Festhalten an den Ideen von
  Verfassung und nationaler Einheit, wie er so erhebend im Schlußsatz der Schwanenrede ausdrückte - und in all das eingeschlossen: die Summe der "Fehler", der "Mängel", die wir, aus dem Kenntnisschatz von heute, ihm in seinem Wirken und Werk anlasten müssen.
- seine unbeugsame Haltung in Haft und Verbannung, sein Festhalten an den Ideen von
  Verfassung und nationaler Einheit, wie er so erhebend im Schlußsatz der Schwanenrede ausdrückte - und in all das eingeschlossen: die Summe der "Fehler", der "Mängel", die wir, aus dem Kenntnisschatz von heute, ihm in seinem Wirken und Werk anlasten müssen.

Was bliebe wohl vom Bild historischer Persönlichkeiten, wenn wir sie allein in ihrer Größe, und nicht auch in ihren Grenzen akzeptieren wollten? Wie, z. B., bei Friedrich II. v. Hohenzollern, bei Otto von Bismarck, bei Martin Luther, die tätig in den historischen Prozeß eingegriffen haben - und dabei nicht auch Handlungen und Folgen zu verantworten haben, über die sehr differenziert zu urteilen ist!?
Und so sollten wir auch Friedrich Ludwig Jahn im Gedächtnis behalten als einen Mann, der Spuren hinterlassen hat, ohne dessen Wirken die deutsche Körperkultur nicht eine solche Entwicklung hätte nehmen können, daß sie heute einen unverzichtbaren Teil unserer Nationalkultur bildet.
Lassen wir uns nicht verunsichern, wenn auch weiterhin Kritisches zum Jahnbild zu hören und zu lesen sein wird. Auch wir sind gehalten, diesen kritischen Aspekt in unserer Arbeit zu wahren.
Doch was bleibt: Friedrich Ludwig Jahn gehört zu den bedeutenden Männern des
19. Jahrhunderts in Deutschland; ihn im Gedächtnis der Deutschen zu erhalten, sein Vermächtnis zu erfüllen und ihm heute gerecht zu werden ist unsere Aufgabe.

Wir lassen uns nicht beirren.

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Prof. Dr. Hans-Joachim Bartmuß

Friedrich Ludwig Jahn 1848/49 in Frankfurt am Main

Den letzten großen Auftritt in seinem bewegten Leben hatte Friedrich Ludwig Jahn in Frankfurt am Main in den Jahren 1848/49, in den Jahren der Revolution. Fast
3 Jahrzehnte war es her, daß ihn preußische Polizei verhaftet hatte und ihm der Prozeß gemacht worden war, 23 Jahre waren nach seinem Freispruch vergangen, und erst nach dem Tode des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1840 war die 1825 verordnete Polizeiaufsicht über ihn und das ihm auferlegte Verbot, mit Studenten oder Gymnasiasten in Kontakt zu treten, durch königliche Kabinettsorder Friedrich Wilhelms IV. vom 23.10.1840 aufgehoben worden. Die Zeit der gesellschaftlichen "Verbannung" hatten bei Jahn tiefe Spuren hinterlassen. In einem Brief schrieb er noch 1840: "Es ist keine Kleinigkeit, sich 21 Jahre um die Zeit zu betrügen und zu einsiedeln." (1)

Verbittert

Das läßt uns seine tiefe Verbitterung erahnen. Dennoch knüpfte Jahn seit 1841 wieder den Kontakt zu den Turnern in den verschiedenen Gegenden Deutschlands, nicht mehr als Lehrer,sondern als Berater und Freund, und aus seinem 1841 verfaßten Briefen wird sehr deutlich, wie er allmählich wieder auflebte, wenn sich auch seine Verbitterung über das erlittene Unrecht nicht verdrängen ließ. Im Juli 1846 schrieb Jahn aus Freyburg einen Brief an die zu Heilbronn versammelten Turner, in dem er sich für sein Fernbleiben quasi entschuldigte. "An meiner Gegenwart", so schreibt er, "verliert ihr weiter nichts als ein lebendiges Zeugnis, wie ein Achtundsechziger noch leibhaft und lebhaft ist und mit Geist und Herzen im Verein." (2)

Besonders gute Beziehungen hatte Jahn auch zur Turngemeinde in Frankfurt am Main, der er am 31.12.1843 als Antwort auf ihren freundlichen Gruß, der offenbar durch einen Presseartikel über "Vater Jahn und das Turnen" - mit Jahns Sorgen um seine Verschuldung wegen des Hausbaues 1839/40 zusammenhängend - veranlaßt war, einen langen Brief schrieb. In diesem Schreiben offenbarte Jahn der Frankfurter Turngemeinde seine persönlichen Sorgen und Nöte, und er legte seine Auffassung über den Wert der Turnkunst dar, die er in der Interpretation der berühmten vier F (frisch, frei, fröhlich, fromm) zusammenfaßte. (3)

Begeisternd

Reichlich vier Jahre später wurde Frankfurt und seine Umgebung für ein Jahr Aufenthaltsort und Betätigungsfeld für den Turnvater. Jahn gehörte dem aus der revolutionären Märzbewegung hervorgegangenen sog. "Vorparlament" an, das vom 31.3. bis 4.4.1848 tagte und mit dem "Fünfziger-Ausschuß" ein Übergangsorgan schuf, das bis zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche am 18.5.1848 mit seinen Beschlüssen die Politik des Bundestags, der durch den Wiener Kongreß 1815 geschaffenen Bundesversammlung, bestimmte. Jahn nutzte seine Reise in den Frankfurter Raum zur Teilnahme an den Beratungen des Vorparlamentes mit zahlreichen Besuchen bei den Turnern in Hanau, Offenbach, Mainz, Biebrich, Bingen, Eltville, Wiesbaden und Frankfurt, und die Rückreise nach Freyburg zu Besuchen der Turngemeinden in Gelnhausen, Schlüchtern und Fulda. In Hanau besuchte er den Turntag am 2./3. April 1848, und er hielt hier feurige Ansprachen und versetzte die Turner in hohe Begeisterung.
Dabei sprach er sich gegen die Privilegien der Junker, gegen Geheimpolizei und Militärbürokratie aus und sagte, an die Hanauer Rekruten gewandt: "Geht nicht zum Wehrdienst. Sagt eurem Kurfürsten, daß jetzt das gesamte Volk bewaffnet werden wird ... Die Offiziere taugen zu gar nichts, sie hüten bloß noch ihre Kastenehre und wollen besser sein als wir. Wir müssen das alles beseitigen ... Das Volk muß sich für die allgemeine Sache bewaffnen - Sicheln und Sensen sind eine gute Waffe." (4)
In Frankfurt versammelte sich die turnende Schuljugend auf dem Turnplatz und erwartete freudig den Turnvater, der auch hier eine sehr lebhafte Rede hielt.

Durchgesetzt

Inzwischen nach Freyburg zurückgekehrt, kandidierte Jahn für ein Abgeordnetenmandat in der deutschen Nationalversammlung und setzte sich gegen vier Mitbewerber im 16. Wahlbezirk der Provinz Sachsen zu Merseburg mit 89 von 148 Wahlmännerstimmen durch. (5) Als einer der Ältestens in der Nationalversammlung wurde Jahn später sogar einer ihrer Vizepräsidenten. "Ich gehe", schrieb er, "mit keiner vorgefaßten Meinung hin, will nicht Parteiführer sein, aber mich bestreben, die Parteien niederzuhalten und die Einheit des Volkes nach außen, die Einigung im Innern durch eine Staatengemeinde zu fördern. Schreibt mir nach Frankfurt.. (An Ravenstein in der Turnanstalt.)" (6) Der letzte, in Klammern gesetzte Hinweis belegt die enge Bindung, die Jahn während dieses seines Frankfurter Jahres zur dortigen Turnanstalt hielt.

Zerbochen

Und dennoch: In jenen Monaten der Revolution zerbrach allmählich die Einheit zwischen Jahn und den deutschen Turnern, die im April 1848 noch so festgefügt schien. Der starke linke Flügel der Turner begrüßte die Revolution und organisierte sich für den Kampf um eine einheitliche, freie, gesamtdeutsche Republik. Die Kommunalgarden, ursprünglich aufgestellt, um "Ruhe und Ordnung zu wahren, waren von Turnern durchsetzt, Turnerfreischaren bildeten sich, Turnergruppen dienten als Wachen und Ehrengeleit für die Nationalversammlung. Sie erwarteten von der Nationalversammlung Taten für die Durchsetzung ihrer Ziele. Turner nahmen in großer Zahl als Freiwillige teil am Kampf um die Befreiung Schleswig-Holsteins von der dänischen Herrschaft, wurden jedoch von den deutschen Regierungen allein gelassen, so daß sie schließlich gegen die Truppen des dänischen Königs unterlagen. So wurde die Kieler Turnkompanie von den Dänen eingekreist, vollständig aufgerieben. Die Radikalisierung dieses demokratischen Flügels der deutschen Turnerschaft war eine direkte Folge dieser Erfahrungen und dieser Entwicklung. Schon beim 2. Hanauer Turntag, der auf Betreiben der republikanisch-demokratischen Linken in dem Anfang April beim 1. Hanauer Turntag gegründeten Deutschen Turnerbund stattfand und der Statuten beschloß, in denen als Zweck des Bundes u. a. formuliert wurde, "für die Kräftigung, Einigung und Freiheit des deutschen Volkes thätig zu sein", (7) brachen die Differenzen zwischen Jahn und den demokratischen Turnern offen auf.

Verharrend

Jahn war kein Revolutionär, und auch seine auf dem 1. Hanauer Turntag Anfang
April 1848 gehaltene feurige Rede konnte darüber nicht hinwegtäuschen. Die Jahrzehnte seiner Isolierung durch die preußische Regierung und Justiz waren sicherlich eine der wichtigen Ursachen dafür, daß er in seinen Anfang des
19. Jahrhunderts entwickelten politischen Anschauungen und Urteilen verharrrte und so mit der demokratischen Entwicklung in Deutschland nicht mehr mitkam. Seine Vorstellung von der Einheit Deutschlands und damit seine Einstellung zur Verfassungs- und Wahlrechtsfrage lief darauf hinaus, eine Neuauflage der mittelalterlichen Kaiserherrlichkeit mit gefolgstreuen Untertanen herbeizuführen. Er glaubte sein ganzes Leben lang an die gemeinsame Sache des Volkes und des preußischen Königs. Sein Ziel war es, bürgerliche Verhältnisse durch Zugeständnisse der Monarchen zu schaffen, einer Monarchie für ganz Deutschland unter Ausschaltung der anderen deutschen Fürsten. Jahn wollte die deutsche Einheit und bürgerliche Freiheiten unter dem zum Kaiser erhobenen preußischen König, sein nationales Ziel war also das preußisch-deutsche Erbkaisertum. Seine beiden größeren Reden in der Frankfurter Nationalversammlung am 15.1.1849, in der er für ein erbliches Kaisertum und die kleindeutsche Lösung, die Herbeiführung der Einheit Deutschlands unter Führung des preußischen Königs eintrat, (8) und am 17.2.1848, in der er seine Meinung zum Wahlgesetz darlegte und forderte, es müsse auf Tüchtigkeit und Tugend, auf Sittlichkeit und Sitte gebildet werden und müsse demzufolge auch Dienstboten, Handwerkergehilfen, Fabrikarbeiter und Tagelöhner berücksichtigen, (9) waren der Ausdruck dieses seines festen politischen Standpunktes. Diese Haltung war persönlich zweifellos sehr ehrenwert, doch mit den politischen Zielen der republikanischen Turner waren sie unvereinbar.

Verräter?

Noch im August 1848 ehrten die Turner Jahn aus Anlaß seines 70. Geburtstages sehr hoch. Auf vielen Turnplätzen, auch auf der Berliner Hasenheide, wurde groß gefeiert. Doch schon bald kamen die Differenzen zum offenen Ausbruch. Am 26.August 1848 hatte Preußen in Malmö unter kläglichen Bedingungen einen Waffenstillstand mit Dänemark abgeschlossen, den die Nationalversammlung zunächst am 5.9. nicht bestätigte, weil ihre Mehrheit es für unwürdig hielt, vor Dänemark zu Kreuze zu kriechen. Bei der Wiederholung dieser Abstimmung am 16.9. sprach sich dann jedoch eine Mehrheit für die Aufrechterhaltung dieses Waffenstillstandes aus, und auch Jahn war unter den Befürwortern. Daraufhin brach am 18.9. in Frankfurt ein Aufstand gegen die "Verräter an der Nationalversammlung" aus. Es kam zu schweren Straßenkämpfen zwischen regulären Truppen, die die Nationalversammlung verteidigten, und revolutionären Kräften, denen u. a. Turner aus Offenbach und Hanau zu Hilfe geeilt waren. Jahn hätte es fast das Leben gekostet, denn ein Anschlag galt auch ihm. Er hielt sich tagelang versteckt.

Schwanenrede

In dieser Zeit schrieb er sein politisches Testament, die sog. "Schwanenrede", die er in den folgenden Wochen auf eigene Kosten drucken und verteilen ließ. In dieser berühmt gewordenen Schrift klingt Jahns schmerzliche Erkenntnis durch, daß er mit der Zeit nicht Schritt gehalten hatte. Die "Schwanenrede" ist sein Versuch, sein politisches Wirken zu rechtfertigen, vor allem sein lebenslanges Wirken für die Einheit Deutschlands. "Deutschlands Einheit", so formulierte er in dieser Schrift,
"war der Traum meines erwachenden Lebens, das Morgenrot meiner Jugend, der Sonnenschein der Manneskraft und ist jetzt der Abendstern, der mir zur ewigen Ruhe winkt," (10)

Während der Tagungen der Nationalversammlung war der 70-jährige Jahn, der auch hier die einfache altdeutsche Tracht trug, einer der am meisten beachteten Abgeordneten, nicht nur wegen seiner Kleidung, sondern auch wegen seiner politischen Haltung gegenüber den Demokraten und Republikanern. Davon zeugen die zahlreichen, 1848 in Frankfurter Verlagen publizierten Jahn-Karikaturen, die wir in unserem Freyburger Jahn-Museum aufbewahren und die Titel tragen wie
"Der Brummbär", "Der Demokratenfresser", "Der Demokratenvertilger", "Nero der zweite", "Der Reichsinquisitor" u. ä. Besonders deutlich trifft die Stimmung der jungen republikanischen Turner gegenüber Jahn die Karikatur mit dem Titel "Der junge Deutsche und sein alter Vater", (11) weil sie mit einem Text versehen ist, der folgendermaßen lautet: "Sohn: Ich bin ein Turner, Republikaner, Arbeiter, Demokrat und Thronvernichter, wie kannst du nur so feindlich gegen uns auftreten. Ich ehre das Alter, aber ich sage dir, es wäre besser du nimmst künftig deine Diäten stillschweigend, wie viele Andere, die auch aus gewissen Gründen nicht sprechen. -
Vater: Das kannst du nicht mein Kind. Schlage du noch 50 Jahre Räder und ernähre dich förter von Eisen und Kieselsteinen, laß dich dann später zum Abgeordneten wählen und du wirst in hohem Alter ganz schön pfeifen, vorjetzt Gutheil." Hier kommt die ganze Enttäuschung der jüngeren demokratisch-republikanischen Turner über ihren alten Turvater zum Ausdruck.

Enttäuscht

Als Friedrich Ludwig Jahn am 18. Mai 1849 die Rückreise von Frankfurt nach Freyburg antrat, hatte er nicht nur ein mehrtägiges Krankenlager hinter sich, sondern auch die bitterste Enttäuschung in sich. Darum gab er fortan auch jeglichen Verkehr mit den Turnern auf. Am 13. Oktober 1849 schrieb er: "Mir hat das verwichene Jahr viele Einbußen zugefügt und eine reiche Ernte von Undank und Unkraut geliefert. Sonst begeisterte Schüler sind in Hundswut verfallen, Anhänger in Rotten- und Putschbanden getreten und Männer, auf deren vaterländischen Sinn ich feste Rechnung machte, verschworen sich zu meinem Verderben und Untergang. Noch auf der Rückreise hallte das Geschrei der wilden Meute, in Gelnhausen und Saalmünster ... Diese Leute sind nur wegen ihrer Frechheit und Dummheit zu fürchten ...
Nur Krawalle können sie anrichten." (12) Die Enttäuschung saß tief, trotzdem fühlte sich Jahn im Recht. "Ich kann auf Frankfurt", so schrieb er im Dezember 1849 an einen Freund, "ohne Selbstvorwürfe zurückblicken, und die dort verlebte Zeit ist nicht das schlechteste Jahr meines Lebens. Weil ich keine Rachsucht wegen früherer Ungebührlichkeiten genährt, soll ich ein Fürstenknecht geworden sein. Und weil ich nicht Bummlerhaupt sein wollte - Volksfeind." (13) Seinen tiefsten Empfindungen in jener Zeit nach Frankfurt gab er in einem Brief vom 5. Januar 1852 Ausdruck, als er schrieb: "Es gehört zu meiner Märzerrungenschaft, daß ich mutterseelenallein stehen bleibe. Und ich fühle nicht Beruf und Bedürfnis auf Entdeckung auszugehen. Seit meiner Rückkehr von Frankfurt habe ich mich von aller Welt zurückgezogen. Schon der alte Reim lehrt, daß man in gewissem Alter der Kinder Spott wird." (14)

Ehrenrecht

So ist Friedrich Ludwig Jahn nach achtwöchigem Krankenlager am 15. Oktober 1852 an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben, mit den republikanisch-demokratischen Turnern unversöhnt, aber in der Gewißheit, mit der "höchstgefährlichen Lehre von der Einheit Deutschlands" - wie das Justiz und Bundestag während seiner Haftzeit ausdrückten - stets einen "Hochgedanken" vertreten zu haben, für den er "gelebt und gestrebt, gestritten und gelitten" habe, (15)
für den ihn die "Nachwelt" in sein "Ehrenrecht" einsetzen werde. (16) Und tatsächlich, schon 5 Jahre nach seinem Tode gab es in Turnerkreisen die ersten Pläne für die Errichtung eines Denkmals für den "Turnvater Jahn".


Anmerkungen:

(1) Die Briefe F. L. Jahns, hrsg. v. Wolfgang Meyer, Quellenbücher der Leibesübungen,
  hrsg. v. Max Schwarze u. Wilhelm Limpert, Band 5 Dresden o. J., VIII Nr. 28, S. 393
(2) Ebenda, Nr. 57, S. 437 ff.
(3) Ebenda, Nr. 44, S. 415 ff.
(4) Zitiert nach H. O. Hönig, Jahn. Leben und Werk eines Patrioten, Berlin o. J., S. 306.
(5) Jahn selbst berichtet über dieses Ergebnis in seinem Brief an die Turngemeinde zu
  Stettin vom 12. Mai 1848, in: Die Briefe F. L. Jahns, a. a. O., IX, Nr. 4, S. 460.
(6) Ebenda.
(7) Statuten des Deutschen Turnerbundes beschlossen auf dem 2. deutschen Turntage
  zu Hanau, 2. und 3. Juli 1848, zitiert nach: Harald Braun, Zur Gründungsgeschichte des Deutschen Turner-Bundes 1848/1860/1868, hrsg. vom Deutschen Turner-Bund, Frankfurt/Bremen 1996, S. 12.
(8) F. L. Jahn in der Deutschen National-Versammlung zu Frankfurt a. M. 1848 und 1849,
  152. Sitzung vom 15. Januar 1849, in: Carl Euler, Friedrich Ludwig Jahns Werke, 2. Band, 2. Hälfte, Hof 1887, S. 1030 ff.
(9) Ebenda, 172. Sitzung vom 17. Februar 1849, S. 1033 ff.
(10) Schwanenrede von Friedrich Ludwig Jahn, in: ebenda, S. 1059.
(11) Zitiert nach einem Original aus dem Fundus des Jahnmuseums Freyburg a. d. Unstrut.
(12 Die Briefe F. L. Jahns, a. a. O., IX, Nr. 23, S. 478 f.
(13) Ebenda, Nr. 24, S. 481.
(14) Ebenda, Nr. 29, S. 488.
(15) Schwanenrede, a. a. O., S. 1059.
(16) Die Briefe F. L. Jahns, a. a. O., IX, Nr. 24, S. 481

 

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Prof. Dr. Hans-Joachim Bartmuß

Gedanken zur Jahn-Tradition

Vorbemerkung:
Die nachfolgenden Ausführungen habe ich z. T. bereits bei der 125-Jahr-Feier der TUS Schwanheim (Frankfurt) und beim Festakt zum 60. Jahn-Schwimmfest in Osnabrück vorgetragen. Auf einen umfangreichen wissenschaftlichen Apparat habe ich verzichtet, Quellen und Literatur habe ich nur dort zitiert, wo mir dies unumgänglich erschien.

Ein Förderverein, der in seiner Satzung als erste seiner Hauptaufgaben die "Traditionspflege zur Erhaltung des Jahn-Erbes" nennt, steht auch in der Pflicht, genau zu umschreiben, worin dieses "Jahn-Erbe" besteht und welche aus ihm erwachsenen Traditionen er zu pflegen gedenkt. Das ist Grund genug, daß sich der Vorsitzende dieses Fördervereins Gedanken dazu macht und den Vereinsmitgliedern diese Gedanken auch mitteilt, um eine Grundlage für weitere Diskussionen zu dieser die Existenzberechtigung unseres Fördervereins unmittelbar berührenden Problematik zu schaffen. Das ist umso dringlicher, als besonders in den letzten Jahren die Berechtigung der Pflege Jahnscher Traditionen - ich habe dies in den letzten Mitgliederversammlungen unseres Vereins und in den letzten Ausgaben unseres
Jahn-Reports mehrfach erwähnt - in verschiedenen Medien in Frage gestellt worden ist.

"Erbe" und "Tradition"
Ich räume ein, daß wir nicht ganz schuldlos daran sind, daß die "Jahn-Gegner" ohne jegliche Hemmungen - ihre Argumente nach Belieben mit Stories aus der "Faktenkiste der Geschichte" stützend, dabei historische Zusammenhänge völlig außer Acht lassend, Jahn selbst an modernistischen Maßstäben messend - über den Mann herfallen konnten und können, der für uns eine ganz große historische Persönlichkeit ist und bleibt. Wir sind vor allem deshalb nicht ganz schuldlos, weil wir bisher unserer Aufgabe noch nicht gerecht geworden sind, genauer zu bezeichnen, welche aus dem Jahnschen Erbe erwachsenen Traditionen diejenigen sind, die bis heute ihre Gültigkeit bewahrt haben. (1) Ich gebe zu, daß auch die Formulierung in § 2, Abschn.1 unserer Satzung ("Traditionspflege zur Erhaltung des Erbes") in dieser Hinsicht sowohl aus formalen wie inhaltlichen Gesichtspunkten zumindest unsauber ist. Wir sollten deshalb zuerst versuchen, Ordnung in unser Begriffsgefüge zu bekommen, indem wir genau zu definieren versuchen, was wir unter Erbe und unter Tradition verstehen. (2)

"Erbe" ist ein sehr vielschichtiger Begriff. Er umfaßt alles, was aus der Geschichte auf uns gekommen ist, die gesamte historische "Hinterlassenschaft", in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit. Auf die Persönlichkeit Friedrich Ludwig Jahns bezogen, verstehe ich unter "Jahnschem Erbe" den gesamten Jahn - sowohl mit allen seiner Eigenheiten, Irrtümern, Fehlern als auch mit allen seinen Vorzügen und positiven Wirkungen. Wir haben uns mit den Aussagen, Aktivitäten und Wirkungen einer solchen historischen Persönlichkeit, was für uns insgesamt ein geschichtliches "Erbe" darstellt, im Ganzen, auch in ihren gesamten persönlichen und gesellschaftlichen Beziehungen und Verflechtungen, d.h. selbstverständlich auch in ihrer gesamten Widersprüchlichkeit, auseinanderzusetzen. Im Unterschied zum Erbe verwende ich den Begriff der "Traditionen" für die von Jahn ausgehenden Überlieferungen von bleibenden und wirkenden sittlich-geistigen Werten und gültigen Grunderfahrungen. In diesem Sinne ist Tradition - ich folge hier den Gedanken von Hans-Adolf Jacobsen (3) - gleichermaßen Orientierungshilfe, Verhaltensstütze und Erziehungshilfe, Vermittler von Werten, die aussagekräftig, integrativ und lebenswert auch für die nachfolgenden Generationen sein können. Erkennt man diese Kriterien als die ausschlaggebenden an, ergibt sich logischer Weise die Frage nach Wandel und Bedeutung der Tradition. Diese Frage aber muß vor allem für die Gegenwart beantwortet werden, da Tradition im Verlauf der Geschichte oft Veränderungen unterworfen ist und vor dem Hintergrund der Anpassung an eine sich wandelnde politische, soziale und ökonomische Wirklichkeit oftmals Neueinschätzungen vorgenommen werden. Deshalb ist es im Hinblick auf Tradition auch sehr wichtig, sich unserer eigenen Bezugsgrößen und Kriterien stets bewußt zu bleiben und davon ausgehend zu klären und zu deuten, was von den Traditionsinhalten der älteren Generationen auch noch für die jüngeren Menschen überlieferungswürdig ist und von ihnen angenommen werden kann. Nicht zuletzt ist dabei auch zu berücksichtigen, daß überlieferte sittlich-geistige Werte und gültige Grunderfahrungen, die den Inhalt einer Tradition ausmachen, nicht von allen Menschen und Gesellschaftsgruppen gleichermaßen anerkannt werden können und müssen. Das heißt, eine Tradition im Sinne einer Überlieferung von Werten und Grunderfahrungen kann auch nur für einen Teil der Menschen - auf Grund seiner spezifischen Interessen und Tätigkeiten - relevant sein, für einen anderen Teil aber keinerlei Bedeutung haben oder von nur sehr geringer Relevanz sein.

"Jahnsches Erbe"
"Jahnsches Erbe" im definierten Sinne ist somit alles, was wir von dieser großen Persönlichkeit wissen, alles, was er gesagt und geschrieben hat, was er tat und was ihn zu seinem Tun motivierte, was er schuf und in seiner Zeit bewirkte. Dies alles, was uns über die historische Persönlichkeit Friedrich Ludwig Jahn überliefert ist, steht nun aber erstens in einem engen Zusammenhang mit seinem engeren persönlichen Umfeld und seinem Charakter, seinen Eigenheiten negativer wie positiver Art. Fehler und Irrtümer ebenso wie positives Handeln und weitsichtige Erkenntnisse können auch aus der Spezifik des engeren persönlichen Umfelds erklärbar sein bzw. verständlich werden. Und zweitens gibt es auch einen engen Zusammenhang mit dem weiteren Umfeld, in dem diese Persönlichkeit sagte und schrieb, tat, schuf und bewirkte. Dieses weitere Umfeld ist das gesellschaftliche Umfeld, gekennzeichnet durch eine konkrete historische Situation, die sich ständig entwickelt, ständig im Fluß ist, und mit der sich die betreffende Persönlichkeit auseinandersetzen muß, den wechselnden historischen Situationen im Verlauf ihres Lebens immer adäquat. Auch dieses weitere Umfeld spielt eine große Rolle, da es insbesondere die Möglichkeiten der Wirksamkeit der Persönlichkeit einzugrenzen und allgemein großen Einfluß auf ihr Denken und Handeln auszuüben vermag.

Friedrich Ludwig Jahn - Persönlichkeit und ihr "engeres Umfeld"
Wenden wir uns zunächst dem erstgenannten Gesichtspunkt zu. Für Friedrich Ludwig Jahns Wirken spielen Charakter und Eigenheiten meines Erachtens eine besonders große Rolle. Uns sind sehr gute Charakteristiken Jahns überliefert. So schreibt z. B. der Konsistorialrat Bernhardi (4), Direktor des Gymnasiums zum Grauen Kloster in Berlin, der vom zuständigen preußischen Minister zur Aufsichtsführung über das Turnen bestellt und 1818 beauftragt worden war, die Einzelberichte der Berliner Gymnasialdirektoren über das Turnen und Jahns Bericht über seine eigene Turnanstalt auf der Hasenheide zu einem Gesamtbericht zusammenzufassen: "Jahn ist ein Mann von höchst glücklichen Anlagen, aber mangelhaft, einseitig und formlos gebildet, erfüllt von der Anschauung der alten deutschen Zeit, oft verkennend das Gute und Schöne der neueren ..., von mächtiger Willenskraft, an eine bessere Zeit glaubend, willige Hand anlegend, um sie herbeizuführen, sie besonders für das Volk und für die Deutschen herbei wünschend, sie erwartend von der Jugend, versehen mit großer Kraft über die Gemüter der letzten, und mit Eifer und Enthusiasmus ihre Körper durch Übungen bildend ..., scheinbar ein zu großes Gewicht auf dieselben legend." (5) Zu Jahns Charaktereigenschaften und Benehmen schreibt Bernhardi dann sehr kritisch, "daß Einseitigkeit, Intoleranz gegen entgegengesetzte Ansichten, Leidenschaftlichkeit, Übereilung, Verstöße gegen feineres Gefühl, gegen konventionelle Formen allerdings vorhanden sind ..., daß aber alles dies so gut als gar nicht in Betrachtung kommt gegen die Tüchtigkeit zur Sache, gegen den Eifer, mit welchem Jahn sie treibt, gegen den Enthusiasmus, welchen er erregt, gegen das Gefühl der Liebe, welches er in sich trägt, und gegen die Kraft, mit welcher er sie übt." (6)

Der Jurist und Schriftsteller E. T. A. Hoffmann, der Untersuchungsrichter im Falle des im Juli 1819 verhafteten Jahn, schreibt in seinem amtlichen Bericht vom 15. Februar 1820 (7): Um der der Jahnschen Organisation des Turnwesens immanenten Tendenz, in den turnenden Knaben den Dünkel zu erregen, "sich von Haus aus auf einen höheren Standpunkt gestellt zu sehen, und daher sich in keine gewöhnliche Ordnung der Dinge fügen zu wollen", entgegenzuarbeiten, hätte ein Mann an der Spitze stehen müssen, "der mit der reinsten Gesinnung völlige Ruhe, die Leidenschaftslosigkeit des wahren Weisen verband. Diese letzteren Eigenschaften", schreibt Hoffmann weiter, "fehlen dem Jahn ganz und gar. Er ist, wie aus allem, was er begann klar hervorgeht, heftig, leidenschaftlich, wider seine Gegner erbittert und was das schlimmste scheint, mit sich selbst, mit seinen Ansichten und Meinungen nicht im Klaren, wie dies seine Vorlesungen und Schriften dartun. Dabei hascht er nach Paradoxen, nach blendenden Witzwörtern und bemüht sich, seinem Ausdruck eine altertümliche Energie zu geben, die, oft beinahe Stil der Bibel, ihre Wirkung auf die Jugend um so weniger verfehlen kann, als auch durch eine gewisse Frömmelei sich unsere jetzige Zeit charakterisiert. Kommt noch hinzu, daß dem Jahn eine große Rauhheit, Biederbheit (Burschikosität) in seinem Äußern, in seinem ganzen Betragen eigen, die den Knaben und Jünglingen nur gar zu sehr gefällt."

Diese Charakterisierungen Jahns durch Bernhardi und Hoffmann werden mehr als drei Jahrzehnte später durch den jungen Heinrich Pröhle im wesentlichen bestätigt.(8) Pröhle, als Schriftwart des Merseburger Turnplatzes mit dem Turnwesen eng verbunden, hatte Jahn als angehender Student im Sommer 1843 kennengelernt, blieb bis 1851 mit Jahn in engem Kontakt und veröffentlichte 1855, drei Jahre nach Jahns Tode, die erste ausführlichere Jahn-Biographie. Pröhle, der Jahn sehr verehrte, rühmt darin Jahns Beredtsamkeit, sein außerordentliches Gedächtnis und seine Schlagfertigkeit, seine Gewandtheit und Energie, seinen Familiensinn und seine einfache Lebensweise. Er merkt aber auch kritisch Jahns praktische Unruhe an, "die ihn vielleicht zu jeder Zeit verhindert haben würde, in irgend einem Fache zu systematischer Gelehrsamkeit zu gelangen", seine übergroße Redseligkeit, zuweilen auch mangelndes Konzentrationsvermögen bei Gesprächen mit Jüngeren, die er "jeden Augenblick zu einer Verrichtung in Haus und Garten unterbrach", und schließlich auch die Tatsache, daß Jahn viele Pläne hatte und "mit reißender Schnelligkeit" dachte, aber "in der Regel desto langsamer" schrieb. "Jahn war ein redseliger Greis", schreibt Heinrich Pröhle, "und froh, wenn er nur geduldige Zuhörer fand."

Diese Charakterisierungen Jahns aus der Feder von Zeitgenossen geben ein sehr genaues Bild von den Stärken und Schwächen von Jahns Persönlichkeit: Danach war er ganz offensichtlich ein Mensch, der seine Gedanken nicht verbarg, sondern öffentlich äußerte, ein sehr impulsiver Mensch, der seine Widersacher mit scharfer Rede sehr schlagfertig und leidenschaftlich bekämpfte, ein Mensch, der einerseits ein echter "Naturbursche" war, es andererseits aber auch verstand, seiner Rede eine bestimmte Weihe - der Frömmelei seiner Zeit entsprechend - zu geben, was ihn instand setzte, auf die Jugend vor allem emotional sehr überzeugend zu wirken, aber auch ein Mensch, der, von übergroßem Selbstwertgefühl geprägt, ausschließlich seine eigene Meinung als die allein richtige anerkannte und kritische Äußerungen anderer gegenüber seiner Person, seinen Fähigkeiten und Leistungen, stets als Beleidigung und bösartige Verleumdung empfinden mußte. Aus diesem übergroßen Selbstwertgefühl heraus neigte er sehr zu Selbstlob und geradezu prahlerischer Hervorhebung eigener Tätigkeiten und Leistungen. Aber noch eins ist wesentlich: Friedrich Ludwig Jahn war, das geht aus allen drei zitierten Charakteristiken sehr deutlich hervor und wird beim Studium seiner Schriften bestätigt, kein Wissenschaftler im strengen Sinne, ein Mensch, der genau recherchierte, die Primärquellen kritisch befragte und erst nach eingehender und gründlicher Quellenanalyse seine Wertungen formulierte, er ging vielmehr hauptsächlich deduktiv vor und versuchte eher, Ergebnisse seines Denkens nachträglich mit geeigneten Belegen aus den Quellen zu stützen und "abzusichern". Er war ein von innerer Unruhe, von Rastlosigkeit erfüllter Mensch, dem auch die notwendige Konzentrationsfähigkeit für wissenschaftliche Arbeit fehlte. Er war also nicht der große Theoretiker und Wissenschaftler, der aus seinen Forschungen heraus neue Erkenntnisse zu formulieren verstand, sondern er war der ausgezeichnete Praktiker, der wissenschaftliche Erkenntnisse seiner Zeit in vorbildlicher Weise umzusetzen vermochte, wobei ihm seine Qualitäten im Umgang mit anderen Menschen, insbesondere mit Jugendlichen, außerordentlich zugute kamen.

Friedrich Ludwig Jahn - sein "weiteres", gesellschaftliches "Umfeld"
Gehen wir dem 2. Gesichtspunkt nach, der Beleuchtung seines weiteren, sich während seines Lebens ständig verändernden gesellschaftlichen Umfelds, in dessen Rahmen Jahn wirkte und mit dem er sich Zeit seines Lebens permanent auseinandersetzen mußte:

Als Sohn eines Pfarrers in der Prignitz an der Grenze dreier deutscher Staaten, Preußens, Hannovers und Mecklenburgs aufgewachsen, hatte Friedrich Ludwig Jahn schon als Junge die Frage nach den historischen Ursachen für die Zersplitterung Deutschlands beschäftigt, vor allem angesichts der Tatsache, daß sich überall in Europa seit dem späten Mittelalter Nationalstaaten wie Frankreich, England, Rußland u. a. herausgebildet hatten. Es ist angesichts seines Interesses für die Geschichte verständlich, daß den jungen Jahn - wie viele seiner Zeitgenossen - die von den Romantikern gepflegte historische Erinnerung an die kulturellen Leistungen und die mächtige politische Rolle Deutschlands in der Kaiserzeit zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert auch auf die Frage nach den Ursachen für diese unterschiedliche Entwicklung stoßen ließ. Daß für den jungen Mann, der die napoleonischen Eroberungskriege, die 1806/07 zur "schmachvollen" Kapitulation des ihm besonders nahestehenden preußischen Staates und seines Königs führten, bewußt und mit großer Anteilnahme erlebte, der "Hauptfeind" des deutschen Volkes in Gestalt Frankreichs sehr schnell ausgemacht war, wird angesichts seiner vorhin beschriebenen Charakterzüge nicht verwundern. Dies vor allem war die entscheidende Motivation für Jahns patriotische Aktivitäten in den beiden ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Dazu tritt ein weiteres: Jahn war bei weitem nicht der einzige preußische Intellektuelle, der politisch in dieser Richtung dachte. Deshalb war das, was er damals, in dieser historischen Situation nach 1806/07 wollte und anstrebte, seinem Wesen nach das Gleiche, was zahlreiche andere große deutsche Persönlichkeiten in dieser Zeit der napoleonischen Herrschaft in Deutschland, der Befreiungskriege und der beginnenden Restaurationsepoche wollten und anstrebten. So ergab es sich, daß Jahn ganz und ohne Vorbehalte zu den führenden Köpfen der nationalen deutschen Bewegung gehörte, die sich um das Jahr 1810 etablierte, vier Jahre nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt, die die endgültige Durchsetzung der napoleonischen Fremdherrschaft in Deutschland vorläufig besiegelt hatte. Das Zentrum dieser patriotischen Bewegung war Berlin, und neben Jahn gehörten ihr so bedeutende Männer an wie Ernst Moritz Arndt, Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Schleiermacher u. a., die sich bemühten, das Nationalbewußtsein der Deutschen systematisch zu wecken, um den Aufstieg des deutschen Volkes aus politischer Demütigung zu ermöglichen. In seinen "Reden an die deutsche Nation" pries Fichte das deutsche Volk als das die ganze Menschheit am vollkommensten repräsentierende "Urvolk", und Arndt forderte in seinem Werk "Geist der Zeit" von allen Deutschen Liebe zum Vaterland, Sicherung des Volkstums und Schaffung der Gemeinschaft des zum Selbstbewußtsein erwachenden Deutschland. Von den Bemühungen solcher hervorragender Persönlichkeiten des politischen und geistigen Lebens um die Weckung des Nationalbewußtseins der Deutschen zeugen zahlreiche "Nationalerziehungspläne", die alle das gleiche Ziel verfolgten, nämlich die Erhebung des deutschen Volkes aus Niederlage und Demütigung. Wer diese Zusammenhänge nicht sieht oder nicht sehen will, kann auch den Jahnschen "Nationalerziehungsplan", sein Buch über "Deutsches Volksthum", nicht objektiv beurteilen. Natürlich unterschied sich der Jahnsche Plan von denen solcher Geistesgrößen wie Arndt und Fichte, insbesondere hinsichtlich seiner geringeren Systematik, dafür enthielt aber der Jahnsche Plan eine große Zahl konkreter Handlungsanweisungen, darunter bekanntlich die über die Funktion der Leibesübungen in der Volkserziehung. Sicherlich hat Jahn in dieser Schrift vieles, seinem Charakter entsprechend, in streitbarer Weise noch stärker als Fichte oder Arndt überspitzt, hat Wertungen vorgenommen, die wissenschaftlich nicht haltbar sind, hat nicht nur das Deutschtum glorifiziert, sondern demgegenüber andere Völker, insbesondere Franzosen und Juden, vom wissenschaftlichen und menschlichen Standpunkt ungerecht charakterisiert und gewertet. Diese Tatsachen darf man bei der Einschätzung und Wertung Jahnschen Denkens und Wirkens auf gar keinen Fall verdrängen, man kann und muß sie jedoch mit Bezug auf die Spezifik seines engeren und weiteren Umfelds erklären.

War Jahn "Militarist"?
Besonders dringlich scheint mir dies zu sein hinsichtlich der Auseinandersetzung mit der geradezu böswilligen Unterstellung, Jahn sei Militarist gewesen. Wer diesen Vorwurf erhebt, muß zunächst einmal definieren, was er unter Militarismus versteht. Denn sicherlich kann die persönliche Stellung eines Menschen zu Militär und Heeresdienst nicht allein der Grund dafür sein, ihn als Militaristen zu bezeichnen, und auch die physische Vorbereitung auf den schwierigen Dienst im Heer wohl nicht im Ernst als Tätigkeit im Sinne des Militarismus angesehen werden. Wenn im Militarismus - ich meine mit Recht - eine ganz bestimmte gesellschaftliche Erscheinung gesehen wird, die vor allem dadurch charakterisiert ist, daß alle Bereiche des staatlich-gesellschaftlichen Lebens vorwiegend Zwecken und Bedürfnissen des Militärs untergeordnet sind, und als deren Begleiterscheinung bzw. unmittelbarer Ausdruck Kadavergehorsam und Kasernenhofdrill sich ausbilden und ausbreiten, dann wird sehr deutlich, daß Jahns Intensionen und Handlungen im Zusammenhang mit der Begründung und Pflege des "deutschen Turnens", mit "Militarismus" nicht das geringste zu tun haben. Natürlich wollte Jahn, daß der Turner auf dem Turnplatz zum disziplinierten Verhalten erzogen wird. Doch waren die Gewöhnung an bestimmte Disziplingesetze und die bewußte Befolgung der äußeren Ordnungsformen in seinem Sinne zugleich eine Vorschule für den freiwilligen Dienst im Volksheer. Denn Tatsache war: Die französischen Revolutionsheere hatten die alte Lineartaktik, wie sie z.B. Friedrich der Große von Preußen in seinen Schlachten des Siebenjährigen Krieges angewandt hatte, überwunden und eine neue bewegliche Strategie und Taktik entwickelt, die in der Schlacht die natürlichen Bedingungen des Geländes, des Schlachtfeldes berücksichtigte. (9) Hauptvoraussetzung dafür war der motivierte, diszipliniert handelnde Soldat, der sich der Gerechtigkeit seines Einsatzes bewußt war. Das war auch der entscheidende Grund dafür, daß sich die französischen Revolutionsheere den preußischen Heeren überlegen erwiesen. Die nach 1806/07 von Scharnhorst und Gneisenau eingeleitete preußische Heeresreform beruhte im Grunde auf diesen Erfahrungen. Die Reformer hatten erkannt, daß für die moderne Kriegführung, wie sie die französischen Revolutionsheere zuerst begründet hatten, eine neue Disziplin erforderlich war, die keinen Kadavergehorsam, keinen Drill und keine Prügelstrafen benötigte, weil sie die bewußte, freiwillige Unterordnung des Soldaten unter den Befehl zur Grundlage hatte. Deshalb war Scharnhorst, der "Kopf" der Militärreformer in Preußen, davon überzeugt, daß die stehenden Heere durch die Volksbewaffnung nach französischem Vorbild, durch "Volksheere", abgelöst werden müßten, so daß die gesamte Armee in die Nation integriert werden könnte und der Heeresdienst damit zum Ehrendienst des freien und mündigen Staatsbürgers im Interesse des Gemeinwohls würde. Diesem Ziel diente auch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Preußen, die um 1813 wirksam wurde, und die Bildung einer "Reservearmee", der Landwehr, die ihrem Charakter nach eine "Bürgerarmee" war. Jahns Handeln ging mit diesen Bestrebungen der preußischen Militärreformer völlig konform. Deshalb sagte er, "Jeder Turner soll zum Wehrmann reifen, ohne verdrillt zu werden." (10) Jahn strebte ebenso wie die preußischen Reformer an, auf dieser Grundlage mit besseren Aussichten als zuvor den Befreiungskampf gegen Napoleon vorzubereiten. Er schrieb dies deshalb ausdrücklich schon 1810: "Eine wahre Volkserziehung muß die Vorarbeit für künftige Vaterlandsvertheidiger eben so wohl übernehmen, als andere Ausbildung: Denn jede Schule soll überhaupt sein ein Lehren für künftigen Gebrauch." Und 1816, nach erfolgreichem Abschluß der Schlachten der Befreiungskriege, schrieb er: "Und so ist auch selbst in schlimmster Franzosenzeit der Turnjugend die Liebe zu König und Vaterland ins Herz gepredigt und geprägt worden. ... So hat sich die Turngemeinde in der dumpfen Gewitterschwüle des Valand" (gemeint ist der ´Teufel´, d. i. Napoleon) "für das Vaterland gestählet, gerüstet, gewappnet, ermuthiget und ermannt. Glaube Liebe Hoffnung haben sie keinen Augenblick verlassen." (11) So stand das Jahnsche Turnen damals ohne Zweifel auch im engen Zusammenhang mit der Vorbereitung der Befreiungskriege, aber mit den sogenannten "Kriegsübungen" verfolgte Jahn nicht allein und einseitig das Ziel, die Jugend für die Verteidigung des Vaterlandes zu befähigen. Diese "Kriegsübungen", wie er sie nannte, spielten bei ihm vielmehr auch im Rahmen der Gesamterziehung eine sehr große Rolle: "Kriegsübungen", so schrieb er 1816, "wenn auch ohne Gewehr, bilden männlichen Anstand, erwecken und beleben den Ordnungssinn, gewöhnen zur Folgsamkeit und zum Aufmerken, lehren den Einzelnen, sich als Glied in ein großes Ganzes zu fügen." (12) "Der Turnplatz", so Jahn an anderer Stelle der "Deutschen Turnkunst", "ist kein Drillort, und kann also nicht von Schulsteifheit starren." (13) Wenn man Jahns Intensionen bezüglich vormilitärischer Ausbildung durch Turnübungen mit denen von GutsMuths, der weder von zeitgenössischen noch von "modernen" Kritikern militaristischer Bestrebungen bezichtigt wird, vergleicht, dann wird die jeglichen "militaristischen" Positionen entgegengesetzte Jahnsche Position noch deutlicher. Denn auch GutsMuths maß den Geländespielen große Bedeutung bei, die er mit seinen Zöglingen bei jedem Wetter und manchmal sogar zur Nachtzeit veranstaltete. Er schrieb, ähnlich wie Jahn, diese Übungen sollten den Mut der Knaben beleben, ihren natürlichen kühnen Unternehmensgeist stärken und sie gegen körperlichen Schmerz abhärten, "wozu es bey der Weichlichkeit unsrer gewöhnlichen Lebensart endlich hohe Zeit wird". (14) Doch GutsMuths distanzierte sich bei seinen Turnübungen vom Drill nicht im gleichen Maße wie Jahn, so daß dieser in einem Brief an Vieth vom 11. 04. 1818 über GutsMuths` "Turnbuch für die Söhne des Vaterlandes", das 1817 erschienen war, äußern konnte: "Mir ist das Buch so sehr ins Drillwesen hinein, und ich werde nie zugeben, daß die Turnkunst etwas anderes als ein Hauptteil der notwendigen Gesamtbildung sei." (15) Das ist eine so klare Aussage, daß sich weitere Auseinandersetzungen mit der Behauptung, Jahn sei Militarist bzw. habe im Sinne des Militarismus gehandelt, erübrigen.

Jahn und das "Deutschtum"
Was die Glorifizierung des Deutschtums betrifft, so liegt Jahn zumindest in den beiden ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts damit voll im Geiste seiner Zeit (16), der romantischen geistigen Strömungen in Deutschland, die in Reaktion auf Aufklärung und Französische Revolution philosophisch die Lehre vom "Volksgeist" als Kern des "Vernunftreiches der Menschheit" entwickelten und sich gleichzeitig des deutschen Volkes, seiner Geschichte, Dichtung und Kunst zuwandten. Die "Romantiker" entdeckten wieder das christlich-deutsche Mittelalter, besannen sich zurück auf die "deutsche Kaiserherrlichkeit".
Das Mittelalter wurde von ihnen nicht, wie in der Zeit der Aufklärung, als die "dunkle Zeit" nach der strahlenden Antike betrachtet, sondern als die große Zeit der Deutschen und ihrer geschichtlichen Leistungen. Das war auch der Grund dafür, daß nun mit der Gründung der "Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde" durch Frh. v. Stein 1819 und den von ihr geplanten und geleiteten kritischen Quellensammlungen und -bearbeitungen in den Monumenta Germaniae historica auch die wissenschaftliche Bearbeitung der mittelalterlichen deutschen Geschichte begann. (17) Friedrich Ludwig Jahn unterscheidet sich in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts hinsichtlich seines Bekenntnisses zum eigenen, dem deutschen Volk, überhaupt nicht von den führenden geistigen Köpfen seiner Zeit, deren Wirken in gleicher Weise von nationalen Regenerationsbestrebungen bestimmt war. In diesen Zusammenhang gehört auch seine Stellung zu Frankreich und den Franzosen. Sie resultiert im Grunde aus dem Versuch, die Erklärung für den Niedergang des Deutschen Reiches seit dem Spätmittelalter und die seitherigen Auseinandersetzungen zwischen dem entstehenden französischen Nationalstaat und den deutschen Kleinstaaten sowie Preußen bis hin zu den napoleonischen Eroberungskriegen geben zu können. Jahn macht die jahrhundertelange Politik Frankreichs gegenüber seinen deutschen Nachbarstaaten für die Tatsache verantwortlich, daß sich kein deutscher Nationalstaat bilden konnte, und er gibt Frankreich dafür unmittelbar die Schuld, weil es mit seiner Politik die Entstehung eines deutschen Nationalstaates geradezu verhindert habe. (18) Daß Jahn das französische Volk und die einzelnen Franzosen deshalb nicht mit Haß verfolgte, sondern durchaus zwischen der Politik des französischen Staates, die er zugegebener Weise einseitig und zugespitzt wertete, und den französischen Menschen zu unterscheiden wußte, beweist sein sehr gutes Verhältnis zu Dr. Lortet, der auch eine französische Übersetzung seines "Deutschen Volksthums" herausbrachte. (19) Daß Jahns "Nationalismus" wie auch der einiger Zeitgenossen sehr bald zur "Deutschtümelei" entartete, hängt m. E. zusammen mit seinem übergroßen Selbstwertgefühl und seinem Beharren auf einmal gewonnenen Einsichten (20) sowie seinem Selbstverständnis als Mahner und Erzieher der Deutschen im Kampf gegen die Fremdherrschaft. Jahn hatte in großer Breite die Eigenheit des deutschen Volkes zu bestimmen und daraus einen Nationalerziehungsplan zur geistigen Erneuerung Deutschlands für den Kampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft zu entwickeln versucht. Als nun die politische Entwicklung nach 1815 nicht so verlief, wie er und viele Patrioten es sich gewünscht hatten, hielt er an seinen Vorstellungen umso mehr fest, als ihm diese Entwicklung zuwiderlief. Begünstigt wurde diese Entartung zur "Deutschtümelei" dadurch, daß Jahns Volkstumsbegriff, an dem er Zeit seines Lebens festhielt, eine originäre Jahnsche Schöpfung war und sich von dem anderer Persönlichkeiten jener Zeit unterschied. Während z. B. nach Herder (gest. 1803) sich die Eigenart eines Volkes in Sprache und Literatur, in den Sitten und in der Verfassung äußert und das Volk als eine höchst wichtige Abstufung zwischen Menschheit und Individuum gesehen wird, also die humanistischen Ausgangspositionen dominieren, gebrauchte Jahn den Volkstumsbegriff als strukturbildenden Begriff, dem er andere Werte nachordnete. (21) Mit der bei Jahn unter dem Eindruck der ihm verhaßten napoleonischen Fremdherrschaft und der Befreiungskriege wachsenden Tendenz, Sprache im Zusammenhang mit Geschichte und Mentalität des Volkes zu betrachten, verlor Jahn die humanistischen Ausgangspositionen, wie sie Herder so sehr betont hatte, aus den Augen, und sein Volks- oder Volkstumsbegriff geriet in eine spezielle nationalistische Verzerrung, die wir als Deutschtümelei bezeichnen. Dies hängt auch damit zusammen, daß es Jahn sehr viel mehr darauf ankam, die Einigungskraft und den hohen Wert von "Volkstum" für eine Nationalerziehung herauszustellen, als seine Eigenart zu bestimmen oder eine Definition des "Volkstums" zu geben. "`Volkstum` erscheint", schreibt Fred Zimmermann, "bei Jahn also als ein ideales Bild, das mehr aus politischen Absichten und Zwecksetzungen als aus der wissenschaftlichen Betrachtung hervorgeht. Bei der Bewertung der Person Jahns ist zweifellos dieses Moment und seine aktivistische Umsetzung im Sinne einer umfassenden Mobilisierung hervorzuheben." (22) Dem ist nichts hinzuzufügen!

"Antisemitismus" bei Jahn
Einige Bemerkungen zu Jahns "Antisemitismus". Auch in dieser Frage steht Jahn durchaus nicht allein, sondern er ist beeinflußt von Ressentiments gegen das Judentum, die sich in vielen Jahrhunderten der Geschichte Europas und Deutschlands entwickelt hatten. Es sei daran erinnert, daß die Juden unter dem Einfluß der christlichen Kirche im Mittelalter von der Teilnahme am Wirtschaftsleben weitgehend ausgeschlossen waren, denn Landerwerb und Zunftmitgliedschaft wurden ihnen verwehrt. (23) Was ihnen an Betätigungsmöglichkeiten blieb, waren die Beteiligung am Handel und vor allem Geldspekulationen, d. h. die Verleihung von Geld gegen hohe Zinsen, was den Christen verboten war, weshalb Königtum, Adel und Klerus mit wachsendem Geldbedarf seit dem hohen und späten Mittelalter auch immer stärker auf jüdische Geldverleiher und Wucherer angewiesen waren. So wuchs die Konkurrenz zwischen christlichem Bürgertum und Juden, die unter Fremdenrecht lebten und seit 1103 unter königlichen Schutz genommen wurden. Das sogenannte "Judenregal", d.h. Juden gegen eine Abgabe den Aufenthalt zu gestatten, wurde vom König verliehen. Die Tatsache, daß die Herrschenden im Falle von Fehlspekulationen allein den Juden die Schuld zuschoben, förderte den Haß gegen die Juden zusätzlich. So wurden in gewissen Zeitabständen bewußt herbeigeführte, religiös motivierte Judenverfolgungen seit der Wende vom 1. zum 2. Jahrtausend zur Regel. (24) Oftmals fanden als Auftakt zu Kreuzzügen ins Heilige Land in mittelalterlichen Städten Judenpogrome statt. (25) Als um die Mitte des
14. Jahrhunderts wie in fast ganz Europa auch in den deutschen Territorien die Pest wütete, war dies Anlaß für eine furchtbare Judenverfolgung, in deren Verlauf nicht nur Zehntausende von Juden umgebracht wurden, sondern viele Juden auch auswanderten, vor allem nach Polen. (26) Seit der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert wurde - wie in Frankreich schon seit Mitte des 13. Jahrhunderts - auch in den deutschen Territorialstaaten für Juden eine besondere Kleidung verlangt, so z B. in der Kleiderordnung des Rates der Stadt Köln von 1404. Zwar gab es seit dem 15. Jahrhundert in Deutschland keine "Massenermordungen" von Juden mehr, doch an ihre Stelle traten häufig Ausweisungen von Juden aus einzelnen Orten oder Territorien, bezeichnender Weise häufig nach der Konfiskation ihrer Vermögen. Seit dem
18. Jahrhundert besserte sich die Lage der Juden ein wenig, doch selbst das im Rahmen der Stein-Hardenbergschen Reformen in Preußen am 11. 03. 1812 erlassene "Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden" brachte für die Juden in Preußen zwar gewisse Freiheiten im Sinne der Gleichberechtigung in bürgerlicher und wirtschaftlicher Beziehung, aber keine völlige Gleichstellung als Staatsbürger, die erst durch die Reichsverfassung von 1871 festgeschrieben wurde. (27) Doch noch Mitte des 19. Jahrhunderts verstärkte sich die Rassenhetze, die insbesondere auch gegen die Juden gerichtet war. Auch in seiner Haltung gegenüber den Juden stand Friedrich Ludwig Jahn in seiner Zeit also keineswegs allein da, im Gegenteil, er reflektierte auch in dieser Hinsicht die allgemeine Stimmung vieler seiner Zeitgenossen. Von ihnen unterschied er sich höchstens durch seine mit markigen Worten formulierten zugespitzten Wertungen, was aber wiederum mit seinen charakterlichen Besonderheiten und seinem Drang zu streitbarer Redeweise zusammenhing.

Jahn und das preußische Königtum
Einige Worte noch zu Jahns Verhältnis zu Preußen und seiner hohenzollernschen Dynastie. Jahns Haltung zum preußischen Territorialstaat und seinem Königtum ist ebensowenig singulär wie seine sog. "Franzosenfeindlichkeit", sein angeblicher "Antisemitismus" und seine "Deutschtümelei". Friedrich Ludwig Jahns gesamtes Streben in der Zeit der napoleonischen Fremdherrschaft und in der Vorbereitung des Befreiungskampfes des deutschen Volkes war auf Einigung Deutschlands unter preußischer Führung gerichtet.
Ihn verbanden viele Fäden mit dem preußischen Staat, seinem Königtum und den in Preußen agierenden Reformern. (28) Er wirkte mit den bedeutendsten Persönlichkeiten dieser Zeit in Preußen, die das gleiche Ziel wie er verfolgten, sehr eng zusammen, u. a. mit den Ministern Freiherr vom Stein und Hardenberg sowie den Militärs Scharnhorst und Gneisenau. Auch in der Zeit seiner Inhaftierung und während seiner Freyburger bzw. Kölledaer Zeit, als er unter Polizeiaufsicht stand, hat er niemals am preußischen Königtum gezweifelt, die Schuld für seine Verfolgung wies er den Beamten wie dem Polizeidirektor Kamptz oder dem Merseburger Regierungspräsidenten zu, der ihn 1828 wegen der ihm verbotenen Kontakte zu Gymnasiasten nach Kölleda "verbannt" hatte. Seinem hervorstechenden Charakterzug entsprechend, einmal gewonnenen persönlichen Einsichten und Erkenntnissen für immer verhaftet zu sein, mit anderen Worten, entsprechend seiner konservativen Grundhaltung und seines wenig flexiblen, statischen Denkens, hielt Jahn auch in der Revolutionszeit 1848/49 an dieser Verbundenheit mit Preußen und seiner Dynastie fest und setzte sich als Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung für die Schaffung einer konstitutionellen Monarchie unter Führung eines zum Kaiser erhobenen preußischen Königs ein, obwohl er sich dadurch mit den revolutionären, demokratischen Turnern entzweite. (29) Jahn nahm, seiner Überzeugung und seinem Charakter entsprechend, diesen Konflikt mit "seinen" Turnern in Kauf und bezahlte das mit gesellschaftlicher Isolation, Verlassenheit und Resignation in seinen letzten drei Lebensjahren.

Schranken Jahnschen Wirkens
Schon nach dieser oberflächlichen Beleuchtung des engeren und weiteren "Umfelds" Friedrich Ludwig Jahns können wir feststellen: In die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit eingeordnet, sind Friedrich Ludwig Jahns Intensionen und Handlungen, seine Auseinandersetzungen und seine Urteile durchweg anders zu werten, als dies seine früheren und gegenwärtigen Kritiker tun, die ihre Wertungen vom modernistischen und deshalb ahistorischen Standpunkt aus vornehmen. Berücksichtigt man dazu auch noch die Eigenheiten von Jahns Persönlichkeit, seinen Charakter und sein Temperament, dann werden viele Aussagen und Handlungen Jahns, die sicherlich oftmals Rätsel aufgeben, erklärbar und verständlich. So erweist sich auch im Falle der großen historischen Persönlichkeit Friedrich Ludwig Jahn die Richtigkeit der Regeln kritischer Wertung, daß eine historische Persönlichkeit nur gerecht beurteilt werden kann, wenn man ihre persönlichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten und Schranken erkennt und entsprechend berücksichtigt. Jahns Nationalismus und "Deutschtümelei", sein "Franzosenhaß" und "Antisemitismus" sind zweifellos - und ich bin weit davon entfernt dies leugnen zu wollen - Teil des Jahnschen Erbes in dem von mir definierten Sinne. Sie sind aus den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit und seinem Charakter zwar erklärbar, sie sind aber nicht "traditionswürdig". Sie gehören also ganz sicher nicht zu den von Jahn ausgehenden Überlieferungen von bleibenden und wirkenden sittlich-geistigen Werten und gültigen Grunderfahrungen, sie können nicht die Anforderungen an Orientierungshilfe, Verhaltensstütze und Erziehungshilfe, Vermittler von Werten, die aussagekräftig, integrativ und lebenswert auch für die nachfolgenden Generationen sein können, erfüllen, auch nicht unter den Gesichtspunkten Wandel, Veränderung, Anpassung und Neueinschätzung.

Der politische Kämpfer Jahn - Achtung und Bewunderung
Anders verhält es sich mit Jahns für die damalige Zeit progressive Wirksamkeit, seine auf den deutschen Einheitsstaat gerichteten Bestrebungen für eine deutsche Nationalerziehung zur Vorbereitung auf die Erhebung gegen die napoleonische Fremdherrschaft, seine Verdienste um die Formierung des Lützowschen Freikorps, seine unbeugsame Haltung in Haft und Verbannung, sein Festhalten an den Ideen von Verfassung und nationaler Einheit und sein Eintreten für das Wahlrecht auch der kleinen Leute, Tagelöhner, Dienstmädchen, Fabrikarbeiter, Handwerks- und Handlungsgehilfen in der Frankfurter Nationalversammlung. Sie müssen m. E. in ganz besonderem Maße als Zeichen der historischen Größe seiner Persönlichkeit unter den Bedingungen seiner Zeit gewertet und bei Diskussionen um sein Lebenswerk auch immer wieder besonders hervorgehoben werden. Denn für diese seine sehr mutige persönliche Haltung, die sicherlich auch eine gewisse Vorbildwirkung auszustrahlen vermag, verdient Jahn die Hochachtung aller Menschen. Eine bis zum heutigen Tage gültige Tradition jedoch kann von diesen verdienstvollen Aktivitäten und Haltungen Jahns nur bedingt abgeleitet werden. "Bedingt" deshalb, weil sich die Gegenwartsprobleme unter grundsätzlich anderen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen stellen als die Probleme, mit denen sich Jahn auseinanderzusetzen hatte. Diese genannten verdienstvollen Aktivitäten Jahns sind an sein weiteres und engeres Umfeld, an die Verhältnisse seiner Zeit gebunden und konnten nur unter diesen spezifischen Bedingungen zum Tragen kommen. Doch obgleich an konkrete historische Bedingungen, an die einmalige historische Situation gebunden, sind sie insofern als Basis von Traditionen "bedingt" tauglich, als die mutige und unbeugsame Haltung Jahns, die ihn als politischen Kämpfer für die Befreiung der Deutschen von der napoleonischen Fremdherrschaft und die deutsche Einheit auszeichnete, auch den heutigen Generationen noch sittliche Werte vermitteln und als Orientierungs- und Erziehungshilfe sowie Verhaltensstütze wirken kann.

"Jahnsche Traditionen" - Jahn und das "deutsche Turnen"
Die größte und direkte Wirksamkeit "Jahnscher Traditionen" aber liegt m. E. auf dem Felde des von ihm maßgeblich geschaffenen Turnwesens, insbesondere unter dem Gesichtspunkt, was davon für die jüngeren Menschen überlieferungswürdig ist. Ich möchte versuchen, hierzu meinen persönlichen Standpunkt darzulegen und ihn zur Diskussion zu stellen, ohne Anspruch auf erschöpfende Beantwortung der aufgeworfenen Fragen zu erheben.

Die Tradition des Turn- und Sportwesens
Meines Erachtens sind die an Jahns Wirken anknüpfenden Traditionen der Turn- und Sportentwicklung sowie -organisation heute noch ohne Einschränkung gültig. Sie sind auch in besonderem Maße geeignet, als Orientierungs- und Erziehungshilfe, als Verhaltensstütze und als Vermittler von Werten zu dienen, die auch für die uns nachfolgenden Generationen noch relevant sind oder sein können. Das heißt, die Jahn-Tradition im angesprochenen Sinne ist für mich vor allem die Tradition des Turn- und Sportwesens.

Jahn hat in seiner "Deutschen Turnkunst" in wenigen Sätzen sehr klar und präzise die Begründung für den Wert des Turnens umschrieben. "Die Turnkunst", so formulierte er, "soll die verloren gegangene Gleichmäßigkeit der menschlichen Bildung wieder herstellen, der bloß einseitigen Vergeistigung die wahre Leibhaftigkeit zuordnen, der Überverfeinerung in der wiedergewonnenen Mannlichkeit das nothwendige Gegengewicht geben, und im jugendlichen Zusammenleben den ganzen Menschen umfassen und ergreifen." Und er fuhr dann fort: "So lange der Mensch noch hienieden einen Leib hat und zu seinem irdischen Dasein auch ein leibliches Leben bedarf, was ohne Kraft und Stärke, ohne Dauerbarkeit und Nachhaltigkeit, ohne Gewandtheit und Anstelligkeit zum nichtigen Schatten versiecht - wird die Turnkunst einen Haupttheil der menschlichen Ausbildung einnehmen müssen." (30) Bereits in seinem Buch über "Deutsches Volksthum" hatte sich Jahn sehr klar zur Funktion der Leibesübungen in der Volkserziehung geäußert. "Gehen, Laufen, Springen, Werfen, Tragen", schrieb er hier, "sind kostenfreie Übungen, überall anwendbar, umsonst wie die Luft. Diese kann der Staat von jedem verlangen, von Armen, Mittelbegüterten und Reichen. Denn jeder hat sie nöthig." (31) Hier wird auch deutlich, was ihn in seiner Auffassung vom Wert der Leibesübungen für den Menschen und die Ausprägung seiner Vollkommenheit von den Philanthropisten des ausgehenden 18. Jahrhunderts unterscheidet. Während GutsMuths, der für die pädagogische Umsetzung der Leibesübungen bedeutendste Vertreter des Philanthropismus, der preußischen Regierung 1804 empfahl, die von ihm als Gymnastik bezeichneten Leibesübungen in die Schulen des Staates aufzunahmen, ging Jahn bewußt einen anderen Weg, nämlich den Weg der Einrichtung öffentlicher Turnplätze, verbunden mit der Erwartung, daß auf diese Weise die von ihm als "Turnen" bezeichneten Leibesübungen eine allgemeine Staatssache in Preußen werden müßten. (32) In seiner "Deutschen Turnkunst" hat er dieses "deutsche Turnen" ausführlich beschrieben. Dieser Begriff umfaßt demnach bei ihm beileibe nicht nur das Gerätturnen, sondern sehr verschiedenartige Leibesübungen, die wir auch heute noch als sportliche Formen oder zumindest Vorformen erkennen und die zum größten Teil im Trainingsbetrieb vieler Sportarten nach wie vor aktuell sind - Gehen, Laufen, Springen, Schwingen (Pferdturnen), Schweben (Balancieren), Reck- und Barrenturnen ebenso wie Klettern, Werfen, Ziehen, Schieben, Heben, Tragen, Strecken, Ringen sowie Sprung im Reifen und im Seile. Zu den von Jahn hochgeschätzten Disziplinen der Leibesübungen gehörten natürlich auch das Schwimmen, Fechten, Reiten, Tanzen u. a. Disziplinen, die er sich nach seinen eigenen Worten "auf ein größeres Werk über die Turnkunst versparen" (33) mußte.
Seine Bildungs- und Erziehungsabsichten hat Jahn sehr konkret genannt: Die Förderung der Gesundheit, die harmonische Bildung von Körper und Geist, die Betonung der einfachen Lebensweise gegenüber "Überverfeinerung" und "bloß einseitiger Vergeistigung", den grundsätzlichen Vorrang der körperlichen Gesamtausbildung gegenüber der Erbringung von Höchstleistungen, die Überwindung der sozialen Schranken und die Sozialisation durch die Gruppe der gleichaltrigen Turner - hier liegt übrigens eine Wurzel der Vereinsorganisation in unserer heutigen Turn- und Sportbewegung - und nicht zuletzt die Wehrhaftmachung, jedoch, wie betont, nicht in dem später als militaristisch bezeichneten Sinne, sondern im Sinne der Ausbildung aller Kräfte für die Erhaltung und den Schutz des eigenen Volkstums gegen Angriffe von außen sowie die Ausprägung vaterländischer Gesinnung. (34)
Auf diese Bildungs- und Erziehungsabsichten stimmte Jahn auch den Übungsbetrieb auf dem Turnplatz ab: Er unterteilte in "Turnübungen", die er verstärkt auf die Leibhaftigkeit ausgerichtet sehen wollte, und die auch schon von Jahn in ihrer Bedeutung als vollkommen gleichwertig angesehenen "Turnspiele", die in erster Linie die "Gesellschaftlichkeit" fördern sollten. "Die Turnspiele schließen sich", heißt es in der "Deutschen Turnkunst", "genau an die Turnübungen an, und bilden mit ihnen zusammen eine große Ringelkette. Ohne Turnspiele kann das Turnwesen nicht gedeihen ..." (35). Diese Unterteilung in "Turnübungen" und "Turnspiele" ist ebenso Ausdruck des Bemühens um methodisch fundierte systematische Bildung und Erziehung wie die Einteilung des Turnnachmittags in mehrere Abschnitte: Der erste Abschnitt, der der Turnkür vorbehalten war, sollte Selbsttätigkeit und Selbständigkeit anregen und dem Turner Gelegenheit geben, Turnübungen entsprechend seinen individuellen Neigungen und Anlagen zu betreiben. Heute sagen wir dazu individuelle Phantasie, Kreativität und Improvisationsvermögen, die der Übungsleiter in seinen Übungsgruppen auch heute noch selbstverständlich zu entwickeln sucht. Die anschließende Turnrast an der als Thie oder Thing bezeichneten Stelle des Turnplatzes sollte nicht nur der Erholung dienen, sondern auch der Besprechung der Turngesetze, die Jahn in der "Deutschen Turnkunst" ausführlich formuliert und kommentiert hat (36), dem Anhören von Vorträgen zu Themen aus der vaterländischen Geschichte und Geographie, dem Liedgesang und nicht zuletzt auch der Beilegung von Streitigkeiten. Dem folgte dann als letzter Abschnitt die sog. "Turnschule", die "vorgeschriebene Beschäftigung" - wir würden heute sagen "die Pflicht" -, bei der in Altersriegen festgelegte Übungen geturnt wurden, so daß im Laufe der Zeit jeder Turner die gesamte Palette der Turnübungen beherrschen lernte. Dieses von Jahn entwickelte Grundmodell des "deutschen Turnens" ist im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts sehr rasch verbreitet worden, insbesondere auch dadurch, daß von Jahn und seinen Mitarbeitern die Anlegung öffentlicher Turnplätze nicht nur in Preußen, sondern auch in anderen deutschen Ländern angeregt wurde bzw. Turner aus dem Jahnschen Kreise sich als Vorturner zur Verfügung stellten und die Entwicklung des Turnens damit aktiv vorantrieben.
Diesen Leistungen Friedrich Ludwig Jahns wurde damals von vielen Persönlichkeiten große Bewunderung gezollt, insbesondere dem öffentlichen Turnen, der Volkstümlichkeit des Jahnschen Turnens und seiner Absage an jegliche Standesschranken. Die von Jahn mit der Begründung des "deutschen Turnens" verfolgten erzieherischen Ziele waren in der Tat für die damalige Zeit geradezu revolutionär. Nicht zuletzt deshalb galt die von Jahn begründete Turnbewegung über viele Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts den Herrschenden als verdächtig. Doch erfolgte überall, in allen deutschen Ländern, die Rückbesinnung auf das Jahnsche Turnen spätestens mit der zunehmenden Industrialisierung und der daraus resultierenden Verstädterung. (37) Die gesellschaftlichen Bedürfnisse zielten nunmehr primär auf die Erhaltung und Verbesserung der Gesundheit des Einzelnen und seiner Arbeitskraft, auf einen Ausgleich zu den mit der Industrialisierung verbundenen Gefahren für die Gesundheit des Einzelnen. Angesichts der Anforderungen, die das Erwerbsleben an die Menschen stellte, versuchte vor allem die Jugend, wenigstens zeitweise der Zivilisation zu entfliehen und zum Leben der Natur zurückzufinden. In diesem Zusammenhang gewannen in den Leibesübungen vermeintlich "neue" Inhalte wie Wandern und Tanz, rhythmische Gymnastik, leichtathletische Übungen und Schwimmen sowie Spiele an Gewicht, Inhalte, die das Jahnsche "deutsche Turnen" in seinem ursprünglichen Sinne zu einem großen Teil bereits umfaßt hatte.
Deshalb ist es sehr berechtigt zu sagen: Mit dieser Organisation des Turnbetriebs unter Berücksichtung vieler und vielseitiger Körperübungen hat Friedrich Ludwig Jahn - und vor allem darin sehe ich die wichtigste, heute noch gültige, von Jahn ausgehende Tradition - die Grundlagen für den Turn- und Sportbetrieb geschaffen, die bis in die heutige Zeit ihre Gültigkeit bewahrt haben, wenn auch vielfach in modifizierter Form. (38)
Wenn wir die Wirkungen und Nachwirkungen Jahns auf dem Gebiet des Turnens mit wenigen modernen Worten würdigen wollten, so könnten wir also sagen: Jahnsche Tradition, das ist unablässiges Ringen um die Pflege turnerisch-sportlicher Aktivität im Bewußtsein der Werte turnerisch-sportlicher Betätigung für Gesundheit, Harmonie von Körper und Geist und des besonderen Wertes, ja des Primats körperlicher Gesamtausbildung gegenüber Erreichung von Höchstleistungen, sowie des Wertes der Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen im Verein als einer verschworenen Gemeinschaft Gleichgesinnter.

Turnen und Charakterbildung
In einem an die Frankfurter Turngemeinde gerichteten, recht ausführlichen Brief äußerte sich Jahn in aller Kürze über das Wesen der von ihm initiierten Turnkunst und gab ergänzend eine nähere Erläuterung zu dem von ihm formulierten Turnerwahlspruch "Frisch, frei, fröhlich, fromm". Er schrieb dazu: "Frisch nach dem Rechten und Erreichbaren streben, das Gute tun, das Bessere bedenken und das Beste wählen; frei sich halten von der Leidenschaften Drang und von der Vorurteile Druck und des Daseins Ängsten; fröhlich die Güter des Lebens genießen, nicht in Trauer vergehen über das Unvermeidliche, nicht in Schmerz erstarren, wenn die Schuldigkeit getan ist, und den Mut fassen, sich über das Mißlingen der besten Sache zu erheben; fromm die Pflichten erfüllen, leutselig und volklich, und nicht zuletzt die letzte, den Heimgang." (39) Jahn gab damit eine glänzende Beschreibung dessen, was Turnen für die Charakterbildung leisten soll und zu leisten vermag. Das ist ein Ausdruck Jahnscher Tradition, der bis heute seine Gültigkeit bewahrt hat und auch uns nachfolgenden Generationen noch etwas zu sagen hat. Die gesellschaftlichen Begründungen für den Wert turnerischer, sportlicher Betätigung also sind es m. E., die in erster Linie die Jahntradition auch in unserer Zeit noch lebendig erscheinen lassen.

Turnerische Vielseitigkeit
Darüber hinaus gibt es jedoch auch noch weitere Gesichtspunkte, die unter dem Blickwinkel der Jahntradition ganz besonders hervorgehoben werden können und müssen.
Dabei ragt besonders hervor der in der Jahn-Tradition verwurzelte Gesichtspunkt der Vielseitigkeit, das vielseitige Turnen als Breiten- und Freizeitsport, vor allem auch die
Tradition des Mehrkampfes. Die Schwimmer im DTB, deren 60. Jahnschwimmfest ich in diesem Jahre in Osnabrück erleben durfte, stehen voll in dieser Jahnschen Tradition.
Um das zu verdeutlichen, möchte ich einiges aus der Geschichte des Schwimmsports im DTB rekapitulieren (40): Bereits 1923, zum 18. Jahnwetturnen, wurde ein Staffetten- oder
Staffellauf rund um die Freyburger Jahnstätten eingeführt, an dem zunächst 9 Läufer und 3 Schwimmer pro Mannschaft beteiligt waren. Der erste Schwimmer übernahm den Stab von
einem Läufer, und die Schwimmer mußten nun von der Flußbadeanstalt an der Unstrut jeweils 200 m flußabwärts schwimmen, bis der letzte den Stab wieder einem Läufer übergab. Dieser Staffelwettbewerb, der anfangs nur für Vereine des 13., des thüringischen Turnkreises, offen war, fand eine gute Resonanz. Um auch den kleineren Vereinen Gelegenheit zum Start zu geben, wurde später die Anzahl der Läufer und Schwimmer pro Staffel verringert und die Strecke verkürzt. Außerdem wurde dieser Wettbewerb bald auch DT-offen ausgetragen. So
starteten z. B. 1939 die Staffeln mit 5 Läufern und 5 Schwimmern pro Mannschaft, und die Schwimmer hatten 100 m, die Läufer 300 m zurückzulegen. Außerdem wurden die Staffeln
entsprechend der Vereinsgröße in 2 Gruppen eingeteilt. Wie dieser Staffettenlauf mit Beteiligung von Läufern und Schwimmern wurde auch das sog. Jahn-Schwimmfest im Jahre
1923 aus der Taufe gehoben. (41) Am 25. Februar 1923 fand im Halleschen Stadtbad das erste sogenannte Turnerschwimmfest statt. Am 16./17 Februar 1924 wurde dann diese zuerst
als Gauschwimmfest durchgeführte Schwimmveranstaltung als "2. Jahnschwimmen" bezeichnet und offen für die gesamte Deutsche Turnerschaft aufgezogen. Bereits zu diesem
Zeitpunkt erkannte die DT diese Veranstaltung, das Jahnschwimmen, als ständige Einrichtung für die Stadt Halle/S. an. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich dieses Fest zur größten
schwimmsportlichen Veranstaltung innerhalb der DT. Bis zu ihrer Auflösung im Zusammenhang mit der organisatorischen Umgestaltung des Sports durch die
Nationalsozialisten im Jahre 1935, die auch die Tradition des Jahnschwimmens vorübergehend unterbrach, fand es 13 Mal in Halle statt. Der Vorsatz der Turnerschwimmer,
das Jahnschwimmen auch unter den veränderten Bedingungen zu erhalten, konnte nicht verwirklicht werden. Erst 1952 gelang es, das Jahn-Schwimmfest wiederzubeleben, un d zwar
durch Dr. Jochen Benecke in Osnabrück. (42) Es hat - und das ist aus der Sicht der Jahntradition das Wichtigste - hier im wahrsten Sinne des Wortes bis zum heutigen Tage über
75 Jahre und 60 Veranstaltungen die Jahnschen Traditionen bewahrt.
Ich möchte die Jahnsche Tradition hier am Beispiel zweier "Leitbegriffe" jedoch noch deutlicher charakterisieren, und zwar erstens, wie schon angedeutet, am Begriff des Mehrkampfes und zweitens am Begriff des Siegers.

Jahnscher "Mehrkampfgedanke"
Friedrich Ludwig Jahns "deutsches Turnen" beinhaltet, wie ich bereits betonte, zahlreiche und auch sehr verschiedenartige Leibesübungen, und Jahn hob immer den besonderen
Wert der körperlichen Gesamtausbildung und der Vielseitigkeit gegenüber der Erbringung von Höchstleistungen hervor. Darauf beruhte auch die Bevorzugung des Mehrkampfes durch
Jahn. Das war der eigentliche Grund dafür, daß der Mehrkampf - etwa der Fünfkampf der Männerturner, 1927 z. B. bestehend aus Stabhochsprung, Weitsprung, Steinstoßen,
Schleuderballwerfen und 100 m-Lauf - bei den seit 1901 in Freyburg an der Unstrut im August jeden Jahres um den Jahngeburtstag ausgetragenen Jahn-Turnveranstaltungen (43)
neben dem vorhin erwähnten, 1923 eingeführten Staffettenlauf lange Zeit der Hauptgegenstand der turnerischen Aktivitäten aller Teilnehmer war. Das Gleiche trifft auf das
Jahn-Schwimmfest zu, das vor allem Schwimm-Mehrkämpfe - die Vielseitigkeit fördernd und die körperliche Gesamtausbildung betonend - anbietet. Während der Charakter des Jahn-
Turnfests in Freyburg - hier stehen jetzt nicht mehr Mehrkämpfe, sondern Gerätturnen und verschiedene Gymnastikformen im Mittelpunkt - sich in den letzten 50 Jahren leider völlig
verändert hat, ist das Jahn-Schwimmfest den Jahnschen Traditionen bis zum heutigen Tage treu geblieben.

Jahnscher "Siegbegriff"
Gleiches trifft auf den Begriff des Siegers zu. Für Jahn war nicht entscheidend, wer nun wirklich die allerbeste Leistung vollbracht hatte, sondern für ihn war entscheidend, daß der Turner sich im Sinne der körperlichen Gesamtausbildung und der eigenen Vielseitigkeit selbst "besiegen" konnte, d. h. eine bestimmte "körperliche Leistungsmarke" erreichte. Bei den in Freyburg veranstalteten Jahn-Turnfesten waren bis in die dreißiger Jahre alle diejenigen Sieger und bekamen dementsprechend Siegerkränze und Urkunden, die im Fünfkampf der Männer, im Dreikampf der Älteren oder im Vierkampf der Frauen eine bestimmte, genau festgelegte Punktzahl erreicht hatten. (44) Gleiches trifft auf die Schwimmehrkämpfe beim Jahn-Schwimmfest zu. Mir scheint, es ist in der Tat ganz im Sinne Jahns und insofern eine "Jahntradition" im wörtlichen Sinne, wenn in dieser Weise bei Mehrkämpfen eine Sieggrenze in Punkten festgelegt wird, sehr wohltuend heute in unserem Zeitalter der Besessenheit, sportliche Höchstleistungen vollbringen zu wollen.

Der Bart kann bleiben
Sicherlich ist mit diesen meinen hier dargelegten Gedanken das außerordentlich breite Spektrum der Jahntradition längst nicht ausgeschöpft, und ich bitte, mir nachzusehen, wenn ich das Thema auch nicht im entferntesten "vollständig" abhandeln konnte. Ist dieser Gegenstand doch, um mit Theodor Fontane zu sprechen, wirklich ein "weites Feld"! Es wäre zu hoffen, daß es in Zukunft noch von vielen unserer Freunde im Förderverein "bestellt" wird. Es kann in dieser Diskussion um die Frage, wie Friedrich Ludwig Jahn und die von ihm ausgehenden Traditionen auch den jungen Menschen nahegebracht werden können, nur um die weitere Ausarbeitung der inhaltlichen Gesichtspunkte der Jahn-Tradition gehen, d. h. die Diskussion kann sich auf gar keinen Fall auf die Frage beschränken, ob "der Bart ab muß" oder nicht. (45) Entscheidend ist, was Jahn bewirkt hat und was davon noch heute nachwirkt, als Tradition wirksam sein kann. Der "Alte im Barte" ist - gleichgültig unter welchen ideologischen, in jedem Falle sehr zeitgebundenen Vorzeichen - überall bekannt, mit dem Abnehmen des Bartes wird er höchstens unbekannter werden, und das nützt uns gar nichts, im Gegenteil! Viel wichtiger ist die Popularisierung und Pflege der von Jahn begründeten Traditionen, die sich beileibe nicht auf das Gerätturnen reduzieren lassen!

Zusammenfassung
Ich fasse meine Gedanken zusammen: Das Jahnsche Erbe ist sehr vielfältig und differenziert. Es umfaßt

1. Aussagen und Aktivitäten Jahns, die wir sehr kritisch sehen müssen, ohne sie verdrängen zu
  wollen, die aber aus dem inneren und äußeren Umfeld dieser Persönlichkeit erklärt werden können und müssen, und
2. Aussagen und Aktivitäten Jahns, die unsere Hochachtung und Bewunderung verdienen, die
  auch eine Vorbildwirkung dieser großen Persönlichkeit für die heutigen Generationen ausstrahlen, die aber nur bedingt Traditionen zu begründen vermögen, weil sie zeitgebunden sind, d.h. aus der zeitgenössischen historischen Situation entstanden sind und an sie gebunden bleiben. Aber die mutige und unbeugsame Haltung Jahns als Kämpfer für die Befreiung Deutschlands von der napoleonischen Fremdherrschaft und für die deutsche Einheit vermittelt sittliche Werte und eine derartige Orientierungs- und Erziehungshilfe, daß auch sie im Sinne einer Tradition genutzt werden kann.
Die aus dem Jahnschen Erbe, dem Wirken Jahns abzuleitenden Traditionen im Sinne
von Orientierungshilfe, Verhaltensstütze, Erziehungshilfe und Vermittler von Werten, die aussagekräftig, integrativ und lebenswert auch für die heutigen Generationen sein können, sind m.E. vor allem und in ganz besonderem Maße die, die aus dem Wirken Jahns für das Turn- und Sportwesen und seine Organisation hervorgegangen sind: Da sind vor allem die verschiedenen Leibesübungen, die Jahn weitergeführt und z.T. mit speziellen Geräten (Barren, Reck, Schwingel) ausgestaltet hat, da die Organisation des Turn- und Sportbetriebs, seine Ausübung in der Öffentlichkeit und in der Gemeinschaft von Gleichen, die bis heute in unseren Turn- und Sportvereinen ihre Spuren hinterlassen hat, da sind die Erkenntnisse vom hohen Wert des Turnens und Sports für die körperliche Gesamtausbildung, Gesundheit und Charakterbildung, die Vielseitigkeit betonend und der körperlichen Gesamtausbildung gegenüber dem Streben nach Höchstleistungen Priorität einräumend. Und da ist ein Begriff vom "Sieg", der die eigene optimale physische Leistungskraft zum Inhalt hat und weniger die Bedeutung des Sieges über andere Menschen; bei Jahn gibt es in diesem Sinne immer mehrere Sieger und erst in zweiter Linie einen ersten, zweiten oder dritten Sieger.

Ich hoffe sehr, mit diesen meinen Gedanken zur Jahn-Tradition wenigstens eine bescheidene Grundlage gegeben zu haben für eine breite Diskussion unter den Mitgliedern unseres Fördervereins und darüber hinaus im gesamten Deutschen Turnerbund, für eine Diskussion, die mir angesichts der Vielfalt auch negativer Meinungsäußerungen über Jahn und die sehr unterschiedlichen Äußerungen in Publikationen der letzten Jahre über Berechtigung oder Nichtberechtigung der Weiterführung Jahnscher Traditionen dringend geboten erscheint.

Anmerkungen

(1) Gründliche Überlegungen zum Traditionsverständnis im Sport wurden besonders in den
  4 Arbeitsgesprächen in der Führungs- und Verwaltungsakademie Berlin des DSB in Vorbereitung des Deutschen Sportmuseums zwischen 1982 und 1985 angestellt. Siehe Das Deutsche Sportmuseum. Überlegungen und Skizzen, hrsg. v. M. Lämmer; sankt Augustin 1991. Für uns sind darin von besonderem Interesse: H.-A. Jacobsen, Tradition heute, S. 143 ff.; D. R. Quanz, Vermittlung von Traditionen im Sport als Aufgabe und Problem der Pädagogik, S. 151 ff.; H. Kling, Die deutsche Turnbewegung und ihr Traditionsverständnis, S. 175 ff.
(2) Zu den Begriffen "Erbe" und "Tradition" siehe u. a. Dialog über Tradition und Erbe.
  Ein interdisziplinäres Kolloquium des Forschungsbereiches Gesellschaftswissenschaften der Ak. d. Wiss. der DDR im März 1973, hrsg. v. D. Schiller und H. Bock, Berlin 1976. In diesem Kolloquium haben sich Wissenschaftler verschiedener Wissenschaftsdisziplinen zu Wort gemeldet, Aspekte des Erbe- und Traditionsverständnisses ihrer Disziplin dargelegt und, ungeachtet ihrer unterschiedlichen philosophisch-weltanschaulichen Positionen, wertvolle Anregungen zum Verhältnis von historischer Tradition und kritischer Erbaneignung gegeben.
(3) Die hier genannten Kriterien für die Funktion von Tradition legt Jacobsen, a. a. O.,
  S. 145 f., seinen Betrachtungen zugrunde. Ich halte sie für eine ausgezeichnete definitorische Grundlage für den Begriff der Tradition, so daß ich sie hier verwende.
(4) C. Euler, Friedrich Ludwig Jahn. Sein Leben und Wirken, Stuttgart 1881, S. 544 ff.
  Hier legt Euler den amtlichen Bericht Bernhardis über Jahn und sein Turnen vom Jahre 1818 sehr ausführlich dar und zitiert große Partien wörtlich. Die hier zitierten wörtlichen Passagen sind dieser Darstellung entnommen.
(5) C. Euler, Friedrich Ludwig Jahn, a. a. O., S.548.
(6) Ebenda, S. 549.
(7) Der deutsche Bund gegen Napoleon und die Jahn`sche Untersuchung. Ein amtlicher
  Bericht E. T. A. Hoffmann`s vom 15. Februar 1820 als Dezernenten im Jahn`schen Prozesse, in: H. Pröhle, Friedrich Ludwig Jahn`s Leben. Nebst Mittheilungen aus seinem literarischen Nachlasse, Berlin 1855, S. 321 ff.
(8) H. Pröhle, a. a. O., S. 280 ff.: "Jahn`s Charakter". Die folgenden wörtlichen Zitate sind
  Pröhles Buch, S. 291 f., entnommen.
(9) Dazu ausführlich E. Kessel, Die Wandlung der Kriegskunst im Zeitalter der
  Französischen Revolution, in: Historische Zeitschrift 148, 19933, S. 248 ff., der einerseits vor allem die Rolle Napoleons im Prozeß der Wandlung der Kriegskunst hervorhebt und andererseits Voraussetzungen und Möglichkeiten Scharnhorsts, der an sich ein großer Bewunderer Friedrichs des Großen war, bei der Planung der preußischen Militärreform, insbesondere der Weiterentwicklung der Kriegskunst in Reaktion auf das französische Beispiel beleuchtet. Einen ausgezeichnetetn Überblick über die preußische Militärreform und ihre Auswirkungen gibt. E. Weiß, Der Durchbruch des Bürgertums 1776 - 1847, in: Propyläen Geschichte Europas, Bd. 4, 2. Aufl., Frankfurt a. M. 1981, S.293 ff.
(10) F. L. Jahn/Eiselen, Die Deutsche Turnkunst zur Einrichtung der Turnplätze, Berlin 1816
  in: Quellenbücher der Leibesübungen, Bd. 4, Dresden o. J., S.XVI.
(11) Die beiden letzten Zitate stammen aus F. L. Jahn, Das Deutsche Volksthum,
  Lübeck 1810, in: Quellenbücher der Leibesübungen, Bd. 3, Dresden o. J., S. 234, und F. L. Jahn/E. Eiselen, Die Deutsche Turnkunst ..., a. a. O., S. 253.
(12) F. L. Jahn/E. Eiselen, Die Deutsche Turnkunst ..., a. a. O., S. XVI
(13) Ebenda, S. 247.
(14) GutsMuths preist schon in seiner Gymnastik für die Jugend (nach Originalausgabe von
  1793), in: Quellenbücher der Leibesübungen, Bd. 1, Dresden o. J., S. 375 ff. in höchsten Tönen die "Vorzüge" militärischer Übungen (Lernen von Unterordnung, Verbesserung des äußeren Anstands, Abhärtung, Belebung des Mutes u. a.). Zitat ebenda, S. 377.
(15) Die Briefe Jahns, hrsg. v. W. Meyer, in: Quellenbücher der Leibesübungen, Bd. 5,
  Dresden o. J., II, Nr. 37, S. 123.
(16) Es gibt dazu sehr viel geschichtswissenschaftliche Literatur; einen Überblick gibt
  M. Braubach in Bd. 3 von Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, 9. Aufl., hrsg. v. H. Grundmann, Stuttgart 1970, § 15 Entstehung und Ausbreitung der nationalen Bewegung, S. 55ff.
(17) Darüber in aller Kürze H. Quirin, Einführung in das Studium der mittelalterlichen
  Geschichte, 4. Aufl., Stuttgart 1985, S. 110 f.
(18) Der Gegensatz zu den Franzosen ist zumindest in der Zeit der Befreiungskriege
  geradezu einer der Grundsätze nationalen Denkens. Als Beispiel seien die von Ernst Moritz Arndt ("Noch ein Wort über die Franzosen und über uns", 1814, und "Entwurf einer teutschen Gesellschaft", Frankfurt a. M. 1814) angeregten "Deutschen Gesellschaft", die sich 1814 allenthalben vor allem in den Städten an Mittelrhein und Main bildeten, angeführt, unter deren Zielen, den Anregungen Arndts entsprechend, vor allem "der zornige Ingrimm gegen die verweichlichte Bildung der Zeit ..." und ein "freies und gesetzliches Vaterland" herausragen. (Friedrich Meinecke, Die Deutschen Gesellschaften und der Hoffmannsche Bund. Ein Beitrag zur Geschichte der politischen Bewegungen in Deutschland im Zeitalter der Befreiungskriege, Stuttgart 1891, S. 11.) Jahn stand zu diesen Kreisen bekanntlich in engstem Kontakt. Übrigens kommt Jahns "Franzosenfeindlichkeit" erst in seiner Schrift Merke zum Deutschen Volkstum, Hildburghausen 1833, in: F. L. Jahns Werke. Neu hrsg. v. C. Euler, Zweiter Band, zweite Hälfte, Hof 1887, S. 469 ff. am stärksten zum Ausdruck, also zu einer Zeit, als die nationalen Emotionen der Deutschen gegen die Franzosen schon nachgelassen hatten. Auch dies ist ein Beleg dafür, wie stark Jahn einmal gefaßten Meinungen ein Leben lang verhaftet blieb! Siehe ebenda, S. 523 ff.:"Erbfeind" Franzosen! Über das Verhältnis Deutschland - Frankreich auch S. 585 ff.
(19) Über Jahns unbelastetes, ja freundliches Verhältnis zu Dr. Lortet geben seine Briefe
  Aufschluß. Vgl. Die Briefe F. L. Jahns, a. a. O., V. Nr. 5, An Mützel v. 12.11.1825,
S. 241 f.; VIII, Nr. 49, An Dürre v. 3.2.1844, S. 429 f.; Schreiben F. L. Jahns an einen Freund in Frankreich (Lortet) aus dem Jahre 1840, in: F. L. Jahns Werke, a. a. O., Zweiter Band, zweite Hälfte, Hof 1887, S. 965 ff.
(20) F. Zimmermann, Studien zur Entwicklung einer völkischen Ideologie.
  Friedrich Ludwig Jahn und die deutsche Jahn-Rezeption. Diss. (B) Halle 1989, S. 84, spricht von "Deutschtum-Ideologie". S. 95 ff. erörtert er den Grund für nationale Argumentation und "Deutschtümelei" in dieser Zeit (Bindung nationaler Inhalte an verfassungsmäßige Vorstellungen, in deren Gewande auf ökonomische Beweggründe zurückgehende politische Forderungen des Bürgertums zum Ausdruck kommen).
(21) Ebenda, S. 68 ff., insbes. S.72 f. über die humanistischen Ausgangspositionen
  bei Herder.
(22) Ebenda, S.85 f.
(23) Siehe den kurzen Überblick über "Judenverfolgungen im Mittelalter", in: Lexikon der
  deutschen Geschichte, hrsg. v. G. Taddey, 2. Aufl., Stuttgart 1983, S. 617.
(24) Als "Gründe" dienten u. a. der Vorwurf des Ritualmordes, der Brunnenvergiftung, der
  Hostienschändung oder der Kreuzigung Christi, die - als jüdische "Kollektivschuld" deklariert - die "Rache" der Christen erforderte.
(25) Zuerst 1096 vor Beginn des 1. Kreuzzuges in rheinischen Städten, dann auch 1146 vor
  dem 2. Kreuzzug, danach - nicht nur vor oder in Verbindung mit Kreuzzügen - in unregelmäßigen Abständen.
(26) Die schlimmsten Judenverfolgungen fanden unter dem Vorwand jüdischer
  Brunnenvergiftung während der furchtbaren Pestjahre 1348/49 statt.
(27) Ausführlich über dieses Edikt, seine Vorgeschichte und die Reaktion auf dieses
  Edikt: I. Freund, Die Emanzipation der Juden in Preußen unter besonderer Berücksichtigung des Gesetzes vom 11. März 1812. Ein Beitrag zur Rechtsgeschichte der Juden in Preußen, Erster Band: Darstellung, Zweiter Band: Urkunden, Berlin 1912.
Nach dem Hardenbergschen Edikt vom 11.03.1812 (betr. bürgerliche Verhältnisse der Juden) wurden die Juden in Preußen zu "Einländern und preußischen Staatsbürgern" erklärt, erhielten alle bürgerlichen Rechte, konnten jedoch noch nicht zu Richtern und Staatsbeamten ernannt werden. Allerdings gewann nach den Befreiungskriegen die Tendenz die Oberhand, die Rechtskraft dieses Edikts soviel wie möglich einzuschränken und die Juden auf ihren vorherigen Status zurückzudrängen. Bereits im Votum des preußischen Finanzministers von Bülow vom 16. Dezember 1815 heißt es mit Bezug auf das Edikt und die Frage der Zulassung von Juden "zu akademischen Lehr-, Schul- und Gemeindeämtern und zu Staatsämtern": "Es ist wohl jetzt nicht der rechte Zeitpunkt, diese Bestimmungen gegenwärtig zu erlassen, und noch weniger ist es unsere Absicht, sie in Vorschlag zu bringen, da der moralische Zustand der Juden, ihre Religionsbegriffe und Gebräuche, ihr Unterricht erst verbessert werden und die Folgen davon sichtbar sein müssen, ehe ihnen zu den bereits allgemein erworbenen bürgerlichen Rechten auch noch die "Befugnis eingeräumt wird, Staatsämter zu bekleiden" (ebenda, Zweiter Band, S. 465). Über die weitere Reaktion auf dieses Edikt nach Abschluß der Befreiungskriege ebenda, Erster Band, S. 229 ff. Siehe auch I. Elbogen, Ein Jahrhundert jüdischen Lebens. Die Geschichte des neuzeitlichen Judentums, Frankfurt a. M. 1967, S. 22 ff.): Regelung des Lebens der preußischen Juden durch fast 30 verschiedene Statuten, Einschränkung ihrer Freizügigkeit. Ähnlich war die Lage der Juden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor der 1848er Revolution in anderen deutschen Ländern wie z. B. Bayern. Zur Entwicklung der Lage der Juden in Deutschland im 19. Jahrhundert ausführlicher: R. Erb u. W. Bergmann, Die Nachtseite der Judenemanzipation: Der Widerstand gegen die Integration der Juden in Deutschland 1780 - 1860, Berlin 1989, die u. a. zu dem Ergebnis kommen, daß wir bei der Diskussion um die Lösung der Judenfrage "vom ausgehenden 18. Jh. bis in die Zeit des Nationalismus stets eine Mehrzahl von `Lösungsvorschlägen`" finden, "die von der vollständigen Assimilation über interne Segregation (Fremdenrecht) und Vertreibung bis hin zur Ausrottung reichen" (S. 59). Siehe auch T. Maurer, Die Entwicklung der jüdischen Minderheit in Deutschland (1780 - 1933), Neuere Forschungen und offene Fragen, in: 4. Sonderheft des Internationalen Archivs für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, Tübingen 1992, die feststellt, daß im politischen Leben das Jahr 1848 "einen Wendepunkt im Verhältnis von jüdischer Minderheit und nichtjüdischer Mehrheit" markiert. "Juden nahmen", so Maurer, "zum ersten mal aktiv und in größerer Zahl, z. T. in Führungspositionen, am politischen Geschehen teil. Sie hörten auf, nur `passive Objekte`" der Politik zu sein. Daher brachte dieses Jahr auch einen grundlegenden Wandel im Selbstverständnis der europäischen Judenheit. (S. 101 mit Verweis auf weitere Literatur zu dieser Frage in Anm. 1).
(28) Davon zeugen insbes. auch Jahns Briefwechsel, u. a. mit Staatskanzler Hardenberg
  (Die Briefe F. L. Jahns, a. a. O., II, Nr. 6, S. 66 ff., Nr. 14, S. 81 ff., Nr. 33, S. 112 ff.), mit Scharnhorst (II, Nr. 2, S. 62), mit Gneisenau (II, Nr. 3, S. 63 f.) und anderen.
(29) Rede Jahns in der Frankfurter Nationalversammlung am 15.1.1849, in: F. L. Jahns
  Werke,, a. a. O., Zweiter Band, zweite Hälfte, S. 1030 ff.; vgl. dazu meinen kleinen Aufsatz über Friedrich Ludwig Jahn 1848/49 in Frankfurt am Main, in: Jahn-Report, 8. Ausgabe, Dezember 1997.
(30) F. L. Jahn/E. Eiselen, Die Deutsche Turnkunst ..., a. a. O., S. 225
(31) F. L. Jahn, Das Deutsche Volksthum, a. a. O., S. 230.
(32) Jahn hat direkt das ausgesprochen, z. B. in einem Brief v. 16.9.1814 an Dr. Karl Müller,
  in: Die Briefe F. L. Jahns, a. a. O., II, Nr.11, S. 78. In Ebenda, II, Nr. 14, S. 81 hat er dem Staatskanzler, Fürst Hardenberg, dazu Vorschläge unterbeitet.
(33) F. L. Jahn/E. Eiselen, Die Deutsche Turnkunst ..., a. a. O., S. XII f.
(34) Siehe Anmerkung 11.
(35) F. L. Jahn/E. Eiselen, Die Deutsche Turnkunst ..., a. a. O., S. 183
(36) Ebenda, S. 251 ff.
(37) Diesen wichtigen Gesichtspunkt macht Harald Braun in einem Vortrag über die
  erzieherischen Intensionen im JAHNschen Turnen, den er vor der Mitgliederversammlung des Jahn-Fördervereins in Freyburg im August 1995 hielt, geltend.
(38) Diesen Gesichtspunkt betont Jürgen Dieckert in seinem Beitrag über "Jahn - kein
  `Turnopa`, sondern Symbol des Fortschritts", in: Deutsches Turnen, Sonderausgabe April 1998, S. 8 (erstmals gedruckt in Deutsches Turnen 10/92).
(39) Die Briefe F. L. Jahns, a. a. O., VII, Nr. 44, S. 421.
(40) Die nachfolgenden Angaben stammen aus dem Halleschen Turn- und Sportalmanach
  1925 von Stadtrat Franz Joest, im Besitz des Stadtsportbundes Halle des DSB, S. 85; siehe auch Festschrift zum 75. Stiftungsfest des Halleschen Turn- und Sportvereins von 1861, 1936, ebenda, sowie den Pressedienst der Deutschen Turnerschaft, Potsdam 15.8.1928, Nr. 68.
(41) Dazu existieren eine Reihe von Artikeln an verschiedenen Stellen. Meine Informationen
  stammen von Frau Benecke und den Schwimmsportfreunden des NTB und des WTB, die das 60. Jahn-Schwimmfest 1998 ausgerichtet haben.
(42) DTB und DSV nahmen die für die Olympischen Spiele in Helsinki angesetzten
  Prüfungswettkämpfe in Osnabrück 1952 zum Anlaß, um das Jahn-Schwimmfest wieder aufleben zu lassen.
(43) Geschichte des Jahn-Wetturnens, in: Pressedienst ..., a. a. O.
(44) In der Ausschreibung der DT zum Jahn-Wetturnen in Freyburg (Unstrut) am
  8. August 1926 heißt es z. B.: "Sieger ist, wer mindestens 75 PT. erreicht" (Fünfkampf der Männer), "Siegerin ist, wer mindestens 60 Pt. erreicht" (Vierkampf für Frauen) und "Sieger in diesen 3 Klassen ist, wer mindestens 45 Pt. erreicht" (Dreikampf der Aelteren).
(45) Das ist meine feste Überzeugung, unabhängig davon, ob Jahn schon im zweiten
  Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts einen Vollbart getragen hat oder nur die sogenannte "Schifferkrause". Diese Frage ist ohnehin nicht zu beantworten. H. Pröhle, a. a. O., S. 282 f. berichtet, daß die Bilder, die man bis 1846 von Jahn hatte, entweder nach flüchtigen Zeichnungen oder nach dem Heine-Gemälde aus der Kolberger Zeit gefertigt worden waren. C. Euler, Friedrich Ludwig Jahn, a. a. O., S. 376 verweist auf die Selbstbeschreibung Jahns in seinen "Denknissen", wonach er Anfang 1814 bereits einen "langen, starken und breiten Bart" getragen haben muß. Bestätigt wird das durch Varnhagen van Ense, der berichtete, daß Jahn in Wien 1814/15 u. a. durch seinen Bart auffallen mußte (C. Euler, ebenda, S. 422). Auch in Paris im September 1815 sei Jahn schon durch sein Äußeres allgemein aufgefallen, u. a. "mit seinem langen Haar und Bart" (ebenda, S. 435).

 

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Dr. Josef Göhler

Die Pflege der Muttersprache
Ein Wort an die Fremdwörtler im turnerischen Bereich

Bei einem Forum im Rahmen des Deutschen Turnfestes 1073 in Stuttgart hatte der damals bekannte und angesehene Berichterstatter im Funk und Fernsehen, Harry Valerien (München) kritisch gefragt, was die "Pflege der Muttersprache" in der Satzung des Deutschen Turner-Bundes zu suchen habe. Valerien von war von Hause aus Spitzensportler und hatte keinen Zugang zu turnerischem Schrifttum und zum tieferen Sinn der damals schon 160jährigen Turnbewegung. Oder wußte er von dem hohen Wert, den der Turnvater Jahn der deutschen Sprache, der reinen deutschen Sprache, zugemessen?
Der Lexikograph Franz Passow urteilte über die Deutsche Turnkunst wie viele der Zeitgenossen in einem Brief an Frau von Voigt: "Ein Buch will ich Ihnen aber besonders empfohlen haben, wenn Sie es nicht schon kennen: Jahn`s Turnbuch, lesen Sie wenigstens die Vorrede; in der Art ist wohl seit Luther nichts gleich Vortreffliches geschrieben, und die Stelle über Scharnhorst und Friesen mir fast das herrlichste, was ich in deutscher Prosa gelesen habe. Auch die Einzelheiten der desammten Turnübungen sind mit unübertrefflicher Anschaulichkeit geschildert, und was auch nicht wenig ist, das ganze Buch ist eine praktische Anweisung, wie die deutsche Sprache gereinigt und bereichert werden kann und soll."
Leider hat Valeriens Abmahnung Folgen gehabt, und die "Pflege der Muttersprache" verschwand aus der DTB-Satzung.
Das hätte freilich nicht dazu führen müssen, künftig in unserem turnerischen Umfeld in Fremdwörtern zu baden. Doch nach dem zweiten Weltkrieg, als die amerikanische Zivilisation über uns hereinbrach, vorerst in der Musik, da wurde es Mode, amerikanische Wörter einzuführen. Es gab sehr bald keine "Schauturnen" mehr, es mußte eine "Turnshow", ein "Gala-Abend", ein "Festival" sein. Man sieht, es waren griffige Fremdwörter. Von ihnen versprach man sich größere Anziehungskraft in der Öffentlichkeit. Der Drang zum Fremdwort ist bei uns nicht neu. Schon Goethe, der mit wenigen Fremdwörtern auskam und bei der Überarbeitung seiner Texte noch viele von ihnen gestrichen hat, wußte um die Fragwürdigkeit von Fremdwörtern. In seinem Aufsatz "Deutsche Sprache" schrieb er: "Die Muttersprache zugleich zu reinigen und zu bereichern ist das Geschäft der besten Köpfe." Natürlich verlangt es geistige Anstrengung, ein gängiges Fremdwort durch ein sinnvolles deutsches Wort zu ersetzen.

In seiner "Deutschen Stilkunst" - mir liegt die zweiundzwanzigste bis vierundzwanzigste Auflage vor - im Kriegsjahr 1917 geschrieben, sagt Eduard Engel:
"Wir Deutschen leiden an dem krankhaften Reiz, jede kleine fremdsprachige Nebenform eines Begriffes aufzugreifen. Keinem Fremden fällt es ein, sich aus dem reichen Formenschatz des Deutschen ein einziges anzueignen."

Selbst der Präsident des DTB befleißigt sich in seinem monatlichen Leitartikel von "Deutsches Turnen" der Fremdwörter (Event, Show, DT, Nr. 1-2, 1999, S.4).
In "Deutsches Turnen" geht man mit den Fremdwörtern lustig um. Bereits das Vorwort des Schriftleiters heißt "Editorial". Klingt schön und gescheit, aber gibt es dafür nicht eine Menge deutscher Bezeichnungen? Der Hauptschriftleiter unserer amtlichen Zeitschrift fühlt sich demnach als "Editor". Aber Herausgeber von "Deutsches Turnen" ist der Deutsche Turner-Bund, und für ihn steht als Schriftleiter ein "Redakteur", ein Wort, das schon vor mehr als hundert Jahren vom "Schriftleiter" abgelöst wurde. Dann gibt es auch noch eine "Zentralredaktion", eine Zentrale also, und dieses Wort, auch ein Fremdwort,könnte man unter die läßlichen Sprachsünden in unserer Turnwelt ansehen. Um weitere Sprachsünden (Fremdwörter) einer einzigen Ausgabe von "Deutsches Turnen" anzuführen, von über 30 des gleichen Heftes: "Team" für mannschaft oder Riege, "Convention" statt Versammlung, stammt vom lateinischen convenire - zusammenkommen, "Investitionen amortisieren" = Einzahlungen abbauen, langfristige Anlagen tilgen. Amortisieren ist ein sehr gelungenes Fremdwort und kommt vom lateinischen "Mors" = Tod, also "abtöten", Koordinierungspartner, der "Partner" ist schon mehr ein Lehnwort, also ein in die eigene Sprache bereits eingebundenes Fremdwort. Koordination heißt nach Dudens Fremdwörterbuch "eine reibungslose Abstimmung aufeinander". Im Georges, dem einschlägigen zeibändigen Wörterbuch der lateinischen Sprache von 1879 findet sich das Wort "coordinare" überhaupt nicht. Ein "potentieller Medaillenanwärter" ist überflüssig, denn ein möglicher "Anwärter" tut es auch. Dann ist von einem "Gruppenkontingent" die Rede. Kontingent, d.h. Anteil, begrenzte Menge. Da wäre also "Gruppe" ausreichend, "kontingent" ist überflüssig. Genug der Beispiele. Sie könnten aus der Nummer 3/1998 unserer Turnzeitung beliebig bis über dreißig Beispiele erweitert werden.
Nun gut, es gibt Fremdwörter, die sich so "eingedeutscht" haben, daß man sie fast schon als Lehnwörter bezeichnen kann; oder sie sind es schon, ich denke an Kapitel, Fabel, Legende, in der Sportsprache an Rekord, Duell, Finale. Wie auch immer, man sollte nicht päpstlicher sein als der Papst. Oder, um es mit Goethe zu sagen: "Man soll nicht aus allem gleich eine Religion machen." Worum es mir geht: wir in unserer turnerischen Umwelt sollten ein gutes Deutsch pflegen und Fremdwörter tunlichst vermeiden, auch wenn es manchmal anstrengt, das passende deutsche Wort zu finden. Mit Fremdwörtern aber moderner, d.h. zeitgemäßer und also "attraktiver" (d.h. zugkräftiger) sein zu wollen, darauf sollten wir verzichten, auch darauf, um jeden Preis ein Fremdwort ersetzen zu wollen. Als man uns vor einigen Jahrzehnten den "Motor" durch "Zerknallgastreibling" ersetzen wollte, war es ein Treppenwitz und war abwegig. Sprachpuristen, auch Sprachreiniger, wollen wir auch in unserer Turnbewegung nicht sein. Nicht einmal unsere Monatsnamen wollen wir in unserer eigenen Sprache bezeichnen. Den "August" nennen wir als Monatsnamen nach dem römischen Kaiser Augustus, den Juli nach dessen Vorgänger Julius Caesar ...
Aber im ganzen gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß die Zeiterscheinung von Wörtern nach Art der Show, Gala, Event wie jede Mode auch wieder verschwindet. Solche Wörter werden abgegriffen, sie verlieren ihre Beachtung. Um es mit einem der häßlichsten und angeblich unübersetzbaren Fremdwörtern zu sagen, sie "interessieren" nicht mehr.

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Dr. Eberhard Kunze

"... einen Brodfleck ..., wo man ihn einschließen könnte."
Empfehlungen für F. L. Jahn vom Dez. 1807 und Okt. 1809

A) Wie viel, wie wenig wissen wir über F. L. Jahn aus den Jahren vor seinem
Aufstieg in Berlin? Wie urteilten ältere Zeitgenossen über den stellungslosen Intellektuellen, wenn sie ihm denn weiterhelfen wollten? Wie konnte man dem hoffnungsvollen Patrioten "die mühsamen Pfade ... zum sicheren Wirkungsplatze" (1) ebnen?

Zwei Briefe vom Dezember 1807 und Oktober 1809 können schlaglichtartig zumindest Teilantworten zu den Eingangsfragen liefern. Es handelt sich um erhaltene Begleitschreiben zu verlorenen Empfehlungsbriefen für F. L. Jahn. Die Empfehlungen sollten an höherer Stelle in Berlin bzw. Königsberg die Karrierepläne Jahns gezielt befördern. Der Rückgriff auf solche Empfehlungen und sonstige förderliche Konnexionen war damals keineswegs untypisch, sondern ein anerkanntes Mittel, um z. B. dem Schattendasein auf wechselnden Hauslehrerstellen zu entkommen. Die beiden erwähnten Briefe werden hier vollständig wiedergegeben (2); zum besseren Verständnis muß auch der biografische Rahmen knapp erläutert werden.

B) Im August oder September 1807 hatte F. L. Jahn auf dem Landgut Dommereez im
westlichen Mecklenburg (3) eine "gastliche Freistätte" gefunden, um sein "Deutsches Volksthum" weiter auszuarbeiten. Der Gutsherr und damalige Gönner Jahns, der Freiherr G. W. v. Laffert (1765 - 1814), hatte durch seine verwandtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen für Jahn die nicht zu unterschätzende Verbindung zum preußischen Gesandten in Hamburg vermittelt. (4) Auf diesem wichtigen Außenposten wirkte seit Anfang 1807 der Freiherr A. O. v. Grote (1744 - 1827), der sich bereits seit Ende 1806 im engeren Kreis norddeutscher Patrioten gegen die französische Besatzung engagierte. Der Freiherr v. Grote war nach ersten Kontakten offensichtlich rasch bereit, dem vielversprechenden Jahn mit Empfehlungen nach Berlin behilflich zu sein; diesen Eindruck vermittelt jedenfalls der folgende Brief an Jahn vom 8. Dezember 1807:

Hamburg den 8n Dec
1807.

Wohlgebohrner Herr,
Insonders Hochzuehrender Herr!

Euer Wohlgebohrn habe ich die Ehre das versprochene Schreiben an den Banc-Direktor Hundt hieneben zu übersenden. Durch Ihre DenkungsArt - durch Ihren edlen Patriotismus, und durch Ihre Kenntnis haben Euer Wohlgebohrn sich meine ganze Hochachtung erworben, dies zu beweisen, und Ihnen wenn ich Gelegenheit dazu finden kann, nach wahrer Ueberzeugung durch meine Empfehlung zu nützen, wird mir eine angenehme Pflicht seyn. Unbekannter weise empfele ich mich Ihren geehrten Eltern bestens, und verbinde mit dem Wunsche Sie bald wieder zu sehn, die Versicherung der ausgezeichneten Ergebenheit womit ich beharre

Euer Wohlgebohrn
gehorsamer Diener
AOFv G r o t e

An
den Herren Candidaten Jahn
zu Lantz bei Lenzen." (5)

Der erwähnte Bankdirektor H u n d t war in Berlin u. a. Mitglied in der preußischen "Friedensvollziehungskommission"; diese Kommission hatte seit dem Tilsiter Frieden die hohen Zahlungsforderungen Frankreichs zu regeln. Ob die Empfehlung für Jahn auf eine Stelle als Hauslehrer zielte oder auf eine anderweitige Verwendung in Berlin, läßt sich wohl nicht weiter klären. Anfang März 1808 gab Jahn seinem Jenaer Freundeskreis immerhin einen hoffnungsvollen Zwischenbericht: "Auf dem Landgute des Ministers G(rote) bin ich über 8 Tage sein tagtäglicher Gesellschafter gewesen. Er hat mir Empfehlungsbriefe nach Berlin hierhergeschickt, die hat mein Vater nach Berlin befördert. G(rote) hat darauf Antwort erhalten, die günstig lautet, wie H(err) v. L(affert) zu mir sagt, der sie in H(ambur)g gesehen hat. Aber unser ungewisser Zustand verhindert alles." (6)

C) Der ungewisse Zusatnd dauerte auch im Herbst 1809 noch an. Während Jahn mit der
Herausgabe seines Buches über "Deutsches Volksthum" beschäftigt war (7), sammelte sein Vater erneut Empfehlungsbriefe für den immer noch stellungslosen Sohn. Diesmal sollten wohl Personen aus dem näheren Bekanntenkreis des Vaters die Empfehlungen komponieren: u. a. ein Oberstleutnant von Gaudi und ein Herr von Beust aus Lenzen. Zu beiden liegen keine weiterführenden Notizen vor: lediglich vom Herrn v. Beust gibt es noch ein kurzes Schreiben an F. L. Jahn vom Jahresende 1809 (8). Auch hier ist nur eines der Begleitschreiben überliefert, der Brief des Herrn v. Beust an Alexander
F. Jahn vom 12. Oktober 1809. Der Brief lautet:

"HochwohlEhrwürdiger Hochwohlgelahrter Herr,
Hochzuehrender Herr Prediger,
Sehr wohlgeschätzter Freund!

So gering meine Hoffnung ist, daß der ObristLieutn(ant) v. G a u d i sich mit so etwas befassen darf, was Empelungen ähnlich siehet; so will ich doch gern auch nur auf die bloße Möglichkeit hin, das meinige beitragen. So sehr auch alle gute Menschen die mit unter in ihrer Art höchst seltnen guten Eigenschaften Ihres Herrn Sohnes rühmen; so heißt es doch: virtus laudatur et alget ... ! Und ich schätze Sie, daß Sie als ein redlicher Vater Sich an Seiner Stelle kümmern, was aus ihm im Alter werden soll. Bey einem Erziehungsinstitut wäre für gymanstische Uebungen ganz sein Platz. In das eigentliche Militär, ich meine das Friedensmilitär hätte er früher eintreten müssen. Tausende haben sein G e n i e nicht, seinen Körperbau, seinen Muth, seine schnelle Fassungskraft (ich vermuthe auch in Gefahren). Aber um einen Brodfleck zu finden, wo man ihn einschieben könnte, hilft das alles noch nichts, weil die andern, vor welche er eingeschoben würde, die Formen für sich haben.
Nach meiner Meinung schreiben sie bloß als Protector des Litterairen, an Gaudi. Es schmeichelt dem Menschen immer mehr für etwas gehalten zu werden in einem Fache was nicht sein Brodfach ist, und woran er selbst zweifelt ob er darinne stark seyn möge; das mögte für ungefehr der Fall seyn. Schließlich können Sie ihn wohl bitten daß da Sie wünschen müßten Ihren H(errn) Sohn fixiert zu sehen, bey Gelegenheit der Vacanz einer Lehrstelle in einem Cadettenhause, an ihn gedacht werden möge. Wird es Krieg so wird er sich schon selbst geltend machen, dafür ist mir gar nicht bange, und ich wollte alsdenn lieber ihm empfolen seyn, als ihn empfelen. Nehmen Sie sich ja in Acht nichts von Aussichten auf Krieg, auch in der Entfernung nicht, nach Königsberg zu schreiben; man ist dort entsetzlich angst, daß die Franzosen gleich das wieder erfahren könnten, und dann beschuldigen, als stände Krieg in Rede. Dieser Angst wegen, darf auch keine MilitärPerson um Wiederanstellung hinschreiben; man thut vielmehr immer, als wenn man noch reduciren wolle.
Schaden kann es indessen nicht, daß Sie schreiben, wobey nichts als Zeit und Postgeld verloren ist. Daß ich in der Einlage mein Bestes gethan habe, werden Sie glauben

  Ihrem
redlichen Freund und Diener
v. B e u s t
Lenzen
d. 12. Oct. 1809." (9)
 

Ob die von F. L. Jahns Vater gesammelten Empfehlungen überhaupt noch abgeschickt und wirksam wurden, ist ungewiß. Der Sohn arbeitete inzwischen selbst an seinem Karriereziel Berlin; er bewarb sich um eine Stelle an der dortigen neuen Universität.(10)
Jahns neuerlichen Drang nach Berlin kommentierte Graf Grote (11) mit einem weiteren Empfehlungsangebot; von seinem Landgut Breese (bei Dannenberg) schrieb er unterm 22. November 1809 an Jahn:

"... Ob die Reise nach Berlin schon anitzt n o t h w e n d i g ist, kann ich nicht beurtheilen, schaden kann es nicht wenn Sie bald hingehn, und der versprochene Brief steht Euer Wohlgebohrn so bald wie Sie abreisen wollen zu Dienste." (12)

Vier Wochen später reiste Graf Grote selber mit Gefolge zum Einzug des preußischen Königs nach Berlin. Bei der Durchreise in Dammereez gab der Jahnfreund Weinrich dem Kammerdiener des Grafen noch zwei Briefe mit; sie waren adressiert an
"Herrn Jahn in Berlin".


Anmerkungen:

(1) Vgl. den Brief von Jahn an Feuerstein, 21. Sept. 1807. MEYER II, S. 40
(2) Überlieferung: G StA PK Berlin, I. HA, Rep. 77, Tit. 29, Nr. 1, Jahn`sche Papiere
  (?). Eine Ausgabe dieses Briefbestandes wird zur Zeit vorbereitet.
(3) Der ehemalige Gutsbezirk Dammereez gehört heute zur Gemeinde Bralstorf
  (PLZ 19273), etwa 20 km östlich von Boitzenburg.
(4) Vgl. hierzu ausführlicher E. Kunze: Konnexion und Karriere. ... Im Druck.
(5) G StA PK Berlin, aaO, Bl. 226
(6) Brief von Jahn an Feuerstein, 1. März 1808. MEYER II, S. 50.
(7) Vgl. den Brief von Jahn an Nürrenberger, Ende Okt. 1809. MEYER II, 52 f. Vgl. zu
  diesem Brief auch KUNZE 1999.
(8) Doppelbrief von K. F. F. Tiebel/von Beust an F. L. Jahn, nach Nov. 1809. G StA PK
  Berlin, aaO, Bl. 223/224.
(9) G StA PK Berlin, aaO, Bl. 211.
(10) Vgl. zu diesem Vorgang NEUENDORFF, Geschichte ..., Bd. II, S. 37 f.
(11) Der Freiherr von Grote hatte im September 1809 den preußischen Grafentitel erhalten.
(12) G StA PK Berlin, aaO, Bl. 225.

Benutzte Quellen und Literatur:

1. G StA PK Berlin, I. HA, Rep. 77, Tit. 29, Nr. 1, Jahn`sche Papiere (?).
2. E. KUNZE: Ein "Wink" von Jahn für Jena. Notizen zu einer Briefbeilage vom Oktober
  1809, In: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports 13 (1999), S. 24 - 27.
3. E. KUNZE: Konnexion und Karriere. F. L. Jahns Beziehungen zur Familie von Laffert
  1806/07 bis 1809. Im Druck.
4. W. MEYER (Hrsg.): Die Briefe F. L. Jahns. Quellenbücher der Leibesübungen Bd. 5.
  Dresden o. J. (Zit. als MEYER II).
5. NEUENDORFF: Geschichte der neueren deutschen Leibesübung vom Beginn des
  18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Bd. II. Dresden o. J.

 

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Prof. Dr. Wolfhard Frost

Jugend und Patriotismus in der Frühzeit des vaterländischen Turnens

Eine Festrede soll nicht gehalten werden - hier und heute: es gibt kein Jubiläum zu feiern. Etwas festlich ist mir aber doch zumute, da wir ein Werk zu seinem (wir hoffen: guten) Ende gebracht haben, das uns vier, fast fünf Jahre, und auf`s Ende hin immer intensiver beansprucht hat.
In dieser Arbeit haben wir immer wieder Anstöße empfangen, Friedrich Ludwig Jahn und das Deutsche Turnen neu zu bedenken und durch geeignete Gestaltung im Museum dem Besucher Anregung zu geben, sich das Urteil über den Mann und sein Werk in jener Zeit zu bilden, zu vertiefen, evtl. auch zu korrigieren.
In dem Bemühen, nicht nur die E r s c h e i n u n g darzustellen - das Turnen, seine Begründer, die turnende Jugend - sondern auch sichtbar zu machen, welche Impulse sie gedrängt hatten, ein solches Werk in Gang zu setzen und weiterzuführen, stießen wir auf ein Problem, mit dem sich unter uns Heutigen wahrscheinlich nur noch die Literaturhistoriker beschäftigen: es geht um die Rolle der Dichtung (dabei besonders der Romantik) und des Gesangs und ihre Wirkung auf die Jugend in jener historisch so bedeutsamen Phase deutscher Geschichte. Die Deutschen (und nicht allein die Preußen) mußten in der Zeit nach der militärischen Niederlage von Jena und Auerstädt 1806 und der dann folgenden endgültigen, als Usurpation empfundenen Besetzung Deutschlands durch Napoleon mit der Tatsache leben lernen, daß die deutschen Fürsten keinesfalls in der Lage und willens sein würden, diesen Zustand alsbald zu ändern.
Konnte, und wie sollte Widerstand geleistet werden? Gegen Napoleon allein - oder auch gegen die ihm willfährigen Fürsten? Die Diskussion hierüber und das Entstehen von Strukturen des Widerstandes vollzogen sich in durchaus widersprüchlichen Erscheinungsbildern, denn Napoleon war nicht alleinig der jetzige Usurpator, sondern eben noch der Repräsentant bürgerlichen Fortschritts im Gegensatz zur absolutistischen Fürstenwillkür, von der die deutsche Wirklichkeit geprägt war.
Eine Teilaufgabe bei der Neugestaltung des Museums nun war die Einrichtung zweier sogen. Hörstationen, mit denen der interessierte Besucher Lieder aus der Entstehungszeit des Turnens (also aus den Jahren 1811 - 1819/20) h ö r e n kann. Ausgewählt hatten wir Lieder der frühesten Turnerzeit. Das waren zuallererst die patriotischen Gesänge aus der Zeit der Befreiungskriege - und dann die ersten
e c h t e n Turnerlieder, die um 1814/15 entstanden und in den 20er, 30er und 40er Jahren ständig ergänzt worden waren. Und damit begann unser Problem:
Wie würde der heutige Besucher, ob jung, ob alt, diese Texte aufnehmen? Sind sie unseren empfindsamen Ohren, fast zwei Jahrhunderte später, noch zuzumuten, würde der heutige Hörer sie noch verstehen können - und wollen?
Es sind Lieder von Hans Ferdinand Maßmann, einem der engsten Mitstreiter Jahns, von Karl Follen, im Kreise der Gießener Schwarzen der glänzendste Kopf, von Ernst Moritz Arndt, an Deutschlands Hohen Schulen jedem als Gegner Napoleons und Verfechter nationaler Einheit bekannt, von Theodor Körner, dem stürmischen Dichter der Schwarzen Schar - doch auch Texte des romantischen Dichters Wilhelm Hauff, von Hoffmann von Fallersleben - und schließlich von poesiebegabten Turnern, die auf dem Turnplatz, in der Turngemeinde jene Anregungen empfingen, die sie folgerichtig im Winter 1813 zu den Lützowern, in andere Freiwilligenverbände oder zur regulären Truppe und so in die Kämpfe der Befreiungskriege führten.
Wie aber hören sich nun Texte jener Zeit an?
Von Ernst Moritz Arndt ist es "Der Gott, der Eisen wachsen ließ":

  "Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der
wollte keine Knechte,
Drum gab er Säbel, Schwert und Spieß,
dem Mann in seine Rechte,
Drum gab er ihm den kühnen Mut, den
Zorn der freien Rede,
Daß er bestünde bis aufs Blut, bis in den
Tod die Fehde!"

und das Lied endet

  "Laßt wehen was nur wehen kann!
Standarten wehn und Fahnen!
Wir wollen heut uns Mann für Mann
zum Heldentode mahnen.
Auf, fliege, stolzes Siegspanier, voran
den kühnen Reihen!
Wir siegen oder sterben hier den süßen
Tod der Freien."

Gustav Adolph v. Salchow, Jäger im Lützowschen Freikorps, schrieb das "Morgenlied der schwarzen Freischaar", in dem es heißt:

  "Wir feilschen nicht um`s Leben,
Wer`s nimmt, dem ist`s gegeben;
Wir scharren keinen ein,
Das Grab ist allgemein.
   
  Für Vaterland und Ehre
Erheben wir die Wehre,
Für Hermanns Erb` und Gut
Verspritzen wir das Blut.
   
  Der Teufel soll versinken,
Die Mannlichkeit soll blinken,
Das teutsche Reich besteh`n,
Bis Erd und All vergeh`n!"

Auch ein anderer (anonym gebliebener) Jäger fürchtet nicht den Tod:

  "Und färbet gleich auch unser Blut,
Das Feld des Krieges roth:
So wandelt Furcht uns doch nicht an,
Denn nimmer scheu`t ein braver Mann
Für`s Vaterland den Tod."

W o f ü r dieses Opfer zu bringen sei, wird in der Sammlung "Freye Stimmen frischer Jugend" (von den Gießener Schwarzen herausgebracht) gesagt: das Lied "Turnweihe" (anonym) spricht bewußt den Ehrenkodex damaliger Studenten an, der im Motto der frühen Burschenschaft ausgedrückt ist: E h r e, F r e i h e i t, V a t e r l a n d:

  "Das Höchste, was wir kennen, ist
teutsches Vaterland.
Das Schönste, was wir nennen, ist Tod
für`s Vaterland:
Ein Vaterland im Glanze von Freyheits-
morgenroth;
Der Freyheit Himmelspflanze ensproßt
dem Opfertod."

Christian Sartorius, ebenfalls Burschenschafter und Turner bei den Gießener Schwarzen, singt und beschwört das Gleichheitsprinzip:

  "Wir wissen nichts von arm und reich,
von Titel, Rang und Stand,
Turnbrüder sind in allem gleich, ihr Gut
heißt: Vaterland.
Der Turner liebt, was recht und wahr,
treuhold und biderb ist:
Den festen Fechter in Gefahr, den
freyen, frommen Christ.
Ihm glänzt das Auge feuerhell beym
Klange: Vaterland!
Dem jeder junge Turngesell treuewig
sich verband; ..."

Ja, das sind die Texte, die ein gelindes Erschrecken auslösen könnten.
Ja, man muß Verständnis aufbringen für manche der Jüngeren von heute, die eben die Auffasungen, die Maßstäbe i h r e r Welt anlegen, denen solches Liedgut, seine Aussage bedenklich oder unverständlich erscheinen könnte, auf jeden Fall aber ungewohnt, befremdlich.

In solchen Überlegungen wird deutlich, daß allein schon im Unterschied zwischen den Erfahrungen und Wertungen aus einer Welt, in der wir Älteren aufgewachsen sind, und der Gefühlswelt der heutigen Generationen zwar nicht gleich Welten, aber bedeutende Entwicklungen und Wandlungen im Urteil liegen, und darin eingeschlossen eben auch unterschiedliche Bewertungen von solchen Kategorien wie Mut, Tapferkeit, Heldentum, Einsatzbereitschaft (für wen, wofür auch gleich immer gefragt!) - und schließlich auch von Patriotismus, einem Begriff, der h e u t e die widersprüchlichsten Deutungen erfährt.

In welcher Welt waren die Schüler und Lehrlinge, die Studenten, die jungen Bürger aufgewachsen, die die ersten Turnplätze bevölkerten? Nicht nur in Preußen, aber besonders hier, wirkte noch immer der Mythos des großen Friedrich fort, des "Philosophen auf Preußens Thron", der gleichwohl Preußens Größe in endlosen dynastischen Eroberungskriegen geschaffen hatte.
Krieg war den Zeitgenossen nicht allein daher eine gewohnte Erscheinung in ihrem Leben. Die eben erlebten oder erlittenen napoleonischen Kriege waren zudem verbunden mit dem bitteren Gefühl der Niederlage, des militärischen Versagens einer Armee, die nur noch vom Nymbus vergangener Jahrzehnte gezehrt hatte.

Und was hatten die Lateinschüler gelernt, wenn sie die Texte der Alten büffelten:

  "Pro patria est dum ludere videmur"
oder "Dulce et decorum est pro patria mori"
   
also "Dem Vaterlande gilt`s, wenn wir zu spielen scheinen"
oder "Süß und ehrenvoll ist es, für`s Vaterland zu sterben".

Bezog der Student die Hochschule, schloß er sich in der Regel "seiner" Landsmannschaft an, dem Schutzbündnis der Burschen aus gleicher "Nation", wie es damals hieß, ein Schutzbündnis, für das der "ehrliche und wehrliche" Bursch aber auch bereit sein mußte mit der Waffe einzutreten. Das hierdurch geförderte Duellunwesen war schier unausrottbar; ob von Saxonen oder Borussen, für die Palaiomarchia, Bavaria, Pomerania, Rugia oder Silesia ausgefochten, die pro-patria-Suiten, wie sich diese Massenschlägereien nannten, dienten doch ausschließlich auch zur Ausprägung eines Ehr- und Vaterlandsverständnisses, das den gesellschaftlichen Bedingungen, den politischen Verhältnissen am Beginn des 19. Jahrhunderts entsprach.
Doch war es gerade dieser eingeengte Begriff der Nation, von Vaterland, den Jahn schließlich ablehnte. Von Dichtern, Philosophen, den großen Lehrern jener Zeit angeregt, richtete sich der Blick auf das ganze Deutschland. So nannte sich denn ja auch der Geheimbund, der sich, 1810 in Berlin entstanden, die Befreiung zuerst Preußens, aber letztlich doch ganz Deutschlands von Napoleon zum Ziele gesetzt hatte, "Deutscher Bund".
Zu den Gründern gehörte Friedrich Ludwig Jahn. Justus v. Gruner, der Leiter der Hohen Politischen Polizei in Preußen, war eines der promminentesten Mitglieder und ein Hauptorganisator der konspirativen Tätigkeit gegen Napoleon. Die Kontakte des Bundes reichten bis zu höchsten Politikern und Militärs. Wenn man weiß, welche Förderung und finanzielle Unterstützung Jahn durch Gneisenau und den Staatskanzler Hardenberg nach dem Kriege erfuhr, kann man schließen, daß auch diese zu den Wissenden gehörten.

Solche Hintergründe muß man bedenken, wenn man versuchen will, sich in die Gefühlswelt der jungen Generation von 1810 - 1813 - 1815 bis 1819 zu versetzen. Der Vaterlandsbegriff, eben noch verstanden im altgewohnten Denkschema des Spätfeudalismus, dieser Vaterlandsbegriff erhielt nun eine begeisternde neue Dimmension: er wurde auf das g a n z e Deutschland übertragen.
Und Gespräche hierüber bildeten einen wesentlichen Inhalt des Tie, der Versammlung aller Turner an den Übungstagen. Dort konnte es besinnlich oder aufgeregt, ja stürmisch zugehen. In zahlreichen Autobiographien bekennen die Turner dieser ersten Generation, daß sie alsbald erkannten, worauf alles hinauslief, was auf dem Turnplatz betrieben wurde, wozu die Turnfahrten und das Fechten, die Geländespiele auch dienen sollten: der bewaffnete Kampf für die Befreiung des Vaterlandes vom napoleonischen Joch, das war die Aufgabe, auf die Jahn sie vorbereitete, "ohne daß er viele Worte darüber verlor".

Und: sie sangen. Über die gemeinschaftsfördernde Wirkung des Gesanges mögen Musikpädagogen theoretisieren und referieren.
Ich meine: diese Wirkung ist da, sie war um so stärker, je mehr die Sänger gleiches Denken, Fühlen und Handeln verband. Wichtig ist mir dabei folgendes:
Es ist ein Wesenszug von Liedtexten, daß sie in verknappter, auch übersteigerter Formulierung ausdrücken, was Prosa in dieser Kürze nur selten vermag.

Wer nimmt Anstoß an Schillers "Wohlauf, Kameraden, auf`s Pferd, auf`s Pferd"? Da heißt es:

  "Der dem Tod ins Angesicht schauen kann,
Der Soldat allein ist der freie Mann",

die letzte Strophe ruft

  "Die Brust im Gefechte gelüftet" und endet
   
  "Und setzet ihr nicht das Leben ein,
Nie wird euch das Leben gewonnen sein."

Hat Goethe es ironisch gemeint, wenn er Gretchens Bruder Valentin, den Faust meuchelt, sterbend ausrufen läßt

  "Ich gehe durch den Todesschlaf
Zu Gott ein a l s S o l d a t u n d b r a v."?

Das ist Dichtung jener Zeit! Sturm und Drang, Klassik, aber ganz besonders die beginnende Romantik mit ihrer in der Tat manchmal exaltierten Ausdrucksweise.
Sie wurde von Lesern, Hörern und Sängern ernst genommen. Es ist die Zeit, in der Jünglinge wie erwachsene Männer Gefühle zeigen, weinen dürfen, in der pathetische Rede Begeisterung erzeugt.

Und jetzt bricht die Zeit an, in der die Jugend spürt und erkennt: vor ihr steht eine Aufgabe von historischer Größe. Jahns "Volkstum" von 1810 ist nur eine der Schriften, die den patriotischen Aufbruch und zuletzt den Aufstand gegen Napoleon vorbereiten.
Schills mutige, wenn auch noch vergebliche Insurrektion hatte gerade die Gemüter in ganz Deutschland aufgerüttelt. Und so widerspiegelten sich die Gefühle der Patrioten im Gesang - ich zitiere hier das "Lied vom Schill", eher eine gesungene Ballade, von Arndt:

  "Es zog aus Berlin ein mutiger Held,
Der führte 600 Reiter ins Feld.
600 Reiter mit redlichem Mut,
Sie dürsteten alle Franzosenblut.
   
  Auch zogen mit Rossen und Reitern im Schritt
Wohl 1000 der tapfersten Schützen mit.
Ihr Schützen, Gott seg`n euch jeglichen Schuß
Durch welchen ein Franzmann erblassen muß. (...)
   
  Oh weh euch Franzosen, jetzt seid ihr todt,
Ihr färbet die Säbel der Reiter roth.
Die Reiter, sie fühlen das teutsche Blut,
Franzosen zu töten, das deucht sie gut."

Das ist die Zeit, das sind ihre Bedingungen, die das Liedgut prägten, als Jahn sein Werk, den ersten öffentlichen Turnplatz in Deutschland, in Gang setzte. Als aber der Sturm losbricht, ausgelöst durch des preußischen Königs "Aufruf an mein Volk", doch auch durch die eifrige Agitation Jahns und anderer Patrioten, da eilte im besonderen Maße die studentische Jugend zu den Fahnen.
Die Universität Halle, von Napoleon zeitweilig geschlossen, seit 1808 zum Königreich Westphalen gehörig, das von Napoleons Bruder Jerome regiert wurde, hatte im Dezember 1812 ganze 342 Studenten immatrikuliert. Als aus Berlin Jahns Emissär den Aufruf überbrachte, zogen 243 von ihnen nach Breslau.
Es war in der Tat edle patriotische Begeisterung, mit der sie in den Krieg zogen, die sie jene Lieder singen ließ. Es war in der Tat ein Überschwang der Gefühle, der die Texte prägte, gleich ob von Ernst Moritz Arndt, von Theodor Körner oder den andern Dichtern.

Waren sie darum kriegslüsterne, blutgierige Totschläger - weil in unseren Ohren das Liedgut jener Zeit in Teilen tatsächlich ungewohnt martialisch klingt? War Jahn ein Militarist (wie bis heute immer noch - oder wieder - zu hören), weil er dem Turnen neben anderen Zielen auch diese Aufgabe zuordnete - sich auf den militärischen Einsatz für die Befreiung des Vaterlandes vorzubereiten?
Wir werden weder Jahn noch den Turnern, den Studenten und ihren Liedern in ihrer Zeit gerecht, wenn wir h e u t i g e Maßstäbe und Wertungen an sie legen. Sehr wohl allerdings sind in späteren Zeiten, unter veränderten politischen Verhältnissen in Deutschland und zwischen Deutschland und seinen Nachbarn, Lieder dieser Frühzeit des Turnens, dieser patriotischen Aufbruchstimmung mißverständlich gebraucht worden. Oder - kann man sagen: mißbraucht worden? (Das aber ist hier nicht unser Thema)

Wie wenig Vorwürfe der eben genannten Art an die Sänger von 1813 ff. gerechtfertigt sind, mag man hingegen an dem Auseinanderklaffen zwischen hoher patriotischer Begeisterung und tatsächlicher militärischer Einsatzfähigkeit erkennen. Mönnich, selbst Turner und Teilnehmer an den Feldzügen 1813 - 1815, sagt in seiner Schrift "Das Turnen und der Kriegerdienst" über diese fehlende physische Vorbereitung auf die Strapazen des Krieges, daß nur die wenigsten " ... die Tore von Paris erreichten; und zwar waren sie nicht etwa allein in den Gefechten und Schlachten geblieben, sondern in die Lazarethe waren die meisten gekommen, deren Raub viele geworden sind, ehe sie noch einen feindlichen Krieger gesehen hatten."

Ein Biograph Jahns berichtet zu diesen Anfängen eines turnerischen Liedgutes, daß Jahn ein Lied besonders am Herzen lag, weil es deutlicher als andere ausdrückte, worauf die Freiwilligen der Befreiungskriege, die Turner und die Studenten hofften: daß mit dem Kampf gegen Napoleon und mit seiner Vertreibung aus Deutschland schließlich deutsche Einheit, bürgerlicher Fortschritt und Verfassung die Frucht der Mühen sein würde - es ist das Lied "Was ist des Deutschen Vaterland?" von Ernst Moritz Arndt.

Wohl nur der belesene Jahnkenner wird wissen, daß Jahn 1813 die "Sammlung deutscher Wehrlieder" harausgab. Die vierseitige Einleitung ist, wenn man sich in den charakteristischen Stil Jahns eingelesen hat, eines der schönsten Bekenntnisse Jahns zu Deutschland und gleichzeitig erkennbar als Agitation im Sinne des geheimen "Deutschen Bundes", den Jahn mitbegründet hatte.
Dieses Vorwort und die Auswahl der Lieder sind ein einziger Aufruf an alle Deutschen, gemeinsam das Land von Napoleon zu befreien. Und nicht zufällig führt als erstes dieses Lied die Sammlung an, das Jahn immer als sein wichtigstes, wertvollstes empfand: "Was ist des Deutschen Vaterland?"

In ihm fragt der Dichter:

  "Was ist des Deutschen Vaterland?
Ist´s Preußenland? Ist´s Schwabenland?
Ist´s wo am Rhein die Rebe blüht?
Ist´s wo am Belt die Möve zieht?
O nein - sein Vaterland muß größer sein!"
   
  Und er gibt schließlich die Antwort:
   
  "Was ist des deutschen Vaterland?
So nenne endlich mir das Land!
So weit die deutsche Zunge klingt
Und Gott im Himmel Lieder singt:
Das soll es sein! Das, wack´rer
Deutscher, nenne dein!"

Wie verständlich - damals gesungen.
Wie verständlich - wollte man es aus seinem Zeitbezug lösen und etwa unter anderen historischen Bedingungen singen - und meinen!

Was ist verwerflich an den Zielen, Hoffnungen und Handlungen dieser Jugend? Und so, wie ich Verständnis wecken will für die Patrioten jener historischen Situation, sollte der heutige Betrachter, Leser und Hörer auch versuchen, sich in solches Liedgut, in die Äußerungen jeglicher Art aus dieser Zeit hineinzudenken. Unsere Vorväter - und doch auch Vorkämpfer für deutsche Einheit - haben das verdient.

Lessing sagt: "Die Geschichte soll nicht das Gedächtnis beschweren, sondern den Verstand erleuchten."
Ich meine, das paßt gut als Schlußsatz.

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Dr. Eberhard Kunze

"... glaubte Dich meine Mutter ... in der Unterwelt".
Zu einem Brief von G. A. Salchow an F. L. Jahn vom Dezember 1810


A) In einem Privatbrief aus den späten Lebensjahren notierte F. L. Jahn einmal zu
seinen weitreichenden Bekanntenkreisen: "Im Verhältnis zu mir sondere ich die Menschen in zwei Teile: in die, so was von mir hielten, als ich noch nichts galt, und in die, so an mir hielten, als ich nichts mehr war." 1) Solch feine Unterscheidungen provozieren Rückfragen, vor allem hinsichtlich der erstgenannten Gruppe:

- Wer zählte zu den Menschen, die etwas von Jahn hielten, als er noch nichts galt?
- Welchen Anteil hatten daran Freunde und Vertraute aus den langen Studienjahren und aus
  der Klientel des Unitistenordens? Wie reagierte man in diesem Kreis auf das "Gewirr von Plänen" in den gelegentlich erhaltenen Briefen des aufstiegsorientierten Ordensbruders?
- Gibt es überhaupt noch Quellen, die uns zu solchen Fragen auch Antworten liefern
  können?

Nun hat uns der archivalische Zufall knapp drei Dutzend Briefe an F. L. Jahn aus den Jahren 1806 bis 1811 erhalten 2). In dieser Sammlung stecken u. a. fünf Briefe des langjährigen Jahnfreundes G. A. Salchow (1779 - 1829). Die Briefe reichen vom November 1807 bis zum Dezember 1810; die jeweiligen Gegenbriefe Jahns sind leider nicht erhalten. Aus diesem Teilbestand wird hier der jüngste und zugleich längste Brief von Salchow etwa zur Hälfte wiedergegeben.

B) Nach einer längeren schweren Erkrankung im Spätherbst 1810 war Jahn bemüht,
die unterbrochenen Kontakte zu alten Freunden wieder herzustellen. Gleich drei Briefe von Jahn, Lange und Preuß gingen am 25. November 1810 als gemeinsame Sendung an den Jenaer Freund und ehemaligen Ordensbruder Feuerstein. 3) Bereits eine Woche früher, unterm 17. November 1810, war ein Brief von Jahn an G. A. Salchow in Altona abgegangen. Hierauf reagierte Salchow ausführlich im Dezember 1810 4):

"Herrn Jahn
in Berlin

Schon längst, bester Freund! glaubte Dich meine Mutter, trauriger Ahnungen voll, in der Unterwelt, und ich, wenigstens in einem andern Welttheil, ohne mir doch das Ausbleiben aller desfallsigen Nachrichten befriedigend erklären zu können, als uns Dein Brief vom 17. d. Nov. am 20. gedachten Monats/: an dem ich dich wahrlich auch lieber selbst in meiner Behausung gesprochen hätte:/ auf´s angenehmste überraschte. Du bist unserer herzlichsten, innigsten Theilnahme an Deinem langwierigen Krankenlager gewiß, und kannst Dir die Empfindungen denken, die bei´m Lesen der kurzen Schilderung desselben in mir rege wurden, darum mag ich das Papier nicht mit Klagen und Beileidsäußerungen anfüllen. Doch will ich meines wärmsten brüderlichen Danks, für Dein Andenken an mich in den Stunden des Todeskampfes, mich hierdurch entledigt haben. Ahnungen habe ich in verflossener Zeit manche gehabt, doch, wie ich nun sehe, nicht eine richtige. Als ich Deinen Namen unter der Zahl der Professoren an der neu gestifteten Universität zu Berlin nicht fand, da vermuthete ich Dich weit von uns; ob aber an den Ufern des Tafo oder des de la Plata, blieb mir ein Räthsel. - Besser so, wie es jetzt ist; und Dank dem Schicksal, daß es dem teutschen Vaterlande seiner würdigsten Söhne Einen, mir den gerechtesten meiner Freunde erhalten hat! Die Nachweben der Krankheit wird diejenige Hand stillen, die Dich bisher ... 5) ... Nothendigkeit hat Dich einstweilen zu meinem Berufsverwandten gemacht. Erlaube mir ein paar Worte darüber: Wie nützlich Du den jungen Menschen, die Deiner Aufsicht und Unterweisung anvertraut sind, in jedem Betrachte seyn mußt, als Wecker, Leiter und Lehrer, daran zweifelt keiner weniger, als ich; aber auf der andern Seite ist auch keiner stärker; als ich, davon überzeugt, daß dieses Geschäft, auf die Dauer; Deinem Seyn und Wesen, dem höhern geistigen Leben Deines Selbstes, deiner Eigenthümlichkeit, als Mensch, - nicht zusagt. Wohl weiß ich, wie die Eindrücke der Kindheit und des Knabenalters bleibend für´s Folgeleben sind, und kenne Deine richtigen Einsichten und Einblicke in die Herzen der Jugend; aber - Du wirst stets eindrucksvoller auf Erwachsene wirken, die, selbstwählend und selbstwollend, Deinen Unterricht ansprechen, nicht mehr von dem Einflusse der Aeltern, Basen und Vettern bestimmt werden. Und darum ist es mir lieb, daß Du Dich zum Doctor vorbereitest, und unter Gottes Segen künftigen Frühling diese Laufbahn eröffnen wirst. An Zuhörern wird es Dir nicht fehlen, und des Beifalls aller Unverstockten bist Du im Voraus gewiß. Daß Du nicht blendest, nur erleuchtest, daß Du nicht zu viel auf Einmal gebest; mit Einem Wort, das Goldsprüchlein: "est modus in rebus"; brauche ich Dir nicht in Erinnerung zu bringen.
Zu der Zeitschrift, deren Herausgabe Du vorhast, wünsche ich Dir günstigen Anfang und gedeihlichen Fortgang, wünsche, und hoffe ihn. An Beiträgen von mir soll es nicht fehlen, wenn Du dichterische aufnimmst /: denn prosaische werde ich schwerlich je wieder zu Tage fördern :/ und mich mit Deinen jedesmaligen Wünschen bekannt zu machen die Güte hast und die Zeit bestimmst, in der sie bei Dir eintreffen müssen, so wie die Wege, auf denen sie sicher zu Dir gelangen.
Du frägst mich: wie Dein D.V. mir gefiel; und welche Gegenstände desselben vorzüglich? - Das ganze Buch ist ein Werk, Deiner würdig; ich habe es mit mehr Vergnügen, denn irgend ein anderes gelesen, und mit Befriedigung auf kurze Zeit beiseite gelegt; -, wenn ich aber einen oder den andern Gegenstand, als vorzüglich gefällig, ausgeben sollte, würde mir die Wahl schwer fallen. Alle Gegenstände scheinen mir mit gleicher Einsicht, Umsicht, Rücksicht und Vorhersicht behandelt, - daß indeß Alles in´s Alte hinein Greiffende, das vergangene Große in´s Leben der Gegenwart wünschende, und Jenes, das Heerd und Heiligthum = erhaltende Kriegswesen Betreffende, mich am lebhaftesten und angenehmsten beschäftigt und unterhalten hat, darf ich Dir wohl sagen; denn ich lebe nun einmal, nur dem Leibe nach, in dieser Welt, wie sie jetzt ist. - Fichte´s Lobspruch: "es sey zu kurz"; pflichte ich nicht bei. Sapenti sat" denke ich; für ein Geschlecht von Kindern ist es ja nicht geschrieben. - Was ist denn das für ein v. H.....dt, den es zu Deinem Widersacher gemacht hat? Doch nicht der berühmte Alexander mit dem Essiggesichte? Nun ich mögte doch wissen, was der daran auszusetzen hätte. - Zschokke in seinem Miszellen für die allgemeine Weltkunde läßt Dir wenigstens in Hinsicht auf die Abhandlung über Deutsche Sprache Gerechtigkeit widerfahren (:sonst mag er zwar auch dort nicht viel mit Dir zu thun haben :) aber den ehrlichen Zeune nimmt er auf demselben Blatte häßlich mit. - Nun, Du wirst es ja selbst gelesen haben. - Ich werde mir Zeune´s Thuiskon, und Arndt´s Buch nach Neujahr von Hammerich geben lassen. Ich würde Deine Güte zu sehr beschweren, wenn ich die Uebersendung derselben Dir zumuthen wollte.
Von den Erhebungen weiß ich wenig oder nichts. Prof. Hermann hat keinen meiner beiden Briefe beantwortet; indeß hat er diesen verg. Sommer den Hannibal und Simiger mit einigen Abänderungen, und von einer verbindlichen Anmerkung begleitet, einrücken lassen. Mein Salomo und die erste Sammlung meiner Gedichte liegen noch bei ihm. - Gerne besäße ich alles, was von dieser Zeitschrift heraus ist; aber Briefe schreiben, in der festen Voraussetzung, keine Antwort zu erhalten, kann ich vor mir selbst nicht verantworten. Meine Geschäfte sind mehr als lastend. Die Lehrweise, so ich mir zum Gesetz machte, auf 30 Schüler berechnet, muß jetzt, des Zeitendrucks und der schlechten Bezahlung wegen, gegen einige und 50 beobachtet werden. Denn die Aeltern meiner Schüler sind ja nicht Schuld am Zeitendruck; und wenn sie mir ihr Vertrauen gönnen, muß ich, so viel an mir liegt, den Grund rechtfertigen, aus dem sie es mir gönnen. Und meine dichterischen Arbeiten kann ich ebenfalls nicht abgehen lassen. Ohne je daran gedacht zu haben, kam mir vor 3½ Jahren der innere Aufruf dazu. Ihm mußte ich folgen, und werde ich folgen, bis sein letzter Ton verhallt. Schreibe ich daher einen Brief an Freunde, die mich nicht kennen, aber doch vielleicht kennen lernen mögten, so erwarte ich Antwort, so schweig ich. - Ich will nichts von der Welt; sie hat kein Vergnügen mir zu bieten, das ich nicht genossen und bald ermüdend gefunden hätte - das der Freundschaft abgerechnet, die indeß keine Frucht der Welt, sondern unsrer Herzen war -. (... ... ...) 6)
Das war ein langer Brief! Der nächste soll, mit Gottes Hilfe, desto kürzer werden. Meine Mutter läßt Dich herzlich grüßen, und vereinigt ihre besten Wünsche für die völlige Wiederherstellung Deiner Gesundheit (...) mit den meinigen Jahn und krank - wer kann diese beiden Begriffe vereinigen? Schreibe mir recht bald wieder!

Der Deinige
G. A. Salchow."

C) Es würde wohl zu weit führen, alle Einzelheiten und Anspielungen kommentierend aufzudröseln; drei Bemerkungen mögen genügen:
Die Besprechung des "Deutschen Volkstums" durch H. Zschokke war bislang nicht bekannt; es fehlt ohnehin eine systematische Sammlung und Sichtung der zeitgenössischen Besprechungen zum DV 7). Mit dem "Widersacher" ist wohl nicht Alexander, sondern Wilhelm von H(umbol)dt gemeint. Er war seinerzeit oberster Leiter der preußischen Wissenschafts- und Unterrichtsbehörde. In seine Amtszeit fielen Jahns erfolglose Bewerbung um eine Stelle an der Universität Berlin sowie die gescheiterte Lehramtsprüfung. Jahns "Nachschrift" zum DV vom März 1810 könnte auch gegen W. v. Humboldt gerichtet sein.
In der Zeitschrift "Erhebungen" hatte Jahn 1809 in mehreren Folgen einen Vorabdruck des DV-Kapitels über "Volkserziehung" untergebracht 8). Dieser Vorabdruck fehlt in EULERs Werkausgabe ebenso wie der Hinweis auf die zweite Subskriptionsanzeige zum DV in der Jenaischen Literaturzeitung vom August 1809.
Insegesamt überrascht an Salchows Brief die intime Kenntnis der Pläne und Probleme Jahns aus dessen Startphase zu Berlin. Wie weit reichte die wechselseitige Freundschaft zurück? Und welche Rolle spielte darin die gemeinsame Prägung durch den studentischen Freundschaftsbund des Unitistenordens?

D) Bislang kannte man G. A. Salchow nur als Adressaten eines Briefentwurfs, den
Jahn Anfang Mai 1806 in Jena niedergeschrieben hatte. Der Hauptteil des Entwurfs enthielt die oft zitierte und stark stilisierte Bildungsgeschichte Jahns bis zu dessen Eintritt in den Studentenorden der Unitisten am 6.3.1798 9). "Den Rest weißt Du", hatte Jahn als letzten entzifferbaren Satz notiert 10). Doch woher und seit wann kannte Salchow die weitere Ordenskarriere Jahns?
G. A. Salchow stammte aus Meldorf in Holstein. Der Arztsohn hatte nach dem Abitur erst ordnungsgemäß Theologie in Kiel studiert (1795 - 1797). Danach gönnte er sich mehrere Jahre freieren Studiums vornehmlich in Jena 11). Im März 1799 kam es dort zu einer zeitweiligen Auflösung der lokalen Unitistenloge; in den einschlägigen Berichten der Universität tauchte auch Salchows Name auf 12). Mithin spricht vieles dafür, dass Jahn seinen Ordensbruder schon im Zuge seiner ersten Besuche in Jena - 1798/1799 kennen lernen konnte 15).
Unterm 8. Sept. 1802 verabschiedete sich Salchow von Jahn mit einem umfangreichen, in Halle ausgestellten Stammbuchblatt, das mit mehreren Unitistenzeichen durchsetzt war 14). Zwischen 1803 und 1805 übernahm dann Salchow im damals dänischen Altona ein privates Erziehungsinstitut, das er bis zu seinem Lebensende (1829) leitete.
Seit dem September 1807 lebte Jahn bekanntlich im westlichen Mecklenburg auf dem Landgut Dammereez der Familie von Laffert 15). Von hier aus wurde die alte Freundschaft zwischen den Ordensbrüdern durch persönliche Besuche und Briefwechsel rasch wieder intensiviert. So wurde der erste der überlieferten Briefe von Salchow (vom November 1807) kurz nach einem Jahnbesuch in Altona geschrieben; er ist, wie die weiteren Briefe aus dem Jahr 1808, mit einem unauffälligen Unitistenzeichen (./:) versehen. Der Gedankenaustausch umspielte vor allem die beiderseitigen, wenn auch unterschiedlichen literarischen Interessen. Mit einem gereimten Zehnzeiler von Salchow eröffnete z.B. Jahn sein DV-Kapitel über "Gleichmäßige innere Staatsverwaltung":

  "Ordnung einig knüpft das Erdgewimmel,
  Dies ist Jupiters bedachter Plan (...) 16).

Wie Salchow seinerseits Jahns Volkstum auffasste, lässt sich dem oben abgedruckten Brief entnehmen.
Es überrascht hiernach wohl nicht, dass Salchow 1812 auch jenem Netzwerk "Deutsche(r) Agenten in Deutschland" auftauchte, das J. Gruner mit Hilfe Jahns und Teilen des `Deutschen Bundes`aufgebaut hatte. In diesem antifranzösischen Agentennetz besetzte Salchow den wichtigen "CorrespondenzBeförderungsPunkt" an der Elbe in Altona 17). Ein Jahr später war der begabte Verseschmied mit einem der bekannteren Lieder in Jahns Sammlung "Deutsche Wehrlieder ..." vertreten, mit dem "Morgenlied der schwarzen Freischar!":

 

"Heraus, heraus die Klingen,

  Laßt Roß und Klepper springen!
  Der Morgen zeucht heran,
  Das Tagwerk hebet an!" 18)

Schließlich wurde Salchow 1816 auf Vorschlag Jahns zu einem der auswärtigen Mitglieder der `Berlinischen Gesellschaft für Deutsche Sprache` ernannt. Einige weitere Liedertexte von ihm übernahn Jahn 1817 in seine Sammlung der "Dank- und Denklieder zur Feier der Leipziger Schlacht" 19).
Erst danach verlieren sich die Spuren einer über Jahre intensiv empfundenen Freundschaft aus der Tradition des Unitistenordens, einer Freundschaft, "die indeß keine Frucht der Welt, sondern unserer Herzen war". Es dürfte sich lohnen, dieses Muster intimer Freundschafts- und Vertrauensbande im engeren Umfeld Jahns zu untersuchen; ehemalige Ordensbrüder wie F. Newyahn, O. Preuß, F. W. Lange oder C. F. W. Feuerstein bieten genügend Stoff für weitere Recherchen zu den frühen Freundeskreisen F. L. Jahns.


Anmerkungen:

1) Brief an Frau E. Meffert vom 17. Jan. 1847. MEYER II, S. 450
2) G StA PK Berlin, Rep 77, Tit 29, Nr. 1, Jahn`sche Papiere.
3) Vgl. den Jahnbrief in MEYER II, S. 54 ff. Die Briefe von Lange und Preuß müssten neu
  edidiert werden.
4) Orts- und Datumsangabe fehlen durch Abriss.
5) Hier fehlen etwa zwei Zeilen durch Abriss.
6) Die folgenden Briefblätter (5 - 9) wurden ausgelassen. Salchow berichtet hier nur über
  seine dichterischen Arbeiten.
7) Vgl. als Einstieg die Jahnbibliografie in GOEDEKE (1959)), Bd. 14, S. 633 f.
8) Wie Anm. 7, Nr. 1034.
9) Vgl. MEYER II, S. 21 - 25.
10) Der Satz fehlt bei MEYER.
11) Die Immatrikulation erfolgte am 7.Mai 1798. - Freundliche Mitteilung des UA Jena.
12) Vgl. GOETZE (1932), S. 100f.
13) Vgl. hierzu die Edition der Stammbuchblätter für Jahn durch Gü. JAHN (1994),
  Nr. 1 - 13.
14) Gü. JAHN (1994), S. 111, Nr. 30.
15) Vgl. ausführlicher KUNZE: Konnexion und Karriere. Im Druck.
16) Zit. nach EULER (1884), Werke Bd. 1, S. 176.
17) Vgl. FOURNIER (1912), S. 168.
18) Zit. nach EULER (1884), Werke Bd. 1, S. 395 f.
19) Zum damaligen Liedgut der Turner vgl. FROST (1999).

Benutzte Quellen und Literatur:

1) G StA PK Berlin, Rep 77, Tit 29, Nr. 1, Jahn´sche Papiere.
2) C. EULER (Hrsg.): F. L. Jahns Werke, Bd. I. Hof 1884.
3) A. FOURNIER: Stein und Gruner in Österreich. In: Ders: Historische Studien und Skizzen.
  Wien/Leipzig 1912, S. 99 -212.
4) W. FROST: Jugend und Patriotismus in der Frühzeit des vaterländischen Turnens.
  In: Jahn-Report 12 (Dez. 1999), S. 9 - 15.
5) K. GOEDEKE (Hrsg): Grundriss zur Geschichte der deutschen Dichtung aus den Quellen.
  2. Aufl., Bd. 14. Berlin 1959. Art., `F. L. Jahn`.
6) O. GOETZE: Die Jenaer akademischen Logen und Studentenorden des
  XVIII. Jahrhunderts. Jena 1932.
7) G. JAHN: Die Stammbuchblätter Friedrich Ludwig Jahns. In: Einst und Jetzt. Bd. 39 (1994), S. 87 - 141.
  (1994), S. 87 - 141.
8) E. KUNZE: Konnexion und Karriere. Im Druck.
9) W. MEYER (Hrsg): Die Briefe F. L. Jahns. Quellenbücher der Leibesübungen Bd. V.
  Dresden o. J. (Zit. als MEYER II).

 

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Dr. Josef Ulfkotte

Ein unbekannter Brief F. L. Jahns an die Herausgeber der Turnzeitschrift
"Der Turner" aus dem Jahre 1846

Aus dem Jahn-Museum:

Es ist bekannt, dass Jahn schon in seiner Berliner Zeit den Plan verfolgte, ein "Jahrbuch der Turnkunst" ins Leben zu rufen, das den Gedankenaustausch unter den Turnern und Turnfreunden in allen deutschen Staaten fördern sollte. Mit dem Verbot des öffentlichen Turnens und der Verhaftung Jahns scheiterte dieses Vorhaben, das in Preußen erst nach der Aufhebung der "Turnsperre" 1842 wieder in Angriff genommen werden konnte. Die Turnvereine, die nun in einer ersten Vereinsgründungswelle wie Pilze aus dem Boden schossen, dürften es gern gesehen haben, dass es schon bald zur Gründung der ersten Turnzeitschriften kam, deren Namen heute kaum noch bekannt sind: Allgemeine Turn-Zeitung (1842), Jahrbücher der deutschen Turnkunst (1843 - 1844), Mainzer Turn-Zeitung (1846), Nachrichtsblatt für Deutschlands Turnanstalten und Turngemeinden (1846 - 1847), Turn-Zeitung (1846 - 1847), Rheinische Turnhalle (1847 - 1848), Deutsche Turner-Zeitung (1848), Deutsche Turnhalle
(1849 - 1850), Turnblatt für Schwaben (1850 - 1853), Turnzeitung. Bahnfrei. Zeitschrift für Turn- und Feuerlöschwesen (1854 - 1857). 1) Das führende turnerische Publikationsorgan dieser Jahre war zweifellos "Der Turner. Zeitschrift gegen geistige und leibliche Verkrüppelung", die von 1846 bis 1852 in Dresden erschien. Dass diese Zeitschrift auch die stürmischen Revolutionsjahre 1848/49 überdauerte, ist sicher ein Verdienst von Ernst Steglich, der den "Turner" zunächst gemeinsam mit G. H. Kirsten herausgab, bis er die alleinige Verantwortung für das Blatt übernahm, das seine Leser über alle Bereiche der "Turnkunst" informierte. Dazu zählten längere Abhandlungen über bestimmte Themen ebenso wie Buchbesprechungen, unterhaltende Beiträge und Vereinsnachrichten. Unter den zahlreichen Beiträgen findet sich auch Jahns Aufsatz über den Turnergruß "Gut Heil", der 1846 gedruckt wurde, und sein Artikel zur "Ehrenrettung des Fromm", der Anfang 1847 erschien. 2)
Da überrascht es schon, dass der Name Ernst Steglich in der 1913 im Auftrage der Deutschen Turnerschaft von Wolfgang Meyer herausgegebenen Sammlung der
Jahn-Briefe nicht einmal erwähnt wird. Dennoch sind Briefe Jahns an Steglich bzw. an die Redaktion des "Turner" überliefert, die seit 1952 im Jahn-Museum aufbewahrt werden. Zu diesem kleinen Bestand gehört auch der folgende bisher unbekannte Brief, der undatiert ist und auch keinen näher bezeichneten Adressaten hat. Aus seinem Inhalt lässt sich indessen zweifelsfrei erschließen, dass er an die Herausgeber des "Turner" gerichtet ist. Da diesem Brief die "Ehrenrettung des Fromm" (s. o.) beiliegt und Jahn am Ende bemerkt: "Es ist hier Weinlese", dürfte er im Oktober 1846 geschrieben worden sein.
Der Brief ist insofern aufschlußreich, weil er zeigt, dass sich Jahn einige Jahre nach seiner Rehabilitierung durch Friedrich Wilhelm IV. im Jahre 1840 nicht damit begnügte, die weitere Entwicklung des Turnens nur passiv zu verfolgen. Er mischte sich ein und vertrat seine Meinung, auch wenn dies nicht so gräuschvoll und öffentlichkeitswirksam geschah wie vor 1819. Bis heute wissen wir viel zu wenig über Jahns vielfältige Aktivitäten nach seiner Rehabilitatierung, die ja wohl auch dazu beigetragen haben, dass er am 10.Mai 1848 in Merseburg mit 89 von 148 Stimmen zum Abgeordneten für die Frankfurter Nationalversammlung gewählt wurde. Den Herausgebern des "Turner" und dem Turnrat des Dresdener Turnvereins gibt Jahn in seinem Schreiben einige "Verhaltensregeln" an die Hand, die nach seiner Auffassung geeignet sind, eine erneute Diskreditierung des Turnens zu verhindern. Um so größer war seine Enttäuschung, dass sich viele Turner in der Revolution von 1848/49 von ihm abwandten und eine Spaltung der Turnbewegung herbeiführten. Der "Turner" hat die Revolutionsjahre überdauert, weil sich Steglich nicht von den widerstreitenden Interessen und Meinungen beeinflussen ließ und eine gemäßigte Richtung beibehielt.
In der nachfolgenden Wiedergabe des Brieftextes wurde die Schreibweise Jahns beibehalten.

"An (Ernst Steglich in Dresden, Oktober 1846)
  (Oktober 1846)

Nachstehende flüchtige Worte, sind zunächst für die Herausgeber des Turners, dann für den Turnrath, doch nicht für den Druck.
Das Turnen hat viel Feinde. Sie ahnt jeder, wenn er sie auch nicht kennt. Deren Hauptwaffe ist, Absonderung, Vereinzelung, Entzweiung hervorzubringen, und diese zu Fehde und Feindschaft zu steigern.

Was giebt es da für Verhaltensregeln?

1. Hindert die Turnschmier(er)ei, der vielen unreifen Turnbücher.
2. Erhaltet, wenn Liebe und Achtung nicht möglich sind, doch ein gegenseitiges
  genossenschaftliches Benehmen unter den Turnlehrern verschiedener Orte.
3. Seid schonend in Euren Rügen, mild in Euren Ausstellungen, und sanft in
  Zurechtweisungen.
4. Deckt die Schwächen einzelner Turnvorsteher nicht schonungslos auf, zieht nicht ihr
  bürgerliches, und gewerbliches Leben vor den gedruckten Richterstuhl.
5. Ahmt nicht die andern Blätter nach. Haltet Eure Besprechung, Antwort und Widerlegung in
  anständiger Weise, als verführet Ihr öffentlich auf einem Reichstag. Ruppen dürfen wir nicht, obschon es noth thäte.
6. Besonders fahret nicht mit Greißelhieben über Liedersammlungen her. Die turngemäßesten
  Lieder werden sich dem Volke schon einsingen, die turnwidrigen werden verstummen. Bedenkt, daß die meisten als Gelegenheitsgedichte geboren sind, wenn sie auch nachher allgemeiner geworden. Es ist fast oft nicht zu umgehen; daß bei einem neuen Turnplatz nicht ein neues Lied aufkäme, was eigentlich kein Lied ist. Das geht von selbst unter. Man braucht ihm keinen Schub zu geben. Man braucht den Verfasser nicht zu verletzen, der es wohlgemeint, aber nicht verstanden.
   
  Genug! Es ist hier Weinlese. F. L. J."

 

Anmerkungen:

1) Eine knappe Charakterisierung einzelner Zeitschriften bietet Neuendorff, Edmund:
  Geschichte der neueren deutschen Leibesübung vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Bd. 3, Dresden o. J., S. 433 ff. - Soweit ich sehe, sind die Anfänge der Turnpresse in Deutschland bisher noch nicht systematisch untersucht worden.
2) Beide Texte sind abgedruckt bei Euler, Carl: Friedrich Ludwig Jahns Werke,
  Bd. 2, Teilband 2, Hof 1887, S. 918 ff.

 

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Prof. Dr. Harald Braun

Jahn und seine Turner im Lützowschen Freikorps -
ein preußischer Vortrupp im Kampf um Deutschlands Einheit und Freiheit

Bei den etwa 1200 Textseiten, die ich für die Anfertigung dieses Vortrags gelesen habe - habe lesen müssen - ist sehr oft - und nicht nur in turnhistorischer, sondern sehr wohl auch in älterer und neuerer allgemein historischer Literatur -
F. L. Jahn genannt, nicht aber die Turner: D.h., ich habe nur eine einzige konkrete Zahl gelesen, die aber nicht die Anzahl der Berliner Turner im Lützowschen Freikorps verrät, sondern zwei nennt, die nicht teilgenommen haben: Das waren 1. Ernst Eiselen, schwächlich und kränkelnd, die rechte Hand Jahns in der Hasenheide. Er hat während der Befreiungskriege das Turnen auf der Hasenheide mit den jüngeren, noch nicht wehrfähigen Turnern weiterbetrieben, und 2. Friedrich Wilhelm Lange, ein Ordensbruder von Jahn. Er hat nicht aktiv teilgenommen, da er so mickrig war: Bis auf diese beiden haben also alle wehrfähigen Turner vom 16. bis 60. Lebensjahr an den Befreiungskämpfen gegen Frankreich unter Kaiser Napoleon I. teilgenommen! Sie waren verteilt auf andere Freikorps oder standen in den regulären Truppen.

Wer oder was war denn nun das Lützower Freikorps?

Für den bevorstehenden Freiheitskampf hatte Jahn bereits Ende 1812 bei der preußischen Regierung für die Aufstellung eines Freiwilligenverbandes geworben.
Nachdem am 3. Februar 1813 in Preußen der "Aufruf zur Bildung freiwilliger Jägerkorps" erschienen war, hat Adolf L. W. von Lützow (1782 - 1834) zusammen mit zwei Majoren, die bereits bei der verheerenden preußischen Niederlage gegen die Franzosen bei Jena und Auerstädt 1806 gekämpft hatten, den preußischen König um die Erlaubnis der Aufstellung eines solchen Korps gebeten. Die positive Antwort des Königs enthielt folgende Bedingungen:

1. Es können nur Freiwillige, hauptsächlich Ausländer, d. h. Nicht-Preußen, also Sachsen,
  Westfalen, Bremer, Hamburger u. a., eintreten, die sich selbst einkleiden, uniformieren mussten (schwarze Uniform). Auch die Waffen sollten möglichst selbst gestellt werden. Den Sold bekamen sie vom preußischen Staat.
2. Wenn das Korps nicht die Stärke einer Kompanie erreicht, wird es auf andere Einheiten
  verteilt (1 Kompanie bestand aus 15 Oberjägern, 3 Hornisten und 132 Jägern, also insgesamt aus 150 Mann).
3. Das Korps sei eine leichte Truppe außerhalb der Linie im Einsatz.
4. Es dürfen nur bereits verabschiedete, untadelige Offiziere, besonders aus dem "Ausland",
  eingestellt werden.

Dieses Lützower Korps erhielt die Bezeichnung "Königlich Preußisches Freikorps", Fr. L. Jahn den Titel: Königl. Preuß. Leutnant. Über die zahlenmäßige Größe gibt es in der Literatur unterschiedliche Angaben. Nach Meyers Konversationslexikon von 1877 bestand das Korps Ende März 1813 bereits aus 900 Mann Fußvolk und 260 Reitern, d. h. aus 3 Bataillonen und 4 Eskadrons 1). Bamer (2000) nennt 4 Bataillone.

Als Friedrich Wilhelm III. Ende Januar 1813 nach Breslau ging, waren ihm aus Berlin Fr. L. Jahn und Karl Friedrich Friesen, ein enger Mitstreiter Jahns (geb. 1784 in Magdeburg, erschlagen von bewaffneten französischen Bauern bei La Lobbe in Frankreich im März 1815), gefolgt. Die beiden waren nach der Genehmigung des Freikorps, das man wegen der schwarzen Kleidung auch die Schwarze Schar nannte, die ersten Freiwilligen, die nicht nur aus Preußen, sondern aus vielen deutschen Teilstaaten nach Breslau kamen: Neben dem publizistischen Wirken von Ernst Moritz Arndt aus Greifswald (später Bonn) und Joseph Görres aus Koblenz war es besonders Jahn zu verdanken, dass so viele aus der gebildeten Jugend Deutschlands in das Lützower Freikorps eintraten. Gymnasiasten und Studenten, Lehrer und Professoren, Dichter, Ärzte, Geistliche, Beamte und ehemalige Offiziere, Handwerker und Bauernsöhne meldeten sich. Die Universitäten in Berlin, Königsberg, Jena, Halle und Göttingen stellten ihren Lehrbetrieb ein.

Selbst Frauen traten unerkannt den Lützowern bei: Maria Buchholtz aus Charlottenburg, Anna Lühring aus Bremen, Leonore Brochaska aus Potsdam und Johanna Stegen aus Lüneburg. Lina Petersen und Friederike Krüger aus Mecklenburg, die sich anderen Freiwilligenkorps angeschlossen hatten, waren sogar zu Offizieren ernannt worden. Frauen in der Bundeswehr sind also nichts Neues.

Auch Abenteurer und während des Krieges aus dem französischen Heer desertierte Deutsche fanden Aufnahme in der Schwarzen Schar. Laut Zeppelin (1913) sollen bis zur Kriegserklärung am 17. März 1813 8.500 Mann den Freiwilligenkorps beigetreten sein.

Eingekleidet und einquartiert waren die Lützower in dem schlesischen Städtchen Zobten und den umliegenden Dörfern.

Der spätere Feldmarschall Graf Gneisenau schrieb im März 1813 an Minister Eichhorn:

  "Es ist eine große herzerhebende Zeit. Ich habe Eckardt, Jahn, Friesen,
  Jahnke in ihrer Militärkleidung gesehen! Es ist mir schwer, mich der Tränen zu enthalten, wenn ich all den Edelmut, diesen hohen Sinn gewahr werde... Öfters führt mich mein Weg durch eine Straße, wo diese edlen Jünglinge sich versammeln. Welches Glück, so lange gelebt zu haben, bis diese weltgeschichtliche Zeit eintrat. Nun mag man gern sterben, wir hinterlassen unsern Nachkommen die Unabhängigkeit."

Es heißt, dass durch den guten Geist und Gemeinsinn, die vornehmlich von Jahn, Friesen und Theodor Körner u. a. geprägt wurden, die Freiwilligen auch aus den Reihen der universitären Landsmannschaften, gegen die Jahn während seiner langen Studentenzeit immer wieder ankämpfte, weil sie dadurch die Teilung Deutschlands auch an den Universitäten symbolisierten, für die nach dem Befreiungskrieg zu gründende allgemeine deutsche Burschenschaft gewonnen wurden.

Auf die Uniform der Lützower, die, vom preußischen König bestimmt, schwarz sein musste, dazu rote Schulterklappen und Bänder, sowie goldgelbe Knöpfe, gehen unsere heutigen Nationalfarben schwarz-rot-gold zurück. Auch die Fahne des Lützower Freikorps, die es 1813 von Berliner jungen Frauen geschenkt bekam, hatte diese Farben. Sie bestand aus zwei Bahnen schwarzer und roter Seide und goldenen Fransen, ähnlich der späteren Burschenschaftsfahne. Da aber das Freikorps auf königliche Anordnung keine Fahne führen durfte, wurde sie Jahn und Dürre übergeben und von letzterem aufbewahrt. Die Behauptung des preußischen Geschichtsschreibers Heinrich von Treitschke von 1882, "zum Feldzeichen ihres Bundes und der deutschen Einheit" hätte das Lützower Freikorps auf Jahns Vorschlag ein schwarz-rot-goldenes Banner gertragen, stimmt also nicht, da es keine eigene Fahne tragen durfte.

Drei dieser Lützower Offizierssakkos befinden sich noch im Bremer Fockemuseum. Interessant ist, dass sie das rot unterlegte Bremer (oder Hamburger) Hanseatenkreuz tragen, was gegen die Vorschrift verstieß, da nichtpreußische Soldaten in preußischen Diensten keine heimatlichen Zeichen tragen durften. Eine weitere Lützower Uniform wird im Lübecker St. Annenmuseum aufbewahrt.

Bis zur Gründung der Jenaischen Burschenschaft 1815, der sog. Ur-Burschenschaft, wurden die Farben Schwarz-Rot-Gold verwendet, unter denen alle deutschen Studenten als Vorbild für die angestrebte liberal-nationale politische Einigung Deutschlands zusammengefasst werden sollten.

Nachdem König Fr. W. III. sich des Beistandes der Russen im Befreiungskampf gegen Napoleon gewiss war, erklärte er Frankreich am 17. März 1813 den Krieg. Gleichzeitig erließ er den "Aufruf an mein Volk" und befahl die Bildung des Landsturms.

Preußen hatte damals etwa 4,9 Millionen Einwohner, stellte aber ein Heer von mehr als 270 000 Mann auf. Die allgemeine Wehrpflicht wurde erst am 3. September 1815 eingeführt. Die Reservisten wurden aufgeboten, die Krümperschen 2) zu den Waffen gerufen und die Freiwilligen aus anderen deutschen Partikularstaaten wie auch aus dem Ausland ergaben die genannte Heeresstärke. Den Oberbefehl erhielt der preußische Heeresreformer Scharnhorst.

Nach der Vereidigung und Einsegnung des Lützower Freikorps in der protestantischen Kirche von Rohgau am 27. März 1813, bei der Jahn und Hauptmann von Helmenstreit beim Schwur ihre Säbel gekreuzt hielten, marschierte die Schwarze Schar über Dresden nach Leipzig, wobei immer kleinere und größere Gruppen von Freiwilligen aus ganz Deutschland zustießen.

Auf Scharnhorsts Befehl sollte dieser zusammengewürfelte Haufen Richtung Harz bis Göttingen vordringen, um dem französischen Heer die Versorgungslinien abzuschneiden und die Volkserhebung zu betreiben. Leutnant Jahn führte die unausgebildeten Leute der Infanterie. Jahn war von Scharnhorst und Blücher beauftragt, die Einwohner des Königreichs Westfalen zum Aufstand aufzurufen. Aufgrund des Vormarsches des französischen Heeres von Mainz her wurde die Schwarze Schar nach Norden abgedrängt und bewegte sich im Raum Halle-Magdeburg, um dann rechts der Elbe nach Norden zu marschieren. Die vom deutschen Volk mit Begeisterung gefeierte, von Dichtern vielbesungene und verklärt dargestellte "Schwarze, verwegene Schar" konnte im Frühjahrsfeldzug 1813 die in sie gesetzten hohen Erwartungen nicht erfüllen.

Am 11. Mai 1813 überschritten die Lützower von Perleberg über (Lanz und) Lenzen kommend bei Danneburg die Elbe. Aber nicht zum Einsatz gekommen, wandte sich Lützow am 28. Mai von der unteren Elbe nach Thüringen und bis nach Hof in den Rücken des Feindes.

Da das Freikorps keinen Anspruch auf die Heeresverpflegung hatte, musste es sich selbst verpflegen und dies vom spärlichen und oft genug verspätet eintreffenden Sold bezahlen. Die Offiziere, so auch Jahn, hatten es besser. Sie quartierten sich bei wohlhabenden Bauern ein und wurden von diesen verköstigt. Es heißt, dass sie bei einem Bauern in der Altmark gebratene Tauben zu essen bekamen. Später erst ist den Lützowern bekannt geworden, dass es in jenem Dorf einen ausgezeichneten Krähenfänger gegeben haben soll!

Aufgrund des Waffenstillstandes vom 4. Juni bis 20. Juli 1813 - verlängert bis
10. August - zog sich die darüber entrüstete Freischar hinter die als Demarkationslinie fetgelegte Elbe zurück. Dabei wurde sie bei Kitzen am 17. Juni 1813 gegen jegliches Kriegsrecht überfallen und der Dichter Theodor Körner verwundet.
Wegen der hohen Verluste musste das Freikorps neu formiert und ausgerüstet werden, hatte aber auf Anordnung König Fr. W. III. vom 20. Juli 1813 seine Eigenständigkeit verloren und wurde am 12. August dem Kommando des Generalmajors von Tettenborn der Nordarmee unterstellt.

Th. Körner, der inzwischen genesen war, traf am 13. August bei Ratzeburg wieder zu den Lützowern, um am 26. August bei einem Angriff auf einen feindlichen Wagenzug bei Gadebusch mit 22 Jahren zu fallen.

Auch August Renz alias Eleonore Brochaska erhielt in jenen Tagen, am
16. September im Gefecht an der Göhrde eine Verwunderung, aufgrund derer sie von ihren Kameraden als Frau erkannt wurde. Sie erlag 28jährig am 5. Oktober der Verwundung.

Am Vorabend der Völkerschlacht bei Leipzig vom 15. - 18. Oktober 1813 sprach der Befehlshaber des Löwenberger Regiments, Graf Schweinitz, von dem Freikorps:

  "Die aufreibenden Märsche, Krankheiten und Desertationen hatten nach und
  nach alle zweifelhaften Elemente, alle physisch und moralisch Untauglichen aus ihren Reihen entfernt. Was übrig blieb waren würdige Glieder der Armee geworden..."

Generalmajor von Pfuel schrieb über Jahn:

 

Im Feldzug 1813, wo das Lützowsche Freikorps der Avantgarde des

  Wallmodenschen Armeekorps unter General von Tettenborn zugeteilt war, habe ich den beim Lützowschen Korps als Leutnant stehenden Prof. Fr. L. Jahn überall als einen tätigen und vor dem Feinde entschlossenen Offizier kennengelernt, und namentlich hat sich derselbe in den Gefechten bei Gudrow und vor Mölln am 4. September, wo er das 3. Bataillon Lützow kommandierte, sowie an der Göhrde, durch Tapferkeit und Umsicht unter meinen Augen auszeichnet; solches bezeuge ich mit Vergnügen.

Jahn sah in der Bildung des Freikorps (wie auch in den Landwehren) aufgrund der Zusammensetzung aus allen Volksschichten den Ursprung einer Nationalarmee.

Trotzdem ist Jahn Anfang 1814 nach einer Erkrankung aus dem Lützower Korps ausgeschieden. Er hielt nichts von der Kriegsführung mit Feuerwaffen, hätte lieber den Nahkampf mit dem Schwert geführt. Er wurde zur Generalkommission der deutschen Bewaffnungs-Angelegenheiten nach Frankfurt a. Main versetzt. Ende August 1814 ist er auch da ausgeschieden und, wieder in Berlin zurück, heiratete er am 30. August Helene Kollhof.

Jahns Einfluss auf die Freiwilligen war sehr groß. Das Militärdepartement zwischen Elbe und Oder erkannte in einer öffentlichen Bekanntmachung an, dass der gute Geist, der die jungen Freiwilligen belebe, vor allem Jahn zu verdanken sei. Ihm wurde ein Jahresgeld von 500,-, später 1.000,- Talern zugestanden, und außerdem erhielt er die Anwartschaft auf das Eiserne Kreuz, "wegen seiner bleibenden, in der Stunde der Gefahr um das Vaterland erworbenen Verdienste", wie Staatsminister Hardenberg schrieb. Fünf Jahre später wurde er deswegen verhaftet und saß fast sechs Jahre in Untersuchungshaft.

Anmerkungen:

1) Eine Eskadron bestand aus 15 Oberjägern, 3 Trompetern, 132 Jägern, also auch
  150 Mann, dazu 150 Pferde
2) Der Offizier Krümper empfahl Scharnhorst, die sechsjährige Wehrausbildung in eine
  Kurzzeitausbildung umzuwandeln, damit möglichst viele junge Männer in kürzester Zeit bei einem von Napoleon erlaubten oberen Limit von 34.000 Mann soldatisch ausgebildet werden konnten. Hiervon waren gewiss auch Turner betroffen. In der Literatur war dies aber nicht nachzuweisen.

Literatur

1. BAUER, Frank: Horrido Lützow! Geschichte und Tradition des Lützower Freikorps,
  Potsdam 2000
2. DÜRRE, Chr. Eduard L.: Aufzeichnungen, Tagebücher und Briefe aus einem deutschen
  Turner- und Lehrerleben, Leipzig 1881
3. HEGELER, Wilhelm: Die Entscheidung. Roman aus dem Schicksalsjahre 1812,
  Berlin 1936
4. JAHN, Günter: Friedrich Ludwig Jahn. Volkserzieher und Vorkämpfer für Deutschlands
  Einigung, Göttingen 1992
5. MEYER`s Konverstions-Lexikon, Bd. 10, 1877, S. 1000 f
6. PLOETZ, der große: Auszug aus der Geschichte, Freiburg und Würzburg 1988
7. SCHILLING, Rene: Körner Superstar, in: Die Zeit, Nr. 47, 16.11.2000, S. 86
8. ZEPPELIN, C. von: Die Befreiungskriege 1813 - 1815. Zur 100jährigen Gedächtnisfeier
  dem deutschen Volke geschildert, Berlin 1913

 

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Dr. Michael Thomas

Jahn und die patriotischen Lieder der Turner und Lützower 1)

Friedrich Ludwig Jahn (1778 - 1852) war der Begründer, der informelle Leiter und weitgehend der ideologische Inspirator der frühen Turnbewegung. 2) Das öffentliche Turnen legte den Grundstein für den gesellschaftlich-organisierten deutschen Frühnationalismus, der vor allem aus dem preußischen Unterjochungserlebnis während der napoleonischen Fremdherrschaft 1807 - 1813 entstanden war. 3) Vor allem die in Mittel- und Norddeutschland erlebte Erfahrung der gemeinsamen Unterdrückung vermittelte ein neues Bewußtsein nationaler Identität. Von diesem Bewußtsein wurde auch der in Berlin tätige Pädagoge Jahn ergriffen. Anknüpfend an die patriotischen Nationalerziehungspläne um 1800 sah er in einem geeinten, starken Deutschland freier und selbstbewußter Bürger die Garantie für die zu erlangende Unabhängigkeit und zukünftige freie Entwicklung aller (männlichen) Deutschen. 4)
Zur Ausbildung und zum Ideal der Stärke und des Selbstbewußtseins gehörte seiner Meinung nach auch die Körperertüchtigung. Eine deutsche nationale Erziehung erfordere ein Gleichmaß von Leib und Seele. Die Turnkunst soll die verloren gegangene Gleichmäßigkeit der menschlichen Bildung wieder herstellen, der bloß einseitigen Vergeistigung die wahre Leiblichkeit zuordnen, der Überfeinerung in der wiedergewonnenen Männlichkeit das notwendige Gegengewicht geben, im jugendlichen Zusammenleben den ganzen Menschen umfassen und ergreifen. Denn die "Verweichlichung" der deutschen Männer galt den Zeitgenossen als eine der Ursachen, die Preußen 1806/07 zu Fall gebracht hätten. Deshalb spielten körperliche Stärke, Tapferkeit und Mut eine zentrale Rolle in der frühen Nationalbewegung. Als Ort freier Selbstentfaltung und Selbsttätigkeit der Jugend wurde auf dem Jahn`schen Turnplatz die ganze Persönlichkeit und Männlichkeit entwickelt sowie der Charakter gebildet.5) Das in Selbstverantwortung und in Selbstorganisation der Jugend gepflegte öffentliche gemeinschaftliche Turnen kann als Ausdruck eines Aufbruchs zu einer neuen, bürgerlich-demokratischen Welt gedeutet werden. Diese Welt sollte weder feudale Abhängigkeiten und adlige Privilegien, noch absolutistische Monarchen und von diesen bevormundete Untertanen kennen. Im Gegensatz zum halbfeudalen "Ancien Regime" des 18. Jahrhunderts sind alle Bürger der Nation persönlich frei und rechtlich gleich.

Jahn versuchte idealistisches und romantisches Gedankengut in Dichtung und Philosophie pädagogisch für seine nationalen Ziele umzusetzen. Dabei sprach er die Jugend und die jungen Erwachsenen nicht nur als Geisteswesen an, sondern auch in ihrer Emotionalität, in ihrer Leiblichkeit und ihrem unbewußten Seelenleben. Dazu bediente er sich auch des patriotischen Liedes, das für ihn ein wichtiges Ausdrucksmittel nationaler Vorstellungen und Emotionen war.6)

Es ist vor allem das Verdienst von Friedrich Ludwig Jahn, daß das Turnen die erste organisierte bürgerliche Bewegung war, die u. a. mittels patriotischen Gesangs nationale Überzeugungen und Hoffnungen artikulierte. Jahn, der selbst nicht singen konnte, gab als Mitbegründer der Lützow`schen Freischar Ostern 1813 unter dem Titel "Deutsche Wehrlieder für das Königlich-Preußische Frei-Corps" zwölf von verschiedenen Autoren nach 1806/07 verfaßte deutsch-patriotische Liedtexte mit den dazugehörigen Melodien heraus. An die Spitze der Liedersammlung hatte er den Wortlaut seines Lieblingsstückes, das vom norddeutschen Akademiker Ernst Moritz Arndt (1769 - 1860) gedichtete Lied "Was ist des Deutschen Vaterland?" gerückt.7)
Zusammen mit dem jugendlichen Turner Eduard Dürre verbreitete Jahn vor allem dieses Lied auf einer Agitationsreise durch das damals feindliche Königreich Westfalen, um das Volk zur Beteiligung am Kampf gegen Napoleon aufzustacheln. Dürre mußte dieses und andere Lieder überall singen, und Jahn verbreitete ihre Texte in Form unzähliger Flugblätter.8)

Schließlich gründete Jahn innerhalb des Lützow´schen Freikorps, für dessen Aufstellung er sich als Werber unermüdlich eingesetzt hatte, im März 1813 einen Sängerchor, der die Aufgabe haben sollte, unter den Freikorps-Mitgliedern patriotisches Liegut bekannt und populär zu machen. Hier entstanden die 21 Kriegslieder des Sachsen und Lützowers (Karl) Theodor Körner (1791 - 1813), der am 25. August 1813 im Gefecht bei Gadebusch in Mecklenburg gefallen war. Seine begeisternden heroischen Kriegslieder machten ihn durch ihr religiös übersteigertes nationales Pathos zum Sänger und Lyriker der Befreiungskriege. Erinnert sei an dieser Stelle an seine drei bekanntesten vertonten Gedichte: Lützows wilde Jagd: "Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein?", der Aufruf "Frisch auf mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen" und "Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!"

Die Entstehung vieler deutsch-patriotischer Turnlieder war ursächlich mit dem nationale Stimmungen erzeugenden Ereignis der Unabhängigkeitskriege gegen Napoleon verbunden. In dieser Zeit ist es Jahn mit durchschlagendem Erfolg gelungen, das Interesse der jungen Turner für den patriotischen Gesang zu wecken.
So war die frühe Turnbewegung bis 1819 die organisierte Gemeinschaft, die sich am intensivsten des patriotischen Liedguts annahm und auch die aktivste und wirkungsvollste Rolle bei seiner Popularisierung spielte. Dank des kommunikativen Systems der Turnbewegung verbreiteten sich die Turnlieder von Berlin ausgehend über ganz Nord- und Mitteldeutschland (weniger in Sachsen). Neben den Gedichten Arndts und den Versen Körners waren es auch die Zeilen des Preußen Max von Schenkendorf (1783 - 1817), die Jahn in der Turnbewegung heimisch machte. Unvergessen blieben den Turnern das Arndt´sche Bundesllied "Sind wir vereint zur guten Stunde" und Schenkendorfs bekanntes Lied vom Rhein: "Es klingt ein hoher Klang".

Nach den Befreiungskriegen von 1813 -1815 entstand die in der Berliner Turngesellschaft und in anderen norddeutschen Turngemeinden verbreitete Liedersammlung: "Deutsche Lieder für Jung und Alt", gedruckt und herausgegeben Berlin 1818. Berliner Turner stellten diese Sammlung zusammen und legten sie Jahn zur Begutachtung vor, der sie guthieß.

Bereits seit 1816 engagierten sich für die Verbreitung des patriotischen Gesangs neben Jahn und der Berliner Turngemeinde erfolgreich die Turner der kurhessischen Universitätsstadt Gießen. Diese ließen es bei der bloßen Aneignung und Propagierung patriotischer Lieder nicht bewenden. Als erste aktive Turner traten sie selbst als Lied-Autoren auf. Unter ihnen verfaßten vor allen die Gebrüder Karl (1795-1839) und Adolf Ludwig Follen (1794-1855) patriotische Verse von großer bildlich-poetischer Aussagekraft und in einer eindringlich-mitreißenden Rhetorik.9) Ihre politisch nationalen Vorstellungen waren jedoch mit den Anschauungen Jahns nicht in jeder Hinsicht identisch. Im Gegensatz zu ihm verfochten sie die Idee eines deutschen "Freistaates", einer Republik, die sie angesichts der enttäuschenden politischen Verhältnisse nach 1815 notfalls auch in einer gewaltsamen Erhebung herbeiführen wollten. Am Reformwillen der angestammten Fürstenhäuser konnten sie nicht mehr glauben. Währenddessen rief Jahn zur Loyalität gegenüber den Fürsten auf, und auch lehnte er jede Revolution ab. Sein vertretender Gedanke an eine mit Verfassung und Ständeparlament gebundene und von der Hohenzollern-Dynastie geführte nationalstaatliche Monarchie hatte sich unter den Turnern bald ziemlich festgesetzt. Aber noch war das einheitliche Wollen der Turner und nationalgesinnten Studenten ungebrochen. Die von Adolf Ludwig Follen 1819 in Jena herausgegebene patriotische Liedersammlung "Freye Stimmen frischer Jugend" enthält außer 17 Turnliedern auch 8 Freiheitslieder, 6 alte romantische Reichslieder, 17 Kriegsgesänge und 17 sog. "Helden- Siegs- Klage- Spott- Fluch- und Trostlieder".10) Im Lied "Turnbekenntniß" prophezeite Karl Follen in einem sprachlich prägnanten und bildlich beeindruckenden Zweizeiler die Erringung der Freiheit und die Beseitigung von Unterdrückung als ein Werk der Turner. Mit dem Lied "Der Freyheit Ausfahrt im Turnmay" setzten die Gebrüder Follen Jahn als Begründer der Turnbewegung und als Kämpfer für die Rechte des Volkes, insbesondere seines Rechtes auf Freiheit, ein Denkmal.

Das Lied beginnt mit den Versen:

  "Als der Turnmeister, der alte Jahn,
Für des Volkes urheilige Rechte
Vortrat zu der Freyheit Rennlaufbahn:
Da folgt´ ihm ein wehrlich Geschlechte.
Hei! Wie schwungen sich die Jungen
frisch, froh, fromm, frey!
Hei! Wie sungen die Jungen: juchei! -
Turnmay
Turnerei, lustiger May!
Grünende Kräfte, schwellende Säfte;
Knospen zerspringen,
die Blume wird frey!
Frey juchei!
Schwerter geschwungen!
Gesprungen, gerungen!
Juchei, ihr feurigen Jungen!"11)

Bei der Analyse der von Jahn innerhalb der Turnbewegung propagierten patriotischen Lieder Arndts, Körners und Schenkendorfs und der Lieddichtungen der radikalen Gießener "Burschenturner" lassen sich zeittypische nationale Ideologieelemente herauslesen. Das Spektrum der Ideologieelemente des frühen Turnernationalismus läßt sich generell auf zwei Komponenten reduzieren: zum einen auf die weitgehend unpolitischen Vorstellungen einer durch Kultur, Natur, Geschichte und Sprache entstandenen bzw. geprägten Nation und zum anderen auf das politische, gesellschaftsreformerische und von der Zielsetzung der nationalstaatlichen Einigung Deutschlands beherrschte Nationalbewußtsein.

Nach DÜDING (1984, 98-105) lassen sich folgende Elemente in den Lieddichtungen der Jahre 1813-1819 finden:

Deutsche Naturbilder, vor allem die Naturmetaphern von den deutschen Eichen und vom
  durch eine grüne Frühlingslandschaft fließenden Rhein- und Elbstrom,
National-kulturelle Leistungen der Deutschen in der Geschichte, wie "deutsche Art",
  "deutscher Fleiß", "deutsche Treue", "deutsche Wahrhaftigkeit",
Gedanken an ein staatlich geeintes Deutschland, wobei durchgängig - dem Jahn´schen
  Sprachgebrauch entsprechend - vom deutschen Volk und ganzen Vaterland gesprochen wurde, die Begriffe "Nation" und "Nationalstaat" waren damals noch fremd und ungebräuchlich,
Freiheit des Vaterlandes von den vielfältigen Pressionen napoleonischer, also ausländischer
  Macht- und Gewaltpolitik, wobei anfangs weniger ein von der Herrschaftswillkür deutscher Fürsten befreites deutsches Volk gemeint war. Aber die Tendenz, den Freiheitsbegriff als befreit von Fürstenmacht und Fürstenwillkür weiterzufassen, läßt sich bereits in den Liedern von 1813 herauslesen,
Gleichheit aller männlichen Deutschen, wobei die Turnergemeinschaften das Vorbild und
  Modell abgaben für die erstrebte bürgerliche Mittelstandsgesellschaft. Die Vorstellung von der Gleichberechtigung der Frauen innerhalb der Nation war damals noch blanke Utopie.
Und schließlich findet man in den Texten alle nationalen Aussageelemente dem Zeitgeist
  entsprechend romantisch eingebettet in die religiöse Gedanken- und Gefühlswelt. Das nationale Anliegen und nationale Engagement wurde religiös-christlich legitimiert und überhöht.

Die Analyse der Liedtexte vermittelt uns eine zweckgerichtete bewußtseinsbildende Lyrik, die im kämpferisch leidenschaftlichen Ton emotionale Effekte erzielen sollte. Es zeigt sich, daß die Poeten und Turner dazu neigten, "Volk", "Vaterland", "Freyheit" und "Gleichheit" als vom menschlichen Gefühl her zu fassende Phänomene zu deuten. Überhaupt wirkten die gesungenen Lieder nicht allein bewußtseinsbildend, sondern auch emotionalisierend auf Sänger und Zuhörer.
Die patriotischen Lieder vermittelten ihnen das Bewußtsein und das Gefühl, dem "Vaterland" und seinen Menschen unmittelbar zu begegnen. Es ist die Zeit der Romantik, in der Jünglinge und junge erwachsene Männer Gefühle zeigen, weinen dürfen, in der pathetische Rede Begeisterung erzeugt. Die vaterländischen Gesänge der Turner stellten ein effektives Medium zur Kräftigung ihres Gemeinschaftsgeistes dar. Friedrich Ludwig Jahn hat das Medium Gesang nicht nur mit dem turnerischen Alltag verbunden, sondern er wies dem patriotischen Lied im differenzierten Festritual der Turnfeste einen zentralen Platz zu. In einer Zeit, in der es weder eine moderne Massenkultur noch eine - erst durch die industrielle Fabrikarbeit geschaffene starr von der Arbeitszeit abgegrenzte - Freizeit gab, spielten Festzeit und Feste eine wichtige regenerative Rolle im Leben der Menschen. Jahn war bekanntlich der Schöpfer der mit einem Schauturnen verbundenen alljährlichen natuonalen Turnfeste.12)
Den 18. Oktober 1813, den Tag der Völkerschlacht bei Leipzig, bestimmte er zum Hauptfeiertag der Turnbewegung. An diesem Gedenktag bekannten sich die Turner zur deutschen Nation und ihren nationalstaatlichen Zukunftsträumen, gaben aber ihren Anschauungen zugleich eine antifranzösische Wendung. Hierzu sei am Rande bemerkt, daß sich Jahns undifferenzierter Franzosenhaß innerhalb der Turnbewegung bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nicht durchsetzen konnte.

In den turnerischen Nationalfeiern von 1817 13) in Berlin waren die patriotischen Lieder wie folgt in das Festgeschehen eingebunden:

- Der Turnplatz ist festlich geschmückt, vom Klettergerüst weht die Landesfahne.
- Die Turner finden sich zu einem festgelegten Zeitpunkt am Versammlungsort ein.
- Jahn spricht über aktuelle Probleme der Turnkunst.
- Ein Weihelied bzw. "Dank- und Denklied" zur geschichtlichen Erinnerung an denkwürdige
  Begebenheiten wird gemeinsam gesungen.
- Die turnerischen Vorführungen, Spiele und Wettkämpfe beginnen.
- Die Turner kleiden sich vollständig an, schmücken ihre Mützen mit Eichenlaub und ziehen,
  geleitet von Fackelträgern, mit Gesang zur Feuerstätte.
- Hier folgen: Kirchenlied, Ehrenhoch auf den König, Gesang, Reden und Ehrenhochs auf
  die Sieger bei Leipzig, das Vaterland und die Turnkunst.
- Die Erzählung der "Denkzeit" und ein ernstes Lied beschließen das Turnfest.

Vaterländische und Turnlieder, abwechselnd gesungen oder gesprochen, und das religiöse Lied fanden damals Eingang in das turnerische Festritual. Mit den Liedern erzeugte Jahn eine weihevolle, quasi-religiöse Atmosphäre und vermittelte so das Gemeinschaftserlebnis emotional. Die zeitliche Plazierung und Funktionalisierung des Gesangs war eine Innvation Jahns, die lange Zeit das turnerische Festritual zumindest formal bestimmen sollte.

Friedrich Ludwig Jahn hatte ohne Zweifel frühzeitig den großen meinungsbildenden und propagandistischen Wert patriotischer Lieder erkannt und sie öffentlich zur Erzeugung national-deutscher Stimmungen und Bewußtseinsinhalte propagandistisch und aktionistisch eingesetzt. Ihm gebührt trotz aller Frankophobie das Verdienst, der geistige und propagandistische Schöpfer der schlichten wie lyrisch anspruchsvollen volkstümlichen Turnlieder zu sein. Erst nach Jahns Tode (1852) im Verlaufe der Wilhelminischen Kaiserzeit (1871 - 1918) wurden die traditionellen Gesänge der Turner vom politischen Nationalismus, dem auch immer mehr die Turnbewegung huldigte, instrumentalisiert und mißbraucht.14)


Anmerkungen:

1) Textform des Vortrages, den der Autor am 13. Juli 2001 auf Friedrich-Ludwig-Jahn-
Kolloquium zum Sportfest in Lanz gehalten hat.
2) Vgl. die jüngste Veröffentlichung EISENBERG, C.: Friedrich Ludwig Jahn - "Erfinder"
des Turnens, in: Sportwissenschaft 30 (2000), S. 125-139.
3) Vgl. zu Jahn und die frühe Nationalbewegung DÜDING, D.: Friedrich Ludwig Jahn -
Begründer der deutschen Nationalbewegung?, in: Stadion 4 (1978), S. 83-120 und LANGEWIESCHE, D.: "für Volk und Vaterland kräftig zu würken...". Zur politischen und gesellschaftlichen Rolle der Turner zwischen 1811 und 1871, in: DERS.: Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, München 2000, S. 103-131.
4) Vgl. zum deutschen Patriotismus PRIGNITZ, C.: Vaterlandsliebe und Freiheit.
Deutscher Patriotismus von 1750 bis 1850. Wiesbaden 1981.
5) Vgl. zum Problem der Männlichkeit McMILAN, D.A.: "...die höchste und heiligste
Pflicht... ." Das Männlichkeitsideal der deutschen Turnbewegung 1811-1871, in: KÜHNE, T. (Hrsg.): Männergeschichte - Geschlechtergeschichte, Männlichkeit im Wandel der Moderne. Frankfurt/New York 1996, S. 88-100.
6) Der Autor stützt sich in seiner Argumentation auf DÜDING, D.: Organisierter
gesellschaftlicher Nationalismus in Deutschland (1808-1847). Bedeutung und Funktion der Turner- und Sängervereine für die deutsche Nationalbewegung.München 1984, vor allem S. 94-109. Die beste Übersicht zum deutschen Turnliedgut findet sich bei BRENDICKE, H.: Turnerliederdichtung, in: Encyklopädisches Handbuch des gesamten Turnwesens und der verwandten Gebiete, hrsg. v. Carl Euler, III. Bd. Wien, Leipzig 1896, S. 275-283.
7) Vgl. EULER, C: Ernst Moritz Arndt, Friedrich Ludwig Jahn und das deutsche
Vaterlandslied, in: Monatsschrift für das deutsche Turnwesen 4 (1885), S. 182 f.
8) Vgl. DÜRRE, E.: Eine Rechtfertigung Jahn`s, in: Deutsche Turn-Zeitung 21 (1876),
S. 121-124; BRENDICKE, H.: Friedr. Ludw. Jahns Werke, in: Jahrbücher der deutschen Turnkunst 5 (1886), S. 62 f.
9) Vgl. zur Biographie der beiden Brüder STEIGER, G.: Follen, Adolf; Follen, Karl in:
Lexikon Biographien zur deutschen Geschichte von den Anfängen bis 1945 hrsg. v. Kurt Pätzold (Leiter), Berlin 1991, 143 f..
10) Vgl. WASSMANNSDORFF, K.: Verschollene Turnlieder und Follen`s "Freie Stimmen
frischer Jugend" vom Jahre 1819, in: Deutsche Turn-Zeitung 27 (1882), 269-272, 295-298, 319-322, 333-335, 345-347, 355-357.
11) Ebd., S. 297.
12) Vgl. ZIESCHANG, K.: Vom Schützenfest zum Turnfest. Die Enstehung des Deutschen
Turnfestes unter besonderer Berücksichtigung der Einflüsse von F. L. Jahn, Ahrensburg 1977 (Sportwissenschaftliche Dissertationen, Bd. 11).
13) Die Daten der Feste waren der 31. März, an jenem Tage marschierten 1814 die gegen
Napoleon verbündeten Mächte in Paris ein, und der 18. Oktober, dem Tage als die Entscheidung in der "Völkerschlacht" bei Leipzig fiel.
14) Vgl. JOHN, H.-G.: Politik und Turnen. Die Deutsche Turnerschaft als nationale
Bewegung im deutschen Kaiserreich von 1871-1914). Ahrensburg 1976 (Sportwissenschaftliche Dissertatione

 

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Prof. Dr. Harald Braun

Jahn und die nationale Frage

Festrede in Halle am 19. 05. 2001 zum Siftungsfest der Halle-Leobener Burschenschaft Germania Altherrenverband e.V.

  Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt,
  schwankt sein Charakterbild in der Geschichte!

Auf kaum eine andere Persönlichkeit der deutschen Geschichte passt dieser Ausspruch Schillers (über Wallenstein) besser als auf Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852).

Seine Leistungen sind im Laufe der deutschen Geschichte extrem unterschiedlich bewertet worden. Seine Würdigung reicht von der Verehrung, mitunter überzogenen Vergötterung seiner Anhängerschaft, den Turnern/-innen einerseits, bis zur schroffen Ablehnung von einigen seiner und unserer heutigen Zeitgenossen.

Obwohl Jahn nur acht Jahre seines Lebens öffentlich aktiv war - im 33. Lebensjahr hat er 1811 den ersten öffentlichen Turnplatz in der Hasenheide/Berlin geschaffen, im 41. Lebensjahr wurde er 1819 verhaftet - hat er uns ein Erbe hinterlassen, das von den Machthabern aller Epochen deutscher Geschichte in Anspruch genommen wurde: Im Kaiserreich (1871-1918) war er der königstreue Nationalist, der für sein unerschütterliches Eintreten für die Einheit Deutschlands unter preußischer Führung sogar ins Gefängnis ging, von den Nazis (1933-1945) wurde er als der um hundert Jahre vorausdenkende erste Nationalsozialist missbraucht. Ebenso wurde er von der DDR-Ideologie vereinnahmt. In der alten Bundesrepublik haben diverse politische Gruppierungen unterschiedliche Einordnungen vorgenommen, die sich entweder auf seine nationale Gesinnung stützten oder seine sozialen Tendenzen hervorhoben. Während der linksorientierten akademischen Kulturrevolution 1968 wurde er von Siegfried Lenz in "Die Zeit" als Stargammler bezeichnet. Mitte der 1980er Jahre wurde sogar gefragt: "War Jahn ein Grüner?" (BRAUN, 1994).

Zwei herausragende Historiker des 19. Jahrhunderts, Georg Gottfried Gervinus und Heinrich von Treitschke - im Gegensatz zum Historiker Leopold von Ranke und dem Politologen Ernst Moritz Arndt - haben Jahn nicht nur rundweg eine eigenständige politische Denkfähigkeit abgesprochen (v. Treitschke kannte Jahn persönlich gar nicht), sondern auch Jahns Persön-lichkeit und seine politisch-gesellschaftlichen Aktivitäten - insbesondere die von ihm gegrün-dete und geleitete frühe Turnbewegung - durch eine Vielzahl von Negativurteilen gründlich diskreditiert. Mehrere Generationen von Historikern haben deshalb kein Interesse entwickelt, sich in eigenen Forschungen mit der Turnbewegung zu befassen, weil sie es auch als wissen-schaftlich unergiebig angesehen haben, einer gesellschaftlichen Bewegung Aufmerksamkeit zu schenken, die nach der Meinung zweier renommierter Fachkollegen das Produkt eines unselbständigen, unschöpferischen Geistes war. Für v. Treitschke war Jahn ein lärmender Barbar, ein Banause, ein Polterer mit ungeschlachten Sitten und zugleich Parteifanatiker, der eine Generation zu akademischer Rohheit und jakobinischer Unduldsamkeit verführte.

Wenn die Jahn-Forschung nach dem Zweiten Weltkrieg keine Untersuchung bezüglich der frühen und der vormärzlichen Turnbewegung hervorbrachte, dürfte dies nach Düdings Meinung sicherlich von der ausgesprochenen Langzeitwirkung beeinflusst worden sein, die das Verdikt Gervinus' und v. Treitschkes gegen Jahn und die Turnbewegung innerhalb der deutschen Historiographie hatte. Das ist bedauerlich und Zeichen der Missachtung Jahns durch v. Treitschke, denn Jahn hob sich aus dem Kreis der wirkungsmächtigsten nationalen Vordenker Fichte, Arndt, Schleiermacher, Luden durch ein politisches Verständnis von Nation heraus, das das vergleichsweise größte Maß an Konkretheit aufwies, obgleich er den Begriff Nation nicht gebrauchte, sondern von Volkstum sprach.
Jahn übte durch die 1810 in Lübeck erfolgte Veröffentlichung seines Buches Deutsches Volksthum auf die entstehende nationale Bewegung einen eminenten Einfluss aus. So ist sein Deutsches Volksthum ein breit angelegter und mit vielen Detailvorschlägen ausgestatteter Entwurf für eine nationaldeutsche Staats- und Gesellschaftsordnung, denn er bezog alle in diesem Buch unterbreiteten Reformvorschläge auf die innere Gestaltung des politischen, kulturellen und sozialen Lebens in einem solchen Staat. Keiner der anderen durch Wort und Schrift in der Öffentlichkeit agierenden Patrioten hat in den ersten Jahren nach der Niederlage Preußens von 1806 derartig konkrete, konstituierende Reformen gefordert wie Jahn. Keiner der anderen nach 1806 auftretenden nationalen Wortführer hat sich zudem in für die Öffentlichkeit bestimmten Reden und Schriften auch nur annähernd so ausführlich und detailliert mit der inneren Organisation eines künftigen deutschen Nationalstaates beschäftigt wie Jahn im Deutschen Volksthum. Mit Jahns pragmatisch-nüchterner, ganz auf die Organisierung eines deutschen Nationalstaates gerichteten politischen Denkweise konnte sich keiner der anderen zwischen 1806 und 1819 in der Öffentlichkeit für den nationalen Gedanken werbenden Patrioten messen (ANTONOWYTSCH, 1933, 32). Keiner war auch nur annähernd so erfolgreich wie er (GERVINUS, v. TREITSCHKE, EICHBERG, DÜDING). Nicht alle Ideen kamen von ihm, aber er setzte sie um, ein wirkungsvoller Public-Relations-Mann in Sachen Turnen und Nationalbewußtsein (BRAUN, 1993, 106f).
Der Breslauer Naturphilosoph Heinrich Steffens, der Jahn und den Hasenheide-Turnplatz 1817 kennen lernte und der - erschrocken von den Wirkungen, die er von einer selbständigen, keinem staatlichen Reglement unterworfenen Bewegung ausgehen sah - in einer Streitschrift Jahn und die Turner massiv angriff, registrierte an Jahn etwas (...) Ursprüngliches . In seinem derben Wesen habe man ein gährendes Chaos wahrnehmen können, das Jahn bedeutenden Einfluss auf Knaben, Jünglinge und Familienväter habe gewinnen lassen; ein Einfluss, der schließlich zu einer Regeneration des Volkes geführt habe. "Ein Mann, der eine solche Macht ausübte, war mir", so gestand Steffens in seinen Lebenserinnerungen, "schon als ein solcher, als ein mächtig geschichtlicher Naturgegenstand anziehend und wichtig (STEFFENS, 1843, 306ff). Von Treitschke hat dies nicht erkannt bzw. anerkannt.
So ist im Laufe der geschichtlichen Entwicklung des Nationalstaatsgedankens und mit der Modifizierung des Turnens - vom alle Leibesübungen umfassenden Begriff bis zur Einengung auf das Gerätturnen/Kunstturnen - bis in die heutige Zeit immer wieder von den unterschiedlichsten Standpunkten her zu Jahns Leben und Werk Stellung bezogen worden. Es entstand ein Jahnbild, das sehr heterogene Züge aufweist.
Wenn heute behauptet wird, der Bart ist ab oder Jahn gehört auf den Müllhaufen der Geschichte, dann steht diesen Kritikern nur das ewig gestrige Bild des alten Turnvaters, kahlköpfig und mit langem Bart, vor Augen. Sie haben aber nicht verstanden, was der dynamische Dreißigjährige mit seinem Turnen beabsichtigte: Er wollte der bloß einseitigen Vergeistigung die wahre Leibhaftigkeit zuordnen (...) und im jugendlichen Zusammenleben den ganzen Menschen umfassen und ergreifen. Er hat das Turnen nicht über die geistige Ausbildung stellen, es aber auch nicht zur einseitigen paramilitärischen Drillschule verkommen lassen wollen. Der Frankfurter Pädagoge Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg schrieb (in: Jahrbuch für Lehrer 1854):

  "...Die Leibesübungen waren aber nicht die Hauptsache, sondern die Erweckung deutschen Sinnes, deutschen Nationalgefühls, deutscher Volkstümlichkeit, ... Jahn verstand dies meisterhaft; er war der lebendige Repräsentant alt- und urdeutscher Weise und Natur. Die Wirkung, die er auf Knaben und Jünglinge ausübte, war fabelhaft; vielen von ihnen erschien er nicht blos als ein außerordentlicher Mann, sondern als ein Ideal; seine Worte wurden wie Orakelsprüche aufgenommen, sie flogen von Mund zu Mund."

Sein Turnunterricht auf der Hasenheide war in jener Zeit eine pädagogische Glanzleistung, die, würde sie heute in unserem Sportunterricht umgesetzt, garantiert mehr Lust als Frust brächte. Er, der die Ideale der französischen Revolution von 1789 genau kannte, hat die Begriffe Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auf der Hasenheide umgesetzt, indem er das Du und gleiche Turntracht für alle bindend einführte, um so die noch vorherrschenden Standesschranken zu überwinden. Das Jahnsche Turnen (1811 - 1819) muss als gelungener Versuch bezeichnet werden, der im außerschulischen Bereich mit eigenen Gesetzen Formen des Gemeinschaftsbewusstseins entwickelt hat, der damals wie heute seine Gültigkeit hat (BRAUN, 1994).

Die Beziehung Jahns zur Deutschen Burschenschaft

Zu Beginn des Universitätslebens im Hochmittelalter hatten sich die Studenten nach ihrem Herkunftsland als Deutsche, Franzosen usw. zusammengeschlossen; denn bis in die Neuzeit wurden an allen europäischen Universitäten in lateinischer Sprache die vier Fakultätswissenschaften Jura, Medizin, Philosophie und Theologie gelehrt - eine Verwirklichung des Europagedankens, wie er heute wieder durch Internationalisierung angestrebt wird. Als die meisten deutschen Länder mit der Festigung des fürstlichen Einzelstaates innerhalb des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation - diesem zentraleuropäischen Vielvölkerstaat - im 15. und 16. Jahrhundert eigene Hochschulen bekamen, entwickelten sich hier innerhalb der deutschen Studenten Landsmannschaften, die sich nach der Herkunft ihrer Mitglieder Hessen, Franken, Sachsen usw. nannten. Eine große, alle anderen wichtigen Aufgaben überwuchernde Rolle spielte bei ihnen der Komment, der aufs genaueste das Duell und das Trinkwesen festlegte. Die Landsmannschaften entarteten im Laufe der Zeit zu Rauf- und Saufgesellschaften. Im Zeitalter des Rationalismus und der Aufklärung erhob sich deshalb die Forderung nach einer gesitteteren Lebensführung. So entstanden - nachweisbar ab 1716 - neben den Landsmannschaften die studentischen geheimen Orden. Hier wurde, dem idealistischen Geist der Aufklärung entsprechend, die Beseitigung aller Unterschiede der Geburt, des Bekenntnisses und der kleinstaatlichen Zugehörigkeit gefordert. In ihnen verbanden sich die Studenten auf Grund gleicher Gesinnung und verpflichteten sich zur Erfüllung eines bestimmten Lebensideals; demzufolge dauerte auch der Zusammenhang der Mitglieder über die Studienzeit hinaus fort.

Um sich gegen die Orden behaupten zu können, mussten sich die Landsmannschasften innerlich erneuern. In Jena forderte um 1790 eine Gruppe - anstelle der bisher üblichen Duelle - studentische Ehrengerichte; aber die Antragsteller konnten sich nicht durchsetzen. Sie wurden als Schokoladisten verspottet, da sie ihre Händel bei einer Tasse Schokolade bereinigten. Den landsmannschaftlichen Kränzchen hingegen gelang es, die Orden in ihrer Bedeutung herabzudrücken.
Eine dritte, zahlenmäßig schwache Verbindung bildeten die Finken, die durch ästhetisch wissenschaftliche Vereinigungen einen zwanglosen Zusammenhalt fanden (RUNDNAGEL, 94f).

In Halle begann Jahn als 17jähriger sein Studium zunächst als Wilder. Er wäre auch auf Grund seiner prekären finanziellen Situation nicht in der Lage gewesen, das honorige Auftreten der Landsmannschafter oder Kränzianer mitzumachen. Er "studierte zwei Jahre in Frieden, schlug alle Anträge des Kranzes ab und erklärte ihnen am 6. März 1798 den Krieg" (in: MEYER, 25). Damit begann für Jahn eine neue Zeit, folgenreich und lebensbestimmend: die Mitgliedschaft im Orden Unitas, in dem er bald eine führende Rolle übernahm (JAHN, Günther, 1995, 24). Schließlich wurde die Feindschaft mit den Kränzianern so heftig, dass er sich, obgleich selbst ein herzhafter Schläger, in die Höhle am Giebichenstein zurückziehen musste. Hier las er den utopischen Staatsroman Dya-Na-Sore oder Die Wanderer des österreichischen Offiziers und Schriftstellers W. F. v. Meyern, in dem dieser seine Gedanken über Nationalerziehung, Wehrpflicht und die Beteiligung der Bürger am Staatsleben zum Ausdruck brachte. "Ohne Theilnahme am Staate sind Tugend, Ehre und Charakter - Luftgestalten" schrieb von Meyern, was auf Jahn 1799 besonderen Eindruck machte und zum Glaubensbekenntnis "ja, Pflicht" wurde (JAHN, G., 1992, 12f, 1995, 37).
Nach seinem Studium in Greifswald ab 1800 unter dem Pseudonym Fritze, wo er den Unitistenorden neu gründete, seiner Hauslehrerzeit in Neubrandenburg ab 1803, wo er den Grundstein für sein späteres volkstümliches Turnen legte, seinem Studium in Göttingen 1805/06, wo er das Consilium abeundi erhielt, denn er hatte am Auszug der Studenten nach Hannoversch-Münden teilgenommen, dort eine öffentliche Rede gehalten mit folgenden Schwerpunkten:

1. Gegen die deutsche Zwietracht
2. Für die Freiheit der Studenten, für die Freiheit des Vaterlandes
3. Gegen die Rohheit des deutschen Verbindungswesens
4. Für die Ausbildung zum deutschen Manne
5. Für die Pflege und Reinigung der deutschen Sprache
6. Für Leibesübungen als Mittel der Charaktererziehung
7. Für eine Beschränkung der Duelle auf wirkliche Ehrenangelegenheiten

und seinen ständigen Händeln, geriet er 1806 auf seinem Weg nach Berlin in die preußische Katastrophe von Jena und Auerstedt. Jahns Tätigkeit, seine Reisen und Aufenthalte bis 1809 sind noch wenig erforscht. Er muss aber in jenen Jahren seine Ansichten von weltbürger-lichem zu nationalstaatlichem Denken gewandelt haben.
Als Jahn Ende 1809 nach Berlin übersiedelte, verstärkte sich seine öffentliche Wirksamkeit. Er wurde zu einem unentbehrlichen Aktivisten im Kampf für die Befreiung Preußens, später Deutschlands. Sein Buch Deutsches Volksthum wirkte ähnlich den Reden Fichtes wie ein flammender Appell an das Nationalbewusstsein der Zeitgenossen. Harte und gerechte Kritik übte er an gesellschaftlichen Mißständen seiner Zeit. Er setzte sich für soziale, politische, militärische und pädagogische Reformen ein. Da ihm die bisherigen losen Beziehungen zwischen Gleichgesinnten nicht mehr genügten, entwarf er 1810 die Konzeption eines Geheimen Deutschen Bundes. Die Gründung erfolgte am 14. November 1810. Die Mitglieder, namhafte Persönlichkeiten, gelobten sich Treue und Verschwiegenheit. Als Pflicht galten u.a. Kampf für Wahrheit, Recht und Vaterland. Der Zweck war die Erhaltung des deutschen Volkes in seiner Ursprünglichkeit und Selbständigkeit, Neubelebung der Deutschheit, Bewahrung des Volkstums, Schutz und Schirm wider heimliche Verderbung von innen, wider Knechtschaft von außen, (...) hinwirkend zur endlichen Einheit unseres zersplitterten, geteilten und getrennten Volkes (zit. n. JAHN, G., 1992, 29f).
Seit dem Winter 1811/12 wandte sich Jahn, nachdem er im Frühsommer 1811 den ersten öffentlichen Turnplatz eingerichtet hatte, wieder seinem alten Vorhaben zu, dass das gesamte Volk im Mittelpunkt seiner Reformbestrebungen stehen müsse. Die Neugestaltung des akademischen Verbindungslebens sollte in dieses umfassende Programm einbezogen werden. Anlass dazu gab die Rede Fichtes Über die einzig mögliche Störung der akademischen Freiheit. Darin sprach sich dieser gegen die herkömmliche Form des Verbindungswesens aus, wie es der Student Jahn zuvor so oft getan hatte. Zusammen mit dem mit ihm verbundenen aus Magdeburg stanmmenden Friedrich Friesen arbeitete Jahn einen Konstitutionsentwurf Ordnung und Einrichtung der deutschen Burschenschaften aus. Gegen den Willen Fichtes wurde diese Burschenschaftsordnung in Berlin bekannt gemacht und Jahn ließ sie durch seine Emissäre auch an anderen Universitäten verteilen, so dass sie bereits 1812 in Jena in Umlauf war. Die Ordnung bestand aus 48 Paragraphen. Der § 14 lautet: Jeder Bursche müsse sich "deutsch ausbilden für Volk und Vaterland, leiblich und geistig". Und der § 24: "Die Landsmannschaften (...) widersprechen dem Begriff von einem einzigen deutschen Volke (...)", da sie die Zerrissenheit Deutschlands an den Universitäten fortlebten. Jahn, inzwischen 34jährig und an keiner Universität eingeschrieben, ist der Burschenschaft nicht beigetreten, um nicht als Bevormunder zu gelten.

Für den bevorstehenden Freiheitskampf gegen Napoleon hatte Jahn schon Ende 1812 bei der preußischen Regierung für die Aufstellung eines Freiwilligenverbandes geworben. Als dann im Frühjahr 1813 schließlich die Freikorps gebildet wurden, war es neben dem publizistischen Wirken von Arndt und Görres besonders Jahn zu verdanken, dass so viele aus der gebildeten Jugend Deutschlands in das königlich-preußische Freikorps Lützow eintraten., dem auch Jahn beitrat und zum Hauptmann gewählt wurde. Es heißt, dass durch den guten Geist und Gemeinsinn, die vornehmlich von Jahn, Friesen, Th. Körner u.a. geprägt wurden, die Frei-willigen aus den Reihen der Landsmannschaften für eine allgemeine deutsche Burschenschaft gewonnen wurden. Da die Gründung der Burschenschaft der Zeitereignise wegen verschoben worden ist, kann das Freikorps von Lützow als deren Wiege bezeichnet werden. Das Interesse daran erhielt durch die bereits eingeleitete Verbreitung der Ordnung und den Freiheitskampf von 1813 großen Aufschwung. Jahns Äußerung 1842 gegenüber seinem ersten Biographen Heinrich Pröhle, "daß die Burschenschaft unter den Lützowern entstanden sei" bestätigt diese Vermutung. Die Farben der Lützower Uniform haben auf jeden Fall bei der Entstehung der Burschenschaftsfarben schwarz-rot-gold mitgewirkt; denn nach 1815 ist nur noch von dieser Herleitung die Rede ( JAHN, G., 1995, 104).
Das Lützowsche Freikorps bekam 1813 von Berliner jungen Frauen eine Fahne geschenkt, die der Jenaer von 1816 ähnlich war. Da aber das Freikorps auf königliche Anordnung keine Fahne führen durfte, wurde sie Jahn und Dürre übergeben und von letzterem aufbewahrt. Diese Fahne bestand aus zwei Bahnen schwarzer und roter Seide und goldenen Fransen. Die erste Fahne der jungen Burschenschaft führte die Farben rot-schwarz, eingerahmt von goldenen Fransen und ist heute noch zu sehen auf einer zeitgenössischen Farbradierung anläßlich der Feier zum Friedensfest auf dem Marktplatz von Jena am 18. Januar 1816. Die Fahne der in Jena am 12. Juni 1815 gegründeten Urburschenschaft hatte seit dem 31. März 1816 eine andere Farbaufteilung: rot-schwarz-rot mit goldenem Eichenzweig in der Mitte. Erst seit dem Burschentag im Oktober 1818 - im Oktober 1817 war auf der Wartburg die Deutsche Burschenschaft im Gedächtnis an die Reformation 1517 und die Schlacht bei Leipzig 1813 gegründet worden - tauchte die Bezeichnung schwarz-rot-gold als Dreifarb auf. Jahn liebte diese seit dem Hambacher Fest im Mai 1832 halboffiziellen deutschen Farben. Er glaubte, dies seien die Farben des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation (919-1806) gewesen. Jedoch enthielt nur das Wappenschild - schwarzer Adler, rote Fänge auf goldenem Grund - diese Farbzusammenstellung.
Jahn wurde in der Nacht zum 14. Juli 1819 verhaftet, weil er, wie er in seiner legendären Schwanenrede sagte, die er als Abgeordneter und einer der fünf Vizepräsidenten der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848/49 hielt, "die höchst gefährliche Lehre von der Einheit Deutschlands zuerst aufgebracht" habe.
Diese Ausführungen können im Jahn-Museum der Stadt Freyburg an der Unstrut in Wort und Bild nachvollzogen werden. Das neugestaltete 1999 eröffnete Museum in Jahns Wohnhaus in der Schloßstraße 11 ist in vier Komplexe gegliedert:

1. Fr. L. Jahn: Schöpfer des deutschen Turnens
2. Fr. L. Jahn: persönliches Leben und Familie
3. Fr. L. Jahn: Publizist und Patriot
4. Fr. L. Jahn: Reformer - Revolutionär?
    Deutschtümler - Deutscher?

Ein weiteres Jahn-Museum ist in seinem Schulsaal seines Geburtsortes Lanz in der Prignitz zu besichtigen, das ebenfalls nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten neu gestaltet wurde.


Literatur

Antonowytsch, Michael: Friedrich Ludwig Jahn. Ein Beitrag zur Geschichte der Anfänge des deutschen Nationalismus. In: Historische Studien, Heft 230. Berlin 1933

Braun, Harald: Die "ungeschichtlichen Jahre" Friedrich Ludwig Jahns. In: Schriften der DVS, Bd. 51. Die Entwicklung der Leibesübungen in Deutschland von den Philanthropisten bis zu den Burschenschaftsturnern. (Hrsg. G. Spitzer). Sankt Augustin 1993. S. 106-118

Braun, Harald: Friedrich Ludwig Jahn - gestern und heute. In: Jahn-Report. 1. Ausgabe, hrsg. vom Förderverein zur Traditionspflege und Erhaltung der Fr.-L.-Jahn-Gedenkstätten e.V. Freyburg/Unstrut 1994

Braun, H.; Kunze, E.; Langenfeld, H.: Über das Turnwesen (1811-1819). Transkription des Berichtes Nr. XX der Central-Untersuchungs-Commission zu Mainz von 1821. In: Schriften zum Hochschulsport der Universität Bremen, Band 3. Bremen 1998

Düding, Dieter: Organisierter gesellschaftlicher Nationalismus in Deutschland (1808-1847). Bedeutung und Funktion der Turner- und Sängervereine für die deutsche Nationalbewegung. In: Studien zur Geschichte des 19. Jahrhundert, Band 13. München 1984

Eichel, Wolfgang u.a.: Die Körperkultur in Deutschland von 1789 bis 1917. Band 2. Sport-verlag Berlin 1965

Jahn, Friedrich Ludwig: Deutsches Volksthum. Lübeck 1810

Jahn, Günter: Friedrich Ludwig Jahn. Volkserzieher und Vorkämpfer für Deutschlands Einigung. Göttingen 1992

Jahn, Günter: Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert. In: Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung, Band 15. Heidelberg 1995

Meyer, Wolfgang: Die Briefe Friedrich Ludwig Jahns. Leipzig 1913

Rundnagel, Erwin: Friedrich Friesen. Ein politisches Lebensbild. München & Berlin 1936

Steffens, Heinrich: Was ich erlebte, Band 8. Breslau 1843

Wertheimer, Martha: Turnvater Jahn. Eine Auswahl aus seinen Schriften.
Offenbach a.M. 1921

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Prof. Dr. Hans-Joachim Bartmuß

Aus den "Acta des Magistrats zu Freyburg betreffend die Polizei-Aufsicht über den Dr. Friedrich Ludwig Jahn" - Zum Schicksal F. L. Jahns nach seiner Haftentlassung 1825 bis zu seiner Rehabilitierung gegen Ende des Jahres 1840

Unter den im Archiv des Jahn-Museums befindlichen Schätzen befinden sich auch die o. g. Acta, die - vorausgesetzt sie werden in objektiver Weise interpretiert und nicht, wie das heutzutage leider Mode zu werden scheint, aus "moderner" Sicht - m. E. vieles und vor allem sehr Konkretes auszusagen vermögen über die Ursachen, die Jahn in die "unauffällige Lebensweise" während dieser Zeit in Freyburg trieben, und seine tiefe Resignation erklären, die auch noch Jahre nach seiner Rehabilitierung anhielt. Zwar sind in der Vergangenheit die "Regierungsakten Jahn" in verschiedener Hinsicht zitiert und mit wechselnder, von den jeweiligen Zeitströmungen bestimmter Zielrichtung interpretiert worden, doch "Regierungsakten", ob von Instanzen der königlichen Zentrale oder beim preußischen Regierungsbezirk geführt, sind m. E. bei weitem nicht so aussagekräftig wie Akten, die am Ort desjenigen, den sie direkt betreffen, geführt werden. Spiegeln doch die örtlichen Polizeiberichte die Art und Weise der Ausführung der an die örtlichen Beamten ergangenen Weisungen wider, sind ihrem Charakter nach die konkreten "Ausführungsbestimmungen" zu den erteilten Weisungen und sagen nicht zuletzt auch das konkret aus, was an die betreffende Person unmittelbar herangetragen bzw. über ihn im einzelnen bestimmt wurde. Vor allem aber ermöglichen uns diese örtlichen Berichte, in gewissem Grade nachzuvollziehen, wie sich das entsprechende "Objekt" der Polizeiaufsicht, in unserem Falle Friedrich Ludwig Jahn, unter diesen Bedingungen fühlte und verhielt, wie er notgedrungen seine Lebensweise und sein Verhalten auf diese bedrückenden Verhältnisse einstellte bzw. einzustellen genötigt war und wie sich schließlich dadurch im Laufe der Jahre auch sein Charakter veränderte. Deshalb halte ich es für dringend geboten, den Inhalt dieser Friedrich Ludwig Jahn betreffenden Freyburger Polizeiakte, die im Gegensatz zu den Jahn betreffenden Regierungsakten in der Geschichtsschreibung bisher kaum benutzt oder auch nur beachtet worden ist, hier etwas ausführlicher auszubreiten.

Bei den folgenden, aus den handschriftlich überlieferten Dokumenten in Druckschrift übertragenen Zitaten von Weisungen des zuständigen preußischen Ministers, des Merseburger Regierungspräsidenten und des Querfurter Landrats sowie von Berichten des Freyburger Stadtmagistrats habe ich aus der Handschrift für mich unleserliche Wörter oder auch Wortpassagen ausgelassen und dies durch 3 Punkte kenntlich gemacht. Dort, wo ich bei der Transkription von Wörtern aus dem handschriftlichen Text in Druckschrift nicht sicher genug war, ob meine Übertragung richtig ist, habe ich hinter das betreffende Wort ein in Klammern eingefasstes Fragezeichen gesetzt.
Nun aber zum Inhalt der Friedrich Ludwig Jahn betreffenden Freyburger Polizeiakte:
Anfang Juni 1825 erhält die "Wohllöbliche Polizei Behörde zu Freiburg an der Unstruth ein auf den 2. Juni 1825 datiertes Schreiben aus "Colberg", das vom "Königlich Preußischen Polizei Directorium" verfasst wurde, und in dem es u. a. heißt: "Der seit 5 Jahren hier anwesend gewesene Doctor der Phylosophie Friedrich Ludwig Jahn hat heute den nachgesuchten Reisepaß zur Reise nach dem dortigen Orte über Treptow a/O, Stargard, Koenigsberg a/m, Cüstrin und Friedland, auf 8 Wochen gültig, für sich und seine Familie erhalten, weil er sich dort aufzuhalten wünscht. Euer Wohllöblichen PolizeiBehörde verfehle ich nicht, davon Nachricht zu geben, weil der p. Jahn nach der Allerhöchsten KabinettsOrder vom 3. April unter polizeilicher Aufsicht bleiben soll, weshalb ich von der dieserhalb mir zugegangenen Bestimmung in dem Schreiben der hiesigen Königl. Commandantur vom 12. d. M. Abschrift ganz ergebenst beifüge. Von dem Eintreffen des p. Jahn bitte ich sowohl mich gefälligst zu benachrichtigen, als auch dem Herrn Minister des Innern und der Polizei von Schuckmann Excellenz die nöthige Anzeige davon zu machen. Sollte er aber binnen der im Paß bemerkten Reisefrist von 8 Wochen dort nicht eintreffen, so sehe ich ebenfalls einer gefälligen Benachrichtigung entgegen." (pag. 1) Die Abschrift des erwähnten und beigefügten Schreibens der "Commandantur von Colberg" vom 12. Mai 1825, an die Kolberger Polizeibehörde gerichtet und von einem "GeneralMajor und Commandant von Funck" unterschrieben, sagt aus: "Des Herrn Ministers des Innern und der Polizei von Schuckmann Excellenz haben mich mittels ... Schreibens vom 4/II d. Mts. zur weiteren Veranlassung davon in Kenntniß gesetzt: dass dem Dr. Jahn, dessen FreisprechungsUrtheil schon früher hier eingegangen und ihm bereits am 29. v. M. publiciert worden, nach der Allerhöchst erlassenen CabinetsOrdre vom 3. ... künftig sein Aufenthalt weder in Berlin und in einem Umkreise von 10 Meilen, noch in einer Universitäts- und Gymnasial Stadt erlaubt werde, auch derselbe da, wo er seinen Wohnsitz wähle, unter polizeilicher Aufsicht bleibe, ihm dagegen, so lange er diese Bedingungen hinsichtlich seines Aufenthalts pünktlich erfülle, und so lange sein Betragen tadellos bleibe, die Pension von Eintausend Thalern, die er bis jetzt bezieht, belassen werden solle. Diese Allerhöchste Bestimmung ist dem p. Jahn unterm gestrigen Tage zum Protokoll eröffnet und von ihm zu selbigem bemerkt worden: dass er vorläufig hier in Colberg zu verbleiben und sich aufzuhalten gedenke, von einer etwaigen demnächstigen andern Wahl aber sofort Anzeige machen werde." Er sähe sich gegenüber dem Königl. Wohllöbl. Polizei Directorium "veranlasst, hiervon, um wegen der fernern hinsichtlich des p. Jahn verbleibenden polizeilichen Aufsicht jedem Zweifel möglichst zu begegnen, dienstergebenst zu benachrichtigen." (pag. 2)

Bereits mit Datum vom 13. Juni 1820 konnte der Freyburger Polizeirat dem Kolberger Polizeidirektorium, dem Innen- und Polizeiminister von Schuckmann und dem Landrat des Querfurter Kreises, dem Frh. von Danckelmann, mitteilen, dass der Doctor der Philosophie Friedrich Ludwig Jahn mit seiner Familie in Freyburg eingetroffen sei. In allen diesen Schreiben wird betont, dass Jahn sofort unter polizeiliche Aufsicht gestellt worden sei bzw. unter polizeilicher Aufsicht bleibe. (pag. 3)

Interessant ist auch das nächste, in der Akte Jahn befindliche Dokument, nämlich ein Schreiben des zuständigen Landrats des Querfurter Kreises, des Freiherrn von Danckelmann, vom 4. Juli 1825, in dem er präzisiert, was unter "Polizeiaufsicht" zu verstehen sei: "Die polizeiliche Aufsicht welche über den D. Philosophiae
F. L. Jahn gehalten werden soll, darf auch nicht so weit ausgedehnt werden, dass
die Ortsbehörde jeden seiner Schritte wahrnimmt, sondern es genügt, wenn er im Allgemeinen beobachtet und darauf die Aufmerksamkeit gerichtet wird, mit wem er im öffentlichen Verkehr steht? und ob namentlich junge Leute, Studirende, Lehrer oder Zöglinge von nahen gelehrten Anstalten sich häufig bei ihm einfinden? - In Gemäßheit vorstehender hoher Anordnung wird E. Wohllöbl. Stadtmagistrat in Freiburg hierdurch veranlasst, von dem Treiben des p. Jahn und seinem Betragen wenn er nicht Anlaß giebt, sofort speziell zu berichten, quartaliter, jedesmal sint (?) den 1sten Octbr., 1. Janr, 1. Apr. und 1. Juli bis auf weitere Anordnung Anzeige zu machen, und im Fall er einen anderen Aufenthalt wählt, mir sogleich davon Nachricht zu ertheilen." (pag. 6; pag. 4 fehlt in der Akte, pag. 5 ist der Beleg mit der aufgestempelten Gebühr in Höhe von "Acht G. Groschen" und dem Siegel des Polizeisekretariats für den am 2. Juni 1825 für "den Doctor der Philosophie Herrn Friedr. Ludw. und deßen Begleitung ausgegebenen Reisepaß").
Der nächste Brief an den Stadtmagistrat in Freiburg stammt wiederum vom Landrat und ist auf den 15. August 1825 datiert: "In Gemäßheit hoher Verordnung vom 5ten dises Monats wird E. Wohllöbl. Stadtmagistrat in Freiburg hierdurch angewiesen, auf den D. Philosophiae F. L. Jahn in Freiburg, für den Fall wenn er nach Rossleben reisen sollte, besonders aufmerksam zu seyn und demselben keinen längeren als den behufs der Reise dahin nothwendigen Aufenthalt zu gestatten, auch dasjenige was darüber man kennen wird, sofort näher anzuzeigen." (pag. 7)

Der erste in der Akte verzeichnete Bericht aus Freyburg über Jahns Verhalten stammt vom 1. Oktober und wurde am 22. Oktober 1825 zur Post gegeben; er bezieht sich unmittelbar auf den Landratsbrief vom 4. Juli. Darin wird angezeigt, "dass der sich gegenwärtig hier aufhaltende Doctor der Philosophie, F. L. Jahn sich nicht nur sehr eingezogen und ruhig verhält und unseres Wissens mit Niemand in öffentlichen Verkehr stehet, sondern dass auch bei ihm sich keine ... Leute, Studierende, Lehrer oder Zöglinge von gelehrten Anstalten bei ihm einfinden." (pag. 8)
Offensichtlich versäumte dann der Freyburger Stadtmagistrat, zum nächstfälligen Termin, dem 1. Januar, Bericht über Jahn zu erstatten. Deshalb schreibt am
6. März 1826 der Landrat von Danckelmann an die Freiburger Oberen: "Von Einem Wohllöblichen Stadtmagistrate ist der für den 1. Januar dieses Jahres fällig gewesene Bericht über das Treiben und Betragen des Dr. Jahn nicht eingegangen. Wohlderselbe wird daher hierdurch ..., die nach der Verfügung vom 4. Juli vorigen Jahres über den p. Jahn vierteljährig zu erstattenden Anzeigen bei Vermeidung Fünf Thaler Ordnungsstrafe ... pünktlich einzureichen." (pag. 9) Der Bericht wird daraufhin sehr rasch, bereits am 10. März, eingereicht mit der Formulierung: "Von dem Treiben und Betragen des Dr. Jahn alhier vermögen wir nichts Nachtheiliges zu berichten indem derselbe bei einer eingezogenen (?) Lebensart sich fortwährend ruhig und ... wohl verhält." (pag. 9, Rückseite) Es folgt dann in der Jahnschen Polizeiakte ein Brief des Freyburger Stadtrats an den Landrat vom 1. April mit einem bemerkenswerten Antrag: "Da der Professor Dr. Jahn alhier, über dessen Betragen wir... unterm 10ten vorigen Monats berichtet haben, in seinem ruhigen und unverdächtigen Verhalten fortfährt, so fragen wir gehorsamst an, ob es nicht genügen möchte, jährlich, oder halbjährlich und, wenn es Veranlassung dazu giebt, davon sofort speciell zu berichten?" (pag.9, Rückseite, u. pag. 10) Am 12, April 1826 schreibt daraufhin die Abteilung des Innern der "Königl. Preuß. Regierung" in Merseburg (d. i. das spätere Regierungspräsidium) an den Landrat des Querfurter Kreises: "Da nach dem anbei zurückerfolgenden Berichte des Stadtraths zu Freiburg der Professor Dr. Jahn in seinem ruhigen und unverdächtigen Betragen ..., so mögen die angeordneten QuartalsAnzeigen hierüber bis auf weiteres ..., und wollen wir nachgeben, dass für die Folge nur jederzeit am Schlusse des Jahres Bericht deshalb erstattet werde, es wäre denn, dass der Professor Dr. Jahn sein Benehmen änderte und sich in dieser Hinsicht als verdächtig und unruhig bewiese, in welchem Falle unverzüglich unter specieller Anführung der Umstände vom Stadtrathe zu Freiburg Bericht zu erstatten ist." (pag. 11) Der ausdrücklichen Aufforderung, das Weitere zu verfügen, kam der Landrat am 20. April nach, indem er eine Abschrift dieses Schreibens an den Stadtmagistrat in Freiburg sandte und ihm die Weisung erteilte, den jährlichen Bericht am 15. Decbr. jeden Jahres zu erstatten. (pag. 11, Rückseite) An diesem Tage des Jahres 1826 ging mit Bezug auf diese Anordnung vom 12. April 1826 eine kurze Mitteilung des Freyburger Stadtrats an den Landrat, wonach "der Professor Dr. Jahn hier in seinem ruhigen und unverdächtigen Verhalten fortfährt". (pag. 12) Auch der Bericht vom 29. Dezember 1827 an den Landrat sagt nichts Neues aus und lautet sehr lakonisch: "Infolge der hohen RegierungsVerordnung vom 12. April v. J. berichten ... gehorsamst, dass uns von dem Professor Dr. Jahn hier etwas Nachtheiliges nicht bekannt geworden ist und derselbe sich fortwährend tadellos verhält." (pag. 12, Rückseite) Der Landrat hatte bereits am 24. Dezember an den Freyburger Stadtmagistrat geschrieben - dieses Schreiben traf allerdings erst am 30. Dezember in Freyburg ein -, um ihn zu veranlassen, "ungewöhnliche Anzeige über das Verhalten des Dr. Jahn sofort ... einzusenden, und diese Eingabe künftig bei Vermeidung ... Ordnungsstrafe, jedesmal den 1.n Decbr. zu bewerkstelligen." (pag. 13)

Ende Oktober1828 änderte Jahn plötzlich seinen Wohnsitz und wählte Kölleda als seinen neuen Aufenthaltsort, ohne dass aus den Freiburger Polizeiakten hervorginge, worin der eigentliche Grund für diese "Verbannung" bestand. Hierüber geben nur die Regierungsakten Aufschluß, aus denen hervorgeht, dass am 15. September 1828 beim Berliner Innen- und Polizeiministerium eine Anzeige vom Unterrichtsministerium eingegangen war, dass Jahn öfter in Merseburg gewesen und dort, ebenso wie in Freyburg, mit Gymnasiasten zusammengetroffen sei, deren Vorsatz zu turnen er gebilligt habe. (Siehe "Die Briefe F. L. Jahns, hrsg. v. Wolfgang Meyer, Leipzig 1913, S. 314.) Ein Schreiben der Abteilung des Innern der "Königl. Regierung zu Merseburg" an den Querfurter Landrat, datiert auf den 24. Oktober 1828, enthält nur folgende Mitteilung: "Durch ein Rescript des Königl. Ministeriums des Innern und der Polizei vom 19. v. Mts ist angeordnet worden, dass der Dr. Jahn zu Freiburg, diesen Wohnort verlassen und einen andern von Universitäten und Gymnasien gehörig entfernten Aufenthalt wählen soll. Der p. Jahn hat vom 1. November d. J. ab mit unserer Genehmigung die Stadt Cölleda zu seinem Wohnorte gewählt und wird im Laufe dieses Monats dahin abgehen. - Indem wir Euer Hochwohlgeboren hiervon benachrichtigen, tragen wir Ihnen auf, von der Zeit an, von der p. Jahn Freiburg verlassen hat, die polizeiliche Aufsicht über ihn aufzuheben." (pag. 15; selbstverständlich wurde in Kölleda weiterhin die Polizeiaufsicht über Jahn ausgeübt.) Die "Abschrift zur Nachricht und Achtung" ist vom Landrat erst am 31. Oktober ausgefertigt worden und schließlich am 10. November 1828 in Freiburg eingetroffen. (pag. 15, Rückseite) Das erklärt, warum der Freiburger Stadtrat von der Abreise Jahns nach Kölleda überrascht war und die Gründe dafür zumindest am 1. November 1828 auch noch nicht kannte. Das Schreiben des Stadtrats vom 1. November 1828 an den Landrat von Danckelmann lautet wörtlich: "Da nach der uns zugekommenen öffentlichen Kunde dem bisher hier wohnhaft gewesenen Professor der Philos. Dr. Friedrich Ludwig Jahn die hohe Verfügung zugekommen sein soll, den hiesigen Ort bis zum Schlusse des Monats Octbr. d. J. bei Verlust seiner bisher genossenen Pension zu verlassen, derselbe auch am 29sten v. Mts. wirklich von hier abgereißet ist und sich nach Cölleda als seinen künftig gewählten Aufenthaltsort begeben haben soll, so stehen wir nicht an, Euch hiervon so oft als dass die von uns bisher über Selbigen geführte sowohl specielle als policeyliche Aufsicht hierdurch ihre Endschaft (?) erreicht hat, sofort gehorsamste Anzeige zu machen. Seine übrige Familie befindet sich ... hier, soll aber im Begriffe stehen, demselben ebenfalls nachzufolgen und nächstens von hier abzureisen." (pag. 14)

Das nächste, in der Freyburger Polizeiakte über Jahn enthaltene Dokument ist wesentlich, nämlich fast 7 Jahre jünger. Es stammt vom 17. 09. 1835 und enthält genaue Vorschriften darüber, wie die Polizeiaufsicht über Jahn konkret auszusehen habe, sobald er von Kölleda nach Freyburg zurückgekehrt sein werde. Das Datum dieses nachstehend zitierten Schreibens ist insofern interessant, weil Jahn erst fast genau ein halbes Jahr später wieder in Freyburg eingezogen ist, d. h. dass die Vorkehrungen der Regierung, die "Sicherheit" der Bevölkerung gegenüber dem "Demagogen" F. L. Jahn betreffend, in diesem Falle außerordentlich zeitig einsetzten.
Bei diesem Schreiben vom 17. 09. 1835 handelt es sich nämlich um die an die Königl. Regierung zu Merseburg gerichtete Abschrift eines Briefes "in Vertretung des Herrn Geheimen Staatsministers v. Rochow, vermöge Allerhöchsten Auftrags des Justiz Ministers" von einem Mitarbeiter ("Mühler") unterschrieben. Es lautet: "Unter den in dem Berichte der Königl. Regierung vom 9. d. M. ... angezeigten Verhältnissen ist dem Dr. Jahn in Cölleda der von ihm nach der hierneben wieder zurückgebenden Vorstellung vom 3. d. M. beabsichtigte Umzug nach Freiburg zu gestatten. Die Königl. Regierung hat dies dem p. Jahn zu eröffnen und wegen seiner polizeilichen Beaufsichtigung in Freiburg das Nöthige zu verfügen." (pag. 16) Von Merseburg wurde eine Abschrift dieses Briefes an den Landrat Helldorf zu Bedra gesandt und ihm folgende Weisung erteilt: "Abschrift zur Nachachtung und um außer der über Dr. Jahn zu führenden speciellen Beaufsichtigung insonders auch darauf zu achten, ob und welche Personen genauere oder auffallende Verbindung mit ihm anknüpfen, wie auch ob und mit wem er in vorzugsweiser ...dung steht. Von periodischer Berichtserstattung über diese Gegenstände absehend haben Sie dabei den leisesten sich ergebenden Verdachtsgründen, welcher Art sie auch sein mögen, uns ungesäumt Anzeige zu machen und zu gleichem Verfahren, jedoch ohne dass der Dr. Jahn durch solches unnöthig belästigt oder sonst einiges Aufsehen erregt werde, die Ortsbehörde anzuweisen. Insbesondere wird dabei der etwaige Umgang des p. Dr. Jahn mit jungen Leuten aus der Klasse der Schüler und Studenten im Auge zu behalten, und event. werden die erforderlichen Maßregeln zu treffen seyn, um einen solchen zu verhindern, insofern die bekannten Uebelstände daraus zu besorgen sein möchten. Die veränderten Umstände, welche den früher untersagten Aufenthalt des p. Jahn in Freiburg jetzt zulässig machen, bestehen übrigens wesentlich in
E. Hochwohlgeboren Persönlichkeit und in dem Vertrauen, was wir zu Ihnen für die angemessene Beaufsichtigung desselben haben können." (pag. 16 f.) Nach Absenderangabe und Unterschrift folgt dann noch mit Datum vom 10. Oktober 1835 eine längere Anweisung "An Herrn Bürgermeister Schier, Wohlgeboren, in Freiburg" mit detaillierten Vorschriften für die Kontrolle Jahns: "Abschrift erhält der Bürgermeister Schier Wohlgeboren zu Freiburg mit dem Auftrage, den p.Jahn auf schickliche Weise unter die genaueste Controlle zu stellen. Ihrer Umsicht gebe ich die hier speciell anzuordnenden ... anheim, und bemerke nur, dass solche der hohen Anordnung zu Folge jedenfalls so zu treffen, dass der p. Jahn nicht unnöthig belästigt und alles Aufsehn vermieden werde. Bey der Nähe mehrerer gelehrten Schulen und auch Universitäten haben Sie auf die Freiburg besuchenden Schüler und Studenten ganz vorzüglich Acht zu geben, ob selbige in irgend eine Communikation mit dem Dr. Jahn treten. Bey dem geringen Umfange von Freiburg und der gewöhnlich sehr ... Handlungsweise des p. Jahn wird es nicht schwer halten, alle seine Schritte ohne große Veranstaltungen gehörig zu beobachten und jeden nachtheiligen Einfluß, den derselbe ausüben möchte, sofort zu bemerken. Euer Wohlgeboren haben mir regelmäßig vierteljährlich über das Verhalten des p. Jahn zu berichten, wobey die von Königl. Hochlöbl. Regierung besonders ausgehobenen Punkte, als:

1. ob und welche Personen eine genaue und auffallende Verbindung mit dem p. Jahn
  anknüpfe?
2. ob und mit wem er vorzugsweise in Correspondenz stehe?
3. ob junge Leute aus der Klasse der Schüler und Studenten, wie es bei früherer
  Anwesenheit des Jahn der Fall war, jetzt wieder mehr Freiburg besuchen und solche mit Jahn in Berührung kommen, so wie auch
4. ob der p. Jahn an öffentlichen Orten, wie er es früher, sogar mit Leuten geringen
  Standes ... gethan, über Verfassung und Politik spreche? Und
5. Womit er sich im Allgemeinen beschäftige? vorzugsweise im Auge zu halten sind.
  Ueberdem erwarte ich auch sofortige Anzeige bey jedem besondern Vorfall oder ... Verdacht." (pag. 17, Vorder- und Rückseite)

Am 20. März 1836 zeigt dann der Bürgermeister von Freyburg dem Landrat "ergebenst an, dass der Dr. philos. Jahn hier eingetroffen ist". (pag. 18) Der erste, zum 1. Juli 1836 fällige Bericht über das Verhalten Jahns hält sich genau an die
5 Vorgaben vom 10. Oktober 1835, auf die er auch ausdrücklich Bezug nimmt. Er schreibt dann, "dass der Dr. philos. Jahn seit seinem Aufenthalte hier ruhig und still gelebt und sich ohne Tadel geführet hat. Uebrigens hat

ad 1.; Niemand ... auffallende Verbindung mit ihm geknüpft;
ad 2., Seine Korrespondenz beschränkt sich, eingegangener Erkundigung nach, blos auf
  Verwandte (?) und einige Bekannte in Berlin und Stettin.
ad 3., Schüler und Studenten haben sich nicht in vermehrter Anzahl, seit dem der p. Jahn sich
  hier aufhält, eingefunden, und eben so wenig ist derselbe mit solchen in eine nähere Berührung gekommen.
ad 4., Aeußerungen über Politik und Verfassung, namentlich an öffentlichen Orten gegen
  Leute geringeren Standes sind mir nicht bekannt geworden und scheint sich derselbe
ad 5., größten Theils mit Lektüre und schriftstellerischen Arbeiten zu beschäftigen.

Seine Lebhaftigkeit und die ihm eigene Unruhe hat, seit er hier entfernt gewesen, sich bedeutend vermindert." (pag. 18)
Im folgenden Bericht vom 1. 10. 1836 beschränken sich dann die Auskünfte des Bürgermeisters darauf, "dass der Dr. philos. Jahn auch in dem letztverflossenen Vierteljahre seine ruhige Lebensart fortgesetzt und sich ohne Tadel geführet hat. - Hinsichtlich der speciell auszuführenden Punkte habe ich lediglich das in meinem Berichte vom 1. Juli Gesagte zu wiederholen." (pag. 18 f.)

Die folgenden , in der Polizeiakte Jahn enthaltenen Berichte vom 31. 12. 1836,
1. 4. und 30. 9. 1837, 19. 1., 31. 3., 1. 10. und 31. 12. 1838, 2. 4. und 31. 12. 1839 sagen nichts anderes aus. (pag. 19 und 21; pag. 20 fehlt.) Sie beziehen sich ohne Ausnahme auf die Verordnung vom 10. Oktober 1835 und bezeugen Jahn die Beibehaltung seiner " ruhigen Lebensweise" und bestätigen jeweils den Bericht vom 1. Juli 1836. Lediglich im Bericht vom 19. 1. 1838 wird Zusätzliches berichtet: Bei Jahn hätten sich Leute aufgehalten, dabei hätten sich zwei Namen "aber von mir nicht haben ausgemittelt werden können". (pag. 21) Der Bericht vom 2. April 1839 ist danach offenbar im gleichen Wortlaut am 2. 7., 1. 10. und 31. 12. 1839 sowie am 2. 1., 2. 4. und 10. 7. 1840 wiederholt und deshalb in die Akte nicht im Wortlaut aufgenommen worden, lediglich die Postausgangsdaten sind neben dem Wortlaut des Berichts vom 2. 4. 1839 festgehalten. (pag. 21, Rückseite)

Die Beendigung der Polizeiaufsicht über Jahn wird mit dem Brief des Freyburger Bürgermeisters an den Landrat, datiert auf den 19. 8. 1840, eingeleitet. Darin verweist er darauf, dass der preußische König - es handelt sich dabei um Friedrich Wilhelm IV., der der Nachfolger seines Vaters, Friedrich Wilhelms III. (+ 7. 6. 1840) war und wegen seiner scheinbar liberalen Haltung allseits mit großen Erwartungen begrüßt wurde - "alle diejenigen welche sich während der Regierung des hochseligen (?) früheren Königs des Hochveraths, des Landesverraths, der Majestätsbeleidigung, der Theilname an unerlaubten Verbindungen und Erregung von Mißvergnügen gegen die Regierung schuldig gemacht haben, ... vollkommen und ohne alle Einschränkung zu begnadigen geruht. In Folge dessen dürfte nach meinem ... Dafürhalten auch die polizeiliche Aufsicht welche ich über den Dr. phil. Ludwig Jahn hier zu führen habe, jetzt ohne weiteres aufzuheben sein." (pag. 22) Abschließend bittet der Bürgermeister den Landrat um Unterstützung seiner Bitte, die polizeiliche Aufsicht über Jahn aufzuheben. Jahn hatte, wie aus seinem Mahnschreiben vom 30. 10. 1840 hervorgeht, am 23. August ein entsprechendes Gesuch mit der Bezeichnung "zu eigenen Händen" an den Innen- und Polizeiminister v. Rochow gerichtet. (Die Briefe F. L. Jahns, a.a.O, XI, Nr. 2, S. 463) Mit dem nächsten in die Akte Jahn aufgenommenen Dokument, dem Brief des preußischen Ministers des Innern und der Polizei von Rochow vom 31. 10. 1840 an die "Königl. Regierung zu Merseburg", wird dann der erste Schritt zur Rehabilitierung Jahns vollzogen: "Der Königl. Regierung wird hierdurch zur Kenntnißnahme und weiteren Veranlassung bekannt gemacht, dass des Königs Majestät die durch die Allerhöchste Kabinettsorder vom 3ten Mai 1825 gegen den Doctor F. L. Jahn angeordneten polizeilichen Beschränkungen, welche der Königl. Regierung am 6ten Juni 1825 eröffnet worden sind, auf meinen Antrag unterm 23.n d. Mts. wieder aufzuheben geruhet haben, und dass der p. Jahn heute davon in Kenntniß gesetzt wird." (pag. 22, Rückseite) Am 12. November 1840 sendet die Merseburger Regierung eine Abschrift dieses Schreibens an den Querfurter Landrat, der seinerseits dem Freyburger Bürgermeister am 23. 11. 1840 dieses wichtige Schreiben übersendet, die der Freyburger Magistrat am 26. November 1840 an das Landratsamt zu Querfurt zurückschickt. (pag. 22 f.)

Für das Verhalten Friedrich Ludwig Jahns in den Jahren zwischen 1840 und 1852 hatten die 6-jährige Haft und die 15-jährige Polizeiaufsicht mit allen den von höchster Stelle angeordneten und von den örtlichen Behörden, wie die Freyburger "Polizei-Akte Jahn" beweist, strikt befolgten und jederzeit durchgesetzten Maßnahmen schwerwiegende Folgen. Nicht nur die Briefe Jahns vor seiner Rehabilitierung, sondern auch die danach geschriebenen legen davon sehr klar Zeugnis ab. Langjährige Haft und Polizeiaufsicht haben aus dem unbekümmerten, furchtlosen und gesellschaftlich höchst aktiven Mann, der im 2. Jahrzehnt des
19. Jahrhunderts eine erstaunliche Wirkung auf seine Mitmenschen in Preußen und in vielen anderen deutschen Staaten ausübte, einen zurückgezogen lebenden, ängstlichen, verbitterten und resignierenden Mann gemacht, der Ende 1842, mehr als 2 Jahre nach Ende der Polizeiaufsicht an seinen Freund und Gönner Dr. Dieffenbach in Berlin schreibt, sein Lebensschiff sei gestrandet, und er mühe sich vergeblich ab, es wieder flott zu machen (Meyer, Briefe, XI/15, S. 476). Und an die Turngemeinde zu Limburg (Lahn) schreibt er am 21. 07. 1848: "Meine Zeit ist gewesen, und das verlöschende Licht meines Lebens mag still verglimmen. Ich ... gehe selbst jeder unschuldigen Volksfreude seit Jahren aus dem Wege ..."
(Meyer, Briefe, XII/6, S. 539).

Aus der Freiburger Polizeiakte geht hervor, dass es vor allem ökonomischer Druck war, der von den Behörden ausgenutzt wurde, um Jahn zur Untätigkeit und Unterwerfung unter die angeordneten, menschenunwürdigen Maßnahmen zu zwingen. Mit der Drohung, ihm bei Nichtbefolgung der von der Obrigkeit verordneten Vorschriften die Pension von 1000 Talern, die für ihn und seine Familie in Freyburg und Kölleda die wichtigste Lebensgrundlage war, zu entziehen, wurde Jahn gefügig gemacht und gezwungen, sich unauffällig zu verhalten (pag. 2, pag. 14). Jahns daraus entstandene Verbitterung wird aus vielen Briefen an seine Freunde, die er mit ironischem Unterton teilte "in die, so was von mir hielten, als ich noch nichts galt, und in die, so an mir hielten, als ich nichts mehr war" (Meyer, Briefe, XI/52 vom 17. 01. 1847, S. 521). Die Zeit seit seiner Verhaftung im Jahre 1819 bezeichnet Jahn als Leidenszeit (Meyer, Briefe, VIII/6 vom 05. 07. 1831, S. 330). Am 28. 11. 1840 schreibt er an den Innen- und Polizeiminister v. Rochow: "Auch bin ich in den 21 Jahren so aus der Welt gekommen, dass ich mir wie ein erwachter Siebenschläfer vorkomme" (Meyer, Briefe, XI/3, S. 465). Mehrfach bezeichnete sich Jahn sowohl vor wie nach seiner "Rehabilitation" als "Klausner" bzw. "Einsiedler" (Meyer, Briefe, X/16 v. 13. 12. 1839, S. 456; XI/47 v. 27. 09. 1846, S. 516; XIII/3 v. 06. 08.1851, S. 563). Besonders litt Jahn darunter, was er in seinem Brief an die Frankfurter Turngemeinde am 31. 12. 1843 so formulierte: "Dennoch habe ich für alle einzelnen Verirrungen meiner und anderer Turner büßen müssen; jedes Aufwallen ist mir in die Schuhe geschoben und mit mir der Sache. Jeder vorschnelle Spruch, jede vorwitzige Rede galt als meine Aufgabe. Jedes Lied, was auch noch nicht vor meine Ohren gekommen, scholl den Anklägern und Turnfeinden als Widerhall meiner Brust." (Meyer, Briefe, XI/21, S. 488) Jahn beklagt 1840, dass er seit 21 Jahren nichts mehr für das Turnen tun konnte (Meyer, Briefe, XI/3 v. 28. 11. 1840, S. 465), und am 26. 12. 1847 stellt er fest, dass das Leben mit der Jugend jung erhalte, eine Frau habe jedoch "darin besser als wir Männer, die wir leicht in demagogischen Verruf kommen können" (Meyer, Briefe, XI/60, S. 528). Resignierend schreibt er 1844 an Dürre, einen seiner wertvollsten Vorturner auf der Hasenheide, "vom Manne der Tat bin ich längst nur noch zum Raten zu brauchen, da ich, aus höherer Pflicht, die schwere Kunst übe, mich um die Zeit zu betrügen, weil man der Zeit auch Zeit lassen muß" (Meyer, Briefe, XI/26 v.
13. 01. 1844, S. 496). 5 Tage vorher hatte er sich bereits deutlicher Dürre gegenüber geäußert mit den Worten, "nur durch Stillsitzen und Stillschweigen kann ich dem Turnen nützen" (Meyer, Briefe, XI/23 v. 08. 01. 1844, S. 492). Von tiefer Resignation zeugt auch der Satz, den er in einem Brief vom 14. 02. 1841 an den Innen- und Polizeiminister v. Rochow schrieb: "Die Zeit gleicht alles aus. Ich aber mag weder den einen zur Lust, den anderen zur Last sein und keinem zur Schau" (Meyer, Briefe, XI/8, S. 470). Die Auswirkungen der Bedrückungen durch Haft und Polizeiaufsicht auf Jahn sind selbst einVierteljahr vor seinem Tode noch deutlich erkennbar, wenn er in einem Brief an einen Bekannten sich im Anschluß an ein aus einer Zeitung vom Jahre1830 entnommenes Zitat, "mich schreibert gar selten", mit den Worten fortfährt, "Wen sollte ich auch wohl schreibern, wenn er erlebt hat, dass auf freundschaftliche Briefe, wo die Briefsteller sich gehen ließen, auf Stammbuchblätter und Tagebücher der sich selbst lebendig zergliedernden Schreibphilister, die Kamptzische Demagogenverfolgung zumeist und zunächst gebaut war." (Meyer, Briefe, XIII/9 v. 21. 07. 1852, S. 569) Seine Verbitterung und sein vor allem daraus erwachsenes Misstrauen wirkte sich nicht zuletzt auch auf sein Verhältnis zu ehemaligen verdienten Weggefährten aus der Zeit der Hasenheide und der Befreiungskriege, auf sein Verhältnis zu Maßmann (Meyer, Briefe, XI/19 v. 13, 10. 1843, S. 482 f. und XI/46 v. 31, 08. 1846, S. 513; Minister Eichmann hatte Maßmann nach Berlin berufen, während Jahn überhaupt nicht beachtet wurde, was ihm die ironische Bemerkung entlockte, "die Turner möchten durch meinen Umgang verlernen - Gesundheit zu rufen, wenn der Hohe Magistrat nieset") und zu Ernst Eiselen, dem Mitverfasser des Buches über die Turnkunst von 1816 (Meyer, Briefe XI/19 v. 13. 10. 1843, S. 483): "Turnmeister, Turner und das Turnen sind verfolgt worden. Ernst Eiselen ist unangefochten geblieben.").

Vielfach wird in der Jahnliteratur die Ansicht vertreten, Jahn hätte sich auf Grund der negativen Frankfurter Erlebnisse 1848/49 schließlich resignierend und verbittert in sein Freyburger Haus zurückgezogen. Über das Frankfurter Jahr hat er sich jedoch durchaus nicht in diesem Sinne geäußert. "Ich kann auf Frankfurt ohne Selbstvorwürfe zurückblicken, und die dort verlebte Zeit ist nicht das schlechteste Jahr meines Lebens", schreibt er im Dezember 1849 an einen guten Freund (Meyer, Briefe XII/31, S. 559). Das und die anderen hier zitierten brieflichen Äußerungen sprechen eher dafür, dass die Hauptursache für Jahns Resignation und Verbitterung in den Bedrückungen zu suchen ist, die er seit 1819 in 6-jähriger Haft und in der Zeit danach unter den menschenunwürdigen Bedingungen polizeilicher Aufsicht und Kontrolle erleben musste.

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Dr. Eberhard Kunze

Freundschaftsbande, Freundschaftsbünde Friedrich Ludwig Jahns

Der von mir gewählte Vortragstitel mag manche Zuhörer und späteren Leser etwas überraschen. Einige werden sich noch gut an die überregionalen Presseartikel zum
150. Todestage Jahns im vergangenen Jahr erinnern; dort wurde Jahn auf breiter Front so dargestellt, als habe er fast nur mit und aus politischen Feindbildern leben können. In dem auf drei Bände angewachsenen neuen Sammelwerk über ‚Deutsche Erinnerungsorte' taucht Jahn erstaunlich häufig im Personenregister auf; in vier verschiedenen Beiträgen ist er als mehr oder minder negative Erinnerungsfigur präsent, gemessen an heutigen Bekenntnissen zur sogenannten politischen Korrektheit. Lediglich im Beitrag von G. Pfister wird eine andere Tonart angeschlagen.
Aber ist dies überhaupt vorstellbar, dass ein Mensch in seiner engeren Umgebung und weiteren Gesellschaft nur aus Feindbildern heraus lebe und agiere? Sind denn nicht auch Freundschaftsbande notwendig und hilfreich für unsere soziale Existenz - damals wie heute? Es scheint, dass im Falle Jahns seine teils stärkeren, teils schwächeren Gruppenbindungen und Freundschaftsbande bislang zu wenig beleuchtet wurden; deshalb soll im folgenden versucht werden, allzu einseitige Ansichten über Friedrich Ludwig Jahn in ein anderes Licht zu rücken.
Ich versuche dies mit einer knappen Skizze zu einer frühen Freundesgruppe aus Jahns langer Hochschulzeit; ergänzend kommen gegen Ende ein paar personenbezogene Beispiele zu lebenslangen Freundschaftsbanden in den Jahn'schen Netzwerken hinzu.

Zwei Jahre nach Beginn seines Studiums in Halle, im März 1798, schloss sich Jahn einer der damaligen reformorientierten Studentenverbindungen an, dem Orden Unitas bzw. der Eintracht. Kernbegriffe und Leitmotive dieser teilweise geheim agierenden, weil staatlich verfolgten Verbindung waren Eintracht, Freundschaft und wechselseitiges Vertrauen. In einem Stammbuchblatt für Jahn vom Mai 1799 brachte einer seiner Ordensbrüder die sich wechselseitig bedingenden Aspekte sehr schön zum Ausdruck:

  "Freundschaft ist ein Geschenk,
womit E i n t r a c h t
nur ihre Vertrauten beglückt.
Um einen Antheil
an ihren Wohlthaten zu erhalten,
muß man ihr ein Opfer
gebracht haben,
und um mit ihren
Freuden bekannt zu werden,
muß man mit
Ihr selbst bekannt seyn."

Jahn selbst schrieb einem anderen Ordensbruder ins Stammbuch:

  "Freundschaft ist der erste Kampfpreis;
Zufriedenheit das zweite Loos;
Wer aber beides fand und errang,
Den schmückt die köstlichste Krone."

Den stärksten freundschaftlichen Rückhalt fand Jahn damals jedoch weniger in Halle, sondern eher unter etwas jüngeren Ordensbrüdern in Jena; dort war er zwar nie eingeschrieben, aber häufig zu Gast. Hier lassen sich denn auch Namen und Kleingruppen fassen, deren gemeinsames Band vor allem durch wechselseitiges Vertrauen gebildet wurde; so etwa

- bei der jeweiligen Stellensuche und Karriereplanung,

- bei der späteren Gründung des antinapoleonischen geheimen ‚Deutschen Bund',

- bei der gemeinsamen Unterstützung des Lützow`schen Freikorps,

- schließlich bei dem Engagement für die Verbreitung des Turnens.

Ablesen lassen sich die intensiven Freundschaftsbande an den frühen Briefwechseln Jahns; sie sind teils gedruckt, wie die Briefe an Feuerstein, teils noch ungedruckt, wie die überlieferten Briefe an Jahn, welche die ältere Forschung großzügig übergangen hat. Wenigstens einer dieser Briefe sei hier stellvertretend zitiert; der Ordensbruder Salchow schrieb Jahn im Herbst 1810 unter anderem:
"Ich will nichts von der Welt, sie hat kein Vergnügen mir zu bieten, das ich nicht ... bald ermüdend gefunden hätte - das der Freundschaft abgerechnet, die indeß keine Frucht der Welt, sondern unserer Herzen war". Salchow war, nebenbei bemerkt, einer der wenigen engen Freunde, denen Jahn brieflich auch sein zeitweiliges Liebesleid offenbaren konnte.
Bekannter aus den gedruckten Briefen ist Jahns acht Jahre jüngerer Jenaer Busenfreund Fritz Wolf Feuerstein. Wir finden den angehenden Mediziner später im ‚Deutschen Bund', im Gruner'schen Agentennetz, dann als Regimentsarzt im Lützow'schen Freikorps und dessen Folgeeinheit. Noch Ende der 1830er Jahre verabredete Feuerstein einen Familienbesuch bei Jahn in Freyburg. Nach Jahns Tod war Feuerstein einer der ersten, der die aufbewahrten Briefe der Freundschaft der Turnerschaft testamentarisch zur Publikation überließ.
Ein weiteres Beipiel wäre aus der jüngeren Gruppierung der Burschenturner der spätere Jurist
Ulrich. Er hat, nach Briefzeugnissen Jahns, diesen mehrfach mit seiner Familie in Freyburg besucht. In Königsberg war Ulrich 1847 Gründer des dortigen Turnverens; zugleich engagierte er sich wie Jahn in der innerkirchlichen Oppositionsbewegung der ‚Lichtfreunde'.
(Diese Gruppierung mit ihren spezifischen Freundschafts- und Vertrauensbanden wird inzwischen von J. Bartmuß weiter untersucht).

Solche Einzelbeispiele ließen sich durchaus vermehren, worauf hier jetzt verzichtet wird. Doch ein Aspekt soll noch gestreift werden, die langfristige Wirkung früherer Gruppenbindungen.
Jahn war nach dem Brand seiner Freyburger Wohnung (1838) und den dann begonnenen Hausbau, wie bekannt, in erhebliche finanzielle Not geraten. Hier griffen schließlich gute Freunde ein. Ehemalige Lützower und Burschenturner organisierten eine Geldsammlung mit letztlich zufrieden stellendem Erfolg für Jahn. Entscheidend sind daran m.E. nicht so sehr die gesammelten Taler, die man zusammenrechnen und bei Pröhle nachlesen kann. Entscheidender waren die Personen und Personengruppen, die da spendeten und einem in Not geratenen Freund selbstlos weiterhalfen. Teilweise gab man symbolisch und faktisch zurück, was Jahn persönlich in früheren Jahren jüngeren Freunden und Weggefährten an Starthilfen hatte zukommen lassen.
Hier haben wir, so meine ich, ein konkretes Beipiel und einen Einstiegsbereich, um die langfristigen Gruppenbindungen und Freundschaftsbande Jahns genauer zu untersuchen. Aus der weiteren Erhellung solcher Gruppengeflechte und Freundschaftsbande könnte partiell ein anderes Jahnbild entstehen!


Anmerkungen:

1) Kurzvortag zur Mitgliederversammlung des Fördervereins am 22. Aug. 2003. - Der Duktus des Vortrages wird hier beibehalten; auf Quellenbelege und Literaturhinweis

 

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