| Jahn-Report - - 26. Ausgabe, Mai 2008 |

| Braun, Harald: | Friedrich Ludwig Jahn - gestern und heute | (1994) |
1
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| Braun, Harald: | Der Turner/innen Gruß und Symbol | (1996) |
5
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| Frost, Wolfhard: | Was hat uns Jahn (noch) zu sagen? | (1996) |
6
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| Bartmuß, Hans-Joachim: | Friedrich Ludwig Jahn 1848/49 | (1997) |
8
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| Bartmuß, Hans-Joachim: | Gedanken zur Jahn-Tradition | (1998) |
9
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| Göhler, Josef: | Die Pflege der Muttersprache | (1999) |
11
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| Ein Wort an die Fremdwörtler im turnerischen Bereich | |||
| Kunze, Eberhard: | Empfehlungen für Jahn 1807/09 | (1999) |
12
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| Frost, Wolfhard: | Patriotisches Liedgut der frühen Turnbewegung | (1999) |
12
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| Kunze, Eberhard: | Brief Salchows an Jahn von 1810 | (2000) |
14
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| Ulfkotte, Josef: | Unbekannter Brief Jahns von 1846 | (2000) |
14
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| Braun, Harald: | Jahn und das Lützower Freikorps | (2001) |
16
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| Thomas, Michael: | Jahn und die patriotischen Lieder | (2001) |
16
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| Braun, Harald: | Jahn und die nationale Frage | (2002) |
17
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| Bartmuß, Hans-Joachim: | Zur Freyburger Polizeiakte betr. F. L. Jahn | (2002) |
17
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| Kunze, Eberhard: | Freunschaftsbande, Freundschaftsbünde | (2003) |
20
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| Bartmuß, Hans-Joachim: | Ascher gegen Jahn. Ein Freiheitskrieg? (PDF-Datei) |

Friedrich Ludwig Jahn - gestern und heute
Die Leistungen JAHNs (1778 - 1852) sind im Laufe der deutschen Geschichte extrem unterschiedlich bewertet worden. Seine Würdigung reicht von der Verehrung, mitunter überzogenen Vergötterungen seiner Anhängerschaft, den Turnern/-innen einerseits, bis hin zur schroffen Ablehnung von einigen seiner und unserer Zeitgenossen.
Obwohl JAHN nur acht Jahre senes Lebens öffentlich aktiv war - im 33.
Lebensjahr hat er 1811 den Turnplatz in der Hasenheide geschaffen, im 41. Lebensjahr
wurde er 1819 verhaftet - hat er uns ein Erbe hinterlassen, das von den Machthabern
aller Epochen deutscher Geschichte in Anspruch genommen wurde: im Kaiserreich
(1871 - 1918) war er der königstreue Nationalist, der für sein unerschütterliches
Eintreten für die Einheit Deutschlands sogar ins Gefängnis ging, von
den Nazis
(1933 -45) wurde er als der um hundert Jahre vorausdenkende erste Nationalsozialist
mißbraucht. Ebenso wurde er von der DDR-Ideologie vereinnahmt. In der
Bundesrepublik haben diverse politische Gruppierungen unterschiedliche Einordnungen
vorgenommen, die sich entweder auf seine nationale Gesinnung stützen oder
seine sozialen Tendenzen hervorheben. Unbestritten jedoch war stets die Anerkennung
seiner Verdienste um die Schaffung des vaterländischen Turnens.
So ist im Laufe der Jahre der geschichtlichen Entwicklung und mit der Modifizierung
des Turnens - vom alle Leibesübungen umfassenden Begriff bis zur Einengung
auf das Gerätturnen - bis in die heutige Zeit immer wieder von den unterschiedlichsten
Standpunkten her zu JAHNs Leben und Werk Stellung bezogen worden. Es entstand
ein JAHN - Bild, das sehr heterogene Züge aufweist.
Wenn heute behauptet wird "der Bart ist ab", dann steht diesen Kritikern
nur das ewiggestrige Bild des alten Turnvaters, kahlköpfig und mit langem
Bart, vor Augen. Sie haben aber nicht verstanden, was der dynamische Dreiunddreißigjährige
mit seinem Turnen beabsichtigte. Klammern wir den militärischen und politischen
Aspekt, der damals aufgrund der politischen Situation Deutschlands Teil des
Turnens war, aus und befassen wir uns mit der pädagogischen und sozialen
Seite:
JAHN woltte " der bloß einseitigen Vergeistigung die wahre Leibhaftigkeit
zuordnen (...) und im jugendlichen Zusammenleben den ganzen Menschen umfassen
und ergreifen". Er hat nicht das Turnen über die geistige Ausbildung
stellen, es aber auch nicht zur einseitigen "Drillschule" verkommen
lassen wollen. Zu seiner Zeit wurden Leibesübungen nur an ganz wenigen
Schulen unterrichtet; heute sind sie im Fächerkanon mit 2-3 Stunden in
der über 30-Stundenwoche unterrepräsentiert. In unserer bewegungsarmen
Zeit, in der das Straßenspiel verschwunden ist, genormte Spielgeräte
wenig Aufforderungscharakter besitzen, Hallen-, Spiel- und Sortplätze verschlossen
sind oder unter Aufsicht stehen, entspräche da nicht "das freie, öffentliche,
volkstümliche, nicht in den Wänden eines Gymnasiums eingeschlossene
Turnen", wie E. M. ARNDT sich über das JAHNsche Turnen vor 175 Jahren
äußerte, den Forderungen unserer Zeit, in der sich die Jugend vom
genormten und einseitigen Leistungssport abwendet und in Skate- und Snowboard,
im Drachenfliegen und Freeclimbing, Herausforderungen mit und in der Natur sucht?
JAHN ist 1811 mit der Jugend an unterrichtsfreien Nachmittagen aus Berlin hinaus
in die Natur gewandert. Zu Beginn des Turnnachmittags auf der Hasenheide wurde
Kür geturnt, d. h., die Teinehmer durften je nach Motivation spielen, laufen,
werfen, springen, klettern, balancieren, ringen. Diese Bewegungsvielfalt gab
es auf dem Turnplatz. Anschließend erfolgte eine Turnrast auf dem Thie
bzw. Ting, dem altgermanischen Versammlungsort freier Männer nachvollzogenen
Ort auf dem Turnplatz, wo Lieder gesungen, Streitigkeiten beigelegt, Turngesetze
besprochen und/oder Vorträge über deutsche Geschichte und Geographie
gehört wurden. Dann folgte die Pflicht in Form von Riegenturnen. Hier wurden
in strenger Ordnungsform neue Techniken oder Bewegungskonfigurationen erlernt.
Diese Dreiteilung - sie hat schon gesamtunterrichtliche Züge - war in jener
Zeit eine pädagogische Glanzleistung, die, würde sie heute in unserem
Sportunterricht umgesetzt, garantiert mehr Lust als Frust brächte.
Selbständigkeit und Selbsttätigkeit
Mit den pädagogischen Prinzipien "Selbständigkeit" und
"Selbsttätigkeit", die JAHN auf dem Turnplatz zu realisieren
suchte, war er seiner Zeit um über hundert Jahre voraus.
DIESTERWEGs Forderung (1842), "zurück zu JAHN, es gibt kein besseres
Vorwärts" hat auch heute noch Gültigkeit. Der freie Zusammenschluß
von vorwiegend Schülern und Studenten auf der Hasenheide und den anderen
Turnplätzen in Deutschland war von der sozialen Herkunft uneinheitlich:
die jugendlichen Turnerscharen rekrutieren sich, so BORNEMANN 1814, "aus
allen Ständen (...) vom Waisenknaben bis zum Fürstensohne". Sie
unterwarfen sich freiweillig - dann aber bindend - der von JAHN und seinem Turnrat
erstellten Turnordnung, sprachen sich mit "Du" an und kleideten sich
in altdeutscher Tracht, um die bestehende, in verschiedene Stände unterteilte
Gesellschaftsordnung zu überwinden.
"Zurück zu Jahn, es gibt kein besseres Vorwärts"
JAHN war aufgrund der politischen Situation Deutschlands Nationalist, er wäre
es als Bürger ganz gleich welchen anderen Staates auch gewesen. Es darf
aber unterstellt werden, daß er neben sozialen Randgruppen unserer Gesellschaft
auch ausländische Mitbürger integriert hätte. Unsere heutigen
Vereinssatzungen, die ja letztendlich auf der JAHNschen Turnordnung basieren,
lassen dies ausdrücklich zu.
Das JAHNsche Turnen (1811 - 1819) muß als gelungener Versuch bezeichnet
werden, der im außerschulischen Bereich mit eigenen gesetzen Formen des
Gemeinschaftsbewußtseins entwickelt hat, der damals wie heute seine Gültigkeit
besitzt.

Der Turner/-innen Gruß und Symbol
Anfragen beim DTB und kleinere Abhandlungen in Festschriften, Vereins- und Verbandszeitungen über Herkunft und Entstehung des Turnergrußes und des - wahrzeichens waren Anlaß für vorliegende Arbeit.
Vorgeschichte
Nach der "Allgemeine(n) Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste"
(Leipzig 1875, S. 350) "findet sich im Althochdeutschen der Kruoz oder
gruoz, ursprünglich und eigentlich im Sinne des anrufes, des freundlichen
wie des feindlichen". In der regel versteht man unter dem Grüßen
das freundliche Begegnen oder Scheiden, das den Gruß als zeichen der Beachtung
bzw. der teilnehmenden Achtung definiert. Wird der Gruß unterlassen, so
soll damit die Achtung respektive Beachtung versagt bleiben. Zu den Sitten und
Bräuchen der alttestamentlichen Juden gehörten Segen und Gruß,
die die Anwünschung von Glück, Heil, Friede, Segen von Gott, Freude
usw. beinhalten.
Nicht nur die antiken Völker des Mittelmeerraumes kannten den Gruß,
verschiedene Lexika weisen ihn bei den Völkern aller Kontinente nach.
Den Germanen galt das Erheben der offenen Hand bei ausgestrecktem Arm als Zeichen
des Vertrauens, daß man sich waffenlos, also freundschaftlich, begegnete.
Spätestens seit der Christianisierung - Kaiser KARL der GROßE (768-814)
hatte den Monat Dezember wegen der Geburt des Heilands Hel-, d.h. Heilmonat
genannt - haben sie auch das "Heil" in ihren Gruß mit aufgenommen,
so geschehen bei der Wahl des Sachsenherzogs HEINRICH (Herr HEINRICH saß
am Vogelherd recht froh und wohlgemut ...) zum König der deutschen Stämme
im Jahr 919.
Seit der zeit der Völkerwanderung galt also neben dem Ausdruck friedlicher
Begegnung, des Glück- und Segenwunsches, der Gruß auch als zeichen
der Unterwerfung, d. h., das auf Leistung beruhende charismatische Heil galt
dem siegreichen Helden (MEYERS Lexikon, 1938, S. 563 f.)
Der Nazi-Gruß war aus der spätgermanischen Zeit hergeleitet (BROCKHAUS,
1989,
Bd. 9, S. 604).
Gut Heil
In der höfischen Kultur des Mittelalters war u. a. der Gruß "Gut Heil" Brauch. Laut JACOB und WILHELM GRIMMS "DEUTSCHES WÖRTERBUCH" (Leipzig 1877, S. 818) war dieser Gruß schon im frühen Mittelhochdeutschen bekannt. Tatsächlich findet er sich bereits um 1140 im Alexanderlied des Pfaffen LAMPRECHT, um 1170 im Rolandslied des Pfaffen KONRAD, 1204 in Iwein mit dem Löwen von HARTMANN von AUE, 1544 in der Fabel Reinecke Fuchs von FRATER PAULI und anderen Dichtungen. Die Landsknechte wünschten einander vor dem kampf "viel guot heil". Selbst in den schriften von KANT und ARNDT, in Dichtungen von GOETHE und SCHILLER und in Opern von MOZART, BEETHOVEN und WAGNER kommt der Gruß "Gut Heil" noch im 18. und 19. Jahrhundert vor.
| Klopfa, Klopfa hämmerla `s brod ligt im Kämmerla `s messer ligt darnöben; seltmer eppes göben - guthaal, guthaal und mein gsellen a an thaal (Teil)! |
So riefen die Kinder in Franken bei dem sog. Anklopfets mit dem Hämmerchen
im Heilmonat (Dezember), um für sich und ihre " Gesellen" eine
Gabe zu erhalten. (SCHEITLER, in: DTZ, 1879, S. 156).
Dieses Gut-Heil-Rufen war nach HALTAUS (Kalendarium von 1729) und nach den "Nördlinger
Nachrichten" von 1760 auch im Volksmund gebräuchlich.
FRIEDRICH LUDWIG JAHN will nach eigener Aussage das "Gut Heil" 1817
gebraucht haben. Der Heidelberger Turner K. WASSMANNSDORF (DTZ, 1862, S. 50
u. 1884,
S. 430) bezweifelte dies, da der Gruß erst 1823 in JAHNS Lied von der
"Altvorderen Trinksprüche" - abgedruckt in J. B. Metzler, Deutsches
Liederbuch, Stuttgart 1823,
S. 37, und in Lübecks "Lieder für Deutschlands turnende Jugend"
von 1842 - erschien:
| Die Alten hielten frohen Sang Nebst frommem Wunsch in Ehren, Sie mochten gern mit hellem Klang Die Wunschesbecher leeren. |
|
| Ihr erst "Gut Heil" scholl all`zeit Dem deutschen Vaterlande; Es grün` und blüh` in Ewigkeit Im heil`gen Reichsverbande. |
Der Turner Gruß "Gut Heil" stammt nicht von JAHN, sondern kam
aus Plauen im Vogtland, wo OTTO LEONHARD HEUBNER, Sachsens Turnvater, beim Gutenbergfest
1840 zusammen mit der Einweihung des allgemeinen städtischen Turnplatzes
eine Rede hielt und darin das Heil gebrauchte, was GUSTAV FINKE 1843 bei der
Gründung der TG Plauen zum Gut Heil anregte (SCHEITLER, in: DTZ, 1879,
S. 179).
Der Gruß breitete sich schnell aus, denn auf dem ersten schwäbischen
Turnfest in Tübingen 1845 wurden die ankommenden Turner mit Gut Heil begrüßt,
und auch den Siegern erscholl dieser Ruf.
In den "Liedern für Männer-Turngemeinden", die von der TG
Heilbronn anläßlich des Turnfestes 1846 herausgegeben wurden, beginnt
und schließt das Vorwort mit Gut Heil. Obwohl sich 1846 eine lebhafte
Diskussion um einen allgemeinen Turnergruß in den regionalen Turnzeitungen,
so im "Turner" (STEGLICH, Dresden), im "Nachrichtsblatt"
(RAVENSTEIN, Frankfurt) und in der "Turnzeitung" (EULER und LAMEY,
Karlsruhe) entwickelte, wobei u. a. "GUTSMUTHS", "Heil auf",
"Frisch auf" als Turnergruß vorgeschlagen wurden, hat sich der
Gruß Gut Heil seit dem Heilbronner Turnfest 1846 bei den Turnern durchgesetzt.
Zum Empfang der Turner am 23. Mai 1847 zur großen nationalen Turnfahrt
hat die TG Bingen die Teilnehmer mit folgendem Vers begrüßt:
| Gut Heil Euch, Turngenossen, Zur Wanderfahrt am Rhein; Laßt ziehn uns unverdrossen; Frisch, From, froh, frei uns sein. (BRAUN, Bd. 1, S. 120) |
In RAVENSTEINS "Nachrichtsblatt" (1846, Nr. 11) und in STEGLICHS
"Turner" (1846,
S. 261 f) hat sich JAHN zum Gut Heil geäußert und als Turnergruß
empfohlen:
|
"Gut Heil" ist ein deutscher Gruß, wie nur irgend einer.
(...) Heil will |
|
| Darum, liebe Turner! laßt euch nicht irren noch verwirren.
Grüßt unverzagt, unbekümmert um Sprachmäkelei nach wie vor, mit `Gut Heil!`" (Gg. HIRTH, Das gesamte TUrnwesen, 2. Aufl. v. R. GASCH, 1893, S. 277 ff) |
Der Arbeiter-Turnerbund (1893-1933) hat auf seinem 4. Bundestag in Nürnberg
1899 den Turnergruß Gut Heil in Frei Heil umgeändert. Die Skiläufer
rufen sich Ski Heil, die Angler Petri Heil, die Jäger Weidmanns Heil zu.
Den Ausspruch Jahns von 1846 sollten sich die heutigen Turnerinnen und Turner
zu eigen machen. Ihre Berührungsängste mit Gut Heil gründen in
dem Mißverständnis, der Turner-Gruß sei dem Nazi-Gruß
verwandt. Wenn unsere Väter und Großväter nach der Machtübernahme
der Nazis 1933 freiwillig oder auf Druck den Turnergruß gegen den Nazigruß
eintauschten, dann war das aus heutiger Sicht eine unerträgliche Verirrung;
darum, liebe Turnerinnen und Turner (...) grüßt unverzagt (...) mit
Gut Heil.
Frisch, fromm, fröhlich, frei
Symbole sind Zeichen, "die etwas Geistiges vergegenwärtigen (...)
als Botschaft oder Signal, sind Mittel der zwischenmenschlichen Kommunikation",
zu verstehen als "Bindemittel für Gemeinschaften", z. B. der
großen Religionen der Welt ebenso wie in Turnen und Sport (Hg. KLING,
Hessenturner, 1994, S. 530). Wer sich zu einem Symbol bekennt, identifiziert
sich mit einer Organisation und akzeptiert deren Ziele (BERNETT, 1992, H1, S.
16).
FR. L. JAHN hat den Turnerwahlspruch
| "frisch, frei, fröhlich, fromm" |
als Mittel der Werbung für den guten Zweck des Turnens geschaffen. Er
steht heute noch so an der Giebelseite seines Hauses in Freyburg/Unstrut. Da
JAHN sehr belesen war, ist davon auszugehen, daß er ihn einem endreimenden
Spruch des
16. Jahrhunderts zum Ruhm studentischer Lebensart in Gegensatz zu Philistertum
und Besitzdenken übernommen hat:
| Frisch, frei, fröhlich, fromb: Sind des Studenten Reichtumb! |
Aus dem 14. Jahrhundert ist die Reihung "frisch, fro, frey" überliefert
(METZNER,
DT, 3, 1990, zit. n. H. POLESNY, 1981, S. 49).
JAHN hat in seinem Buch "Die deutsche Turnkunst" im Kapitel Turngesetze
die zweite Zeile des Studenten-Spruches in "das ist des Turners Reichtum"
zweckentsprechend abgewandelt. Obwohl sich im Neuhochdeutschen der Zweizeiler
nicht mehr reimt, hat JAHN einer Umstellung der vier F-Wörter in seinem
Aufsatz zur "Ehrenrettung des `From` von 1846 nicht zugestimmt.
|
"In den vier Worten ist die Steigerung unverkennbar, jede Umstellung verändert den Sinn und verschwächt ihn. Der Spruch ist Inschrift eines Ringes um das turnerische Leben. Das Weglassen nur eines Wortes macht den Reifen brüchig. Selbst die Verwandlung des ´fröhlich` in ´froh` entstellt die Sinnschrift, weil, so nahe verwandt, sich auch beide Worte fügen, froh mehr die innere Stimmung bezeichnet und das Wirkende, fröhlich hingegen das Offenbarwerden in äußerer Erscheinung (...) fröhlich muß mitteilen, gemeinsam empfinden (...) bedarf der Gesellschaft." (HIRTH 1., GASCH ": Aufl., 1893, S. 207 f) |
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Felsing 1846 |
Trotzdem wurde später die JAHNSCHE Reihung verändert zu
| Frisch, fromm, fröhlich, frei, das andere Gott befohlen sei! |
Während des Heilbronner Turnfestes 1846 schlug Kupferdrucker HEINRICH FELSING aus Darmstadt die bereits von ihm auf der Fahne des 1843 gegründeten Schülerturnvereins abgebildeten vier F in Kreuzform vor. "Den Spruch", so FELSING,
| "in seinen vier Anfangsbuchstaben habe ich zusammengestellt
in 4 F. Ich habe sie zum Zeichen vereint, sie bilden - wie die Turnerschaft - gleiche Kraft, gleiche Form und Stärke nach allen Seiten. Es ist das Viereck überall gleich stark, fest in den vier Ecken stehend. Nehmts´, wie ihr wollt, es ist das F aus dem FF. Vergeßt nur nicht, daß es auch das Christenzeichen ist." |
FELSING HATTE DIESE Form der vier F einer preußischen Münze, einem
Zweigroschenstück von 1693, der zeit des letzten Kurfürsten von Brandenburg,
FRIEDRICH III. (ab 1701 König von Preußen, FRIEDRICH I.), nachgebildet
(DTZ, 1876,
S. 128).
Eine weitere Gestaltung der 4 F hatte sich der Breslauer Alte Turnverein ausgedacht:
Es standen die F mit ihren unteren Enden gegeneinander, so daß die Form
den Flügeln einer Windmühle ähnelte, sich aber bei den Turnern
nicht durchsetzte:
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An FELSINGS Vorschlag schieden sich die Geister: Der Delegierte des Mannheimer
TV, Dr.ELLER; sprach sich entschieden gegen das "Fromm" und das Christenzeichen
mit der Begründung aus, er sei Jude und die Zeit des JAHNSCHEN Spruches
längst vorüber. Man solle nicht an altem Plunder kleben, sondern das
Unzeitgemäße fallen lassen
(BRAUN, Bd, 1, S.44; WIESER, in ZSGS, 1993, H1, S.32). A. SPIEß, der Begründer
des Schulturnens, befürwortete das Zeichen und meinte, "wenn von einem
Stifter einer solch edlen Sache ein solcher Kernspruch besteht, so muß
dieser heilig und ehrwürdig sein für alle Zeit" (BRAUN; Bd, 1,
S.44).
FELSINGS Turnzeichen wurde von den Bevollmächtigten abgelehnt. Es fand
aber bei den Turnern in der Hauptversammlung mehr Zuspruch und setzte sich im
Laufe der Zeit als Symbol durch.
Auf dem Turnfest in Frankfurt 1847 waren als Turnwappen Schwert und Flammenkeule
mit der Umschrift Frisch, Fröhlich, Frei in rot und gold auf schwarzem
Grund beschlossen worden (Ebd. S.126). Auch der 1846 gegründete TV Alzey
(Volkerstadt aus der Nibelungensage) hat noch 1861 die vier F hintereinander
gereiht, so wie sie auf der der Unstrut zugekehrten Seite des JAHNhauses in
Freyburg heute noch zu sehen sind:
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In der Nr. 28 der Deutschen Turnzeitung von 1876 heißt es, daß "auch die außerdeutschen Länder dieses (FELSING-)Symbol angenommen" hätten:
| Französisch: | Franc, Frais, Fier, Fort. |
| Englisch: | Frank, Fresh, Frish, Free. |
| Italienisch: | Franco, Fresco, Fiero, Forte. |
| Spanisch: | Franco, Fresco, Firme, Fuerte. |
| Portugisisch: | Franco, Fresco, Fero, Forte. |
| Schwedisch: | Frisk, From, Freidji, Fri. |
| Dänisch: | Frisk, From, Freidig, Fri. |
| Holländisch: | Vroed, Vrank, Vrij, Vroom. |
Auf o. g. Frankfurter Turnfest hatten die Turner bei der Planung einer Deutschen
Turnerschaft auch das "Fromm" aus der Viererformel weggelassen. Das
umgangssprachliche Fromm und seine Nähe zum Sinn von brav, lammfromm paßte
nicht zum eingestandenen politisch-republikanischen Zweck. Der nicht sehr fromme
Pfarrerssohn JAHN hat sich in seiner "Ehrenrettung" 1847 entschieden
für die Beibehaltung des Fromm ausgesprochen und es als "Inbegriff
aller sittlichen Thatkraft, aller Willensstimmung" definiert. "So
befesselt fromm die gesamte Pflichttreue und das Voransein in ihr für die
Gemeinde, so nachfolgt."
(GASCH "2.Aufl. 1893, S.208)
Warum JAHN unbedingt am Fromm festhielt, geht möglicherweise auf sein Bestreben
der Wiederbelebung des unverfälschten altdeutschen Wesens, bzw. auf seine
Verbindung mit der Studentenschaft (er war Mitbegründer der Burschenschaft
von 1817) zurück und deren Reim aus dem 16.Jahrhundert.
Ein Dreierstabreim ohne "Fromm" wäre doch auch sinnvoll gewesen,
da Dreiergruppen im Deutschen geläufig sind: "Aller guten Dinge sind
drei; z.B. Einigkeit und Recht und Freiheit" - Dies zu erreichen, war doch
der Turner Bestreben im Deutschen Vormärz.
Die nach der verlorenen Revolution von 1848/49 in die USA emigrierten republikanisch
gesinnten Turner haben den Wahlspruch JAHNS auch in den dortigen Turnvereinen
eingeführt: Das Fromm aber verschwand allmählich und 1880 wurden offiziell
im Turnerbund der USA JAHNS VIER F in Frisch und Frei, Stark und Treu abgewandelt
(NEUMANN, Bd. 32, S.71 f).
Der politischen Nähe der deutschen Emigranten mit den Turnern im ATB ist
es wohl auch zuzuschreiben, daß der ATB auf seinem 8. Bundestag in Stuttgart
1907 die Einführung des Bundes(ab)zeichens "Frisch, Frei, Stark und
Treu" beschloß.
(O. DREES, in: ACHILLES/LÜDECKE, 1928, S. 75)
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ATB-Bundesabzeichen |
Auf Grund der Distanzierung der Deutschen Turnerschaft (DT) vom antijüdischen Verhalten des Niederösterreichischen Turngaues 1888 und der daraufhin 1889 in Österreich beschlossenen Gründung des Deutschen Turnerbundes erfolgte auch eine Abgrenzung in der Symbolik. Das FELSINGSCHE Kreuz, das sich inzwischen in der DT durchgesetzt hatte, wurde vom österreichischen DTB und der völkischen Bewegung so umgestaltet, daß es dem ab 1920 von den Nazis geführten Hakenkreuz ähnelte.
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|
| Hakenkreuz der völkischen Bewegung |
Bundesabzeichen des DTB |
Kruckenkreuz der Austrofaschisten |
Mit der Machtübernahme durch die Nazis 1933 haben sich die Turnvereine
allmählich in ihrer Symbolik auf das Hakenkreuz umgestellt. Viele Vereine
haben z.B. zunächst noch ihre aus der Weimarer Zeit (1919-1933) stammenden
Briefköpfe mit
DT-Emblem und FELSING-Kreuz verwendet, andere das Hakenkreuz hinzugenommen.
Eine Anweisung von "oben" gab es nicht. Spätestens mit dem Reichsflaggengesetz
vom 15. September 1935, das die Hakenkreuzfahne als alleinige Reichs- und Nationalflagge
vorschrieb (BERNETT, 1992, S.28), ist in den Turnvereinen das Hakenkreuz als
einziges Symbol geführt worden.
Nach dem Krieg hat es Berührungsängste mit der Turner-Symbolik gegeben,
denn beim Deutschen Turnfest in München 1958 wurde zumindest in der Festzeitung
das Turnerkreuz noch nicht wieder verwendet, aber ein stilisierter Turner mit
gespreizten Beinen und Armen gezeigt, der die Urfassung für das im Vorfeld
des Deutschen Turnfestes in Hamburg 1994 entwickelte schöne Markenzeichen
des DTB gewesen sein könnte. Dieses neue "Logo" soll sicherlich
nicht die personifizierten vier F darstellen. Die je nach Sparte oder Sportart
typisch sich bewegende Figur, die für viele traditionsbewußte Turner
vielleicht zu farbenfroh ausgefallen ist, verlebendigt das steife Kreuz und
spricht die Jugend an, auch viele Alte. Sie ist ein echter Gewinn.
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Deutscher Turner-Bund DTB |

Was hat uns Jahn zu sagen, oder hat uns Jahn (noch) etwas zu sagen?
Unser Ziel, unser Anliegen ist es, mit der Pflege der Jahn-Gedenkstätten in Freyburg Friedrich Ludwig Jahn als historische Persönlichkeit zu würdigen und so beizutragen, Jahn und sein deutsches, das vaterländische Turnen im Gedächtnis der Nation zu bewahren als - in seiner Zeit - wichtigen Impuls für bürgerlichen Fortschritt, für nationale Einheit, für eine diesen Erfordernissen entsprechende Nationalerziehung.
Das scheint heute um so wichtiger, als einmal unter der Jugend die Kenntnis
der deutschen Geschichte erschreckend verloren gegangen ist, zum anderen diejenigen
Jugendlichen, die sich doch ernsthaft mit Geschichte, ihren Lehren für
die Gegenwart und auch mit den z. T. so gegensätzlichen Traditionsbildern
in Deutschland befassen, auch Jahn gegenüber äußerst kritisch
urteilen.
Prof. Bartmuß zitierte in seinem Bericht im August solche Auffassungen,
wie sie in der "Aktion kritischer Schüler", einer Initiative
in der Sozialistischen Jugend Niederösterreichs, in ihrer Auseinandersetzung
mit deutsch-nationalistischen und rechtsextremen Tendenzen formuliert werden,
und die dem ÖTB angelastet werden.
Man muß diese Bemühungen der Jugendlichen um ein korrektes Geschichtsbild
achten, und man muß sie beachten. Wenn unser Dichter sagt
"Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt,
Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte",
so kann man das mit großer Berechtigung auch auf Jahn anwenden. Und gerade
die Jugend hat das Recht, Fragen zu stellen, in Frage zu stellen - was ihr als
gesellschaftliche Normative, als Richtwerte geboten wird. Und das schließt
auch die - kritische - Prüfung von Traditionen, ihrer Auswahl, Nutzung
(und ihres Mißbrauchs?) ein. Ja, wer ist in fast zwei Jahrhunderten deutscher
Sportgeschichte mehr umstritten als Jahn? Es ist doch nicht zu übersehen,
daß Friedrich Ludwig Jahn in der Tat vielerlei Ansätze bietet, ihn
zum Ahnherren konservativer, rassistischer, nationalistischer und militaristischer
Bestrebungen zu erheben - wenn man seinen Entwicklungsweg, seine Gedanken, sein
Wirken und Handeln aus den Zusammenhängen der politischen Verhältnisse
löst, in die er gestellt war! Und welcher der deutschen Historiker, insbesondere
der Sporthistoriker, die über Jahn geschrieben und geurteilt haben, darf
sagen, das allein gültige Jahnbild gezeichnet zu haben?
Hatte er eine Auffassung über Weg und Ziel seiner Arbeit gewonnen, strebte
er sie ohne Rücksicht auf persönliche Vorteile und Nachteile zu vollenden.
So gewann er sich seine Freunde und Anhänger, aber auch Gegener - und Feinde.
Und so muß man an die gnadenlose Verfolgung in Preußen erinnern,
der er seit 1819 über Jahre und Jahrzehnte ausgesetzt war, aber auch an
die maßlose Enttäuschung, dann Verbitterung der Hanauer Turner, als
er nicht ihr Vorkämpfer für bürgerlich-demokratischen Fortschritt
in der Revolution von 1848 wurde, sondern versponnene Ideen entwickelte von
des Reiches Herrlichkeit, die niemand ernst nehmen konnte. Die Ursache aber
für sein Zurückbleiben hinter den Erfordernissen der Revolution -
das waren die 30 Jahre politischer Isolierung durch das reaktionäre preußische
Regime.
An diese konservativen Ideen aber knüpfte die Deutsche Turnerschaft des
19. Jahrhunderts an, als sie das Jahnbild zum Inhalt eines Kultes machte, in
dem seine wahre historische Leistung verblaßte, und das ist und bleibt
| - | sein Wirken auf der Hasenheide, als Beitrag zum "Deutschen Volkstum", seinem |
| Konzept einer Nationalerziehung, gerichtet auf den deutschen Einheitsstaat, | |
| - | sein Wirken als Werber für die Befreiungskriege 1813/14 und seine aktive Teilnahme am |
| Feldzug, | |
| - | seine unbeugsame Haltung in Haft und Verbannung, sein Festhalten an den Ideen von |
| Verfassung und nationaler Einheit, wie er so erhebend im Schlußsatz der Schwanenrede ausdrückte - und in all das eingeschlossen: die Summe der "Fehler", der "Mängel", die wir, aus dem Kenntnisschatz von heute, ihm in seinem Wirken und Werk anlasten müssen. | |
| - | seine unbeugsame Haltung in Haft und Verbannung, sein Festhalten an den Ideen von |
| Verfassung und nationaler Einheit, wie er so erhebend im Schlußsatz der Schwanenrede ausdrückte - und in all das eingeschlossen: die Summe der "Fehler", der "Mängel", die wir, aus dem Kenntnisschatz von heute, ihm in seinem Wirken und Werk anlasten müssen. |
Was bliebe wohl vom Bild historischer Persönlichkeiten, wenn wir sie allein
in ihrer Größe, und nicht auch in ihren Grenzen akzeptieren wollten?
Wie, z. B., bei Friedrich II. v. Hohenzollern, bei Otto von Bismarck, bei Martin
Luther, die tätig in den historischen Prozeß eingegriffen haben -
und dabei nicht auch Handlungen und Folgen zu verantworten haben, über
die sehr differenziert zu urteilen ist!?
Und so sollten wir auch Friedrich Ludwig Jahn im Gedächtnis behalten als
einen Mann, der Spuren hinterlassen hat, ohne dessen Wirken die deutsche Körperkultur
nicht eine solche Entwicklung hätte nehmen können, daß sie heute
einen unverzichtbaren Teil unserer Nationalkultur bildet.
Lassen wir uns nicht verunsichern, wenn auch weiterhin Kritisches zum Jahnbild
zu hören und zu lesen sein wird. Auch wir sind gehalten, diesen kritischen
Aspekt in unserer Arbeit zu wahren.
Doch was bleibt: Friedrich Ludwig Jahn gehört zu den bedeutenden Männern
des
19. Jahrhunderts in Deutschland; ihn im Gedächtnis der Deutschen zu erhalten,
sein Vermächtnis zu erfüllen und ihm heute gerecht zu werden ist unsere
Aufgabe.
Wir lassen uns nicht beirren.

Prof. Dr. Hans-Joachim Bartmuß
Friedrich Ludwig Jahn 1848/49 in Frankfurt am Main
Den letzten großen Auftritt in seinem bewegten Leben hatte Friedrich
Ludwig Jahn in Frankfurt am Main in den Jahren 1848/49, in den Jahren der Revolution.
Fast
3 Jahrzehnte war es her, daß ihn preußische Polizei verhaftet hatte
und ihm der Prozeß gemacht worden war, 23 Jahre waren nach seinem Freispruch
vergangen, und erst nach dem Tode des preußischen Königs Friedrich
Wilhelm III. im Jahre 1840 war die 1825 verordnete Polizeiaufsicht über
ihn und das ihm auferlegte Verbot, mit Studenten oder Gymnasiasten in Kontakt
zu treten, durch königliche Kabinettsorder Friedrich Wilhelms IV. vom 23.10.1840
aufgehoben worden. Die Zeit der gesellschaftlichen "Verbannung" hatten
bei Jahn tiefe Spuren hinterlassen. In einem Brief schrieb er noch 1840: "Es
ist keine Kleinigkeit, sich 21 Jahre um die Zeit zu betrügen und zu einsiedeln."
(1)
Verbittert
Das läßt uns seine tiefe Verbitterung erahnen. Dennoch knüpfte Jahn seit 1841 wieder den Kontakt zu den Turnern in den verschiedenen Gegenden Deutschlands, nicht mehr als Lehrer,sondern als Berater und Freund, und aus seinem 1841 verfaßten Briefen wird sehr deutlich, wie er allmählich wieder auflebte, wenn sich auch seine Verbitterung über das erlittene Unrecht nicht verdrängen ließ. Im Juli 1846 schrieb Jahn aus Freyburg einen Brief an die zu Heilbronn versammelten Turner, in dem er sich für sein Fernbleiben quasi entschuldigte. "An meiner Gegenwart", so schreibt er, "verliert ihr weiter nichts als ein lebendiges Zeugnis, wie ein Achtundsechziger noch leibhaft und lebhaft ist und mit Geist und Herzen im Verein." (2)
Besonders gute Beziehungen hatte Jahn auch zur Turngemeinde in Frankfurt am Main, der er am 31.12.1843 als Antwort auf ihren freundlichen Gruß, der offenbar durch einen Presseartikel über "Vater Jahn und das Turnen" - mit Jahns Sorgen um seine Verschuldung wegen des Hausbaues 1839/40 zusammenhängend - veranlaßt war, einen langen Brief schrieb. In diesem Schreiben offenbarte Jahn der Frankfurter Turngemeinde seine persönlichen Sorgen und Nöte, und er legte seine Auffassung über den Wert der Turnkunst dar, die er in der Interpretation der berühmten vier F (frisch, frei, fröhlich, fromm) zusammenfaßte. (3)
Begeisternd
Reichlich vier Jahre später wurde Frankfurt und seine Umgebung für
ein Jahr Aufenthaltsort und Betätigungsfeld für den Turnvater. Jahn
gehörte dem aus der revolutionären Märzbewegung hervorgegangenen
sog. "Vorparlament" an, das vom 31.3. bis 4.4.1848 tagte und mit dem
"Fünfziger-Ausschuß" ein Übergangsorgan schuf, das
bis zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche
am 18.5.1848 mit seinen Beschlüssen die Politik des Bundestags, der durch
den Wiener Kongreß 1815 geschaffenen Bundesversammlung, bestimmte. Jahn
nutzte seine Reise in den Frankfurter Raum zur Teilnahme an den Beratungen des
Vorparlamentes mit zahlreichen Besuchen bei den Turnern in Hanau, Offenbach,
Mainz, Biebrich, Bingen, Eltville, Wiesbaden und Frankfurt, und die Rückreise
nach Freyburg zu Besuchen der Turngemeinden in Gelnhausen, Schlüchtern
und Fulda. In Hanau besuchte er den Turntag am 2./3. April 1848, und er hielt
hier feurige Ansprachen und versetzte die Turner in hohe Begeisterung.
Dabei sprach er sich gegen die Privilegien der Junker, gegen Geheimpolizei und
Militärbürokratie aus und sagte, an die Hanauer Rekruten gewandt:
"Geht nicht zum Wehrdienst. Sagt eurem Kurfürsten, daß jetzt
das gesamte Volk bewaffnet werden wird ... Die Offiziere taugen zu gar nichts,
sie hüten bloß noch ihre Kastenehre und wollen besser sein als wir.
Wir müssen das alles beseitigen ... Das Volk muß sich für die
allgemeine Sache bewaffnen - Sicheln und Sensen sind eine gute Waffe."
(4)
In Frankfurt versammelte sich die turnende Schuljugend auf dem Turnplatz und
erwartete freudig den Turnvater, der auch hier eine sehr lebhafte Rede hielt.
Durchgesetzt
Inzwischen nach Freyburg zurückgekehrt, kandidierte Jahn für ein Abgeordnetenmandat in der deutschen Nationalversammlung und setzte sich gegen vier Mitbewerber im 16. Wahlbezirk der Provinz Sachsen zu Merseburg mit 89 von 148 Wahlmännerstimmen durch. (5) Als einer der Ältestens in der Nationalversammlung wurde Jahn später sogar einer ihrer Vizepräsidenten. "Ich gehe", schrieb er, "mit keiner vorgefaßten Meinung hin, will nicht Parteiführer sein, aber mich bestreben, die Parteien niederzuhalten und die Einheit des Volkes nach außen, die Einigung im Innern durch eine Staatengemeinde zu fördern. Schreibt mir nach Frankfurt.. (An Ravenstein in der Turnanstalt.)" (6) Der letzte, in Klammern gesetzte Hinweis belegt die enge Bindung, die Jahn während dieses seines Frankfurter Jahres zur dortigen Turnanstalt hielt.
Zerbochen
Und dennoch: In jenen Monaten der Revolution zerbrach allmählich die Einheit zwischen Jahn und den deutschen Turnern, die im April 1848 noch so festgefügt schien. Der starke linke Flügel der Turner begrüßte die Revolution und organisierte sich für den Kampf um eine einheitliche, freie, gesamtdeutsche Republik. Die Kommunalgarden, ursprünglich aufgestellt, um "Ruhe und Ordnung zu wahren, waren von Turnern durchsetzt, Turnerfreischaren bildeten sich, Turnergruppen dienten als Wachen und Ehrengeleit für die Nationalversammlung. Sie erwarteten von der Nationalversammlung Taten für die Durchsetzung ihrer Ziele. Turner nahmen in großer Zahl als Freiwillige teil am Kampf um die Befreiung Schleswig-Holsteins von der dänischen Herrschaft, wurden jedoch von den deutschen Regierungen allein gelassen, so daß sie schließlich gegen die Truppen des dänischen Königs unterlagen. So wurde die Kieler Turnkompanie von den Dänen eingekreist, vollständig aufgerieben. Die Radikalisierung dieses demokratischen Flügels der deutschen Turnerschaft war eine direkte Folge dieser Erfahrungen und dieser Entwicklung. Schon beim 2. Hanauer Turntag, der auf Betreiben der republikanisch-demokratischen Linken in dem Anfang April beim 1. Hanauer Turntag gegründeten Deutschen Turnerbund stattfand und der Statuten beschloß, in denen als Zweck des Bundes u. a. formuliert wurde, "für die Kräftigung, Einigung und Freiheit des deutschen Volkes thätig zu sein", (7) brachen die Differenzen zwischen Jahn und den demokratischen Turnern offen auf.
Verharrend
Jahn war kein Revolutionär, und auch seine auf dem 1. Hanauer Turntag
Anfang
April 1848 gehaltene feurige Rede konnte darüber nicht hinwegtäuschen.
Die Jahrzehnte seiner Isolierung durch die preußische Regierung und Justiz
waren sicherlich eine der wichtigen Ursachen dafür, daß er in seinen
Anfang des
19. Jahrhunderts entwickelten politischen Anschauungen und Urteilen verharrrte
und so mit der demokratischen Entwicklung in Deutschland nicht mehr mitkam.
Seine Vorstellung von der Einheit Deutschlands und damit seine Einstellung zur
Verfassungs- und Wahlrechtsfrage lief darauf hinaus, eine Neuauflage der mittelalterlichen
Kaiserherrlichkeit mit gefolgstreuen Untertanen herbeizuführen. Er glaubte
sein ganzes Leben lang an die gemeinsame Sache des Volkes und des preußischen
Königs. Sein Ziel war es, bürgerliche Verhältnisse durch Zugeständnisse
der Monarchen zu schaffen, einer Monarchie für ganz Deutschland unter Ausschaltung
der anderen deutschen Fürsten. Jahn wollte die deutsche Einheit und bürgerliche
Freiheiten unter dem zum Kaiser erhobenen preußischen König, sein
nationales Ziel war also das preußisch-deutsche Erbkaisertum. Seine beiden
größeren Reden in der Frankfurter Nationalversammlung am 15.1.1849,
in der er für ein erbliches Kaisertum und die kleindeutsche Lösung,
die Herbeiführung der Einheit Deutschlands unter Führung des preußischen
Königs eintrat, (8) und am 17.2.1848, in der er seine Meinung zum Wahlgesetz
darlegte und forderte, es müsse auf Tüchtigkeit und Tugend, auf Sittlichkeit
und Sitte gebildet werden und müsse demzufolge auch Dienstboten, Handwerkergehilfen,
Fabrikarbeiter und Tagelöhner berücksichtigen, (9) waren der Ausdruck
dieses seines festen politischen Standpunktes. Diese Haltung war persönlich
zweifellos sehr ehrenwert, doch mit den politischen Zielen der republikanischen
Turner waren sie unvereinbar.
Verräter?
Noch im August 1848 ehrten die Turner Jahn aus Anlaß seines 70. Geburtstages sehr hoch. Auf vielen Turnplätzen, auch auf der Berliner Hasenheide, wurde groß gefeiert. Doch schon bald kamen die Differenzen zum offenen Ausbruch. Am 26.August 1848 hatte Preußen in Malmö unter kläglichen Bedingungen einen Waffenstillstand mit Dänemark abgeschlossen, den die Nationalversammlung zunächst am 5.9. nicht bestätigte, weil ihre Mehrheit es für unwürdig hielt, vor Dänemark zu Kreuze zu kriechen. Bei der Wiederholung dieser Abstimmung am 16.9. sprach sich dann jedoch eine Mehrheit für die Aufrechterhaltung dieses Waffenstillstandes aus, und auch Jahn war unter den Befürwortern. Daraufhin brach am 18.9. in Frankfurt ein Aufstand gegen die "Verräter an der Nationalversammlung" aus. Es kam zu schweren Straßenkämpfen zwischen regulären Truppen, die die Nationalversammlung verteidigten, und revolutionären Kräften, denen u. a. Turner aus Offenbach und Hanau zu Hilfe geeilt waren. Jahn hätte es fast das Leben gekostet, denn ein Anschlag galt auch ihm. Er hielt sich tagelang versteckt.
Schwanenrede
In dieser Zeit schrieb er sein politisches Testament, die sog. "Schwanenrede",
die er in den folgenden Wochen auf eigene Kosten drucken und verteilen ließ.
In dieser berühmt gewordenen Schrift klingt Jahns schmerzliche Erkenntnis
durch, daß er mit der Zeit nicht Schritt gehalten hatte. Die "Schwanenrede"
ist sein Versuch, sein politisches Wirken zu rechtfertigen, vor allem sein lebenslanges
Wirken für die Einheit Deutschlands. "Deutschlands Einheit",
so formulierte er in dieser Schrift,
"war der Traum meines erwachenden Lebens, das Morgenrot meiner Jugend,
der Sonnenschein der Manneskraft und ist jetzt der Abendstern, der mir zur ewigen
Ruhe winkt," (10)
Während der Tagungen der Nationalversammlung war der 70-jährige Jahn,
der auch hier die einfache altdeutsche Tracht trug, einer der am meisten beachteten
Abgeordneten, nicht nur wegen seiner Kleidung, sondern auch wegen seiner politischen
Haltung gegenüber den Demokraten und Republikanern. Davon zeugen die zahlreichen,
1848 in Frankfurter Verlagen publizierten Jahn-Karikaturen, die wir in unserem
Freyburger Jahn-Museum aufbewahren und die Titel tragen wie
"Der Brummbär", "Der Demokratenfresser", "Der
Demokratenvertilger", "Nero der zweite", "Der Reichsinquisitor"
u. ä. Besonders deutlich trifft die Stimmung der jungen republikanischen
Turner gegenüber Jahn die Karikatur mit dem Titel "Der junge Deutsche
und sein alter Vater", (11) weil sie mit einem Text versehen ist, der folgendermaßen
lautet: "Sohn: Ich bin ein Turner, Republikaner, Arbeiter, Demokrat und
Thronvernichter, wie kannst du nur so feindlich gegen uns auftreten. Ich ehre
das Alter, aber ich sage dir, es wäre besser du nimmst künftig deine
Diäten stillschweigend, wie viele Andere, die auch aus gewissen Gründen
nicht sprechen. -
Vater: Das kannst du nicht mein Kind. Schlage du noch 50 Jahre Räder und
ernähre dich förter von Eisen und Kieselsteinen, laß dich dann
später zum Abgeordneten wählen und du wirst in hohem Alter ganz schön
pfeifen, vorjetzt Gutheil." Hier kommt die ganze Enttäuschung der
jüngeren demokratisch-republikanischen Turner über ihren alten Turvater
zum Ausdruck.
Enttäuscht
Als Friedrich Ludwig Jahn am 18. Mai 1849 die Rückreise von Frankfurt
nach Freyburg antrat, hatte er nicht nur ein mehrtägiges Krankenlager hinter
sich, sondern auch die bitterste Enttäuschung in sich. Darum gab er fortan
auch jeglichen Verkehr mit den Turnern auf. Am 13. Oktober 1849 schrieb er:
"Mir hat das verwichene Jahr viele Einbußen zugefügt und eine
reiche Ernte von Undank und Unkraut geliefert. Sonst begeisterte Schüler
sind in Hundswut verfallen, Anhänger in Rotten- und Putschbanden getreten
und Männer, auf deren vaterländischen Sinn ich feste Rechnung machte,
verschworen sich zu meinem Verderben und Untergang. Noch auf der Rückreise
hallte das Geschrei der wilden Meute, in Gelnhausen und Saalmünster ...
Diese Leute sind nur wegen ihrer Frechheit und Dummheit zu fürchten ...
Nur Krawalle können sie anrichten." (12) Die Enttäuschung saß
tief, trotzdem fühlte sich Jahn im Recht. "Ich kann auf Frankfurt",
so schrieb er im Dezember 1849 an einen Freund, "ohne Selbstvorwürfe
zurückblicken, und die dort verlebte Zeit ist nicht das schlechteste Jahr
meines Lebens. Weil ich keine Rachsucht wegen früherer Ungebührlichkeiten
genährt, soll ich ein Fürstenknecht geworden sein. Und weil ich nicht
Bummlerhaupt sein wollte - Volksfeind." (13) Seinen tiefsten Empfindungen
in jener Zeit nach Frankfurt gab er in einem Brief vom 5. Januar 1852 Ausdruck,
als er schrieb: "Es gehört zu meiner Märzerrungenschaft, daß
ich mutterseelenallein stehen bleibe. Und ich fühle nicht Beruf und Bedürfnis
auf Entdeckung auszugehen. Seit meiner Rückkehr von Frankfurt habe ich
mich von aller Welt zurückgezogen. Schon der alte Reim lehrt, daß
man in gewissem Alter der Kinder Spott wird." (14)
Ehrenrecht
So ist Friedrich Ludwig Jahn nach achtwöchigem Krankenlager am 15. Oktober
1852 an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben, mit den republikanisch-demokratischen
Turnern unversöhnt, aber in der Gewißheit, mit der "höchstgefährlichen
Lehre von der Einheit Deutschlands" - wie das Justiz und Bundestag während
seiner Haftzeit ausdrückten - stets einen "Hochgedanken" vertreten
zu haben, für den er "gelebt und gestrebt, gestritten und gelitten"
habe, (15)
für den ihn die "Nachwelt" in sein "Ehrenrecht" einsetzen
werde. (16) Und tatsächlich, schon 5 Jahre nach seinem Tode gab es in Turnerkreisen
die ersten Pläne für die Errichtung eines Denkmals für den "Turnvater
Jahn".
Anmerkungen:
| (1) | Die Briefe F. L. Jahns, hrsg. v. Wolfgang Meyer, Quellenbücher der Leibesübungen, |
| hrsg. v. Max Schwarze u. Wilhelm Limpert, Band 5 Dresden o. J., VIII Nr. 28, S. 393 | |
| (2) | Ebenda, Nr. 57, S. 437 ff. |
| (3) | Ebenda, Nr. 44, S. 415 ff. |
| (4) | Zitiert nach H. O. Hönig, Jahn. Leben und Werk eines Patrioten, Berlin o. J., S. 306. |
| (5) | Jahn selbst berichtet über dieses Ergebnis in seinem Brief an die Turngemeinde zu |
| Stettin vom 12. Mai 1848, in: Die Briefe F. L. Jahns, a. a. O., IX, Nr. 4, S. 460. | |
| (6) | Ebenda. |
| (7) | Statuten des Deutschen Turnerbundes beschlossen auf dem 2. deutschen Turntage |
| zu Hanau, 2. und 3. Juli 1848, zitiert nach: Harald Braun, Zur Gründungsgeschichte des Deutschen Turner-Bundes 1848/1860/1868, hrsg. vom Deutschen Turner-Bund, Frankfurt/Bremen 1996, S. 12. | |
| (8) | F. L. Jahn in der Deutschen National-Versammlung zu Frankfurt a. M. 1848 und 1849, |
| 152. Sitzung vom 15. Januar 1849, in: Carl Euler, Friedrich Ludwig Jahns Werke, 2. Band, 2. Hälfte, Hof 1887, S. 1030 ff. | |
| (9) | Ebenda, 172. Sitzung vom 17. Februar 1849, S. 1033 ff. |
| (10) | Schwanenrede von Friedrich Ludwig Jahn, in: ebenda, S. 1059. |
| (11) | Zitiert nach einem Original aus dem Fundus des Jahnmuseums Freyburg a. d. Unstrut. |
| (12 | Die Briefe F. L. Jahns, a. a. O., IX, Nr. 23, S. 478 f. |
| (13) | Ebenda, Nr. 24, S. 481. |
| (14) | Ebenda, Nr. 29, S. 488. |
| (15) | Schwanenrede, a. a. O., S. 1059. |
| (16) | Die Briefe F. L. Jahns, a. a. O., IX, Nr. 24, S. 481 |

Prof. Dr. Hans-Joachim Bartmuß
Gedanken zur Jahn-Tradition
Vorbemerkung:
Die nachfolgenden Ausführungen habe ich z. T. bereits bei der 125-Jahr-Feier
der TUS Schwanheim (Frankfurt) und beim Festakt zum 60. Jahn-Schwimmfest in
Osnabrück vorgetragen. Auf einen umfangreichen wissenschaftlichen Apparat
habe ich verzichtet, Quellen und Literatur habe ich nur dort zitiert, wo mir
dies unumgänglich erschien.
Ein Förderverein, der in seiner Satzung als erste seiner Hauptaufgaben
die "Traditionspflege zur Erhaltung des Jahn-Erbes" nennt, steht auch
in der Pflicht, genau zu umschreiben, worin dieses "Jahn-Erbe" besteht
und welche aus ihm erwachsenen Traditionen er zu pflegen gedenkt. Das ist Grund
genug, daß sich der Vorsitzende dieses Fördervereins Gedanken dazu
macht und den Vereinsmitgliedern diese Gedanken auch mitteilt, um eine Grundlage
für weitere Diskussionen zu dieser die Existenzberechtigung unseres Fördervereins
unmittelbar berührenden Problematik zu schaffen. Das ist umso dringlicher,
als besonders in den letzten Jahren die Berechtigung der Pflege Jahnscher Traditionen
- ich habe dies in den letzten Mitgliederversammlungen unseres Vereins und in
den letzten Ausgaben unseres
Jahn-Reports mehrfach erwähnt - in verschiedenen Medien in Frage gestellt
worden ist.
"Erbe" und "Tradition"
Ich räume ein, daß wir nicht ganz schuldlos daran sind, daß
die "Jahn-Gegner" ohne jegliche Hemmungen - ihre Argumente nach Belieben
mit Stories aus der "Faktenkiste der Geschichte" stützend, dabei
historische Zusammenhänge völlig außer Acht lassend, Jahn selbst
an modernistischen Maßstäben messend - über den Mann herfallen
konnten und können, der für uns eine ganz große historische
Persönlichkeit ist und bleibt. Wir sind vor allem deshalb nicht ganz schuldlos,
weil wir bisher unserer Aufgabe noch nicht gerecht geworden sind, genauer zu
bezeichnen, welche aus dem Jahnschen Erbe erwachsenen Traditionen diejenigen
sind, die bis heute ihre Gültigkeit bewahrt haben. (1) Ich gebe zu, daß
auch die Formulierung in § 2, Abschn.1 unserer Satzung ("Traditionspflege
zur Erhaltung des Erbes") in dieser Hinsicht sowohl aus formalen wie inhaltlichen
Gesichtspunkten zumindest unsauber ist. Wir sollten deshalb zuerst versuchen,
Ordnung in unser Begriffsgefüge zu bekommen, indem wir genau zu definieren
versuchen, was wir unter Erbe und unter Tradition verstehen. (2)
"Erbe" ist ein sehr vielschichtiger Begriff. Er umfaßt alles, was aus der Geschichte auf uns gekommen ist, die gesamte historische "Hinterlassenschaft", in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit. Auf die Persönlichkeit Friedrich Ludwig Jahns bezogen, verstehe ich unter "Jahnschem Erbe" den gesamten Jahn - sowohl mit allen seiner Eigenheiten, Irrtümern, Fehlern als auch mit allen seinen Vorzügen und positiven Wirkungen. Wir haben uns mit den Aussagen, Aktivitäten und Wirkungen einer solchen historischen Persönlichkeit, was für uns insgesamt ein geschichtliches "Erbe" darstellt, im Ganzen, auch in ihren gesamten persönlichen und gesellschaftlichen Beziehungen und Verflechtungen, d.h. selbstverständlich auch in ihrer gesamten Widersprüchlichkeit, auseinanderzusetzen. Im Unterschied zum Erbe verwende ich den Begriff der "Traditionen" für die von Jahn ausgehenden Überlieferungen von bleibenden und wirkenden sittlich-geistigen Werten und gültigen Grunderfahrungen. In diesem Sinne ist Tradition - ich folge hier den Gedanken von Hans-Adolf Jacobsen (3) - gleichermaßen Orientierungshilfe, Verhaltensstütze und Erziehungshilfe, Vermittler von Werten, die aussagekräftig, integrativ und lebenswert auch für die nachfolgenden Generationen sein können. Erkennt man diese Kriterien als die ausschlaggebenden an, ergibt sich logischer Weise die Frage nach Wandel und Bedeutung der Tradition. Diese Frage aber muß vor allem für die Gegenwart beantwortet werden, da Tradition im Verlauf der Geschichte oft Veränderungen unterworfen ist und vor dem Hintergrund der Anpassung an eine sich wandelnde politische, soziale und ökonomische Wirklichkeit oftmals Neueinschätzungen vorgenommen werden. Deshalb ist es im Hinblick auf Tradition auch sehr wichtig, sich unserer eigenen Bezugsgrößen und Kriterien stets bewußt zu bleiben und davon ausgehend zu klären und zu deuten, was von den Traditionsinhalten der älteren Generationen auch noch für die jüngeren Menschen überlieferungswürdig ist und von ihnen angenommen werden kann. Nicht zuletzt ist dabei auch zu berücksichtigen, daß überlieferte sittlich-geistige Werte und gültige Grunderfahrungen, die den Inhalt einer Tradition ausmachen, nicht von allen Menschen und Gesellschaftsgruppen gleichermaßen anerkannt werden können und müssen. Das heißt, eine Tradition im Sinne einer Überlieferung von Werten und Grunderfahrungen kann auch nur für einen Teil der Menschen - auf Grund seiner spezifischen Interessen und Tätigkeiten - relevant sein, für einen anderen Teil aber keinerlei Bedeutung haben oder von nur sehr geringer Relevanz sein.
"Jahnsches Erbe"
"Jahnsches Erbe" im definierten Sinne ist somit alles, was wir von
dieser großen Persönlichkeit wissen, alles, was er gesagt und geschrieben
hat, was er tat und was ihn zu seinem Tun motivierte, was er schuf und in seiner
Zeit bewirkte. Dies alles, was uns über die historische Persönlichkeit
Friedrich Ludwig Jahn überliefert ist, steht nun aber erstens in einem
engen Zusammenhang mit seinem engeren persönlichen Umfeld und seinem Charakter,
seinen Eigenheiten negativer wie positiver Art. Fehler und Irrtümer ebenso
wie positives Handeln und weitsichtige Erkenntnisse können auch aus der
Spezifik des engeren persönlichen Umfelds erklärbar sein bzw. verständlich
werden. Und zweitens gibt es auch einen engen Zusammenhang mit dem weiteren
Umfeld, in dem diese Persönlichkeit sagte und schrieb, tat, schuf und bewirkte.
Dieses weitere Umfeld ist das gesellschaftliche Umfeld, gekennzeichnet durch
eine konkrete historische Situation, die sich ständig entwickelt, ständig
im Fluß ist, und mit der sich die betreffende Persönlichkeit auseinandersetzen
muß, den wechselnden historischen Situationen im Verlauf ihres Lebens
immer adäquat. Auch dieses weitere Umfeld spielt eine große Rolle,
da es insbesondere die Möglichkeiten der Wirksamkeit der Persönlichkeit
einzugrenzen und allgemein großen Einfluß auf ihr Denken und Handeln
auszuüben vermag.
Friedrich Ludwig Jahn - Persönlichkeit und ihr "engeres Umfeld"
Wenden wir uns zunächst dem erstgenannten Gesichtspunkt zu. Für Friedrich
Ludwig Jahns Wirken spielen Charakter und Eigenheiten meines Erachtens eine
besonders große Rolle. Uns sind sehr gute Charakteristiken Jahns überliefert.
So schreibt z. B. der Konsistorialrat Bernhardi (4), Direktor des Gymnasiums
zum Grauen Kloster in Berlin, der vom zuständigen preußischen Minister
zur Aufsichtsführung über das Turnen bestellt und 1818 beauftragt
worden war, die Einzelberichte der Berliner Gymnasialdirektoren über das
Turnen und Jahns Bericht über seine eigene Turnanstalt auf der Hasenheide
zu einem Gesamtbericht zusammenzufassen: "Jahn ist ein Mann von höchst
glücklichen Anlagen, aber mangelhaft, einseitig und formlos gebildet, erfüllt
von der Anschauung der alten deutschen Zeit, oft verkennend das Gute und Schöne
der neueren ..., von mächtiger Willenskraft, an eine bessere Zeit glaubend,
willige Hand anlegend, um sie herbeizuführen, sie besonders für das
Volk und für die Deutschen herbei wünschend, sie erwartend von der
Jugend, versehen mit großer Kraft über die Gemüter der letzten,
und mit Eifer und Enthusiasmus ihre Körper durch Übungen bildend ...,
scheinbar ein zu großes Gewicht auf dieselben legend." (5) Zu Jahns
Charaktereigenschaften und Benehmen schreibt Bernhardi dann sehr kritisch, "daß
Einseitigkeit, Intoleranz gegen entgegengesetzte Ansichten, Leidenschaftlichkeit,
Übereilung, Verstöße gegen feineres Gefühl, gegen konventionelle
Formen allerdings vorhanden sind ..., daß aber alles dies so gut als gar
nicht in Betrachtung kommt gegen die Tüchtigkeit zur Sache, gegen den Eifer,
mit welchem Jahn sie treibt, gegen den Enthusiasmus, welchen er erregt, gegen
das Gefühl der Liebe, welches er in sich trägt, und gegen die Kraft,
mit welcher er sie übt." (6)
Der Jurist und Schriftsteller E. T. A. Hoffmann, der Untersuchungsrichter im Falle des im Juli 1819 verhafteten Jahn, schreibt in seinem amtlichen Bericht vom 15. Februar 1820 (7): Um der der Jahnschen Organisation des Turnwesens immanenten Tendenz, in den turnenden Knaben den Dünkel zu erregen, "sich von Haus aus auf einen höheren Standpunkt gestellt zu sehen, und daher sich in keine gewöhnliche Ordnung der Dinge fügen zu wollen", entgegenzuarbeiten, hätte ein Mann an der Spitze stehen müssen, "der mit der reinsten Gesinnung völlige Ruhe, die Leidenschaftslosigkeit des wahren Weisen verband. Diese letzteren Eigenschaften", schreibt Hoffmann weiter, "fehlen dem Jahn ganz und gar. Er ist, wie aus allem, was er begann klar hervorgeht, heftig, leidenschaftlich, wider seine Gegner erbittert und was das schlimmste scheint, mit sich selbst, mit seinen Ansichten und Meinungen nicht im Klaren, wie dies seine Vorlesungen und Schriften dartun. Dabei hascht er nach Paradoxen, nach blendenden Witzwörtern und bemüht sich, seinem Ausdruck eine altertümliche Energie zu geben, die, oft beinahe Stil der Bibel, ihre Wirkung auf die Jugend um so weniger verfehlen kann, als auch durch eine gewisse Frömmelei sich unsere jetzige Zeit charakterisiert. Kommt noch hinzu, daß dem Jahn eine große Rauhheit, Biederbheit (Burschikosität) in seinem Äußern, in seinem ganzen Betragen eigen, die den Knaben und Jünglingen nur gar zu sehr gefällt."
Diese Charakterisierungen Jahns durch Bernhardi und Hoffmann werden mehr als drei Jahrzehnte später durch den jungen Heinrich Pröhle im wesentlichen bestätigt.(8) Pröhle, als Schriftwart des Merseburger Turnplatzes mit dem Turnwesen eng verbunden, hatte Jahn als angehender Student im Sommer 1843 kennengelernt, blieb bis 1851 mit Jahn in engem Kontakt und veröffentlichte 1855, drei Jahre nach Jahns Tode, die erste ausführlichere Jahn-Biographie. Pröhle, der Jahn sehr verehrte, rühmt darin Jahns Beredtsamkeit, sein außerordentliches Gedächtnis und seine Schlagfertigkeit, seine Gewandtheit und Energie, seinen Familiensinn und seine einfache Lebensweise. Er merkt aber auch kritisch Jahns praktische Unruhe an, "die ihn vielleicht zu jeder Zeit verhindert haben würde, in irgend einem Fache zu systematischer Gelehrsamkeit zu gelangen", seine übergroße Redseligkeit, zuweilen auch mangelndes Konzentrationsvermögen bei Gesprächen mit Jüngeren, die er "jeden Augenblick zu einer Verrichtung in Haus und Garten unterbrach", und schließlich auch die Tatsache, daß Jahn viele Pläne hatte und "mit reißender Schnelligkeit" dachte, aber "in der Regel desto langsamer" schrieb. "Jahn war ein redseliger Greis", schreibt Heinrich Pröhle, "und froh, wenn er nur geduldige Zuhörer fand."
Diese Charakterisierungen Jahns aus der Feder von Zeitgenossen geben ein sehr genaues Bild von den Stärken und Schwächen von Jahns Persönlichkeit: Danach war er ganz offensichtlich ein Mensch, der seine Gedanken nicht verbarg, sondern öffentlich äußerte, ein sehr impulsiver Mensch, der seine Widersacher mit scharfer Rede sehr schlagfertig und leidenschaftlich bekämpfte, ein Mensch, der einerseits ein echter "Naturbursche" war, es andererseits aber auch verstand, seiner Rede eine bestimmte Weihe - der Frömmelei seiner Zeit entsprechend - zu geben, was ihn instand setzte, auf die Jugend vor allem emotional sehr überzeugend zu wirken, aber auch ein Mensch, der, von übergroßem Selbstwertgefühl geprägt, ausschließlich seine eigene Meinung als die allein richtige anerkannte und kritische Äußerungen anderer gegenüber seiner Person, seinen Fähigkeiten und Leistungen, stets als Beleidigung und bösartige Verleumdung empfinden mußte. Aus diesem übergroßen Selbstwertgefühl heraus neigte er sehr zu Selbstlob und geradezu prahlerischer Hervorhebung eigener Tätigkeiten und Leistungen. Aber noch eins ist wesentlich: Friedrich Ludwig Jahn war, das geht aus allen drei zitierten Charakteristiken sehr deutlich hervor und wird beim Studium seiner Schriften bestätigt, kein Wissenschaftler im strengen Sinne, ein Mensch, der genau recherchierte, die Primärquellen kritisch befragte und erst nach eingehender und gründlicher Quellenanalyse seine Wertungen formulierte, er ging vielmehr hauptsächlich deduktiv vor und versuchte eher, Ergebnisse seines Denkens nachträglich mit geeigneten Belegen aus den Quellen zu stützen und "abzusichern". Er war ein von innerer Unruhe, von Rastlosigkeit erfüllter Mensch, dem auch die notwendige Konzentrationsfähigkeit für wissenschaftliche Arbeit fehlte. Er war also nicht der große Theoretiker und Wissenschaftler, der aus seinen Forschungen heraus neue Erkenntnisse zu formulieren verstand, sondern er war der ausgezeichnete Praktiker, der wissenschaftliche Erkenntnisse seiner Zeit in vorbildlicher Weise umzusetzen vermochte, wobei ihm seine Qualitäten im Umgang mit anderen Menschen, insbesondere mit Jugendlichen, außerordentlich zugute kamen.
Friedrich Ludwig Jahn - sein "weiteres", gesellschaftliches "Umfeld"
Gehen wir dem 2. Gesichtspunkt nach, der Beleuchtung seines weiteren, sich während
seines Lebens ständig verändernden gesellschaftlichen Umfelds, in
dessen Rahmen Jahn wirkte und mit dem er sich Zeit seines Lebens permanent auseinandersetzen
mußte:
Als Sohn eines Pfarrers in der Prignitz an der Grenze dreier deutscher Staaten, Preußens, Hannovers und Mecklenburgs aufgewachsen, hatte Friedrich Ludwig Jahn schon als Junge die Frage nach den historischen Ursachen für die Zersplitterung Deutschlands beschäftigt, vor allem angesichts der Tatsache, daß sich überall in Europa seit dem späten Mittelalter Nationalstaaten wie Frankreich, England, Rußland u. a. herausgebildet hatten. Es ist angesichts seines Interesses für die Geschichte verständlich, daß den jungen Jahn - wie viele seiner Zeitgenossen - die von den Romantikern gepflegte historische Erinnerung an die kulturellen Leistungen und die mächtige politische Rolle Deutschlands in der Kaiserzeit zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert auch auf die Frage nach den Ursachen für diese unterschiedliche Entwicklung stoßen ließ. Daß für den jungen Mann, der die napoleonischen Eroberungskriege, die 1806/07 zur "schmachvollen" Kapitulation des ihm besonders nahestehenden preußischen Staates und seines Königs führten, bewußt und mit großer Anteilnahme erlebte, der "Hauptfeind" des deutschen Volkes in Gestalt Frankreichs sehr schnell ausgemacht war, wird angesichts seiner vorhin beschriebenen Charakterzüge nicht verwundern. Dies vor allem war die entscheidende Motivation für Jahns patriotische Aktivitäten in den beiden ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Dazu tritt ein weiteres: Jahn war bei weitem nicht der einzige preußische Intellektuelle, der politisch in dieser Richtung dachte. Deshalb war das, was er damals, in dieser historischen Situation nach 1806/07 wollte und anstrebte, seinem Wesen nach das Gleiche, was zahlreiche andere große deutsche Persönlichkeiten in dieser Zeit der napoleonischen Herrschaft in Deutschland, der Befreiungskriege und der beginnenden Restaurationsepoche wollten und anstrebten. So ergab es sich, daß Jahn ganz und ohne Vorbehalte zu den führenden Köpfen der nationalen deutschen Bewegung gehörte, die sich um das Jahr 1810 etablierte, vier Jahre nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt, die die endgültige Durchsetzung der napoleonischen Fremdherrschaft in Deutschland vorläufig besiegelt hatte. Das Zentrum dieser patriotischen Bewegung war Berlin, und neben Jahn gehörten ihr so bedeutende Männer an wie Ernst Moritz Arndt, Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Schleiermacher u. a., die sich bemühten, das Nationalbewußtsein der Deutschen systematisch zu wecken, um den Aufstieg des deutschen Volkes aus politischer Demütigung zu ermöglichen. In seinen "Reden an die deutsche Nation" pries Fichte das deutsche Volk als das die ganze Menschheit am vollkommensten repräsentierende "Urvolk", und Arndt forderte in seinem Werk "Geist der Zeit" von allen Deutschen Liebe zum Vaterland, Sicherung des Volkstums und Schaffung der Gemeinschaft des zum Selbstbewußtsein erwachenden Deutschland. Von den Bemühungen solcher hervorragender Persönlichkeiten des politischen und geistigen Lebens um die Weckung des Nationalbewußtseins der Deutschen zeugen zahlreiche "Nationalerziehungspläne", die alle das gleiche Ziel verfolgten, nämlich die Erhebung des deutschen Volkes aus Niederlage und Demütigung. Wer diese Zusammenhänge nicht sieht oder nicht sehen will, kann auch den Jahnschen "Nationalerziehungsplan", sein Buch über "Deutsches Volksthum", nicht objektiv beurteilen. Natürlich unterschied sich der Jahnsche Plan von denen solcher Geistesgrößen wie Arndt und Fichte, insbesondere hinsichtlich seiner geringeren Systematik, dafür enthielt aber der Jahnsche Plan eine große Zahl konkreter Handlungsanweisungen, darunter bekanntlich die über die Funktion der Leibesübungen in der Volkserziehung. Sicherlich hat Jahn in dieser Schrift vieles, seinem Charakter entsprechend, in streitbarer Weise noch stärker als Fichte oder Arndt überspitzt, hat Wertungen vorgenommen, die wissenschaftlich nicht haltbar sind, hat nicht nur das Deutschtum glorifiziert, sondern demgegenüber andere Völker, insbesondere Franzosen und Juden, vom wissenschaftlichen und menschlichen Standpunkt ungerecht charakterisiert und gewertet. Diese Tatsachen darf man bei der Einschätzung und Wertung Jahnschen Denkens und Wirkens auf gar keinen Fall verdrängen, man kann und muß sie jedoch mit Bezug auf die Spezifik seines engeren und weiteren Umfelds erklären.
War Jahn "Militarist"?
Besonders dringlich scheint mir dies zu sein hinsichtlich der Auseinandersetzung
mit der geradezu böswilligen Unterstellung, Jahn sei Militarist gewesen.
Wer diesen Vorwurf erhebt, muß zunächst einmal definieren, was er
unter Militarismus versteht. Denn sicherlich kann die persönliche Stellung
eines Menschen zu Militär und Heeresdienst nicht allein der Grund dafür
sein, ihn als Militaristen zu bezeichnen, und auch die physische Vorbereitung
auf den schwierigen Dienst im Heer wohl nicht im Ernst als Tätigkeit im
Sinne des Militarismus angesehen werden. Wenn im Militarismus - ich meine mit
Recht - eine ganz bestimmte gesellschaftliche Erscheinung gesehen wird, die
vor allem dadurch charakterisiert ist, daß alle Bereiche des staatlich-gesellschaftlichen
Lebens vorwiegend Zwecken und Bedürfnissen des Militärs untergeordnet
sind, und als deren Begleiterscheinung bzw. unmittelbarer Ausdruck Kadavergehorsam
und Kasernenhofdrill sich ausbilden und ausbreiten, dann wird sehr deutlich,
daß Jahns Intensionen und Handlungen im Zusammenhang mit der Begründung
und Pflege des "deutschen Turnens", mit "Militarismus" nicht
das geringste zu tun haben. Natürlich wollte Jahn, daß der Turner
auf dem Turnplatz zum disziplinierten Verhalten erzogen wird. Doch waren die
Gewöhnung an bestimmte Disziplingesetze und die bewußte Befolgung
der äußeren Ordnungsformen in seinem Sinne zugleich eine Vorschule
für den freiwilligen Dienst im Volksheer. Denn Tatsache war: Die französischen
Revolutionsheere hatten die alte Lineartaktik, wie sie z.B. Friedrich der Große
von Preußen in seinen Schlachten des Siebenjährigen Krieges angewandt
hatte, überwunden und eine neue bewegliche Strategie und Taktik entwickelt,
die in der Schlacht die natürlichen Bedingungen des Geländes, des
Schlachtfeldes berücksichtigte. (9) Hauptvoraussetzung dafür war der
motivierte, diszipliniert handelnde Soldat, der sich der Gerechtigkeit seines
Einsatzes bewußt war. Das war auch der entscheidende Grund dafür,
daß sich die französischen Revolutionsheere den preußischen
Heeren überlegen erwiesen. Die nach 1806/07 von Scharnhorst und Gneisenau
eingeleitete preußische Heeresreform beruhte im Grunde auf diesen Erfahrungen.
Die Reformer hatten erkannt, daß für die moderne Kriegführung,
wie sie die französischen Revolutionsheere zuerst begründet hatten,
eine neue Disziplin erforderlich war, die keinen Kadavergehorsam, keinen Drill
und keine Prügelstrafen benötigte, weil sie die bewußte, freiwillige
Unterordnung des Soldaten unter den Befehl zur Grundlage hatte. Deshalb war
Scharnhorst, der "Kopf" der Militärreformer in Preußen,
davon überzeugt, daß die stehenden Heere durch die Volksbewaffnung
nach französischem Vorbild, durch "Volksheere", abgelöst
werden müßten, so daß die gesamte Armee in die Nation integriert
werden könnte und der Heeresdienst damit zum Ehrendienst des freien und
mündigen Staatsbürgers im Interesse des Gemeinwohls würde. Diesem
Ziel diente auch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Preußen,
die um 1813 wirksam wurde, und die Bildung einer "Reservearmee", der
Landwehr, die ihrem Charakter nach eine "Bürgerarmee" war. Jahns
Handeln ging mit diesen Bestrebungen der preußischen Militärreformer
völlig konform. Deshalb sagte er, "Jeder Turner soll zum Wehrmann
reifen, ohne verdrillt zu werden." (10) Jahn strebte ebenso wie die preußischen
Reformer an, auf dieser Grundlage mit besseren Aussichten als zuvor den Befreiungskampf
gegen Napoleon vorzubereiten. Er schrieb dies deshalb ausdrücklich schon
1810: "Eine wahre Volkserziehung muß die Vorarbeit für künftige
Vaterlandsvertheidiger eben so wohl übernehmen, als andere Ausbildung:
Denn jede Schule soll überhaupt sein ein Lehren für künftigen
Gebrauch." Und 1816, nach erfolgreichem Abschluß der Schlachten der
Befreiungskriege, schrieb er: "Und so ist auch selbst in schlimmster Franzosenzeit
der Turnjugend die Liebe zu König und Vaterland ins Herz gepredigt und
geprägt worden. ... So hat sich die Turngemeinde in der dumpfen Gewitterschwüle
des Valand" (gemeint ist der ´Teufel´, d. i. Napoleon) "für
das Vaterland gestählet, gerüstet, gewappnet, ermuthiget und ermannt.
Glaube Liebe Hoffnung haben sie keinen Augenblick verlassen." (11) So stand
das Jahnsche Turnen damals ohne Zweifel auch im engen Zusammenhang mit der Vorbereitung
der Befreiungskriege, aber mit den sogenannten "Kriegsübungen"
verfolgte Jahn nicht allein und einseitig das Ziel, die Jugend für die
Verteidigung des Vaterlandes zu befähigen. Diese "Kriegsübungen",
wie er sie nannte, spielten bei ihm vielmehr auch im Rahmen der Gesamterziehung
eine sehr große Rolle: "Kriegsübungen", so schrieb er 1816,
"wenn auch ohne Gewehr, bilden männlichen Anstand, erwecken und beleben
den Ordnungssinn, gewöhnen zur Folgsamkeit und zum Aufmerken, lehren den
Einzelnen, sich als Glied in ein großes Ganzes zu fügen." (12)
"Der Turnplatz", so Jahn an anderer Stelle der "Deutschen Turnkunst",
"ist kein Drillort, und kann also nicht von Schulsteifheit starren."
(13) Wenn man Jahns Intensionen bezüglich vormilitärischer Ausbildung
durch Turnübungen mit denen von GutsMuths, der weder von zeitgenössischen
noch von "modernen" Kritikern militaristischer Bestrebungen bezichtigt
wird, vergleicht, dann wird die jeglichen "militaristischen" Positionen
entgegengesetzte Jahnsche Position noch deutlicher. Denn auch GutsMuths maß
den Geländespielen große Bedeutung bei, die er mit seinen Zöglingen
bei jedem Wetter und manchmal sogar zur Nachtzeit veranstaltete. Er schrieb,
ähnlich wie Jahn, diese Übungen sollten den Mut der Knaben beleben,
ihren natürlichen kühnen Unternehmensgeist stärken und sie gegen
körperlichen Schmerz abhärten, "wozu es bey der Weichlichkeit
unsrer gewöhnlichen Lebensart endlich hohe Zeit wird". (14) Doch GutsMuths
distanzierte sich bei seinen Turnübungen vom Drill nicht im gleichen Maße
wie Jahn, so daß dieser in einem Brief an Vieth vom 11. 04. 1818 über
GutsMuths` "Turnbuch für die Söhne des Vaterlandes", das
1817 erschienen war, äußern konnte: "Mir ist das Buch so sehr
ins Drillwesen hinein, und ich werde nie zugeben, daß die Turnkunst etwas
anderes als ein Hauptteil der notwendigen Gesamtbildung sei." (15) Das
ist eine so klare Aussage, daß sich weitere Auseinandersetzungen mit der
Behauptung, Jahn sei Militarist bzw. habe im Sinne des Militarismus gehandelt,
erübrigen.
Jahn und das "Deutschtum"
Was die Glorifizierung des Deutschtums betrifft, so liegt Jahn zumindest in
den beiden ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts damit voll im Geiste seiner
Zeit (16), der romantischen geistigen Strömungen in Deutschland, die in
Reaktion auf Aufklärung und Französische Revolution philosophisch
die Lehre vom "Volksgeist" als Kern des "Vernunftreiches der
Menschheit" entwickelten und sich gleichzeitig des deutschen Volkes, seiner
Geschichte, Dichtung und Kunst zuwandten. Die "Romantiker" entdeckten
wieder das christlich-deutsche Mittelalter, besannen sich zurück auf die
"deutsche Kaiserherrlichkeit".
Das Mittelalter wurde von ihnen nicht, wie in der Zeit der Aufklärung,
als die "dunkle Zeit" nach der strahlenden Antike betrachtet, sondern
als die große Zeit der Deutschen und ihrer geschichtlichen Leistungen.
Das war auch der Grund dafür, daß nun mit der Gründung der "Gesellschaft
für ältere deutsche Geschichtskunde" durch Frh. v. Stein 1819
und den von ihr geplanten und geleiteten kritischen Quellensammlungen und -bearbeitungen
in den Monumenta Germaniae historica auch die wissenschaftliche Bearbeitung
der mittelalterlichen deutschen Geschichte begann. (17) Friedrich Ludwig Jahn
unterscheidet sich in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts hinsichtlich
seines Bekenntnisses zum eigenen, dem deutschen Volk, überhaupt nicht von
den führenden geistigen Köpfen seiner Zeit, deren Wirken in gleicher
Weise von nationalen Regenerationsbestrebungen bestimmt war. In diesen Zusammenhang
gehört auch seine Stellung zu Frankreich und den Franzosen. Sie resultiert
im Grunde aus dem Versuch, die Erklärung für den Niedergang des Deutschen
Reiches seit dem Spätmittelalter und die seitherigen Auseinandersetzungen
zwischen dem entstehenden französischen Nationalstaat und den deutschen
Kleinstaaten sowie Preußen bis hin zu den napoleonischen Eroberungskriegen
geben zu können. Jahn macht die jahrhundertelange Politik Frankreichs gegenüber
seinen deutschen Nachbarstaaten für die Tatsache verantwortlich, daß
sich kein deutscher Nationalstaat bilden konnte, und er gibt Frankreich dafür
unmittelbar die Schuld, weil es mit seiner Politik die Entstehung eines deutschen
Nationalstaates geradezu verhindert habe. (18) Daß Jahn das französische
Volk und die einzelnen Franzosen deshalb nicht mit Haß verfolgte, sondern
durchaus zwischen der Politik des französischen Staates, die er zugegebener
Weise einseitig und zugespitzt wertete, und den französischen Menschen
zu unterscheiden wußte, beweist sein sehr gutes Verhältnis zu Dr.
Lortet, der auch eine französische Übersetzung seines "Deutschen
Volksthums" herausbrachte. (19) Daß Jahns "Nationalismus"
wie auch der einiger Zeitgenossen sehr bald zur "Deutschtümelei"
entartete, hängt m. E. zusammen mit seinem übergroßen Selbstwertgefühl
und seinem Beharren auf einmal gewonnenen Einsichten (20) sowie seinem Selbstverständnis
als Mahner und Erzieher der Deutschen im Kampf gegen die Fremdherrschaft. Jahn
hatte in großer Breite die Eigenheit des deutschen Volkes zu bestimmen
und daraus einen Nationalerziehungsplan zur geistigen Erneuerung Deutschlands
für den Kampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft zu entwickeln versucht.
Als nun die politische Entwicklung nach 1815 nicht so verlief, wie er und viele
Patrioten es sich gewünscht hatten, hielt er an seinen Vorstellungen umso
mehr fest, als ihm diese Entwicklung zuwiderlief. Begünstigt wurde diese
Entartung zur "Deutschtümelei" dadurch, daß Jahns Volkstumsbegriff,
an dem er Zeit seines Lebens festhielt, eine originäre Jahnsche Schöpfung
war und sich von dem anderer Persönlichkeiten jener Zeit unterschied. Während
z. B. nach Herder (gest. 1803) sich die Eigenart eines Volkes in Sprache und
Literatur, in den Sitten und in der Verfassung äußert und das Volk
als eine höchst wichtige Abstufung zwischen Menschheit und Individuum gesehen
wird, also die humanistischen Ausgangspositionen dominieren, gebrauchte Jahn
den Volkstumsbegriff als strukturbildenden Begriff, dem er andere Werte nachordnete.
(21) Mit der bei Jahn unter dem Eindruck der ihm verhaßten napoleonischen
Fremdherrschaft und der Befreiungskriege wachsenden Tendenz, Sprache im Zusammenhang
mit Geschichte und Mentalität des Volkes zu betrachten, verlor Jahn die
humanistischen Ausgangspositionen, wie sie Herder so sehr betont hatte, aus
den Augen, und sein Volks- oder Volkstumsbegriff geriet in eine spezielle nationalistische
Verzerrung, die wir als Deutschtümelei bezeichnen. Dies hängt auch
damit zusammen, daß es Jahn sehr viel mehr darauf ankam, die Einigungskraft
und den hohen Wert von "Volkstum" für eine Nationalerziehung
herauszustellen, als seine Eigenart zu bestimmen oder eine Definition des "Volkstums"
zu geben. "`Volkstum` erscheint", schreibt Fred Zimmermann, "bei
Jahn also als ein ideales Bild, das mehr aus politischen Absichten und Zwecksetzungen
als aus der wissenschaftlichen Betrachtung hervorgeht. Bei der Bewertung der
Person Jahns ist zweifellos dieses Moment und seine aktivistische Umsetzung
im Sinne einer umfassenden Mobilisierung hervorzuheben." (22) Dem ist nichts
hinzuzufügen!
"Antisemitismus" bei Jahn
Einige Bemerkungen zu Jahns "Antisemitismus". Auch in dieser Frage
steht Jahn durchaus nicht allein, sondern er ist beeinflußt von Ressentiments
gegen das Judentum, die sich in vielen Jahrhunderten der Geschichte Europas
und Deutschlands entwickelt hatten. Es sei daran erinnert, daß die Juden
unter dem Einfluß der christlichen Kirche im Mittelalter von der Teilnahme
am Wirtschaftsleben weitgehend ausgeschlossen waren, denn Landerwerb und Zunftmitgliedschaft
wurden ihnen verwehrt. (23) Was ihnen an Betätigungsmöglichkeiten
blieb, waren die Beteiligung am Handel und vor allem Geldspekulationen, d. h.
die Verleihung von Geld gegen hohe Zinsen, was den Christen verboten war, weshalb
Königtum, Adel und Klerus mit wachsendem Geldbedarf seit dem hohen und
späten Mittelalter auch immer stärker auf jüdische Geldverleiher
und Wucherer angewiesen waren. So wuchs die Konkurrenz zwischen christlichem
Bürgertum und Juden, die unter Fremdenrecht lebten und seit 1103 unter
königlichen Schutz genommen wurden. Das sogenannte "Judenregal",
d.h. Juden gegen eine Abgabe den Aufenthalt zu gestatten, wurde vom König
verliehen. Die Tatsache, daß die Herrschenden im Falle von Fehlspekulationen
allein den Juden die Schuld zuschoben, förderte den Haß gegen die
Juden zusätzlich. So wurden in gewissen Zeitabständen bewußt
herbeigeführte, religiös motivierte Judenverfolgungen seit der Wende
vom 1. zum 2. Jahrtausend zur Regel. (24) Oftmals fanden als Auftakt zu Kreuzzügen
ins Heilige Land in mittelalterlichen Städten Judenpogrome statt. (25)
Als um die Mitte des
14. Jahrhunderts wie in fast ganz Europa auch in den deutschen Territorien die
Pest wütete, war dies Anlaß für eine furchtbare Judenverfolgung,
in deren Verlauf nicht nur Zehntausende von Juden umgebracht wurden, sondern
viele Juden auch auswanderten, vor allem nach Polen. (26) Seit der Wende vom
14. zum 15. Jahrhundert wurde - wie in Frankreich schon seit Mitte des 13. Jahrhunderts
- auch in den deutschen Territorialstaaten für Juden eine besondere Kleidung
verlangt, so z B. in der Kleiderordnung des Rates der Stadt Köln von 1404.
Zwar gab es seit dem 15. Jahrhundert in Deutschland keine "Massenermordungen"
von Juden mehr, doch an ihre Stelle traten häufig Ausweisungen von Juden
aus einzelnen Orten oder Territorien, bezeichnender Weise häufig nach der
Konfiskation ihrer Vermögen. Seit dem
18. Jahrhundert besserte sich die Lage der Juden ein wenig, doch selbst das
im Rahmen der Stein-Hardenbergschen Reformen in Preußen am 11. 03. 1812
erlassene "Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der
Juden" brachte für die Juden in Preußen zwar gewisse Freiheiten
im Sinne der Gleichberechtigung in bürgerlicher und wirtschaftlicher Beziehung,
aber keine völlige Gleichstellung als Staatsbürger, die erst durch
die Reichsverfassung von 1871 festgeschrieben wurde. (27) Doch noch Mitte des
19. Jahrhunderts verstärkte sich die Rassenhetze, die insbesondere auch
gegen die Juden gerichtet war. Auch in seiner Haltung gegenüber den Juden
stand Friedrich Ludwig Jahn in seiner Zeit also keineswegs allein da, im Gegenteil,
er reflektierte auch in dieser Hinsicht die allgemeine Stimmung vieler seiner
Zeitgenossen. Von ihnen unterschied er sich höchstens durch seine mit markigen
Worten formulierten zugespitzten Wertungen, was aber wiederum mit seinen charakterlichen
Besonderheiten und seinem Drang zu streitbarer Redeweise zusammenhing.
Jahn und das preußische Königtum
Einige Worte noch zu Jahns Verhältnis zu Preußen und seiner hohenzollernschen
Dynastie. Jahns Haltung zum preußischen Territorialstaat und seinem Königtum
ist ebensowenig singulär wie seine sog. "Franzosenfeindlichkeit",
sein angeblicher "Antisemitismus" und seine "Deutschtümelei".
Friedrich Ludwig Jahns gesamtes Streben in der Zeit der napoleonischen Fremdherrschaft
und in der Vorbereitung des Befreiungskampfes des deutschen Volkes war auf Einigung
Deutschlands unter preußischer Führung gerichtet.
Ihn verbanden viele Fäden mit dem preußischen Staat, seinem Königtum
und den in Preußen agierenden Reformern. (28) Er wirkte mit den bedeutendsten
Persönlichkeiten dieser Zeit in Preußen, die das gleiche Ziel wie
er verfolgten, sehr eng zusammen, u. a. mit den Ministern Freiherr vom Stein
und Hardenberg sowie den Militärs Scharnhorst und Gneisenau. Auch in der
Zeit seiner Inhaftierung und während seiner Freyburger bzw. Kölledaer
Zeit, als er unter Polizeiaufsicht stand, hat er niemals am preußischen
Königtum gezweifelt, die Schuld für seine Verfolgung wies er den Beamten
wie dem Polizeidirektor Kamptz oder dem Merseburger Regierungspräsidenten
zu, der ihn 1828 wegen der ihm verbotenen Kontakte zu Gymnasiasten nach Kölleda
"verbannt" hatte. Seinem hervorstechenden Charakterzug entsprechend,
einmal gewonnenen persönlichen Einsichten und Erkenntnissen für immer
verhaftet zu sein, mit anderen Worten, entsprechend seiner konservativen Grundhaltung
und seines wenig flexiblen, statischen Denkens, hielt Jahn auch in der Revolutionszeit
1848/49 an dieser Verbundenheit mit Preußen und seiner Dynastie fest und
setzte sich als Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung für die
Schaffung einer konstitutionellen Monarchie unter Führung eines zum Kaiser
erhobenen preußischen Königs ein, obwohl er sich dadurch mit den
revolutionären, demokratischen Turnern entzweite. (29) Jahn nahm, seiner
Überzeugung und seinem Charakter entsprechend, diesen Konflikt mit "seinen"
Turnern in Kauf und bezahlte das mit gesellschaftlicher Isolation, Verlassenheit
und Resignation in seinen letzten drei Lebensjahren.
Schranken Jahnschen Wirkens
Schon nach dieser oberflächlichen Beleuchtung des engeren und weiteren
"Umfelds" Friedrich Ludwig Jahns können wir feststellen: In die
gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit eingeordnet, sind Friedrich
Ludwig Jahns Intensionen und Handlungen, seine Auseinandersetzungen und seine
Urteile durchweg anders zu werten, als dies seine früheren und gegenwärtigen
Kritiker tun, die ihre Wertungen vom modernistischen und deshalb ahistorischen
Standpunkt aus vornehmen. Berücksichtigt man dazu auch noch die Eigenheiten
von Jahns Persönlichkeit, seinen Charakter und sein Temperament, dann werden
viele Aussagen und Handlungen Jahns, die sicherlich oftmals Rätsel aufgeben,
erklärbar und verständlich. So erweist sich auch im Falle der großen
historischen Persönlichkeit Friedrich Ludwig Jahn die Richtigkeit der Regeln
kritischer Wertung, daß eine historische Persönlichkeit nur gerecht
beurteilt werden kann, wenn man ihre persönlichen und gesellschaftlichen
Möglichkeiten und Schranken erkennt und entsprechend berücksichtigt.
Jahns Nationalismus und "Deutschtümelei", sein "Franzosenhaß"
und "Antisemitismus" sind zweifellos - und ich bin weit davon entfernt
dies leugnen zu wollen - Teil des Jahnschen Erbes in dem von mir definierten
Sinne. Sie sind aus den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit und
seinem Charakter zwar erklärbar, sie sind aber nicht "traditionswürdig".
Sie gehören also ganz sicher nicht zu den von Jahn ausgehenden Überlieferungen
von bleibenden und wirkenden sittlich-geistigen Werten und gültigen Grunderfahrungen,
sie können nicht die Anforderungen an Orientierungshilfe, Verhaltensstütze
und Erziehungshilfe, Vermittler von Werten, die aussagekräftig, integrativ
und lebenswert auch für die nachfolgenden Generationen sein können,
erfüllen, auch nicht unter den Gesichtspunkten Wandel, Veränderung,
Anpassung und Neueinschätzung.
Der politische Kämpfer Jahn - Achtung und Bewunderung
Anders verhält es sich mit Jahns für die damalige Zeit progressive
Wirksamkeit, seine auf den deutschen Einheitsstaat gerichteten Bestrebungen
für eine deutsche Nationalerziehung zur Vorbereitung auf die Erhebung gegen
die napoleonische Fremdherrschaft, seine Verdienste um die Formierung des Lützowschen
Freikorps, seine unbeugsame Haltung in Haft und Verbannung, sein Festhalten
an den Ideen von Verfassung und nationaler Einheit und sein Eintreten für
das Wahlrecht auch der kleinen Leute, Tagelöhner, Dienstmädchen, Fabrikarbeiter,
Handwerks- und Handlungsgehilfen in der Frankfurter Nationalversammlung. Sie
müssen m. E. in ganz besonderem Maße als Zeichen der historischen
Größe seiner Persönlichkeit unter den Bedingungen seiner Zeit
gewertet und bei Diskussionen um sein Lebenswerk auch immer wieder besonders
hervorgehoben werden. Denn für diese seine sehr mutige persönliche
Haltung, die sicherlich auch eine gewisse Vorbildwirkung auszustrahlen vermag,
verdient Jahn die Hochachtung aller Menschen. Eine bis zum heutigen Tage gültige
Tradition jedoch kann von diesen verdienstvollen Aktivitäten und Haltungen
Jahns nur bedingt abgeleitet werden. "Bedingt" deshalb, weil sich
die Gegenwartsprobleme unter grundsätzlich anderen gesellschaftlichen und
politischen Verhältnissen stellen als die Probleme, mit denen sich Jahn
auseinanderzusetzen hatte. Diese genannten verdienstvollen Aktivitäten
Jahns sind an sein weiteres und engeres Umfeld, an die Verhältnisse seiner
Zeit gebunden und konnten nur unter diesen spezifischen Bedingungen zum Tragen
kommen. Doch obgleich an konkrete historische Bedingungen, an die einmalige
historische Situation gebunden, sind sie insofern als Basis von Traditionen
"bedingt" tauglich, als die mutige und unbeugsame Haltung Jahns, die
ihn als politischen Kämpfer für die Befreiung der Deutschen von der
napoleonischen Fremdherrschaft und die deutsche Einheit auszeichnete, auch den
heutigen Generationen noch sittliche Werte vermitteln und als Orientierungs-
und Erziehungshilfe sowie Verhaltensstütze wirken kann.
"Jahnsche Traditionen" - Jahn und das "deutsche Turnen"
Die größte und direkte Wirksamkeit "Jahnscher Traditionen"
aber liegt m. E. auf dem Felde des von ihm maßgeblich geschaffenen Turnwesens,
insbesondere unter dem Gesichtspunkt, was davon für die jüngeren Menschen
überlieferungswürdig ist. Ich möchte versuchen, hierzu meinen
persönlichen Standpunkt darzulegen und ihn zur Diskussion zu stellen, ohne
Anspruch auf erschöpfende Beantwortung der aufgeworfenen Fragen zu erheben.
Die Tradition des Turn- und Sportwesens
Meines Erachtens sind die an Jahns Wirken anknüpfenden Traditionen der
Turn- und Sportentwicklung sowie -organisation heute noch ohne Einschränkung
gültig. Sie sind auch in besonderem Maße geeignet, als Orientierungs-
und Erziehungshilfe, als Verhaltensstütze und als Vermittler von Werten
zu dienen, die auch für die uns nachfolgenden Generationen noch relevant
sind oder sein können. Das heißt, die Jahn-Tradition im angesprochenen
Sinne ist für mich vor allem die Tradition des Turn- und Sportwesens.
Jahn hat in seiner "Deutschen Turnkunst" in wenigen Sätzen
sehr klar und präzise die Begründung für den Wert des Turnens
umschrieben. "Die Turnkunst", so formulierte er, "soll die verloren
gegangene Gleichmäßigkeit der menschlichen Bildung wieder herstellen,
der bloß einseitigen Vergeistigung die wahre Leibhaftigkeit zuordnen,
der Überverfeinerung in der wiedergewonnenen Mannlichkeit das nothwendige
Gegengewicht geben, und im jugendlichen Zusammenleben den ganzen Menschen umfassen
und ergreifen." Und er fuhr dann fort: "So lange der Mensch noch hienieden
einen Leib hat und zu seinem irdischen Dasein auch ein leibliches Leben bedarf,
was ohne Kraft und Stärke, ohne Dauerbarkeit und Nachhaltigkeit, ohne Gewandtheit
und Anstelligkeit zum nichtigen Schatten versiecht - wird die Turnkunst einen
Haupttheil der menschlichen Ausbildung einnehmen müssen." (30) Bereits
in seinem Buch über "Deutsches Volksthum" hatte sich Jahn sehr
klar zur Funktion der Leibesübungen in der Volkserziehung geäußert.
"Gehen, Laufen, Springen, Werfen, Tragen", schrieb er hier, "sind
kostenfreie Übungen, überall anwendbar, umsonst wie die Luft. Diese
kann der Staat von jedem verlangen, von Armen, Mittelbegüterten und Reichen.
Denn jeder hat sie nöthig." (31) Hier wird auch deutlich, was ihn
in seiner Auffassung vom Wert der Leibesübungen für den Menschen und
die Ausprägung seiner Vollkommenheit von den Philanthropisten des ausgehenden
18. Jahrhunderts unterscheidet. Während GutsMuths, der für die pädagogische
Umsetzung der Leibesübungen bedeutendste Vertreter des Philanthropismus,
der preußischen Regierung 1804 empfahl, die von ihm als Gymnastik bezeichneten
Leibesübungen in die Schulen des Staates aufzunahmen, ging Jahn bewußt
einen anderen Weg, nämlich den Weg der Einrichtung öffentlicher Turnplätze,
verbunden mit der Erwartung, daß auf diese Weise die von ihm als "Turnen"
bezeichneten Leibesübungen eine allgemeine Staatssache in Preußen
werden müßten. (32) In seiner "Deutschen Turnkunst" hat
er dieses "deutsche Turnen" ausführlich beschrieben. Dieser Begriff
umfaßt demnach bei ihm beileibe nicht nur das Gerätturnen, sondern
sehr verschiedenartige Leibesübungen, die wir auch heute noch als sportliche
Formen oder zumindest Vorformen erkennen und die zum größten Teil
im Trainingsbetrieb vieler Sportarten nach wie vor aktuell sind - Gehen, Laufen,
Springen, Schwingen (Pferdturnen), Schweben (Balancieren), Reck- und Barrenturnen
ebenso wie Klettern, Werfen, Ziehen, Schieben, Heben, Tragen, Strecken, Ringen
sowie Sprung im Reifen und im Seile. Zu den von Jahn hochgeschätzten Disziplinen
der Leibesübungen gehörten natürlich auch das Schwimmen, Fechten,
Reiten, Tanzen u. a. Disziplinen, die er sich nach seinen eigenen Worten "auf
ein größeres Werk über die Turnkunst versparen" (33) mußte.
Seine Bildungs- und Erziehungsabsichten hat Jahn sehr konkret genannt: Die Förderung
der Gesundheit, die harmonische Bildung von Körper und Geist, die Betonung
der einfachen Lebensweise gegenüber "Überverfeinerung" und
"bloß einseitiger Vergeistigung", den grundsätzlichen Vorrang
der körperlichen Gesamtausbildung gegenüber der Erbringung von Höchstleistungen,
die Überwindung der sozialen Schranken und die Sozialisation durch die
Gruppe der gleichaltrigen Turner - hier liegt übrigens eine Wurzel der
Vereinsorganisation in unserer heutigen Turn- und Sportbewegung - und nicht
zuletzt die Wehrhaftmachung, jedoch, wie betont, nicht in dem später als
militaristisch bezeichneten Sinne, sondern im Sinne der Ausbildung aller Kräfte
für die Erhaltung und den Schutz des eigenen Volkstums gegen Angriffe von
außen sowie die Ausprägung vaterländischer Gesinnung. (34)
Auf diese Bildungs- und Erziehungsabsichten stimmte Jahn auch den Übungsbetrieb
auf dem Turnplatz ab: Er unterteilte in "Turnübungen", die er
verstärkt auf die Leibhaftigkeit ausgerichtet sehen wollte, und die auch
schon von Jahn in ihrer Bedeutung als vollkommen gleichwertig angesehenen "Turnspiele",
die in erster Linie die "Gesellschaftlichkeit" fördern sollten.
"Die Turnspiele schließen sich", heißt es in der "Deutschen
Turnkunst", "genau an die Turnübungen an, und bilden mit ihnen
zusammen eine große Ringelkette. Ohne Turnspiele kann das Turnwesen nicht
gedeihen ..." (35). Diese Unterteilung in "Turnübungen"
und "Turnspiele" ist ebenso Ausdruck des Bemühens um methodisch
fundierte systematische Bildung und Erziehung wie die Einteilung des Turnnachmittags
in mehrere Abschnitte: Der erste Abschnitt, der der Turnkür vorbehalten
war, sollte Selbsttätigkeit und Selbständigkeit anregen und dem Turner
Gelegenheit geben, Turnübungen entsprechend seinen individuellen Neigungen
und Anlagen zu betreiben. Heute sagen wir dazu individuelle Phantasie, Kreativität
und Improvisationsvermögen, die der Übungsleiter in seinen Übungsgruppen
auch heute noch selbstverständlich zu entwickeln sucht. Die anschließende
Turnrast an der als Thie oder Thing bezeichneten Stelle des Turnplatzes sollte
nicht nur der Erholung dienen, sondern auch der Besprechung der Turngesetze,
die Jahn in der "Deutschen Turnkunst" ausführlich formuliert
und kommentiert hat (36), dem Anhören von Vorträgen zu Themen aus
der vaterländischen Geschichte und Geographie, dem Liedgesang und nicht
zuletzt auch der Beilegung von Streitigkeiten. Dem folgte dann als letzter Abschnitt
die sog. "Turnschule", die "vorgeschriebene Beschäftigung"
- wir würden heute sagen "die Pflicht" -, bei der in Altersriegen
festgelegte Übungen geturnt wurden, so daß im Laufe der Zeit jeder
Turner die gesamte Palette der Turnübungen beherrschen lernte. Dieses von
Jahn entwickelte Grundmodell des "deutschen Turnens" ist im zweiten
Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts sehr rasch verbreitet worden, insbesondere auch
dadurch, daß von Jahn und seinen Mitarbeitern die Anlegung öffentlicher
Turnplätze nicht nur in Preußen, sondern auch in anderen deutschen
Ländern angeregt wurde bzw. Turner aus dem Jahnschen Kreise sich als Vorturner
zur Verfügung stellten und die Entwicklung des Turnens damit aktiv vorantrieben.
Diesen Leistungen Friedrich Ludwig Jahns wurde damals von vielen Persönlichkeiten
große Bewunderung gezollt, insbesondere dem öffentlichen Turnen,
der Volkstümlichkeit des Jahnschen Turnens und seiner Absage an jegliche
Standesschranken. Die von Jahn mit der Begründung des "deutschen Turnens"
verfolgten erzieherischen Ziele waren in der Tat für die damalige Zeit
geradezu revolutionär. Nicht zuletzt deshalb galt die von Jahn begründete
Turnbewegung über viele Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts den Herrschenden
als verdächtig. Doch erfolgte überall, in allen deutschen Ländern,
die Rückbesinnung auf das Jahnsche Turnen spätestens mit der zunehmenden
Industrialisierung und der daraus resultierenden Verstädterung. (37) Die
gesellschaftlichen Bedürfnisse zielten nunmehr primär auf die Erhaltung
und Verbesserung der Gesundheit des Einzelnen und seiner Arbeitskraft, auf einen
Ausgleich zu den mit der Industrialisierung verbundenen Gefahren für die
Gesundheit des Einzelnen. Angesichts der Anforderungen, die das Erwerbsleben
an die Menschen stellte, versuchte vor allem die Jugend, wenigstens zeitweise
der Zivilisation zu entfliehen und zum Leben der Natur zurückzufinden.
In diesem Zusammenhang gewannen in den Leibesübungen vermeintlich "neue"
Inhalte wie Wandern und Tanz, rhythmische Gymnastik, leichtathletische Übungen
und Schwimmen sowie Spiele an Gewicht, Inhalte, die das Jahnsche "deutsche
Turnen" in seinem ursprünglichen Sinne zu einem großen Teil
bereits umfaßt hatte.
Deshalb ist es sehr berechtigt zu sagen: Mit dieser Organisation des Turnbetriebs
unter Berücksichtung vieler und vielseitiger Körperübungen hat
Friedrich Ludwig Jahn - und vor allem darin sehe ich die wichtigste, heute noch
gültige, von Jahn ausgehende Tradition - die Grundlagen für den Turn-
und Sportbetrieb geschaffen, die bis in die heutige Zeit ihre Gültigkeit
bewahrt haben, wenn auch vielfach in modifizierter Form. (38)
Wenn wir die Wirkungen und Nachwirkungen Jahns auf dem Gebiet des Turnens mit
wenigen modernen Worten würdigen wollten, so könnten wir also sagen:
Jahnsche Tradition, das ist unablässiges Ringen um die Pflege turnerisch-sportlicher
Aktivität im Bewußtsein der Werte turnerisch-sportlicher Betätigung
für Gesundheit, Harmonie von Körper und Geist und des besonderen Wertes,
ja des Primats körperlicher Gesamtausbildung gegenüber Erreichung
von Höchstleistungen, sowie des Wertes der Pflege zwischenmenschlicher
Beziehungen im Verein als einer verschworenen Gemeinschaft Gleichgesinnter.
Turnen und Charakterbildung
In einem an die Frankfurter Turngemeinde gerichteten, recht ausführlichen
Brief äußerte sich Jahn in aller Kürze über das Wesen der
von ihm initiierten Turnkunst und gab ergänzend eine nähere Erläuterung
zu dem von ihm formulierten Turnerwahlspruch "Frisch, frei, fröhlich,
fromm". Er schrieb dazu: "Frisch nach dem Rechten und Erreichbaren
streben, das Gute tun, das Bessere bedenken und das Beste wählen; frei
sich halten von der Leidenschaften Drang und von der Vorurteile Druck und des
Daseins Ängsten; fröhlich die Güter des Lebens genießen,
nicht in Trauer vergehen über das Unvermeidliche, nicht in Schmerz erstarren,
wenn die Schuldigkeit getan ist, und den Mut fassen, sich über das Mißlingen
der besten Sache zu erheben; fromm die Pflichten erfüllen, leutselig und
volklich, und nicht zuletzt die letzte, den Heimgang." (39) Jahn gab damit
eine glänzende Beschreibung dessen, was Turnen für die Charakterbildung
leisten soll und zu leisten vermag. Das ist ein Ausdruck Jahnscher Tradition,
der bis heute seine Gültigkeit bewahrt hat und auch uns nachfolgenden Generationen
noch etwas zu sagen hat. Die gesellschaftlichen Begründungen für den
Wert turnerischer, sportlicher Betätigung also sind es m. E., die in erster
Linie die Jahntradition auch in unserer Zeit noch lebendig erscheinen lassen.
Turnerische Vielseitigkeit
Darüber hinaus gibt es jedoch auch noch weitere Gesichtspunkte, die unter
dem Blickwinkel der Jahntradition ganz besonders hervorgehoben werden können
und müssen.
Dabei ragt besonders hervor der in der Jahn-Tradition verwurzelte Gesichtspunkt
der Vielseitigkeit, das vielseitige Turnen als Breiten- und Freizeitsport, vor
allem auch die
Tradition des Mehrkampfes. Die Schwimmer im DTB, deren 60. Jahnschwimmfest ich
in diesem Jahre in Osnabrück erleben durfte, stehen voll in dieser Jahnschen
Tradition.
Um das zu verdeutlichen, möchte ich einiges aus der Geschichte des Schwimmsports
im DTB rekapitulieren (40): Bereits 1923, zum 18. Jahnwetturnen, wurde ein Staffetten-
oder
Staffellauf rund um die Freyburger Jahnstätten eingeführt, an dem
zunächst 9 Läufer und 3 Schwimmer pro Mannschaft beteiligt waren.
Der erste Schwimmer übernahm den Stab von
einem Läufer, und die Schwimmer mußten nun von der Flußbadeanstalt
an der Unstrut jeweils 200 m flußabwärts schwimmen, bis der letzte
den Stab wieder einem Läufer übergab. Dieser Staffelwettbewerb, der
anfangs nur für Vereine des 13., des thüringischen Turnkreises, offen
war, fand eine gute Resonanz. Um auch den kleineren Vereinen Gelegenheit zum
Start zu geben, wurde später die Anzahl der Läufer und Schwimmer pro
Staffel verringert und die Strecke verkürzt. Außerdem wurde dieser
Wettbewerb bald auch DT-offen ausgetragen. So
starteten z. B. 1939 die Staffeln mit 5 Läufern und 5 Schwimmern pro Mannschaft,
und die Schwimmer hatten 100 m, die Läufer 300 m zurückzulegen. Außerdem
wurden die Staffeln
entsprechend der Vereinsgröße in 2 Gruppen eingeteilt. Wie dieser
Staffettenlauf mit Beteiligung von Läufern und Schwimmern wurde auch das
sog. Jahn-Schwimmfest im Jahre
1923 aus der Taufe gehoben. (41) Am 25. Februar 1923 fand im Halleschen Stadtbad
das erste sogenannte Turnerschwimmfest statt. Am 16./17 Februar 1924 wurde dann
diese zuerst
als Gauschwimmfest durchgeführte Schwimmveranstaltung als "2. Jahnschwimmen"
bezeichnet und offen für die gesamte Deutsche Turnerschaft aufgezogen.
Bereits zu diesem
Zeitpunkt erkannte die DT diese Veranstaltung, das Jahnschwimmen, als ständige
Einrichtung für die Stadt Halle/S. an. Innerhalb weniger Jahre entwickelte
sich dieses Fest zur größten
schwimmsportlichen Veranstaltung innerhalb der DT. Bis zu ihrer Auflösung
im Zusammenhang mit der organisatorischen Umgestaltung des Sports durch die
Nationalsozialisten im Jahre 1935, die auch die Tradition des Jahnschwimmens
vorübergehend unterbrach, fand es 13 Mal in Halle statt. Der Vorsatz der
Turnerschwimmer,
das Jahnschwimmen auch unter den veränderten Bedingungen zu erhalten, konnte
nicht verwirklicht werden. Erst 1952 gelang es, das Jahn-Schwimmfest wiederzubeleben,
un d zwar
durch Dr. Jochen Benecke in Osnabrück. (42) Es hat - und das ist aus der
Sicht der Jahntradition das Wichtigste - hier im wahrsten Sinne des Wortes bis
zum heutigen Tage über
75 Jahre und 60 Veranstaltungen die Jahnschen Traditionen bewahrt.
Ich möchte die Jahnsche Tradition hier am Beispiel zweier "Leitbegriffe"
jedoch noch deutlicher charakterisieren, und zwar erstens, wie schon angedeutet,
am Begriff des
Mehrkampfes und zweitens am Begriff des Siegers.
Jahnscher "Mehrkampfgedanke"
Friedrich Ludwig Jahns "deutsches Turnen" beinhaltet, wie ich bereits
betonte, zahlreiche und auch sehr verschiedenartige Leibesübungen, und
Jahn hob immer den besonderen
Wert der körperlichen Gesamtausbildung und der Vielseitigkeit gegenüber
der Erbringung von Höchstleistungen hervor. Darauf beruhte auch die Bevorzugung
des Mehrkampfes durch
Jahn. Das war der eigentliche Grund dafür, daß der Mehrkampf - etwa
der Fünfkampf der Männerturner, 1927 z. B. bestehend aus Stabhochsprung,
Weitsprung, Steinstoßen,
Schleuderballwerfen und 100 m-Lauf - bei den seit 1901 in Freyburg an der Unstrut
im August jeden Jahres um den Jahngeburtstag ausgetragenen Jahn-Turnveranstaltungen
(43)
neben dem vorhin erwähnten, 1923 eingeführten Staffettenlauf lange
Zeit der Hauptgegenstand der turnerischen Aktivitäten aller Teilnehmer
war. Das Gleiche trifft auf das
Jahn-Schwimmfest zu, das vor allem Schwimm-Mehrkämpfe - die Vielseitigkeit
fördernd und die körperliche Gesamtausbildung betonend - anbietet.
Während der Charakter des Jahn-
Turnfests in Freyburg - hier stehen jetzt nicht mehr Mehrkämpfe, sondern
Gerätturnen und verschiedene Gymnastikformen im Mittelpunkt - sich in den
letzten 50 Jahren leider völlig
verändert hat, ist das Jahn-Schwimmfest den Jahnschen Traditionen bis zum
heutigen Tage treu geblieben.
Jahnscher "Siegbegriff"
Gleiches trifft auf den Begriff des Siegers zu. Für Jahn war nicht entscheidend,
wer nun wirklich die allerbeste Leistung vollbracht hatte, sondern für
ihn war entscheidend, daß der Turner sich im Sinne der körperlichen
Gesamtausbildung und der eigenen Vielseitigkeit selbst "besiegen"
konnte, d. h. eine bestimmte "körperliche Leistungsmarke" erreichte.
Bei den in Freyburg veranstalteten Jahn-Turnfesten waren bis in die dreißiger
Jahre alle diejenigen Sieger und bekamen dementsprechend Siegerkränze und
Urkunden, die im Fünfkampf der Männer, im Dreikampf der Älteren
oder im Vierkampf der Frauen eine bestimmte, genau festgelegte Punktzahl erreicht
hatten. (44) Gleiches trifft auf die Schwimmehrkämpfe beim Jahn-Schwimmfest
zu. Mir scheint, es ist in der Tat ganz im Sinne Jahns und insofern eine "Jahntradition"
im wörtlichen Sinne, wenn in dieser Weise bei Mehrkämpfen eine Sieggrenze
in Punkten festgelegt wird, sehr wohltuend heute in unserem Zeitalter der Besessenheit,
sportliche Höchstleistungen vollbringen zu wollen.
Der Bart kann bleiben
Sicherlich ist mit diesen meinen hier dargelegten Gedanken das außerordentlich
breite Spektrum der Jahntradition längst nicht ausgeschöpft, und ich
bitte, mir nachzusehen, wenn ich das Thema auch nicht im entferntesten "vollständig"
abhandeln konnte. Ist dieser Gegenstand doch, um mit Theodor Fontane zu sprechen,
wirklich ein "weites Feld"! Es wäre zu hoffen, daß es in
Zukunft noch von vielen unserer Freunde im Förderverein "bestellt"
wird. Es kann in dieser Diskussion um die Frage, wie Friedrich Ludwig Jahn und
die von ihm ausgehenden Traditionen auch den jungen Menschen nahegebracht werden
können, nur um die weitere Ausarbeitung der inhaltlichen Gesichtspunkte
der Jahn-Tradition gehen, d. h. die Diskussion kann sich auf gar keinen Fall
auf die Frage beschränken, ob "der Bart ab muß" oder nicht.
(45) Entscheidend ist, was Jahn bewirkt hat und was davon noch heute nachwirkt,
als Tradition wirksam sein kann. Der "Alte im Barte" ist - gleichgültig
unter welchen ideologischen, in jedem Falle sehr zeitgebundenen Vorzeichen -
überall bekannt, mit dem Abnehmen des Bartes wird er höchstens unbekannter
werden, und das nützt uns gar nichts, im Gegenteil! Viel wichtiger ist
die Popularisierung und Pflege der von Jahn begründeten Traditionen, die
sich beileibe nicht auf das Gerätturnen reduzieren lassen!
Zusammenfassung
Ich fasse meine Gedanken zusammen: Das Jahnsche Erbe ist sehr vielfältig
und differenziert. Es umfaßt
| 1. | Aussagen und Aktivitäten Jahns, die wir sehr kritisch sehen müssen, ohne sie verdrängen zu |
| wollen, die aber aus dem inneren und äußeren Umfeld dieser Persönlichkeit erklärt werden können und müssen, und | |
| 2. | Aussagen und Aktivitäten Jahns, die unsere Hochachtung und Bewunderung verdienen, die |
| auch eine Vorbildwirkung dieser großen
Persönlichkeit für die heutigen Generationen ausstrahlen, die
aber nur bedingt Traditionen zu begründen vermögen, weil sie zeitgebunden
sind, d.h. aus der zeitgenössischen historischen Situation entstanden
sind und an sie gebunden bleiben. Aber die mutige und unbeugsame Haltung
Jahns als Kämpfer für die Befreiung Deutschlands von der napoleonischen
Fremdherrschaft und für die deutsche Einheit vermittelt sittliche Werte
und eine derartige Orientierungs- und Erziehungshilfe, daß auch sie
im Sinne einer Tradition genutzt werden kann. Die aus dem Jahnschen Erbe, dem Wirken Jahns abzuleitenden Traditionen im Sinne von Orientierungshilfe, Verhaltensstütze, Erziehungshilfe und Vermittler von Werten, die aussagekräftig, integrativ und lebenswert auch für die heutigen Generationen sein können, sind m.E. vor allem und in ganz besonderem Maße die, die aus dem Wirken Jahns für das Turn- und Sportwesen und seine Organisation hervorgegangen sind: Da sind vor allem die verschiedenen Leibesübungen, die Jahn weitergeführt und z.T. mit speziellen Geräten (Barren, Reck, Schwingel) ausgestaltet hat, da die Organisation des Turn- und Sportbetriebs, seine Ausübung in der Öffentlichkeit und in der Gemeinschaft von Gleichen, die bis heute in unseren Turn- und Sportvereinen ihre Spuren hinterlassen hat, da sind die Erkenntnisse vom hohen Wert des Turnens und Sports für die körperliche Gesamtausbildung, Gesundheit und Charakterbildung, die Vielseitigkeit betonend und der körperlichen Gesamtausbildung gegenüber dem Streben nach Höchstleistungen Priorität einräumend. Und da ist ein Begriff vom "Sieg", der die eigene optimale physische Leistungskraft zum Inhalt hat und weniger die Bedeutung des Sieges über andere Menschen; bei Jahn gibt es in diesem Sinne immer mehrere Sieger und erst in zweiter Linie einen ersten, zweiten oder dritten Sieger. |
Ich hoffe sehr, mit diesen meinen Gedanken zur Jahn-Tradition wenigstens eine bescheidene Grundlage gegeben zu haben für eine breite Diskussion unter den Mitgliedern unseres Fördervereins und darüber hinaus im gesamten Deutschen Turnerbund, für eine Diskussion, die mir angesichts der Vielfalt auch negativer Meinungsäußerungen über Jahn und die sehr unterschiedlichen Äußerungen in Publikationen der letzten Jahre über Berechtigung oder Nichtberechtigung der Weiterführung Jahnscher Traditionen dringend geboten erscheint.
Anmerkungen
| (1) | Gründliche Überlegungen zum Traditionsverständnis im Sport wurden besonders in den |
| 4 Arbeitsgesprächen in der Führungs- und Verwaltungsakademie Berlin des DSB in Vorbereitung des Deutschen Sportmuseums zwischen 1982 und 1985 angestellt. Siehe Das Deutsche Sportmuseum. Überlegungen und Skizzen, hrsg. v. M. Lämmer; sankt Augustin 1991. Für uns sind darin von besonderem Interesse: H.-A. Jacobsen, Tradition heute, S. 143 ff.; D. R. Quanz, Vermittlung von Traditionen im Sport als Aufgabe und Problem der Pädagogik, S. 151 ff.; H. Kling, Die deutsche Turnbewegung und ihr Traditionsverständnis, S. 175 ff. | |
| (2) | Zu den Begriffen "Erbe" und "Tradition" siehe u. a. Dialog über Tradition und Erbe. |
| Ein interdisziplinäres Kolloquium des Forschungsbereiches Gesellschaftswissenschaften der Ak. d. Wiss. der DDR im März 1973, hrsg. v. D. Schiller und H. Bock, Berlin 1976. In diesem Kolloquium haben sich Wissenschaftler verschiedener Wissenschaftsdisziplinen zu Wort gemeldet, Aspekte des Erbe- und Traditionsverständnisses ihrer Disziplin dargelegt und, ungeachtet ihrer unterschiedlichen philosophisch-weltanschaulichen Positionen, wertvolle Anregungen zum Verhältnis von historischer Tradition und kritischer Erbaneignung gegeben. | |
| (3) | Die hier genannten Kriterien für die Funktion von Tradition legt Jacobsen, a. a. O., |
| S. 145 f., seinen Betrachtungen zugrunde. Ich halte sie für eine ausgezeichnete definitorische Grundlage für den Begriff der Tradition, so daß ich sie hier verwende. | |
| (4) | C. Euler, Friedrich Ludwig Jahn. Sein Leben und Wirken, Stuttgart 1881, S. 544 ff. |
| Hier legt Euler den amtlichen Bericht Bernhardis über Jahn und sein Turnen vom Jahre 1818 sehr ausführlich dar und zitiert große Partien wörtlich. Die hier zitierten wörtlichen Passagen sind dieser Darstellung entnommen. | |
| (5) | C. Euler, Friedrich Ludwig Jahn, a. a. O., S.548. |
| (6) | Ebenda, S. 549. |
| (7) | Der deutsche Bund gegen Napoleon und die Jahn`sche Untersuchung. Ein amtlicher |
| Bericht E. T. A. Hoffmann`s vom 15. Februar 1820 als Dezernenten im Jahn`schen Prozesse, in: H. Pröhle, Friedrich Ludwig Jahn`s Leben. Nebst Mittheilungen aus seinem literarischen Nachlasse, Berlin 1855, S. 321 ff. | |
| (8) | H. Pröhle, a. a. O., S. 280 ff.: "Jahn`s Charakter". Die folgenden wörtlichen Zitate sind |
| Pröhles Buch, S. 291 f., entnommen. | |
| (9) | Dazu ausführlich E. Kessel, Die Wandlung der Kriegskunst im Zeitalter der |
| Französischen Revolution, in: Historische Zeitschrift 148, 19933, S. 248 ff., der einerseits vor allem die Rolle Napoleons im Prozeß der Wandlung der Kriegskunst hervorhebt und andererseits Voraussetzungen und Möglichkeiten Scharnhorsts, der an sich ein großer Bewunderer Friedrichs des Großen war, bei der Planung der preußischen Militärreform, insbesondere der Weiterentwicklung der Kriegskunst in Reaktion auf das französische Beispiel beleuchtet. Einen ausgezeichnetetn Überblick über die preußische Militärreform und ihre Auswirkungen gibt. E. Weiß, Der Durchbruch des Bürgertums 1776 - 1847, in: Propyläen Geschichte Europas, Bd. 4, 2. Aufl., Frankfurt a. M. 1981, S.293 ff. | |
| (10) | F. L. Jahn/Eiselen, Die Deutsche Turnkunst zur Einrichtung der Turnplätze, Berlin 1816 |
| in: Quellenbücher der Leibesübungen, Bd. 4, Dresden o. J., S.XVI. | |
| (11) | Die beiden letzten Zitate stammen aus F. L. Jahn, Das Deutsche Volksthum, |
| Lübeck 1810, in: Quellenbücher der Leibesübungen, Bd. 3, Dresden o. J., S. 234, und F. L. Jahn/E. Eiselen, Die Deutsche Turnkunst ..., a. a. O., S. 253. | |
| (12) | F. L. Jahn/E. Eiselen, Die Deutsche Turnkunst ..., a. a. O., S. XVI |
| (13) | Ebenda, S. 247. |
| (14) | GutsMuths preist schon in seiner Gymnastik für die Jugend (nach Originalausgabe von |
| 1793), in: Quellenbücher der Leibesübungen, Bd. 1, Dresden o. J., S. 375 ff. in höchsten Tönen die "Vorzüge" militärischer Übungen (Lernen von Unterordnung, Verbesserung des äußeren Anstands, Abhärtung, Belebung des Mutes u. a.). Zitat ebenda, S. 377. | |
| (15) | Die Briefe Jahns, hrsg. v. W. Meyer, in: Quellenbücher der Leibesübungen, Bd. 5, |
| Dresden o. J., II, Nr. 37, S. 123. | |
| (16) | Es gibt dazu sehr viel geschichtswissenschaftliche Literatur; einen Überblick gibt |
| M. Braubach in Bd. 3 von Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, 9. Aufl., hrsg. v. H. Grundmann, Stuttgart 1970, § 15 Entstehung und Ausbreitung der nationalen Bewegung, S. 55ff. | |
| (17) | Darüber in aller Kürze H. Quirin, Einführung in das Studium der mittelalterlichen |
| Geschichte, 4. Aufl., Stuttgart 1985, S. 110 f. | |
| (18) | Der Gegensatz zu den Franzosen ist zumindest in der Zeit der Befreiungskriege |
| geradezu einer der Grundsätze nationalen Denkens. Als Beispiel seien die von Ernst Moritz Arndt ("Noch ein Wort über die Franzosen und über uns", 1814, und "Entwurf einer teutschen Gesellschaft", Frankfurt a. M. 1814) angeregten "Deutschen Gesellschaft", die sich 1814 allenthalben vor allem in den Städten an Mittelrhein und Main bildeten, angeführt, unter deren Zielen, den Anregungen Arndts entsprechend, vor allem "der zornige Ingrimm gegen die verweichlichte Bildung der Zeit ..." und ein "freies und gesetzliches Vaterland" herausragen. (Friedrich Meinecke, Die Deutschen Gesellschaften und der Hoffmannsche Bund. Ein Beitrag zur Geschichte der politischen Bewegungen in Deutschland im Zeitalter der Befreiungskriege, Stuttgart 1891, S. 11.) Jahn stand zu diesen Kreisen bekanntlich in engstem Kontakt. Übrigens kommt Jahns "Franzosenfeindlichkeit" erst in seiner Schrift Merke zum Deutschen Volkstum, Hildburghausen 1833, in: F. L. Jahns Werke. Neu hrsg. v. C. Euler, Zweiter Band, zweite Hälfte, Hof 1887, S. 469 ff. am stärksten zum Ausdruck, also zu einer Zeit, als die nationalen Emotionen der Deutschen gegen die Franzosen schon nachgelassen hatten. Auch dies ist ein Beleg dafür, wie stark Jahn einmal gefaßten Meinungen ein Leben lang verhaftet blieb! Siehe ebenda, S. 523 ff.:"Erbfeind" Franzosen! Über das Verhältnis Deutschland - Frankreich auch S. 585 ff. | |
| (19) | Über Jahns unbelastetes, ja freundliches Verhältnis zu Dr. Lortet geben seine Briefe |
| Aufschluß. Vgl. Die Briefe F. L. Jahns, a. a. O., V.
Nr. 5, An Mützel v. 12.11.1825, S. 241 f.; VIII, Nr. 49, An Dürre v. 3.2.1844, S. 429 f.; Schreiben F. L. Jahns an einen Freund in Frankreich (Lortet) aus dem Jahre 1840, in: F. L. Jahns Werke, a. a. O., Zweiter Band, zweite Hälfte, Hof 1887, S. 965 ff. |
|
| (20) | F. Zimmermann, Studien zur Entwicklung einer völkischen Ideologie. |
| Friedrich Ludwig Jahn und die deutsche Jahn-Rezeption. Diss. (B) Halle 1989, S. 84, spricht von "Deutschtum-Ideologie". S. 95 ff. erörtert er den Grund für nationale Argumentation und "Deutschtümelei" in dieser Zeit (Bindung nationaler Inhalte an verfassungsmäßige Vorstellungen, in deren Gewande auf ökonomische Beweggründe zurückgehende politische Forderungen des Bürgertums zum Ausdruck kommen). | |
| (21) | Ebenda, S. 68 ff., insbes. S.72 f. über die humanistischen Ausgangspositionen |
| bei Herder. | |
| (22) | Ebenda, S.85 f. |
| (23) | Siehe den kurzen Überblick über "Judenverfolgungen im Mittelalter", in: Lexikon der |
| deutschen Geschichte, hrsg. v. G. Taddey, 2. Aufl., Stuttgart 1983, S. 617. | |
| (24) | Als "Gründe" dienten u. a. der Vorwurf des Ritualmordes, der Brunnenvergiftung, der |
| Hostienschändung oder der Kreuzigung Christi, die - als jüdische "Kollektivschuld" deklariert - die "Rache" der Christen erforderte. | |
| (25) | Zuerst 1096 vor Beginn des 1. Kreuzzuges in rheinischen Städten, dann auch 1146 vor |
| dem 2. Kreuzzug, danach - nicht nur vor oder in Verbindung mit Kreuzzügen - in unregelmäßigen Abständen. | |
| (26) | Die schlimmsten Judenverfolgungen fanden unter dem Vorwand jüdischer |
| Brunnenvergiftung während der furchtbaren Pestjahre 1348/49 statt. | |
| (27) | Ausführlich über dieses Edikt, seine Vorgeschichte und die Reaktion auf dieses |
| Edikt: I. Freund, Die Emanzipation der Juden
in Preußen unter besonderer Berücksichtigung des Gesetzes vom
11. März 1812. Ein Beitrag zur Rechtsgeschichte
der Juden in Preußen, Erster Band: Darstellung, Zweiter Band: Urkunden,
Berlin 1912. Nach dem Hardenbergschen Edikt vom 11.03.1812 (betr. bürgerliche Verhältnisse der Juden) wurden die Juden in Preußen zu "Einländern und preußischen Staatsbürgern" erklärt, erhielten alle bürgerlichen Rechte, konnten jedoch noch nicht zu Richtern und Staatsbeamten ernannt werden. Allerdings gewann nach den Befreiungskriegen die Tendenz die Oberhand, die Rechtskraft dieses Edikts soviel wie möglich einzuschränken und die Juden auf ihren vorherigen Status zurückzudrängen. Bereits im Votum des preußischen Finanzministers von Bülow vom 16. Dezember 1815 heißt es mit Bezug auf das Edikt und die Frage der Zulassung von Juden "zu akademischen Lehr-, Schul- und Gemeindeämtern und zu Staatsämtern": "Es ist wohl jetzt nicht der rechte Zeitpunkt, diese Bestimmungen gegenwärtig zu erlassen, und noch weniger ist es unsere Absicht, sie in Vorschlag zu bringen, da der moralische Zustand der Juden, ihre Religionsbegriffe und Gebräuche, ihr Unterricht erst verbessert werden und die Folgen davon sichtbar sein müssen, ehe ihnen zu den bereits allgemein erworbenen bürgerlichen Rechten auch noch die "Befugnis eingeräumt wird, Staatsämter zu bekleiden" (ebenda, Zweiter Band, S. 465). Über die weitere Reaktion auf dieses Edikt nach Abschluß der Befreiungskriege ebenda, Erster Band, S. 229 ff. Siehe auch I. Elbogen, Ein Jahrhundert jüdischen Lebens. Die Geschichte des neuzeitlichen Judentums, Frankfurt a. M. 1967, S. 22 ff.): Regelung des Lebens der preußischen Juden durch fast 30 verschiedene Statuten, Einschränkung ihrer Freizügigkeit. Ähnlich war die Lage der Juden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor der 1848er Revolution in anderen deutschen Ländern wie z. B. Bayern. Zur Entwicklung der Lage der Juden in Deutschland im 19. Jahrhundert ausführlicher: R. Erb u. W. Bergmann, Die Nachtseite der Judenemanzipation: Der Widerstand gegen die Integration der Juden in Deutschland 1780 - 1860, Berlin 1989, die u. a. zu dem Ergebnis kommen, daß wir bei der Diskussion um die Lösung der Judenfrage "vom ausgehenden 18. Jh. bis in die Zeit des Nationalismus stets eine Mehrzahl von `Lösungsvorschlägen`" finden, "die von der vollständigen Assimilation über interne Segregation (Fremdenrecht) und Vertreibung bis hin zur Ausrottung reichen" (S. 59). Siehe auch T. Maurer, Die Entwicklung der jüdischen Minderheit in Deutschland (1780 - 1933), Neuere Forschungen und offene Fragen, in: 4. Sonderheft des Internationalen Archivs für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, Tübingen 1992, die feststellt, daß im politischen Leben das Jahr 1848 "einen Wendepunkt im Verhältnis von jüdischer Minderheit und nichtjüdischer Mehrheit" markiert. "Juden nahmen", so Maurer, "zum ersten mal aktiv und in größerer Zahl, z. T. in Führungspositionen, am politischen Geschehen teil. Sie hörten auf, nur `passive Objekte`" der Politik zu sein. Daher brachte dieses Jahr auch einen grundlegenden Wandel im Selbstverständnis der europäischen Judenheit. (S. 101 mit Verweis auf weitere Literatur zu dieser Frage in Anm. 1). |
|
| (28) | Davon zeugen insbes. auch Jahns Briefwechsel, u. a. mit Staatskanzler Hardenberg |
| (Die Briefe F. L. Jahns, a. a. O., II, Nr. 6, S. 66 ff., Nr. 14, S. 81 ff., Nr. 33, S. 112 ff.), mit Scharnhorst (II, Nr. 2, S. 62), mit Gneisenau (II, Nr. 3, S. 63 f.) und anderen. | |
| (29) | Rede Jahns in der Frankfurter Nationalversammlung am 15.1.1849, in: F. L. Jahns |
| Werke,, a. a. O., Zweiter Band, zweite Hälfte, S. 1030 ff.; vgl. dazu meinen kleinen Aufsatz über Friedrich Ludwig Jahn 1848/49 in Frankfurt am Main, in: Jahn-Report, 8. Ausgabe, Dezember 1997. | |
| (30) | F. L. Jahn/E. Eiselen, Die Deutsche Turnkunst ..., a. a. O., S. 225 |
| (31) | F. L. Jahn, Das Deutsche Volksthum, a. a. O., S. 230. |
| (32) | Jahn hat direkt das ausgesprochen, z. B. in einem Brief v. 16.9.1814 an Dr. Karl Müller, |
| in: Die Briefe F. L. Jahns, a. a. O., II, Nr.11, S. 78. In Ebenda, II, Nr. 14, S. 81 hat er dem Staatskanzler, Fürst Hardenberg, dazu Vorschläge unterbeitet. | |
| (33) | F. L. Jahn/E. Eiselen, Die Deutsche Turnkunst ..., a. a. O., S. XII f. |
| (34) | Siehe Anmerkung 11. |
| (35) | F. L. Jahn/E. Eiselen, Die Deutsche Turnkunst ..., a. a. O., S. 183 |
| (36) | Ebenda, S. 251 ff. |
| (37) | Diesen wichtigen Gesichtspunkt macht Harald Braun in einem Vortrag über die |
| erzieherischen Intensionen im JAHNschen Turnen, den er vor der Mitgliederversammlung des Jahn-Fördervereins in Freyburg im August 1995 hielt, geltend. | |
| (38) | Diesen Gesichtspunkt betont Jürgen Dieckert in seinem Beitrag über "Jahn - kein |
| `Turnopa`, sondern Symbol des Fortschritts", in: Deutsches Turnen, Sonderausgabe April 1998, S. 8 (erstmals gedruckt in Deutsches Turnen 10/92). | |
| (39) | Die Briefe F. L. Jahns, a. a. O., VII, Nr. 44, S. 421. |
| (40) | Die nachfolgenden Angaben stammen aus dem Halleschen Turn- und Sportalmanach |
| 1925 von Stadtrat Franz Joest, im Besitz des Stadtsportbundes Halle des DSB, S. 85; siehe auch Festschrift zum 75. Stiftungsfest des Halleschen Turn- und Sportvereins von 1861, 1936, ebenda, sowie den Pressedienst der Deutschen Turnerschaft, Potsdam 15.8.1928, Nr. 68. | |
| (41) | Dazu existieren eine Reihe von Artikeln an verschiedenen Stellen. Meine Informationen |
| stammen von Frau Benecke und den Schwimmsportfreunden des NTB und des WTB, die das 60. Jahn-Schwimmfest 1998 ausgerichtet haben. | |
| (42) | DTB und DSV nahmen die für die Olympischen Spiele in Helsinki angesetzten |
| Prüfungswettkämpfe in Osnabrück 1952 zum Anlaß, um das Jahn-Schwimmfest wieder aufleben zu lassen. | |
| (43) | Geschichte des Jahn-Wetturnens, in: Pressedienst ..., a. a. O. |
| (44) | In der Ausschreibung der DT zum Jahn-Wetturnen in Freyburg (Unstrut) am |
| 8. August 1926 heißt es z. B.: "Sieger ist, wer mindestens 75 PT. erreicht" (Fünfkampf der Männer), "Siegerin ist, wer mindestens 60 Pt. erreicht" (Vierkampf für Frauen) und "Sieger in diesen 3 Klassen ist, wer mindestens 45 Pt. erreicht" (Dreikampf der Aelteren). | |
| (45) | Das ist meine feste Überzeugung, unabhängig davon, ob Jahn schon im zweiten |
| Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts einen Vollbart getragen hat oder nur die sogenannte "Schifferkrause". Diese Frage ist ohnehin nicht zu beantworten. H. Pröhle, a. a. O., S. 282 f. berichtet, daß die Bilder, die man bis 1846 von Jahn hatte, entweder nach flüchtigen Zeichnungen oder nach dem Heine-Gemälde aus der Kolberger Zeit gefertigt worden waren. C. Euler, Friedrich Ludwig Jahn, a. a. O., S. 376 verweist auf die Selbstbeschreibung Jahns in seinen "Denknissen", wonach er Anfang 1814 bereits einen "langen, starken und breiten Bart" getragen haben muß. Bestätigt wird das durch Varnhagen van Ense, der berichtete, daß Jahn in Wien 1814/15 u. a. durch seinen Bart auffallen mußte (C. Euler, ebenda, S. 422). Auch in Paris im September 1815 sei Jahn schon durch sein Äußeres allgemein aufgefallen, u. a. "mit seinem langen Haar und Bart" (ebenda, S. 435). |

Die Pflege der Muttersprache
Ein Wort an die Fremdwörtler im turnerischen Bereich
Bei einem Forum im Rahmen des Deutschen Turnfestes 1073 in Stuttgart hatte
der damals bekannte und angesehene Berichterstatter im Funk und Fernsehen, Harry
Valerien (München) kritisch gefragt, was die "Pflege der Muttersprache"
in der Satzung des Deutschen Turner-Bundes zu suchen habe. Valerien von war
von Hause aus Spitzensportler und hatte keinen Zugang zu turnerischem Schrifttum
und zum tieferen Sinn der damals schon 160jährigen Turnbewegung. Oder wußte
er von dem hohen Wert, den der Turnvater Jahn der deutschen Sprache, der reinen
deutschen Sprache, zugemessen?
Der Lexikograph Franz Passow urteilte über die Deutsche Turnkunst wie
viele der Zeitgenossen in einem Brief an Frau von Voigt: "Ein Buch will
ich Ihnen aber besonders empfohlen haben, wenn Sie es nicht schon kennen: Jahn`s
Turnbuch, lesen Sie wenigstens die Vorrede; in der Art ist wohl seit Luther
nichts gleich Vortreffliches geschrieben, und die Stelle über Scharnhorst
und Friesen mir fast das herrlichste, was ich in deutscher Prosa gelesen habe.
Auch die Einzelheiten der desammten Turnübungen sind mit unübertrefflicher
Anschaulichkeit geschildert, und was auch nicht wenig ist, das ganze Buch ist
eine praktische Anweisung, wie die deutsche Sprache gereinigt und bereichert
werden kann und soll."
Leider hat Valeriens Abmahnung Folgen gehabt, und die "Pflege der Muttersprache"
verschwand aus der DTB-Satzung.
Das hätte freilich nicht dazu führen müssen, künftig in
unserem turnerischen Umfeld in Fremdwörtern zu baden. Doch nach dem zweiten
Weltkrieg, als die amerikanische Zivilisation über uns hereinbrach, vorerst
in der Musik, da wurde es Mode, amerikanische Wörter einzuführen.
Es gab sehr bald keine "Schauturnen" mehr, es mußte eine "Turnshow",
ein "Gala-Abend", ein "Festival" sein. Man sieht, es waren
griffige Fremdwörter. Von ihnen versprach man sich größere Anziehungskraft
in der Öffentlichkeit. Der Drang zum Fremdwort ist bei uns nicht neu. Schon
Goethe, der mit wenigen Fremdwörtern auskam und bei der Überarbeitung
seiner Texte noch viele von ihnen gestrichen hat, wußte um die Fragwürdigkeit
von Fremdwörtern. In seinem Aufsatz "Deutsche Sprache" schrieb
er: "Die Muttersprache zugleich zu reinigen und zu bereichern ist das Geschäft
der besten Köpfe." Natürlich verlangt es geistige Anstrengung,
ein gängiges Fremdwort durch ein sinnvolles deutsches Wort zu ersetzen.
In seiner "Deutschen Stilkunst" - mir liegt die zweiundzwanzigste
bis vierundzwanzigste Auflage vor - im Kriegsjahr 1917 geschrieben, sagt Eduard
Engel:
"Wir Deutschen leiden an dem krankhaften Reiz, jede kleine fremdsprachige
Nebenform eines Begriffes aufzugreifen. Keinem Fremden fällt es ein, sich
aus dem reichen Formenschatz des Deutschen ein einziges anzueignen."
Selbst der Präsident des DTB befleißigt sich in seinem monatlichen
Leitartikel von "Deutsches Turnen" der Fremdwörter (Event, Show,
DT, Nr. 1-2, 1999, S.4).
In "Deutsches Turnen" geht man mit den Fremdwörtern lustig um.
Bereits das Vorwort des Schriftleiters heißt "Editorial". Klingt
schön und gescheit, aber gibt es dafür nicht eine Menge deutscher
Bezeichnungen? Der Hauptschriftleiter unserer amtlichen Zeitschrift fühlt
sich demnach als "Editor". Aber Herausgeber von "Deutsches Turnen"
ist der Deutsche Turner-Bund, und für ihn steht als Schriftleiter ein "Redakteur",
ein Wort, das schon vor mehr als hundert Jahren vom "Schriftleiter"
abgelöst wurde. Dann gibt es auch noch eine "Zentralredaktion",
eine Zentrale also, und dieses Wort, auch ein Fremdwort,könnte man unter
die läßlichen Sprachsünden in unserer Turnwelt ansehen. Um weitere
Sprachsünden (Fremdwörter) einer einzigen Ausgabe von "Deutsches
Turnen" anzuführen, von über 30 des gleichen Heftes: "Team"
für mannschaft oder Riege, "Convention" statt Versammlung, stammt
vom lateinischen convenire - zusammenkommen, "Investitionen amortisieren"
= Einzahlungen abbauen, langfristige Anlagen tilgen. Amortisieren ist ein sehr
gelungenes Fremdwort und kommt vom lateinischen "Mors" = Tod, also
"abtöten", Koordinierungspartner, der "Partner" ist
schon mehr ein Lehnwort, also ein in die eigene Sprache bereits eingebundenes
Fremdwort. Koordination heißt nach Dudens Fremdwörterbuch "eine
reibungslose Abstimmung aufeinander". Im Georges, dem einschlägigen
zeibändigen Wörterbuch der lateinischen Sprache von 1879 findet sich
das Wort "coordinare" überhaupt nicht. Ein "potentieller
Medaillenanwärter" ist überflüssig, denn ein möglicher
"Anwärter" tut es auch. Dann ist von einem "Gruppenkontingent"
die Rede. Kontingent, d.h. Anteil, begrenzte Menge. Da wäre also "Gruppe"
ausreichend, "kontingent" ist überflüssig. Genug der Beispiele.
Sie könnten aus der Nummer 3/1998 unserer Turnzeitung beliebig bis über
dreißig Beispiele erweitert werden.
Nun gut, es gibt Fremdwörter, die sich so "eingedeutscht" haben,
daß man sie fast schon als Lehnwörter bezeichnen kann; oder sie sind
es schon, ich denke an Kapitel, Fabel, Legende, in der Sportsprache an Rekord,
Duell, Finale. Wie auch immer, man sollte nicht päpstlicher sein als der
Papst. Oder, um es mit Goethe zu sagen: "Man soll nicht aus allem gleich
eine Religion machen." Worum es mir geht: wir in unserer turnerischen Umwelt
sollten ein gutes Deutsch pflegen und Fremdwörter tunlichst vermeiden,
auch wenn es manchmal anstrengt, das passende deutsche Wort zu finden. Mit Fremdwörtern
aber moderner, d.h. zeitgemäßer und also "attraktiver"
(d.h. zugkräftiger) sein zu wollen, darauf sollten wir verzichten, auch
darauf, um jeden Preis ein Fremdwort ersetzen zu wollen. Als man uns vor einigen
Jahrzehnten den "Motor" durch "Zerknallgastreibling" ersetzen
wollte, war es ein Treppenwitz und war abwegig. Sprachpuristen, auch Sprachreiniger,
wollen wir auch in unserer Turnbewegung nicht sein. Nicht einmal unsere Monatsnamen
wollen wir in unserer eigenen Sprache bezeichnen. Den "August" nennen
wir als Monatsnamen nach dem römischen Kaiser Augustus, den Juli nach dessen
Vorgänger Julius Caesar ...
Aber im ganzen gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß die Zeiterscheinung
von Wörtern nach Art der Show, Gala, Event wie jede Mode auch wieder verschwindet.
Solche Wörter werden abgegriffen, sie verlieren ihre Beachtung. Um es mit
einem der häßlichsten und angeblich unübersetzbaren Fremdwörtern
zu sagen, sie "interessieren" nicht mehr.

"... einen Brodfleck ..., wo man ihn einschließen
könnte."
Empfehlungen für F. L. Jahn vom Dez. 1807 und Okt. 1809
A) Wie viel, wie wenig wissen wir über F. L. Jahn aus den Jahren
vor seinem
Aufstieg in Berlin? Wie urteilten ältere Zeitgenossen über den stellungslosen
Intellektuellen, wenn sie ihm denn weiterhelfen wollten? Wie konnte man dem
hoffnungsvollen Patrioten "die mühsamen Pfade ... zum sicheren Wirkungsplatze"
(1) ebnen?
Zwei Briefe vom Dezember 1807 und Oktober 1809 können schlaglichtartig zumindest Teilantworten zu den Eingangsfragen liefern. Es handelt sich um erhaltene Begleitschreiben zu verlorenen Empfehlungsbriefen für F. L. Jahn. Die Empfehlungen sollten an höherer Stelle in Berlin bzw. Königsberg die Karrierepläne Jahns gezielt befördern. Der Rückgriff auf solche Empfehlungen und sonstige förderliche Konnexionen war damals keineswegs untypisch, sondern ein anerkanntes Mittel, um z. B. dem Schattendasein auf wechselnden Hauslehrerstellen zu entkommen. Die beiden erwähnten Briefe werden hier vollständig wiedergegeben (2); zum besseren Verständnis muß auch der biografische Rahmen knapp erläutert werden.
B) Im August oder September 1807 hatte F. L. Jahn auf dem Landgut Dommereez
im
westlichen Mecklenburg (3) eine "gastliche Freistätte" gefunden,
um sein "Deutsches Volksthum" weiter auszuarbeiten. Der Gutsherr und
damalige Gönner Jahns, der Freiherr G. W. v. Laffert (1765 - 1814), hatte
durch seine verwandtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen für
Jahn die nicht zu unterschätzende Verbindung zum preußischen Gesandten
in Hamburg vermittelt. (4) Auf diesem wichtigen Außenposten wirkte seit
Anfang 1807 der Freiherr A. O. v. Grote (1744 - 1827), der sich bereits seit
Ende 1806 im engeren Kreis norddeutscher Patrioten gegen die französische
Besatzung engagierte. Der Freiherr v. Grote war nach ersten Kontakten offensichtlich
rasch bereit, dem vielversprechenden Jahn mit Empfehlungen nach Berlin behilflich
zu sein; diesen Eindruck vermittelt jedenfalls der folgende Brief an Jahn vom
8. Dezember 1807:
Hamburg den 8n Dec
1807.
Wohlgebohrner Herr,
Insonders Hochzuehrender Herr!
Euer Wohlgebohrn habe ich die Ehre das versprochene Schreiben an den Banc-Direktor Hundt hieneben zu übersenden. Durch Ihre DenkungsArt - durch Ihren edlen Patriotismus, und durch Ihre Kenntnis haben Euer Wohlgebohrn sich meine ganze Hochachtung erworben, dies zu beweisen, und Ihnen wenn ich Gelegenheit dazu finden kann, nach wahrer Ueberzeugung durch meine Empfehlung zu nützen, wird mir eine angenehme Pflicht seyn. Unbekannter weise empfele ich mich Ihren geehrten Eltern bestens, und verbinde mit dem Wunsche Sie bald wieder zu sehn, die Versicherung der ausgezeichneten Ergebenheit womit ich beharre
Euer Wohlgebohrn
gehorsamer Diener
AOFv G r o t e
An
den Herren Candidaten Jahn
zu Lantz bei Lenzen." (5)
Der erwähnte Bankdirektor H u n d t war in Berlin u. a. Mitglied in der preußischen "Friedensvollziehungskommission"; diese Kommission hatte seit dem Tilsiter Frieden die hohen Zahlungsforderungen Frankreichs zu regeln. Ob die Empfehlung für Jahn auf eine Stelle als Hauslehrer zielte oder auf eine anderweitige Verwendung in Berlin, läßt sich wohl nicht weiter klären. Anfang März 1808 gab Jahn seinem Jenaer Freundeskreis immerhin einen hoffnungsvollen Zwischenbericht: "Auf dem Landgute des Ministers G(rote) bin ich über 8 Tage sein tagtäglicher Gesellschafter gewesen. Er hat mir Empfehlungsbriefe nach Berlin hierhergeschickt, die hat mein Vater nach Berlin befördert. G(rote) hat darauf Antwort erhalten, die günstig lautet, wie H(err) v. L(affert) zu mir sagt, der sie in H(ambur)g gesehen hat. Aber unser ungewisser Zustand verhindert alles." (6)
C) Der ungewisse Zusatnd dauerte auch im Herbst 1809 noch an. Während
Jahn mit der
Herausgabe seines Buches über "Deutsches Volksthum" beschäftigt
war (7), sammelte sein Vater erneut Empfehlungsbriefe für den immer noch
stellungslosen Sohn. Diesmal sollten wohl Personen aus dem näheren Bekanntenkreis
des Vaters die Empfehlungen komponieren: u. a. ein Oberstleutnant von Gaudi
und ein Herr von Beust aus Lenzen. Zu beiden liegen keine weiterführenden
Notizen vor: lediglich vom Herrn v. Beust gibt es noch ein kurzes Schreiben
an F. L. Jahn vom Jahresende 1809 (8). Auch hier ist nur eines der Begleitschreiben
überliefert, der Brief des Herrn v. Beust an Alexander
F. Jahn vom 12. Oktober 1809. Der Brief lautet:
"HochwohlEhrwürdiger Hochwohlgelahrter Herr,
Hochzuehrender Herr Prediger,
Sehr wohlgeschätzter Freund!
So gering meine Hoffnung ist, daß der ObristLieutn(ant) v. G a u d i
sich mit so etwas befassen darf, was Empelungen ähnlich siehet; so will
ich doch gern auch nur auf die bloße Möglichkeit hin, das meinige
beitragen. So sehr auch alle gute Menschen die mit unter in ihrer Art höchst
seltnen guten Eigenschaften Ihres Herrn Sohnes rühmen; so heißt es
doch: virtus laudatur et alget ... ! Und ich schätze Sie, daß Sie
als ein redlicher Vater Sich an Seiner Stelle kümmern, was aus ihm im Alter
werden soll. Bey einem Erziehungsinstitut wäre für gymanstische Uebungen
ganz sein Platz. In das eigentliche Militär, ich meine das Friedensmilitär
hätte er früher eintreten müssen. Tausende haben sein G e n i
e nicht, seinen Körperbau, seinen Muth, seine schnelle Fassungskraft (ich
vermuthe auch in Gefahren). Aber um einen Brodfleck zu finden, wo man ihn einschieben
könnte, hilft das alles noch nichts, weil die andern, vor welche er eingeschoben
würde, die Formen für sich haben.
Nach meiner Meinung schreiben sie bloß als Protector des Litterairen,
an Gaudi. Es schmeichelt dem Menschen immer mehr für etwas gehalten zu
werden in einem Fache was nicht sein Brodfach ist, und woran er selbst zweifelt
ob er darinne stark seyn möge; das mögte für ungefehr der Fall
seyn. Schließlich können Sie ihn wohl bitten daß da Sie wünschen
müßten Ihren H(errn) Sohn fixiert zu sehen, bey Gelegenheit der Vacanz
einer Lehrstelle in einem Cadettenhause, an ihn gedacht werden möge. Wird
es Krieg so wird er sich schon selbst geltend machen, dafür ist mir gar
nicht bange, und ich wollte alsdenn lieber ihm empfolen seyn, als ihn empfelen.
Nehmen Sie sich ja in Acht nichts von Aussichten auf Krieg, auch in der Entfernung
nicht, nach Königsberg zu schreiben; man ist dort entsetzlich angst, daß
die Franzosen gleich das wieder erfahren könnten, und dann beschuldigen,
als stände Krieg in Rede. Dieser Angst wegen, darf auch keine MilitärPerson
um Wiederanstellung hinschreiben; man thut vielmehr immer, als wenn man noch
reduciren wolle.
Schaden kann es indessen nicht, daß Sie schreiben, wobey nichts als Zeit
und Postgeld verloren ist. Daß ich in der Einlage mein Bestes gethan habe,
werden Sie glauben
| Ihrem redlichen Freund und Diener v. B e u s t |
|
| Lenzen d. 12. Oct. 1809." (9) |
Ob die von F. L. Jahns Vater gesammelten Empfehlungen überhaupt noch abgeschickt
und wirksam wurden, ist ungewiß. Der Sohn arbeitete inzwischen selbst
an seinem Karriereziel Berlin; er bewarb sich um eine Stelle an der dortigen
neuen Universität.(10)
Jahns neuerlichen Drang nach Berlin kommentierte Graf Grote (11) mit einem weiteren
Empfehlungsangebot; von seinem Landgut Breese (bei Dannenberg) schrieb er unterm
22. November 1809 an Jahn:
"... Ob die Reise nach Berlin schon anitzt n o t h w e n d i g ist, kann ich nicht beurtheilen, schaden kann es nicht wenn Sie bald hingehn, und der versprochene Brief steht Euer Wohlgebohrn so bald wie Sie abreisen wollen zu Dienste." (12)
Vier Wochen später reiste Graf Grote selber mit Gefolge zum Einzug des
preußischen Königs nach Berlin. Bei der Durchreise in Dammereez gab
der Jahnfreund Weinrich dem Kammerdiener des Grafen noch zwei Briefe mit; sie
waren adressiert an
"Herrn Jahn in Berlin".
Anmerkungen:
| (1) | Vgl. den Brief von Jahn an Feuerstein, 21. Sept. 1807. MEYER II, S. 40 |
| (2) | Überlieferung: G StA PK Berlin, I. HA, Rep. 77, Tit. 29, Nr. 1, Jahn`sche Papiere |
| (?). Eine Ausgabe dieses Briefbestandes wird zur Zeit vorbereitet. | |
| (3) | Der ehemalige Gutsbezirk Dammereez gehört heute zur Gemeinde Bralstorf |
| (PLZ 19273), etwa 20 km östlich von Boitzenburg. | |
| (4) | Vgl. hierzu ausführlicher E. Kunze: Konnexion und Karriere. ... Im Druck. |
| (5) | G StA PK Berlin, aaO, Bl. 226 |
| (6) | Brief von Jahn an Feuerstein, 1. März 1808. MEYER II, S. 50. |
| (7) | Vgl. den Brief von Jahn an Nürrenberger, Ende Okt. 1809. MEYER II, 52 f. Vgl. zu |
| diesem Brief auch KUNZE 1999. | |
| (8) | Doppelbrief von K. F. F. Tiebel/von Beust an F. L. Jahn, nach Nov. 1809. G StA PK |
| Berlin, aaO, Bl. 223/224. | |
| (9) | G StA PK Berlin, aaO, Bl. 211. |
| (10) | Vgl. zu diesem Vorgang NEUENDORFF, Geschichte ..., Bd. II, S. 37 f. |
| (11) | Der Freiherr von Grote hatte im September 1809 den preußischen Grafentitel erhalten. |
| (12) | G StA PK Berlin, aaO, Bl. 225. |
Benutzte Quellen und Literatur:
| 1. | G StA PK Berlin, I. HA, Rep. 77, Tit. 29, Nr. 1, Jahn`sche Papiere (?). |
| 2. | E. KUNZE: Ein "Wink" von Jahn für Jena. Notizen zu einer Briefbeilage vom Oktober |
| 1809, In: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports 13 (1999), S. 24 - 27. | |
| 3. | E. KUNZE: Konnexion und Karriere. F. L. Jahns Beziehungen zur Familie von Laffert |
| 1806/07 bis 1809. Im Druck. | |
| 4. | W. MEYER (Hrsg.): Die Briefe F. L. Jahns. Quellenbücher der Leibesübungen Bd. 5. |
| Dresden o. J. (Zit. als MEYER II). | |
| 5. | NEUENDORFF: Geschichte der neueren deutschen Leibesübung vom Beginn des |
| 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Bd. II. Dresden o. J. |

Jugend und Patriotismus in der Frühzeit des vaterländischen Turnens
Eine Festrede soll nicht gehalten werden - hier und heute: es gibt kein Jubiläum
zu feiern. Etwas festlich ist mir aber doch zumute, da wir ein Werk zu seinem
(wir hoffen: guten) Ende gebracht haben, das uns vier, fast fünf Jahre,
und auf`s Ende hin immer intensiver beansprucht hat.
In dieser Arbeit haben wir immer wieder Anstöße empfangen, Friedrich
Ludwig Jahn und das Deutsche Turnen neu zu bedenken und durch geeignete Gestaltung
im Museum dem Besucher Anregung zu geben, sich das Urteil über den Mann
und sein Werk in jener Zeit zu bilden, zu vertiefen, evtl. auch zu korrigieren.
In dem Bemühen, nicht nur die E r s c h e i n u n g darzustellen - das
Turnen, seine Begründer, die turnende Jugend - sondern auch sichtbar zu
machen, welche Impulse sie gedrängt hatten, ein solches Werk in Gang zu
setzen und weiterzuführen, stießen wir auf ein Problem, mit dem sich
unter uns Heutigen wahrscheinlich nur noch die Literaturhistoriker beschäftigen:
es geht um die Rolle der Dichtung (dabei besonders der Romantik) und des Gesangs
und ihre Wirkung auf die Jugend in jener historisch so bedeutsamen Phase deutscher
Geschichte. Die Deutschen (und nicht allein die Preußen) mußten
in der Zeit nach der militärischen Niederlage von Jena und Auerstädt
1806 und der dann folgenden endgültigen, als Usurpation empfundenen Besetzung
Deutschlands durch Napoleon mit der Tatsache leben lernen, daß die deutschen
Fürsten keinesfalls in der Lage und willens sein würden, diesen Zustand
alsbald zu ändern.
Konnte, und wie sollte Widerstand geleistet werden? Gegen Napoleon allein -
oder auch gegen die ihm willfährigen Fürsten? Die Diskussion hierüber
und das Entstehen von Strukturen des Widerstandes vollzogen sich in durchaus
widersprüchlichen Erscheinungsbildern, denn Napoleon war nicht alleinig
der jetzige Usurpator, sondern eben noch der Repräsentant bürgerlichen
Fortschritts im Gegensatz zur absolutistischen Fürstenwillkür, von
der die deutsche Wirklichkeit geprägt war.
Eine Teilaufgabe bei der Neugestaltung des Museums nun war die Einrichtung zweier
sogen. Hörstationen, mit denen der interessierte Besucher Lieder aus der
Entstehungszeit des Turnens (also aus den Jahren 1811 - 1819/20) h ö r
e n kann. Ausgewählt hatten wir Lieder der frühesten Turnerzeit. Das
waren zuallererst die patriotischen Gesänge aus der Zeit der Befreiungskriege
- und dann die ersten
e c h t e n Turnerlieder, die um 1814/15 entstanden und in den 20er, 30er und
40er Jahren ständig ergänzt worden waren. Und damit begann unser Problem:
Wie würde der heutige Besucher, ob jung, ob alt, diese Texte aufnehmen?
Sind sie unseren empfindsamen Ohren, fast zwei Jahrhunderte später, noch
zuzumuten, würde der heutige Hörer sie noch verstehen können
- und wollen?
Es sind Lieder von Hans Ferdinand Maßmann, einem der engsten Mitstreiter
Jahns, von Karl Follen, im Kreise der Gießener Schwarzen der glänzendste
Kopf, von Ernst Moritz Arndt, an Deutschlands Hohen Schulen jedem als Gegner
Napoleons und Verfechter nationaler Einheit bekannt, von Theodor Körner,
dem stürmischen Dichter der Schwarzen Schar - doch auch Texte des romantischen
Dichters Wilhelm Hauff, von Hoffmann von Fallersleben - und schließlich
von poesiebegabten Turnern, die auf dem Turnplatz, in der Turngemeinde jene
Anregungen empfingen, die sie folgerichtig im Winter 1813 zu den Lützowern,
in andere Freiwilligenverbände oder zur regulären Truppe und so in
die Kämpfe der Befreiungskriege führten.
Wie aber hören sich nun Texte jener Zeit an?
Von Ernst Moritz Arndt ist es "Der Gott, der Eisen wachsen ließ":
| "Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte, Drum gab er Säbel, Schwert und Spieß, dem Mann in seine Rechte, Drum gab er ihm den kühnen Mut, den Zorn der freien Rede, Daß er bestünde bis aufs Blut, bis in den Tod die Fehde!" |
und das Lied endet
| "Laßt wehen was nur wehen kann! Standarten wehn und Fahnen! Wir wollen heut uns Mann für Mann zum Heldentode mahnen. Auf, fliege, stolzes Siegspanier, voran den kühnen Reihen! Wir siegen oder sterben hier den süßen Tod der Freien." |
Gustav Adolph v. Salchow, Jäger im Lützowschen Freikorps, schrieb das "Morgenlied der schwarzen Freischaar", in dem es heißt:
| "Wir feilschen nicht um`s Leben, Wer`s nimmt, dem ist`s gegeben; Wir scharren keinen ein, Das Grab ist allgemein. |
|
| Für Vaterland und Ehre Erheben wir die Wehre, Für Hermanns Erb` und Gut Verspritzen wir das Blut. |
|
| Der Teufel soll versinken, Die Mannlichkeit soll blinken, Das teutsche Reich besteh`n, Bis Erd und All vergeh`n!" |
Auch ein anderer (anonym gebliebener) Jäger fürchtet nicht den Tod:
| "Und färbet gleich auch unser Blut, Das Feld des Krieges roth: So wandelt Furcht uns doch nicht an, Denn nimmer scheu`t ein braver Mann Für`s Vaterland den Tod." |
W o f ü r dieses Opfer zu bringen sei, wird in der Sammlung "Freye Stimmen frischer Jugend" (von den Gießener Schwarzen herausgebracht) gesagt: das Lied "Turnweihe" (anonym) spricht bewußt den Ehrenkodex damaliger Studenten an, der im Motto der frühen Burschenschaft ausgedrückt ist: E h r e, F r e i h e i t, V a t e r l a n d:
| "Das Höchste, was wir kennen, ist teutsches Vaterland. Das Schönste, was wir nennen, ist Tod für`s Vaterland: Ein Vaterland im Glanze von Freyheits- morgenroth; Der Freyheit Himmelspflanze ensproßt dem Opfertod." |
Christian Sartorius, ebenfalls Burschenschafter und Turner bei den Gießener Schwarzen, singt und beschwört das Gleichheitsprinzip:
| "Wir wissen nichts von arm und reich, von Titel, Rang und Stand, Turnbrüder sind in allem gleich, ihr Gut heißt: Vaterland. Der Turner liebt, was recht und wahr, treuhold und biderb ist: Den festen Fechter in Gefahr, den freyen, frommen Christ. Ihm glänzt das Auge feuerhell beym Klange: Vaterland! Dem jeder junge Turngesell treuewig sich verband; ..." |
Ja, das sind die Texte, die ein gelindes Erschrecken auslösen könnten.
Ja, man muß Verständnis aufbringen für manche der Jüngeren
von heute, die eben die Auffasungen, die Maßstäbe i h r e r Welt
anlegen, denen solches Liedgut, seine Aussage bedenklich oder unverständlich
erscheinen könnte, auf jeden Fall aber ungewohnt, befremdlich.
In solchen Überlegungen wird deutlich, daß allein schon im Unterschied zwischen den Erfahrungen und Wertungen aus einer Welt, in der wir Älteren aufgewachsen sind, und der Gefühlswelt der heutigen Generationen zwar nicht gleich Welten, aber bedeutende Entwicklungen und Wandlungen im Urteil liegen, und darin eingeschlossen eben auch unterschiedliche Bewertungen von solchen Kategorien wie Mut, Tapferkeit, Heldentum, Einsatzbereitschaft (für wen, wofür auch gleich immer gefragt!) - und schließlich auch von Patriotismus, einem Begriff, der h e u t e die widersprüchlichsten Deutungen erfährt.
In welcher Welt waren die Schüler und Lehrlinge, die Studenten, die jungen
Bürger aufgewachsen, die die ersten Turnplätze bevölkerten? Nicht
nur in Preußen, aber besonders hier, wirkte noch immer der Mythos des
großen Friedrich fort, des "Philosophen auf Preußens Thron",
der gleichwohl Preußens Größe in endlosen dynastischen Eroberungskriegen
geschaffen hatte.
Krieg war den Zeitgenossen nicht allein daher eine gewohnte Erscheinung in ihrem
Leben. Die eben erlebten oder erlittenen napoleonischen Kriege waren zudem verbunden
mit dem bitteren Gefühl der Niederlage, des militärischen Versagens
einer Armee, die nur noch vom Nymbus vergangener Jahrzehnte gezehrt hatte.
Und was hatten die Lateinschüler gelernt, wenn sie die Texte der Alten büffelten:
| "Pro patria est dum ludere videmur" | |
| oder | "Dulce et decorum est pro patria mori" |
| also | "Dem Vaterlande gilt`s, wenn wir zu spielen scheinen" |
| oder | "Süß und ehrenvoll ist es, für`s Vaterland zu sterben". |
Bezog der Student die Hochschule, schloß er sich in der Regel "seiner"
Landsmannschaft an, dem Schutzbündnis der Burschen aus gleicher "Nation",
wie es damals hieß, ein Schutzbündnis, für das der "ehrliche
und wehrliche" Bursch aber auch bereit sein mußte mit der Waffe einzutreten.
Das hierdurch geförderte Duellunwesen war schier unausrottbar; ob von Saxonen
oder Borussen, für die Palaiomarchia, Bavaria, Pomerania, Rugia oder Silesia
ausgefochten, die pro-patria-Suiten, wie sich diese Massenschlägereien
nannten, dienten doch ausschließlich auch zur Ausprägung eines Ehr-
und Vaterlandsverständnisses, das den gesellschaftlichen Bedingungen, den
politischen Verhältnissen am Beginn des 19. Jahrhunderts entsprach.
Doch war es gerade dieser eingeengte Begriff der Nation, von Vaterland, den
Jahn schließlich ablehnte. Von Dichtern, Philosophen, den großen
Lehrern jener Zeit angeregt, richtete sich der Blick auf das ganze Deutschland.
So nannte sich denn ja auch der Geheimbund, der sich, 1810 in Berlin entstanden,
die Befreiung zuerst Preußens, aber letztlich doch ganz Deutschlands von
Napoleon zum Ziele gesetzt hatte, "Deutscher Bund".
Zu den Gründern gehörte Friedrich Ludwig Jahn. Justus v. Gruner, der
Leiter der Hohen Politischen Polizei in Preußen, war eines der promminentesten
Mitglieder und ein Hauptorganisator der konspirativen Tätigkeit gegen Napoleon.
Die Kontakte des Bundes reichten bis zu höchsten Politikern und Militärs.
Wenn man weiß, welche Förderung und finanzielle Unterstützung
Jahn durch Gneisenau und den Staatskanzler Hardenberg nach dem Kriege erfuhr,
kann man schließen, daß auch diese zu den Wissenden gehörten.
Solche Hintergründe muß man bedenken, wenn man versuchen will, sich
in die Gefühlswelt der jungen Generation von 1810 - 1813 - 1815 bis 1819
zu versetzen. Der Vaterlandsbegriff, eben noch verstanden im altgewohnten Denkschema
des Spätfeudalismus, dieser Vaterlandsbegriff erhielt nun eine begeisternde
neue Dimmension: er wurde auf das g a n z e Deutschland übertragen.
Und Gespräche hierüber bildeten einen wesentlichen Inhalt des Tie,
der Versammlung aller Turner an den Übungstagen. Dort konnte es besinnlich
oder aufgeregt, ja stürmisch zugehen. In zahlreichen Autobiographien bekennen
die Turner dieser ersten Generation, daß sie alsbald erkannten, worauf
alles hinauslief, was auf dem Turnplatz betrieben wurde, wozu die Turnfahrten
und das Fechten, die Geländespiele auch dienen sollten: der bewaffnete
Kampf für die Befreiung des Vaterlandes vom napoleonischen Joch, das war
die Aufgabe, auf die Jahn sie vorbereitete, "ohne daß er viele Worte
darüber verlor".
Und: sie sangen. Über die gemeinschaftsfördernde Wirkung des Gesanges
mögen Musikpädagogen theoretisieren und referieren.
Ich meine: diese Wirkung ist da, sie war um so stärker, je mehr die Sänger
gleiches Denken, Fühlen und Handeln verband. Wichtig ist mir dabei folgendes:
Es ist ein Wesenszug von Liedtexten, daß sie in verknappter, auch übersteigerter
Formulierung ausdrücken, was Prosa in dieser Kürze nur selten vermag.
Wer nimmt Anstoß an Schillers "Wohlauf, Kameraden, auf`s Pferd, auf`s Pferd"? Da heißt es:
| "Der dem Tod ins Angesicht schauen kann, Der Soldat allein ist der freie Mann", |
die letzte Strophe ruft
| "Die Brust im Gefechte gelüftet" und endet | |
| "Und setzet ihr nicht das Leben ein, Nie wird euch das Leben gewonnen sein." |
Hat Goethe es ironisch gemeint, wenn er Gretchens Bruder Valentin, den Faust meuchelt, sterbend ausrufen läßt
| "Ich gehe durch den Todesschlaf Zu Gott ein a l s S o l d a t u n d b r a v."? |
Das ist Dichtung jener Zeit! Sturm und Drang, Klassik, aber ganz besonders
die beginnende Romantik mit ihrer in der Tat manchmal exaltierten Ausdrucksweise.
Sie wurde von Lesern, Hörern und Sängern ernst genommen. Es ist die
Zeit, in der Jünglinge wie erwachsene Männer Gefühle zeigen,
weinen dürfen, in der pathetische Rede Begeisterung erzeugt.
Und jetzt bricht die Zeit an, in der die Jugend spürt und erkennt: vor
ihr steht eine Aufgabe von historischer Größe. Jahns "Volkstum"
von 1810 ist nur eine der Schriften, die den patriotischen Aufbruch und zuletzt
den Aufstand gegen Napoleon vorbereiten.
Schills mutige, wenn auch noch vergebliche Insurrektion hatte gerade die Gemüter
in ganz Deutschland aufgerüttelt. Und so widerspiegelten sich die Gefühle
der Patrioten im Gesang - ich zitiere hier das "Lied vom Schill",
eher eine gesungene Ballade, von Arndt:
| "Es zog aus Berlin ein mutiger Held, Der führte 600 Reiter ins Feld. 600 Reiter mit redlichem Mut, Sie dürsteten alle Franzosenblut. |
|
| Auch zogen mit Rossen und Reitern im Schritt Wohl 1000 der tapfersten Schützen mit. Ihr Schützen, Gott seg`n euch jeglichen Schuß Durch welchen ein Franzmann erblassen muß. (...) |
|
| Oh weh euch Franzosen, jetzt seid ihr todt, Ihr färbet die Säbel der Reiter roth. Die Reiter, sie fühlen das teutsche Blut, Franzosen zu töten, das deucht sie gut." |
Das ist die Zeit, das sind ihre Bedingungen, die das Liedgut prägten,
als Jahn sein Werk, den ersten öffentlichen Turnplatz in Deutschland, in
Gang setzte. Als aber der Sturm losbricht, ausgelöst durch des preußischen
Königs "Aufruf an mein Volk", doch auch durch die eifrige Agitation
Jahns und anderer Patrioten, da eilte im besonderen Maße die studentische
Jugend zu den Fahnen.
Die Universität Halle, von Napoleon zeitweilig geschlossen, seit 1808 zum
Königreich Westphalen gehörig, das von Napoleons Bruder Jerome regiert
wurde, hatte im Dezember 1812 ganze 342 Studenten immatrikuliert. Als aus Berlin
Jahns Emissär den Aufruf überbrachte, zogen 243 von ihnen nach Breslau.
Es war in der Tat edle patriotische Begeisterung, mit der sie in den Krieg zogen,
die sie jene Lieder singen ließ. Es war in der Tat ein Überschwang
der Gefühle, der die Texte prägte, gleich ob von Ernst Moritz Arndt,
von Theodor Körner oder den andern Dichtern.
Waren sie darum kriegslüsterne, blutgierige Totschläger - weil in
unseren Ohren das Liedgut jener Zeit in Teilen tatsächlich ungewohnt martialisch
klingt? War Jahn ein Militarist (wie bis heute immer noch - oder wieder - zu
hören), weil er dem Turnen neben anderen Zielen auch diese Aufgabe zuordnete
- sich auf den militärischen Einsatz für die Befreiung des Vaterlandes
vorzubereiten?
Wir werden weder Jahn noch den Turnern, den Studenten und ihren Liedern in ihrer
Zeit gerecht, wenn wir h e u t i g e Maßstäbe und Wertungen an sie
legen. Sehr wohl allerdings sind in späteren Zeiten, unter veränderten
politischen Verhältnissen in Deutschland und zwischen Deutschland und seinen
Nachbarn, Lieder dieser Frühzeit des Turnens, dieser patriotischen Aufbruchstimmung
mißverständlich gebraucht worden. Oder - kann man sagen: mißbraucht
worden? (Das aber ist hier nicht unser Thema)
Wie wenig Vorwürfe der eben genannten Art an die Sänger von 1813 ff. gerechtfertigt sind, mag man hingegen an dem Auseinanderklaffen zwischen hoher patriotischer Begeisterung und tatsächlicher militärischer Einsatzfähigkeit erkennen. Mönnich, selbst Turner und Teilnehmer an den Feldzügen 1813 - 1815, sagt in seiner Schrift "Das Turnen und der Kriegerdienst" über diese fehlende physische Vorbereitung auf die Strapazen des Krieges, daß nur die wenigsten " ... die Tore von Paris erreichten; und zwar waren sie nicht etwa allein in den Gefechten und Schlachten geblieben, sondern in die Lazarethe waren die meisten gekommen, deren Raub viele geworden sind, ehe sie noch einen feindlichen Krieger gesehen hatten."
Ein Biograph Jahns berichtet zu diesen Anfängen eines turnerischen Liedgutes, daß Jahn ein Lied besonders am Herzen lag, weil es deutlicher als andere ausdrückte, worauf die Freiwilligen der Befreiungskriege, die Turner und die Studenten hofften: daß mit dem Kampf gegen Napoleon und mit seiner Vertreibung aus Deutschland schließlich deutsche Einheit, bürgerlicher Fortschritt und Verfassung die Frucht der Mühen sein würde - es ist das Lied "Was ist des Deutschen Vaterland?" von Ernst Moritz Arndt.
Wohl nur der belesene Jahnkenner wird wissen, daß Jahn 1813 die "Sammlung
deutscher Wehrlieder" harausgab. Die vierseitige Einleitung ist, wenn man
sich in den charakteristischen Stil Jahns eingelesen hat, eines der schönsten
Bekenntnisse Jahns zu Deutschland und gleichzeitig erkennbar als Agitation im
Sinne des geheimen "Deutschen Bundes", den Jahn mitbegründet
hatte.
Dieses Vorwort und die Auswahl der Lieder sind ein einziger Aufruf an alle Deutschen,
gemeinsam das Land von Napoleon zu befreien. Und nicht zufällig führt
als erstes dieses Lied die Sammlung an, das Jahn immer als sein wichtigstes,
wertvollstes empfand: "Was ist des Deutschen Vaterland?"
In ihm fragt der Dichter:
| "Was ist des Deutschen Vaterland? Ist´s Preußenland? Ist´s Schwabenland? Ist´s wo am Rhein die Rebe blüht? Ist´s wo am Belt die Möve zieht? O nein - sein Vaterland muß größer sein!" |
|
| Und er gibt schließlich die Antwort: | |
| "Was ist des deutschen Vaterland? So nenne endlich mir das Land! So weit die deutsche Zunge klingt Und Gott im Himmel Lieder singt: Das soll es sein! Das, wack´rer Deutscher, nenne dein!" |
Wie verständlich - damals gesungen.
Wie verständlich - wollte man es aus seinem Zeitbezug lösen und etwa
unter anderen historischen Bedingungen singen - und meinen!
Was ist verwerflich an den Zielen, Hoffnungen und Handlungen dieser Jugend? Und so, wie ich Verständnis wecken will für die Patrioten jener historischen Situation, sollte der heutige Betrachter, Leser und Hörer auch versuchen, sich in solches Liedgut, in die Äußerungen jeglicher Art aus dieser Zeit hineinzudenken. Unsere Vorväter - und doch auch Vorkämpfer für deutsche Einheit - haben das verdient.
Lessing sagt: "Die Geschichte soll nicht das Gedächtnis beschweren,
sondern den Verstand erleuchten."
Ich meine, das paßt gut als Schlußsatz.

"... glaubte Dich meine Mutter ... in
der Unterwelt".
Zu einem Brief von G. A. Salchow an F. L. Jahn vom Dezember 1810
A) In einem Privatbrief aus den späten Lebensjahren notierte F.
L. Jahn einmal zu
seinen weitreichenden Bekanntenkreisen: "Im Verhältnis zu mir sondere
ich die Menschen in zwei Teile: in die, so was von mir hielten, als ich noch
nichts galt, und in die, so an mir hielten, als ich nichts mehr war."
1) Solch feine Unterscheidungen provozieren Rückfragen, vor
allem hinsichtlich der erstgenannten Gruppe:
| - | Wer zählte zu den Menschen, die etwas von Jahn hielten, als er noch nichts galt? |
| - | Welchen Anteil hatten daran Freunde und Vertraute aus den langen Studienjahren und aus |
| der Klientel des Unitistenordens? Wie reagierte man in diesem Kreis auf das "Gewirr von Plänen" in den gelegentlich erhaltenen Briefen des aufstiegsorientierten Ordensbruders? | |
| - | Gibt es überhaupt noch Quellen, die uns zu solchen Fragen auch Antworten liefern |
| können? |
Nun hat uns der archivalische Zufall knapp drei Dutzend Briefe an F. L. Jahn aus den Jahren 1806 bis 1811 erhalten 2). In dieser Sammlung stecken u. a. fünf Briefe des langjährigen Jahnfreundes G. A. Salchow (1779 - 1829). Die Briefe reichen vom November 1807 bis zum Dezember 1810; die jeweiligen Gegenbriefe Jahns sind leider nicht erhalten. Aus diesem Teilbestand wird hier der jüngste und zugleich längste Brief von Salchow etwa zur Hälfte wiedergegeben.
B) Nach einer längeren schweren Erkrankung im Spätherbst 1810
war Jahn bemüht,
die unterbrochenen Kontakte zu alten Freunden wieder herzustellen. Gleich drei
Briefe von Jahn, Lange und Preuß gingen am 25. November 1810 als gemeinsame
Sendung an den Jenaer Freund und ehemaligen Ordensbruder Feuerstein. 3)
Bereits eine Woche früher, unterm 17. November 1810, war ein Brief von
Jahn an G. A. Salchow in Altona abgegangen. Hierauf reagierte Salchow ausführlich
im Dezember 1810 4):
"Herrn Jahn
in Berlin
Schon längst, bester Freund! glaubte Dich meine Mutter, trauriger Ahnungen
voll, in der Unterwelt, und ich, wenigstens in einem andern Welttheil, ohne
mir doch das Ausbleiben aller desfallsigen Nachrichten befriedigend erklären
zu können, als uns Dein Brief vom 17. d. Nov. am 20. gedachten Monats/:
an dem ich dich wahrlich auch lieber selbst in meiner Behausung gesprochen hätte:/
auf´s angenehmste überraschte. Du bist unserer herzlichsten, innigsten
Theilnahme an Deinem langwierigen Krankenlager gewiß, und kannst Dir die
Empfindungen denken, die bei´m Lesen der kurzen Schilderung desselben
in mir rege wurden, darum mag ich das Papier nicht mit Klagen und Beileidsäußerungen
anfüllen. Doch will ich meines wärmsten brüderlichen Danks, für
Dein Andenken an mich in den Stunden des Todeskampfes, mich hierdurch entledigt
haben. Ahnungen habe ich in verflossener Zeit manche gehabt, doch, wie ich nun
sehe, nicht eine richtige. Als ich Deinen Namen unter der Zahl der Professoren
an der neu gestifteten Universität zu Berlin nicht fand, da vermuthete
ich Dich weit von uns; ob aber an den Ufern des Tafo oder des de la Plata, blieb
mir ein Räthsel. - Besser so, wie es jetzt ist; und Dank dem Schicksal,
daß es dem teutschen Vaterlande seiner würdigsten Söhne Einen,
mir den gerechtesten meiner Freunde erhalten hat! Die Nachweben der Krankheit
wird diejenige Hand stillen, die Dich bisher ... 5) ... Nothendigkeit
hat Dich einstweilen zu meinem Berufsverwandten gemacht. Erlaube mir ein paar
Worte darüber: Wie nützlich Du den jungen Menschen, die Deiner Aufsicht
und Unterweisung anvertraut sind, in jedem Betrachte seyn mußt, als Wecker,
Leiter und Lehrer, daran zweifelt keiner weniger, als ich; aber auf der andern
Seite ist auch keiner stärker; als ich, davon überzeugt, daß
dieses Geschäft, auf die Dauer; Deinem Seyn und Wesen, dem höhern
geistigen Leben Deines Selbstes, deiner Eigenthümlichkeit, als Mensch,
- nicht zusagt. Wohl weiß ich, wie die Eindrücke der Kindheit und
des Knabenalters bleibend für´s Folgeleben sind, und kenne Deine
richtigen Einsichten und Einblicke in die Herzen der Jugend; aber - Du wirst
stets eindrucksvoller auf Erwachsene wirken, die, selbstwählend und selbstwollend,
Deinen Unterricht ansprechen, nicht mehr von dem Einflusse der Aeltern, Basen
und Vettern bestimmt werden. Und darum ist es mir lieb, daß Du Dich zum
Doctor vorbereitest, und unter Gottes Segen künftigen Frühling diese
Laufbahn eröffnen wirst. An Zuhörern wird es Dir nicht fehlen, und
des Beifalls aller Unverstockten bist Du im Voraus gewiß. Daß Du
nicht blendest, nur erleuchtest, daß Du nicht zu viel auf Einmal gebest;
mit Einem Wort, das Goldsprüchlein: "est modus in rebus"; brauche
ich Dir nicht in Erinnerung zu bringen.
Zu der Zeitschrift, deren Herausgabe Du vorhast, wünsche ich Dir
günstigen Anfang und gedeihlichen Fortgang, wünsche, und hoffe ihn.
An Beiträgen von mir soll es nicht fehlen, wenn Du dichterische
aufnimmst /: denn prosaische werde ich schwerlich je wieder zu Tage fördern
:/ und mich mit Deinen jedesmaligen Wünschen bekannt zu machen die Güte
hast und die Zeit bestimmst, in der sie bei Dir eintreffen müssen, so wie
die Wege, auf denen sie sicher zu Dir gelangen.
Du frägst mich: wie Dein D.V. mir gefiel; und welche Gegenstände
desselben vorzüglich? - Das ganze Buch ist ein Werk, Deiner würdig;
ich habe es mit mehr Vergnügen, denn irgend ein anderes gelesen, und mit
Befriedigung auf kurze Zeit beiseite gelegt; -, wenn ich aber einen oder den
andern Gegenstand, als vorzüglich gefällig, ausgeben sollte, würde
mir die Wahl schwer fallen. Alle Gegenstände scheinen mir mit gleicher
Einsicht, Umsicht, Rücksicht und Vorhersicht behandelt, - daß indeß
Alles in´s Alte hinein Greiffende, das vergangene Große in´s
Leben der Gegenwart wünschende, und Jenes, das Heerd und Heiligthum = erhaltende
Kriegswesen Betreffende, mich am lebhaftesten und angenehmsten beschäftigt
und unterhalten hat, darf ich Dir wohl sagen; denn ich lebe nun einmal,
nur dem Leibe nach, in dieser Welt, wie sie jetzt ist. - Fichte´s
Lobspruch: "es sey zu kurz"; pflichte ich nicht bei. Sapenti
sat" denke ich; für ein Geschlecht von Kindern ist es ja nicht geschrieben.
- Was ist denn das für ein v. H.....dt, den es zu Deinem Widersacher gemacht
hat? Doch nicht der berühmte Alexander mit dem Essiggesichte? Nun ich mögte
doch wissen, was der daran auszusetzen hätte. - Zschokke in seinem
Miszellen für die allgemeine Weltkunde läßt Dir wenigstens
in Hinsicht auf die Abhandlung über Deutsche Sprache Gerechtigkeit
widerfahren (:sonst mag er zwar auch dort nicht viel mit Dir zu thun haben :)
aber den ehrlichen Zeune nimmt er auf demselben Blatte häßlich
mit. - Nun, Du wirst es ja selbst gelesen haben. - Ich werde mir Zeune´s
Thuiskon, und Arndt´s Buch nach Neujahr von Hammerich
geben lassen. Ich würde Deine Güte zu sehr beschweren, wenn ich die
Uebersendung derselben Dir zumuthen wollte.
Von den Erhebungen weiß ich wenig oder nichts. Prof. Hermann hat
keinen meiner beiden Briefe beantwortet; indeß hat er diesen verg. Sommer
den Hannibal und Simiger mit einigen Abänderungen, und von einer
verbindlichen Anmerkung begleitet, einrücken lassen. Mein Salomo
und die erste Sammlung meiner Gedichte liegen noch bei ihm. - Gerne besäße
ich alles, was von dieser Zeitschrift heraus ist; aber Briefe schreiben, in
der festen Voraussetzung, keine Antwort zu erhalten, kann ich vor mir selbst
nicht verantworten. Meine Geschäfte sind mehr als lastend. Die
Lehrweise, so ich mir zum Gesetz machte, auf 30 Schüler berechnet,
muß jetzt, des Zeitendrucks und der schlechten Bezahlung wegen, gegen
einige und 50 beobachtet werden. Denn die Aeltern meiner Schüler sind ja
nicht Schuld am Zeitendruck; und wenn sie mir ihr Vertrauen gönnen,
muß ich, so viel an mir liegt, den Grund rechtfertigen, aus dem
sie es mir gönnen. Und meine dichterischen Arbeiten kann ich ebenfalls
nicht abgehen lassen. Ohne je daran gedacht zu haben, kam mir vor 3½
Jahren der innere Aufruf dazu. Ihm mußte ich folgen, und werde
ich folgen, bis sein letzter Ton verhallt. Schreibe ich daher einen Brief
an Freunde, die mich nicht kennen, aber doch vielleicht kennen lernen
mögten, so erwarte ich Antwort, so schweig ich. - Ich will nichts
von der Welt; sie hat kein Vergnügen mir zu bieten, das ich nicht
genossen und bald ermüdend gefunden hätte - das der Freundschaft
abgerechnet, die indeß keine Frucht der Welt, sondern unsrer Herzen war
-. (... ... ...) 6)
Das war ein langer Brief! Der nächste soll, mit Gottes Hilfe, desto kürzer
werden. Meine Mutter läßt Dich herzlich grüßen, und vereinigt
ihre besten Wünsche für die völlige Wiederherstellung Deiner
Gesundheit (...) mit den meinigen Jahn und krank - wer kann diese
beiden Begriffe vereinigen? Schreibe mir recht bald wieder!
Der Deinige
G. A. Salchow."
C) Es würde wohl zu weit führen, alle Einzelheiten und Anspielungen
kommentierend aufzudröseln; drei Bemerkungen mögen genügen:
Die Besprechung des "Deutschen Volkstums" durch H. Zschokke war bislang
nicht bekannt; es fehlt ohnehin eine systematische Sammlung und Sichtung der
zeitgenössischen Besprechungen zum DV 7). Mit dem "Widersacher"
ist wohl nicht Alexander, sondern Wilhelm von H(umbol)dt gemeint. Er war seinerzeit
oberster Leiter der preußischen Wissenschafts- und Unterrichtsbehörde.
In seine Amtszeit fielen Jahns erfolglose Bewerbung um eine Stelle an der Universität
Berlin sowie die gescheiterte Lehramtsprüfung. Jahns "Nachschrift"
zum DV vom März 1810 könnte auch gegen W. v. Humboldt gerichtet sein.
In der Zeitschrift "Erhebungen" hatte Jahn 1809 in mehreren Folgen
einen Vorabdruck des DV-Kapitels über "Volkserziehung" untergebracht
8). Dieser Vorabdruck fehlt in EULERs Werkausgabe ebenso wie der
Hinweis auf die zweite Subskriptionsanzeige zum DV in der Jenaischen Literaturzeitung
vom August 1809.
Insegesamt überrascht an Salchows Brief die intime Kenntnis der Pläne
und Probleme Jahns aus dessen Startphase zu Berlin. Wie weit reichte die wechselseitige
Freundschaft zurück? Und welche Rolle spielte darin die gemeinsame Prägung
durch den studentischen Freundschaftsbund des Unitistenordens?
D) Bislang kannte man G. A. Salchow nur als Adressaten eines Briefentwurfs,
den
Jahn Anfang Mai 1806 in Jena niedergeschrieben hatte. Der Hauptteil des Entwurfs
enthielt die oft zitierte und stark stilisierte Bildungsgeschichte Jahns bis
zu dessen Eintritt in den Studentenorden der Unitisten am 6.3.1798 9).
"Den Rest weißt Du", hatte Jahn als letzten entzifferbaren Satz
notiert 10). Doch woher und seit wann kannte Salchow die weitere
Ordenskarriere Jahns?
G. A. Salchow stammte aus Meldorf in Holstein. Der Arztsohn hatte nach dem Abitur
erst ordnungsgemäß Theologie in Kiel studiert (1795 - 1797). Danach
gönnte er sich mehrere Jahre freieren Studiums vornehmlich in Jena 11).
Im März 1799 kam es dort zu einer zeitweiligen Auflösung der lokalen
Unitistenloge; in den einschlägigen Berichten der Universität tauchte
auch Salchows Name auf 12). Mithin spricht vieles dafür, dass
Jahn seinen Ordensbruder schon im Zuge seiner ersten Besuche in Jena - 1798/1799
kennen lernen konnte 15).
Unterm 8. Sept. 1802 verabschiedete sich Salchow von Jahn mit einem umfangreichen,
in Halle ausgestellten Stammbuchblatt, das mit mehreren Unitistenzeichen durchsetzt
war 14). Zwischen 1803 und 1805 übernahm dann Salchow im damals
dänischen Altona ein privates Erziehungsinstitut, das er bis zu seinem
Lebensende (1829) leitete.
Seit dem September 1807 lebte Jahn bekanntlich im westlichen Mecklenburg auf
dem Landgut Dammereez der Familie von Laffert 15). Von hier aus wurde
die alte Freundschaft zwischen den Ordensbrüdern durch persönliche
Besuche und Briefwechsel rasch wieder intensiviert. So wurde der erste der überlieferten
Briefe von Salchow (vom November 1807) kurz nach einem Jahnbesuch in Altona
geschrieben; er ist, wie die weiteren Briefe aus dem Jahr 1808, mit einem unauffälligen
Unitistenzeichen (./:) versehen. Der Gedankenaustausch umspielte vor allem die
beiderseitigen, wenn auch unterschiedlichen literarischen Interessen. Mit einem
gereimten Zehnzeiler von Salchow eröffnete z.B. Jahn sein DV-Kapitel über
"Gleichmäßige innere Staatsverwaltung":
| "Ordnung einig knüpft das Erdgewimmel, | |
| Dies ist Jupiters bedachter Plan (...) 16). |
Wie Salchow seinerseits Jahns Volkstum auffasste, lässt sich dem oben
abgedruckten Brief entnehmen.
Es überrascht hiernach wohl nicht, dass Salchow 1812 auch jenem Netzwerk
"Deutsche(r) Agenten in Deutschland" auftauchte, das J. Gruner mit
Hilfe Jahns und Teilen des `Deutschen Bundes`aufgebaut hatte. In diesem antifranzösischen
Agentennetz besetzte Salchow den wichtigen "CorrespondenzBeförderungsPunkt"
an der Elbe in Altona 17). Ein Jahr später war der begabte Verseschmied
mit einem der bekannteren Lieder in Jahns Sammlung "Deutsche Wehrlieder
..." vertreten, mit dem "Morgenlied der schwarzen Freischar!":
|
"Heraus, heraus die Klingen, |
|
| Laßt Roß und Klepper springen! | |
| Der Morgen zeucht heran, | |
| Das Tagwerk hebet an!" 18) |
Schließlich wurde Salchow 1816 auf Vorschlag Jahns zu einem der auswärtigen
Mitglieder der `Berlinischen Gesellschaft für Deutsche Sprache` ernannt.
Einige weitere Liedertexte von ihm übernahn Jahn 1817 in seine Sammlung
der "Dank- und Denklieder zur Feier der Leipziger Schlacht" 19).
Erst danach verlieren sich die Spuren einer über Jahre intensiv empfundenen
Freundschaft aus der Tradition des Unitistenordens, einer Freundschaft, "die
indeß keine Frucht der Welt, sondern unserer Herzen war". Es dürfte
sich lohnen, dieses Muster intimer Freundschafts- und Vertrauensbande im engeren
Umfeld Jahns zu untersuchen; ehemalige Ordensbrüder wie F. Newyahn, O.
Preuß, F. W. Lange oder C. F. W. Feuerstein bieten genügend Stoff
für weitere Recherchen zu den frühen Freundeskreisen F. L. Jahns.
Anmerkungen:
| 1) | Brief an Frau E. Meffert vom 17. Jan. 1847. MEYER II, S. 450 |
| 2) | G StA PK Berlin, Rep 77, Tit 29, Nr. 1, Jahn`sche Papiere. |
| 3) | Vgl. den Jahnbrief in MEYER II, S. 54 ff. Die Briefe von Lange und Preuß müssten neu |
| edidiert werden. | |
| 4) | Orts- und Datumsangabe fehlen durch Abriss. |
| 5) | Hier fehlen etwa zwei Zeilen durch Abriss. |
| 6) | Die folgenden Briefblätter (5 - 9) wurden ausgelassen. Salchow berichtet hier nur über |
| seine dichterischen Arbeiten. | |
| 7) | Vgl. als Einstieg die Jahnbibliografie in GOEDEKE (1959)), Bd. 14, S. 633 f. |
| 8) | Wie Anm. 7, Nr. 1034. |
| 9) | Vgl. MEYER II, S. 21 - 25. |
| 10) | Der Satz fehlt bei MEYER. |
| 11) | Die Immatrikulation erfolgte am 7.Mai 1798. - Freundliche Mitteilung des UA Jena. |
| 12) | Vgl. GOETZE (1932), S. 100f. |
| 13) | Vgl. hierzu die Edition der Stammbuchblätter für Jahn durch Gü. JAHN (1994), |
| Nr. 1 - 13. | |
| 14) | Gü. JAHN (1994), S. 111, Nr. 30. |
| 15) | Vgl. ausführlicher KUNZE: Konnexion und Karriere. Im Druck. |
| 16) | Zit. nach EULER (1884), Werke Bd. 1, S. 176. |
| 17) | Vgl. FOURNIER (1912), S. 168. |
| 18) | Zit. nach EULER (1884), Werke Bd. 1, S. 395 f. |
| 19) | Zum damaligen Liedgut der Turner vgl. FROST (1999). |
Benutzte Quellen und Literatur:
| 1) | G StA PK Berlin, Rep 77, Tit 29, Nr. 1, Jahn´sche Papiere. |
| 2) | C. EULER (Hrsg.): F. L. Jahns Werke, Bd. I. Hof 1884. |
| 3) | A. FOURNIER: Stein und Gruner in Österreich. In: Ders: Historische Studien und Skizzen. |
| Wien/Leipzig 1912, S. 99 -212. | |
| 4) | W. FROST: Jugend und Patriotismus in der Frühzeit des vaterländischen Turnens. |
| In: Jahn-Report 12 (Dez. 1999), S. 9 - 15. | |
| 5) | K. GOEDEKE (Hrsg): Grundriss zur Geschichte der deutschen Dichtung aus den Quellen. |
| 2. Aufl., Bd. 14. Berlin 1959. Art., `F. L. Jahn`. | |
| 6) | O. GOETZE: Die Jenaer akademischen Logen und Studentenorden des |
| XVIII. Jahrhunderts. Jena 1932. | |
| 7) | G. JAHN: Die Stammbuchblätter Friedrich Ludwig Jahns. In: Einst und Jetzt. Bd. 39 (1994), S. 87 - 141. |
| (1994), S. 87 - 141. | |
| 8) | E. KUNZE: Konnexion und Karriere. Im Druck. |
| 9) | W. MEYER (Hrsg): Die Briefe F. L. Jahns. Quellenbücher der Leibesübungen Bd. V. |
| Dresden o. J. (Zit. als MEYER II). |

Ein unbekannter Brief F. L. Jahns an die Herausgeber
der Turnzeitschrift
"Der Turner" aus dem Jahre 1846
Aus dem Jahn-Museum:
Es ist bekannt, dass Jahn schon in seiner Berliner Zeit den Plan verfolgte,
ein "Jahrbuch der Turnkunst" ins Leben zu rufen, das den Gedankenaustausch
unter den Turnern und Turnfreunden in allen deutschen Staaten fördern sollte.
Mit dem Verbot des öffentlichen Turnens und der Verhaftung Jahns scheiterte
dieses Vorhaben, das in Preußen erst nach der Aufhebung der "Turnsperre"
1842 wieder in Angriff genommen werden konnte. Die Turnvereine, die nun in einer
ersten Vereinsgründungswelle wie Pilze aus dem Boden schossen, dürften
es gern gesehen haben, dass es schon bald zur Gründung der ersten Turnzeitschriften
kam, deren Namen heute kaum noch bekannt sind: Allgemeine Turn-Zeitung (1842),
Jahrbücher der deutschen Turnkunst (1843 - 1844), Mainzer Turn-Zeitung
(1846), Nachrichtsblatt für Deutschlands Turnanstalten und Turngemeinden
(1846 - 1847), Turn-Zeitung (1846 - 1847), Rheinische Turnhalle (1847 - 1848),
Deutsche Turner-Zeitung (1848), Deutsche Turnhalle
(1849 - 1850), Turnblatt für Schwaben (1850 - 1853), Turnzeitung. Bahnfrei.
Zeitschrift für Turn- und Feuerlöschwesen (1854 - 1857). 1)
Das führende turnerische Publikationsorgan dieser Jahre war zweifellos
"Der Turner. Zeitschrift gegen geistige und leibliche Verkrüppelung",
die von 1846 bis 1852 in Dresden erschien. Dass diese Zeitschrift auch die stürmischen
Revolutionsjahre 1848/49 überdauerte, ist sicher ein Verdienst von Ernst
Steglich, der den "Turner" zunächst gemeinsam mit G. H. Kirsten
herausgab, bis er die alleinige Verantwortung für das Blatt übernahm,
das seine Leser über alle Bereiche der "Turnkunst" informierte.
Dazu zählten längere Abhandlungen über bestimmte Themen ebenso
wie Buchbesprechungen, unterhaltende Beiträge und Vereinsnachrichten. Unter
den zahlreichen Beiträgen findet sich auch Jahns Aufsatz über den
Turnergruß "Gut Heil", der 1846 gedruckt wurde, und sein Artikel
zur "Ehrenrettung des Fromm", der Anfang 1847 erschien. 2)
Da überrascht es schon, dass der Name Ernst Steglich in der 1913 im Auftrage
der Deutschen Turnerschaft von Wolfgang Meyer herausgegebenen Sammlung der
Jahn-Briefe nicht einmal erwähnt wird. Dennoch sind Briefe Jahns an Steglich
bzw. an die Redaktion des "Turner" überliefert, die seit 1952
im Jahn-Museum aufbewahrt werden. Zu diesem kleinen Bestand gehört auch
der folgende bisher unbekannte Brief, der undatiert ist und auch keinen näher
bezeichneten Adressaten hat. Aus seinem Inhalt lässt sich indessen zweifelsfrei
erschließen, dass er an die Herausgeber des "Turner" gerichtet
ist. Da diesem Brief die "Ehrenrettung des Fromm" (s. o.) beiliegt
und Jahn am Ende bemerkt: "Es ist hier Weinlese", dürfte er im
Oktober 1846 geschrieben worden sein.
Der Brief ist insofern aufschlußreich, weil er zeigt, dass sich Jahn einige
Jahre nach seiner Rehabilitierung durch Friedrich Wilhelm IV. im Jahre 1840
nicht damit begnügte, die weitere Entwicklung des Turnens nur passiv zu
verfolgen. Er mischte sich ein und vertrat seine Meinung, auch wenn dies nicht
so gräuschvoll und öffentlichkeitswirksam geschah wie vor 1819. Bis
heute wissen wir viel zu wenig über Jahns vielfältige Aktivitäten
nach seiner Rehabilitatierung, die ja wohl auch dazu beigetragen haben, dass
er am 10.Mai 1848 in Merseburg mit 89 von 148 Stimmen zum Abgeordneten für
die Frankfurter Nationalversammlung gewählt wurde. Den Herausgebern des
"Turner" und dem Turnrat des Dresdener Turnvereins gibt Jahn in seinem
Schreiben einige "Verhaltensregeln" an die Hand, die nach seiner Auffassung
geeignet sind, eine erneute Diskreditierung des Turnens zu verhindern. Um so
größer war seine Enttäuschung, dass sich viele Turner in der
Revolution von 1848/49 von ihm abwandten und eine Spaltung der Turnbewegung
herbeiführten. Der "Turner" hat die Revolutionsjahre überdauert,
weil sich Steglich nicht von den widerstreitenden Interessen und Meinungen beeinflussen
ließ und eine gemäßigte Richtung beibehielt.
In der nachfolgenden Wiedergabe des Brieftextes wurde die Schreibweise Jahns
beibehalten.
| "An (Ernst Steglich in Dresden, | Oktober 1846) |
| (Oktober 1846) |
Nachstehende flüchtige Worte, sind zunächst für die Herausgeber
des Turners, dann für den Turnrath, doch nicht für den Druck.
Das Turnen hat viel Feinde. Sie ahnt jeder, wenn er sie auch nicht kennt. Deren
Hauptwaffe ist, Absonderung, Vereinzelung, Entzweiung hervorzubringen, und diese
zu Fehde und Feindschaft zu steigern.
Was giebt es da für Verhaltensregeln?
| 1. | Hindert die Turnschmier(er)ei, der vielen unreifen Turnbücher. |
| 2. | Erhaltet, wenn Liebe und Achtung nicht möglich sind, doch ein gegenseitiges |
| genossenschaftliches Benehmen unter den Turnlehrern verschiedener Orte. | |
| 3. | Seid schonend in Euren Rügen, mild in Euren Ausstellungen, und sanft in |
| Zurechtweisungen. | |
| 4. | Deckt die Schwächen einzelner Turnvorsteher nicht schonungslos auf, zieht nicht ihr |
| bürgerliches, und gewerbliches Leben vor den gedruckten Richterstuhl. | |
| 5. | Ahmt nicht die andern Blätter nach. Haltet Eure Besprechung, Antwort und Widerlegung in |
| anständiger Weise, als verführet Ihr öffentlich auf einem Reichstag. Ruppen dürfen wir nicht, obschon es noth thäte. | |
| 6. | Besonders fahret nicht mit Greißelhieben über Liedersammlungen her. Die turngemäßesten |
| Lieder werden sich dem Volke schon einsingen, die turnwidrigen werden verstummen. Bedenkt, daß die meisten als Gelegenheitsgedichte geboren sind, wenn sie auch nachher allgemeiner geworden. Es ist fast oft nicht zu umgehen; daß bei einem neuen Turnplatz nicht ein neues Lied aufkäme, was eigentlich kein Lied ist. Das geht von selbst unter. Man braucht ihm keinen Schub zu geben. Man braucht den Verfasser nicht zu verletzen, der es wohlgemeint, aber nicht verstanden. | |
| Genug! Es ist hier Weinlese. | F. L. J." |
Anmerkungen:
| 1) | Eine knappe Charakterisierung einzelner Zeitschriften bietet Neuendorff, Edmund: |
| Geschichte der neueren deutschen Leibesübung vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Bd. 3, Dresden o. J., S. 433 ff. - Soweit ich sehe, sind die Anfänge der Turnpresse in Deutschland bisher noch nicht systematisch untersucht worden. | |
| 2) | Beide Texte sind abgedruckt bei Euler, Carl: Friedrich Ludwig Jahns Werke, |
| Bd. 2, Teilband 2, Hof 1887, S. 918 ff. |

Jahn und seine Turner im Lützowschen Freikorps
-
ein preußischer Vortrupp im Kampf um Deutschlands Einheit und Freiheit
Bei den etwa 1200 Textseiten, die ich für die Anfertigung dieses Vortrags
gelesen habe - habe lesen müssen - ist sehr oft - und nicht nur in turnhistorischer,
sondern sehr wohl auch in älterer und neuerer allgemein historischer Literatur
-
F. L. Jahn genannt, nicht aber die Turner: D.h., ich habe nur eine einzige konkrete
Zahl gelesen, die aber nicht die Anzahl der Berliner Turner im Lützowschen
Freikorps verrät, sondern zwei nennt, die nicht teilgenommen
haben: Das waren 1. Ernst Eiselen, schwächlich und kränkelnd, die
rechte Hand Jahns in der Hasenheide. Er hat während der Befreiungskriege
das Turnen auf der Hasenheide mit den jüngeren, noch nicht wehrfähigen
Turnern weiterbetrieben, und 2. Friedrich Wilhelm Lange, ein Ordensbruder von
Jahn. Er hat nicht aktiv teilgenommen, da er so mickrig war: Bis auf diese beiden
haben also alle wehrfähigen Turner vom 16. bis 60. Lebensjahr an den Befreiungskämpfen
gegen Frankreich unter Kaiser Napoleon I. teilgenommen! Sie waren verteilt auf
andere Freikorps oder standen in den regulären Truppen.
Wer oder was war denn nun das Lützower Freikorps?
Für den bevorstehenden Freiheitskampf hatte Jahn bereits Ende 1812 bei
der preußischen Regierung für die Aufstellung eines Freiwilligenverbandes
geworben.
Nachdem am 3. Februar 1813 in Preußen der "Aufruf zur Bildung freiwilliger
Jägerkorps" erschienen war, hat Adolf L. W. von Lützow (1782
- 1834) zusammen mit zwei Majoren, die bereits bei der verheerenden preußischen
Niederlage gegen die Franzosen bei Jena und Auerstädt 1806 gekämpft
hatten, den preußischen König um die Erlaubnis der Aufstellung eines
solchen Korps gebeten. Die positive Antwort des Königs enthielt folgende
Bedingungen:
| 1. | Es können nur Freiwillige, hauptsächlich Ausländer, d. h. Nicht-Preußen, also Sachsen, |
| Westfalen, Bremer, Hamburger u. a., eintreten, die sich selbst einkleiden, uniformieren mussten (schwarze Uniform). Auch die Waffen sollten möglichst selbst gestellt werden. Den Sold bekamen sie vom preußischen Staat. | |
| 2. | Wenn das Korps nicht die Stärke einer Kompanie erreicht, wird es auf andere Einheiten |
| verteilt (1 Kompanie bestand aus 15 Oberjägern, 3 Hornisten und 132 Jägern, also insgesamt aus 150 Mann). | |
| 3. | Das Korps sei eine leichte Truppe außerhalb der Linie im Einsatz. |
| 4. | Es dürfen nur bereits verabschiedete, untadelige Offiziere, besonders aus dem "Ausland", |
| eingestellt werden. |
Dieses Lützower Korps erhielt die Bezeichnung "Königlich Preußisches Freikorps", Fr. L. Jahn den Titel: Königl. Preuß. Leutnant. Über die zahlenmäßige Größe gibt es in der Literatur unterschiedliche Angaben. Nach Meyers Konversationslexikon von 1877 bestand das Korps Ende März 1813 bereits aus 900 Mann Fußvolk und 260 Reitern, d. h. aus 3 Bataillonen und 4 Eskadrons 1). Bamer (2000) nennt 4 Bataillone.
Als Friedrich Wilhelm III. Ende Januar 1813 nach Breslau ging, waren ihm aus Berlin Fr. L. Jahn und Karl Friedrich Friesen, ein enger Mitstreiter Jahns (geb. 1784 in Magdeburg, erschlagen von bewaffneten französischen Bauern bei La Lobbe in Frankreich im März 1815), gefolgt. Die beiden waren nach der Genehmigung des Freikorps, das man wegen der schwarzen Kleidung auch die Schwarze Schar nannte, die ersten Freiwilligen, die nicht nur aus Preußen, sondern aus vielen deutschen Teilstaaten nach Breslau kamen: Neben dem publizistischen Wirken von Ernst Moritz Arndt aus Greifswald (später Bonn) und Joseph Görres aus Koblenz war es besonders Jahn zu verdanken, dass so viele aus der gebildeten Jugend Deutschlands in das Lützower Freikorps eintraten. Gymnasiasten und Studenten, Lehrer und Professoren, Dichter, Ärzte, Geistliche, Beamte und ehemalige Offiziere, Handwerker und Bauernsöhne meldeten sich. Die Universitäten in Berlin, Königsberg, Jena, Halle und Göttingen stellten ihren Lehrbetrieb ein.
Selbst Frauen traten unerkannt den Lützowern bei: Maria Buchholtz aus Charlottenburg, Anna Lühring aus Bremen, Leonore Brochaska aus Potsdam und Johanna Stegen aus Lüneburg. Lina Petersen und Friederike Krüger aus Mecklenburg, die sich anderen Freiwilligenkorps angeschlossen hatten, waren sogar zu Offizieren ernannt worden. Frauen in der Bundeswehr sind also nichts Neues.
Auch Abenteurer und während des Krieges aus dem französischen Heer desertierte Deutsche fanden Aufnahme in der Schwarzen Schar. Laut Zeppelin (1913) sollen bis zur Kriegserklärung am 17. März 1813 8.500 Mann den Freiwilligenkorps beigetreten sein.
Eingekleidet und einquartiert waren die Lützower in dem schlesischen Städtchen Zobten und den umliegenden Dörfern.
Der spätere Feldmarschall Graf Gneisenau schrieb im März 1813 an Minister Eichhorn:
| "Es ist eine große herzerhebende Zeit. Ich habe Eckardt, Jahn, Friesen, | |
| Jahnke in ihrer Militärkleidung gesehen! Es ist mir schwer, mich der Tränen zu enthalten, wenn ich all den Edelmut, diesen hohen Sinn gewahr werde... Öfters führt mich mein Weg durch eine Straße, wo diese edlen Jünglinge sich versammeln. Welches Glück, so lange gelebt zu haben, bis diese weltgeschichtliche Zeit eintrat. Nun mag man gern sterben, wir hinterlassen unsern Nachkommen die Unabhängigkeit." |
Es heißt, dass durch den guten Geist und Gemeinsinn, die vornehmlich von Jahn, Friesen und Theodor Körner u. a. geprägt wurden, die Freiwilligen auch aus den Reihen der universitären Landsmannschaften, gegen die Jahn während seiner langen Studentenzeit immer wieder ankämpfte, weil sie dadurch die Teilung Deutschlands auch an den Universitäten symbolisierten, für die nach dem Befreiungskrieg zu gründende allgemeine deutsche Burschenschaft gewonnen wurden.
Auf die Uniform der Lützower, die, vom preußischen König bestimmt, schwarz sein musste, dazu rote Schulterklappen und Bänder, sowie goldgelbe Knöpfe, gehen unsere heutigen Nationalfarben schwarz-rot-gold zurück. Auch die Fahne des Lützower Freikorps, die es 1813 von Berliner jungen Frauen geschenkt bekam, hatte diese Farben. Sie bestand aus zwei Bahnen schwarzer und roter Seide und goldenen Fransen, ähnlich der späteren Burschenschaftsfahne. Da aber das Freikorps auf königliche Anordnung keine Fahne führen durfte, wurde sie Jahn und Dürre übergeben und von letzterem aufbewahrt. Die Behauptung des preußischen Geschichtsschreibers Heinrich von Treitschke von 1882, "zum Feldzeichen ihres Bundes und der deutschen Einheit" hätte das Lützower Freikorps auf Jahns Vorschlag ein schwarz-rot-goldenes Banner gertragen, stimmt also nicht, da es keine eigene Fahne tragen durfte.
Drei dieser Lützower Offizierssakkos befinden sich noch im Bremer Fockemuseum. Interessant ist, dass sie das rot unterlegte Bremer (oder Hamburger) Hanseatenkreuz tragen, was gegen die Vorschrift verstieß, da nichtpreußische Soldaten in preußischen Diensten keine heimatlichen Zeichen tragen durften. Eine weitere Lützower Uniform wird im Lübecker St. Annenmuseum aufbewahrt.
Bis zur Gründung der Jenaischen Burschenschaft 1815, der sog. Ur-Burschenschaft, wurden die Farben Schwarz-Rot-Gold verwendet, unter denen alle deutschen Studenten als Vorbild für die angestrebte liberal-nationale politische Einigung Deutschlands zusammengefasst werden sollten.
Nachdem König Fr. W. III. sich des Beistandes der Russen im Befreiungskampf gegen Napoleon gewiss war, erklärte er Frankreich am 17. März 1813 den Krieg. Gleichzeitig erließ er den "Aufruf an mein Volk" und befahl die Bildung des Landsturms.
Preußen hatte damals etwa 4,9 Millionen Einwohner, stellte aber ein Heer von mehr als 270 000 Mann auf. Die allgemeine Wehrpflicht wurde erst am 3. September 1815 eingeführt. Die Reservisten wurden aufgeboten, die Krümperschen 2) zu den Waffen gerufen und die Freiwilligen aus anderen deutschen Partikularstaaten wie auch aus dem Ausland ergaben die genannte Heeresstärke. Den Oberbefehl erhielt der preußische Heeresreformer Scharnhorst.
Nach der Vereidigung und Einsegnung des Lützower Freikorps in der protestantischen Kirche von Rohgau am 27. März 1813, bei der Jahn und Hauptmann von Helmenstreit beim Schwur ihre Säbel gekreuzt hielten, marschierte die Schwarze Schar über Dresden nach Leipzig, wobei immer kleinere und größere Gruppen von Freiwilligen aus ganz Deutschland zustießen.
Auf Scharnhorsts Befehl sollte dieser zusammengewürfelte Haufen Richtung Harz bis Göttingen vordringen, um dem französischen Heer die Versorgungslinien abzuschneiden und die Volkserhebung zu betreiben. Leutnant Jahn führte die unausgebildeten Leute der Infanterie. Jahn war von Scharnhorst und Blücher beauftragt, die Einwohner des Königreichs Westfalen zum Aufstand aufzurufen. Aufgrund des Vormarsches des französischen Heeres von Mainz her wurde die Schwarze Schar nach Norden abgedrängt und bewegte sich im Raum Halle-Magdeburg, um dann rechts der Elbe nach Norden zu marschieren. Die vom deutschen Volk mit Begeisterung gefeierte, von Dichtern vielbesungene und verklärt dargestellte "Schwarze, verwegene Schar" konnte im Frühjahrsfeldzug 1813 die in sie gesetzten hohen Erwartungen nicht erfüllen.
Am 11. Mai 1813 überschritten die Lützower von Perleberg über (Lanz und) Lenzen kommend bei Danneburg die Elbe. Aber nicht zum Einsatz gekommen, wandte sich Lützow am 28. Mai von der unteren Elbe nach Thüringen und bis nach Hof in den Rücken des Feindes.
Da das Freikorps keinen Anspruch auf die Heeresverpflegung hatte, musste es sich selbst verpflegen und dies vom spärlichen und oft genug verspätet eintreffenden Sold bezahlen. Die Offiziere, so auch Jahn, hatten es besser. Sie quartierten sich bei wohlhabenden Bauern ein und wurden von diesen verköstigt. Es heißt, dass sie bei einem Bauern in der Altmark gebratene Tauben zu essen bekamen. Später erst ist den Lützowern bekannt geworden, dass es in jenem Dorf einen ausgezeichneten Krähenfänger gegeben haben soll!
Aufgrund des Waffenstillstandes vom 4. Juni bis 20. Juli 1813 - verlängert
bis
10. August - zog sich die darüber entrüstete Freischar hinter die
als Demarkationslinie fetgelegte Elbe zurück. Dabei wurde sie bei Kitzen
am 17. Juni 1813 gegen jegliches Kriegsrecht überfallen und der Dichter
Theodor Körner verwundet.
Wegen der hohen Verluste musste das Freikorps neu formiert und ausgerüstet
werden, hatte aber auf Anordnung König Fr. W. III. vom 20. Juli 1813 seine
Eigenständigkeit verloren und wurde am 12. August dem Kommando des Generalmajors
von Tettenborn der Nordarmee unterstellt.
Th. Körner, der inzwischen genesen war, traf am 13. August bei Ratzeburg wieder zu den Lützowern, um am 26. August bei einem Angriff auf einen feindlichen Wagenzug bei Gadebusch mit 22 Jahren zu fallen.
Auch August Renz alias Eleonore Brochaska erhielt in jenen Tagen, am
16. September im Gefecht an der Göhrde eine Verwunderung, aufgrund derer
sie von ihren Kameraden als Frau erkannt wurde. Sie erlag 28jährig am 5.
Oktober der Verwundung.
Am Vorabend der Völkerschlacht bei Leipzig vom 15. - 18. Oktober 1813 sprach der Befehlshaber des Löwenberger Regiments, Graf Schweinitz, von dem Freikorps:
| "Die aufreibenden Märsche, Krankheiten und Desertationen hatten nach und | |
| nach alle zweifelhaften Elemente, alle physisch und moralisch Untauglichen aus ihren Reihen entfernt. Was übrig blieb waren würdige Glieder der Armee geworden..." |
Generalmajor von Pfuel schrieb über Jahn:
|
Im Feldzug 1813, wo das Lützowsche Freikorps der Avantgarde des |
|
| Wallmodenschen Armeekorps unter General von Tettenborn zugeteilt war, habe ich den beim Lützowschen Korps als Leutnant stehenden Prof. Fr. L. Jahn überall als einen tätigen und vor dem Feinde entschlossenen Offizier kennengelernt, und namentlich hat sich derselbe in den Gefechten bei Gudrow und vor Mölln am 4. September, wo er das 3. Bataillon Lützow kommandierte, sowie an der Göhrde, durch Tapferkeit und Umsicht unter meinen Augen auszeichnet; solches bezeuge ich mit Vergnügen. |
Jahn sah in der Bildung des Freikorps (wie auch in den Landwehren) aufgrund der Zusammensetzung aus allen Volksschichten den Ursprung einer Nationalarmee.
Trotzdem ist Jahn Anfang 1814 nach einer Erkrankung aus dem Lützower Korps ausgeschieden. Er hielt nichts von der Kriegsführung mit Feuerwaffen, hätte lieber den Nahkampf mit dem Schwert geführt. Er wurde zur Generalkommission der deutschen Bewaffnungs-Angelegenheiten nach Frankfurt a. Main versetzt. Ende August 1814 ist er auch da ausgeschieden und, wieder in Berlin zurück, heiratete er am 30. August Helene Kollhof.
Jahns Einfluss auf die Freiwilligen war sehr groß. Das Militärdepartement zwischen Elbe und Oder erkannte in einer öffentlichen Bekanntmachung an, dass der gute Geist, der die jungen Freiwilligen belebe, vor allem Jahn zu verdanken sei. Ihm wurde ein Jahresgeld von 500,-, später 1.000,- Talern zugestanden, und außerdem erhielt er die Anwartschaft auf das Eiserne Kreuz, "wegen seiner bleibenden, in der Stunde der Gefahr um das Vaterland erworbenen Verdienste", wie Staatsminister Hardenberg schrieb. Fünf Jahre später wurde er deswegen verhaftet und saß fast sechs Jahre in Untersuchungshaft.
Anmerkungen:
| 1) | Eine Eskadron bestand aus 15 Oberjägern, 3 Trompetern, 132 Jägern, also auch |
| 150 Mann, dazu 150 Pferde | |
| 2) | Der Offizier Krümper empfahl Scharnhorst, die sechsjährige Wehrausbildung in eine |
| Kurzzeitausbildung umzuwandeln, damit möglichst viele junge Männer in kürzester Zeit bei einem von Napoleon erlaubten oberen Limit von 34.000 Mann soldatisch ausgebildet werden konnten. Hiervon waren gewiss auch Turner betroffen. In der Literatur war dies aber nicht nachzuweisen. |
Literatur
| 1. | BAUER, Frank: Horrido Lützow! Geschichte und Tradition des Lützower Freikorps, |
| Potsdam 2000 | |
| 2. | DÜRRE, Chr. Eduard L.: Aufzeichnungen, Tagebücher und Briefe aus einem deutschen |
| Turner- und Lehrerleben, Leipzig 1881 | |
| 3. | HEGELER, Wilhelm: Die Entscheidung. Roman aus dem Schicksalsjahre 1812, |
| Berlin 1936 | |
| 4. | JAHN, Günter: Friedrich Ludwig Jahn. Volkserzieher und Vorkämpfer für Deutschlands |
| Einigung, Göttingen 1992 | |
| 5. | MEYER`s Konverstions-Lexikon, Bd. 10, 1877, S. 1000 f |
| 6. | PLOETZ, der große: Auszug aus der Geschichte, Freiburg und Würzburg 1988 |
| 7. | SCHILLING, Rene: Körner Superstar, in: Die Zeit, Nr. 47, 16.11.2000, S. 86 |
| 8. | ZEPPELIN, C. von: Die Befreiungskriege 1813 - 1815. Zur 100jährigen Gedächtnisfeier |
| dem deutschen Volke geschildert, Berlin 1913 |

Jahn und die patriotischen Lieder der Turner und Lützower 1)
Friedrich Ludwig Jahn (1778 - 1852) war der Begründer, der informelle
Leiter und weitgehend der ideologische Inspirator der frühen Turnbewegung.
2) Das öffentliche Turnen legte den Grundstein für den
gesellschaftlich-organisierten deutschen Frühnationalismus, der vor allem
aus dem preußischen Unterjochungserlebnis während der napoleonischen
Fremdherrschaft 1807 - 1813 entstanden war. 3) Vor allem die in Mittel-
und Norddeutschland erlebte Erfahrung der gemeinsamen Unterdrückung vermittelte
ein neues Bewußtsein nationaler Identität. Von diesem Bewußtsein
wurde auch der in Berlin tätige Pädagoge Jahn ergriffen. Anknüpfend
an die patriotischen Nationalerziehungspläne um 1800 sah er in einem geeinten,
starken Deutschland freier und selbstbewußter Bürger die Garantie
für die zu erlangende Unabhängigkeit und zukünftige freie Entwicklung
aller (männlichen) Deutschen. 4)
Zur Ausbildung und zum Ideal der Stärke und des Selbstbewußtseins
gehörte seiner Meinung nach auch die Körperertüchtigung. Eine
deutsche nationale Erziehung erfordere ein Gleichmaß von Leib und Seele.
Die Turnkunst soll die verloren gegangene Gleichmäßigkeit der menschlichen
Bildung wieder herstellen, der bloß einseitigen Vergeistigung die wahre
Leiblichkeit zuordnen, der Überfeinerung in der wiedergewonnenen Männlichkeit
das notwendige Gegengewicht geben, im jugendlichen Zusammenleben den ganzen
Menschen umfassen und ergreifen. Denn die "Verweichlichung" der deutschen
Männer galt den Zeitgenossen als eine der Ursachen, die Preußen 1806/07
zu Fall gebracht hätten. Deshalb spielten körperliche Stärke,
Tapferkeit und Mut eine zentrale Rolle in der frühen Nationalbewegung.
Als Ort freier Selbstentfaltung und Selbsttätigkeit der Jugend wurde auf
dem Jahn`schen Turnplatz die ganze Persönlichkeit und Männlichkeit
entwickelt sowie der Charakter gebildet.5) Das in Selbstverantwortung
und in Selbstorganisation der Jugend gepflegte öffentliche gemeinschaftliche
Turnen kann als Ausdruck eines Aufbruchs zu einer neuen, bürgerlich-demokratischen
Welt gedeutet werden. Diese Welt sollte weder feudale Abhängigkeiten und
adlige Privilegien, noch absolutistische Monarchen und von diesen bevormundete
Untertanen kennen. Im Gegensatz zum halbfeudalen "Ancien Regime" des
18. Jahrhunderts sind alle Bürger der Nation persönlich frei und rechtlich
gleich.
Jahn versuchte idealistisches und romantisches Gedankengut in Dichtung und Philosophie pädagogisch für seine nationalen Ziele umzusetzen. Dabei sprach er die Jugend und die jungen Erwachsenen nicht nur als Geisteswesen an, sondern auch in ihrer Emotionalität, in ihrer Leiblichkeit und ihrem unbewußten Seelenleben. Dazu bediente er sich auch des patriotischen Liedes, das für ihn ein wichtiges Ausdrucksmittel nationaler Vorstellungen und Emotionen war.6)
Es ist vor allem das Verdienst von Friedrich Ludwig Jahn, daß das Turnen
die erste organisierte bürgerliche Bewegung war, die u. a. mittels patriotischen
Gesangs nationale Überzeugungen und Hoffnungen artikulierte. Jahn, der
selbst nicht singen konnte, gab als Mitbegründer der Lützow`schen
Freischar Ostern 1813 unter dem Titel "Deutsche Wehrlieder für das
Königlich-Preußische Frei-Corps" zwölf von verschiedenen
Autoren nach 1806/07 verfaßte deutsch-patriotische Liedtexte mit den dazugehörigen
Melodien heraus. An die Spitze der Liedersammlung hatte er den Wortlaut seines
Lieblingsstückes, das vom norddeutschen Akademiker Ernst Moritz Arndt (1769
- 1860) gedichtete Lied "Was ist des Deutschen Vaterland?" gerückt.7)
Zusammen mit dem jugendlichen Turner Eduard Dürre verbreitete Jahn vor
allem dieses Lied auf einer Agitationsreise durch das damals feindliche Königreich
Westfalen, um das Volk zur Beteiligung am Kampf gegen Napoleon aufzustacheln.
Dürre mußte dieses und andere Lieder überall singen, und Jahn
verbreitete ihre Texte in Form unzähliger Flugblätter.8)
Schließlich gründete Jahn innerhalb des Lützow´schen Freikorps, für dessen Aufstellung er sich als Werber unermüdlich eingesetzt hatte, im März 1813 einen Sängerchor, der die Aufgabe haben sollte, unter den Freikorps-Mitgliedern patriotisches Liegut bekannt und populär zu machen. Hier entstanden die 21 Kriegslieder des Sachsen und Lützowers (Karl) Theodor Körner (1791 - 1813), der am 25. August 1813 im Gefecht bei Gadebusch in Mecklenburg gefallen war. Seine begeisternden heroischen Kriegslieder machten ihn durch ihr religiös übersteigertes nationales Pathos zum Sänger und Lyriker der Befreiungskriege. Erinnert sei an dieser Stelle an seine drei bekanntesten vertonten Gedichte: Lützows wilde Jagd: "Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein?", der Aufruf "Frisch auf mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen" und "Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!"
Die Entstehung vieler deutsch-patriotischer Turnlieder war ursächlich
mit dem nationale Stimmungen erzeugenden Ereignis der Unabhängigkeitskriege
gegen Napoleon verbunden. In dieser Zeit ist es Jahn mit durchschlagendem Erfolg
gelungen, das Interesse der jungen Turner für den patriotischen Gesang
zu wecken.
So war die frühe Turnbewegung bis 1819 die organisierte Gemeinschaft, die
sich am intensivsten des patriotischen Liedguts annahm und auch die aktivste
und wirkungsvollste Rolle bei seiner Popularisierung spielte. Dank des kommunikativen
Systems der Turnbewegung verbreiteten sich die Turnlieder von Berlin ausgehend
über ganz Nord- und Mitteldeutschland (weniger in Sachsen). Neben den Gedichten
Arndts und den Versen Körners waren es auch die Zeilen des Preußen
Max von Schenkendorf (1783 - 1817), die Jahn in der Turnbewegung heimisch machte.
Unvergessen blieben den Turnern das Arndt´sche Bundesllied "Sind
wir vereint zur guten Stunde" und Schenkendorfs bekanntes Lied vom Rhein:
"Es klingt ein hoher Klang".
Nach den Befreiungskriegen von 1813 -1815 entstand die in der Berliner Turngesellschaft und in anderen norddeutschen Turngemeinden verbreitete Liedersammlung: "Deutsche Lieder für Jung und Alt", gedruckt und herausgegeben Berlin 1818. Berliner Turner stellten diese Sammlung zusammen und legten sie Jahn zur Begutachtung vor, der sie guthieß.
Bereits seit 1816 engagierten sich für die Verbreitung des patriotischen Gesangs neben Jahn und der Berliner Turngemeinde erfolgreich die Turner der kurhessischen Universitätsstadt Gießen. Diese ließen es bei der bloßen Aneignung und Propagierung patriotischer Lieder nicht bewenden. Als erste aktive Turner traten sie selbst als Lied-Autoren auf. Unter ihnen verfaßten vor allen die Gebrüder Karl (1795-1839) und Adolf Ludwig Follen (1794-1855) patriotische Verse von großer bildlich-poetischer Aussagekraft und in einer eindringlich-mitreißenden Rhetorik.9) Ihre politisch nationalen Vorstellungen waren jedoch mit den Anschauungen Jahns nicht in jeder Hinsicht identisch. Im Gegensatz zu ihm verfochten sie die Idee eines deutschen "Freistaates", einer Republik, die sie angesichts der enttäuschenden politischen Verhältnisse nach 1815 notfalls auch in einer gewaltsamen Erhebung herbeiführen wollten. Am Reformwillen der angestammten Fürstenhäuser konnten sie nicht mehr glauben. Währenddessen rief Jahn zur Loyalität gegenüber den Fürsten auf, und auch lehnte er jede Revolution ab. Sein vertretender Gedanke an eine mit Verfassung und Ständeparlament gebundene und von der Hohenzollern-Dynastie geführte nationalstaatliche Monarchie hatte sich unter den Turnern bald ziemlich festgesetzt. Aber noch war das einheitliche Wollen der Turner und nationalgesinnten Studenten ungebrochen. Die von Adolf Ludwig Follen 1819 in Jena herausgegebene patriotische Liedersammlung "Freye Stimmen frischer Jugend" enthält außer 17 Turnliedern auch 8 Freiheitslieder, 6 alte romantische Reichslieder, 17 Kriegsgesänge und 17 sog. "Helden- Siegs- Klage- Spott- Fluch- und Trostlieder".10) Im Lied "Turnbekenntniß" prophezeite Karl Follen in einem sprachlich prägnanten und bildlich beeindruckenden Zweizeiler die Erringung der Freiheit und die Beseitigung von Unterdrückung als ein Werk der Turner. Mit dem Lied "Der Freyheit Ausfahrt im Turnmay" setzten die Gebrüder Follen Jahn als Begründer der Turnbewegung und als Kämpfer für die Rechte des Volkes, insbesondere seines Rechtes auf Freiheit, ein Denkmal.
Das Lied beginnt mit den Versen:
| "Als der Turnmeister, der alte Jahn, Für des Volkes urheilige Rechte Vortrat zu der Freyheit Rennlaufbahn: Da folgt´ ihm ein wehrlich Geschlechte. Hei! Wie schwungen sich die Jungen frisch, froh, fromm, frey! Hei! Wie sungen die Jungen: juchei! - Turnmay Turnerei, lustiger May! Grünende Kräfte, schwellende Säfte; Knospen zerspringen, die Blume wird frey! Frey juchei! Schwerter geschwungen! Gesprungen, gerungen! Juchei, ihr feurigen Jungen!"11) |
Bei der Analyse der von Jahn innerhalb der Turnbewegung propagierten patriotischen Lieder Arndts, Körners und Schenkendorfs und der Lieddichtungen der radikalen Gießener "Burschenturner" lassen sich zeittypische nationale Ideologieelemente herauslesen. Das Spektrum der Ideologieelemente des frühen Turnernationalismus läßt sich generell auf zwei Komponenten reduzieren: zum einen auf die weitgehend unpolitischen Vorstellungen einer durch Kultur, Natur, Geschichte und Sprache entstandenen bzw. geprägten Nation und zum anderen auf das politische, gesellschaftsreformerische und von der Zielsetzung der nationalstaatlichen Einigung Deutschlands beherrschte Nationalbewußtsein.
Nach DÜDING (1984, 98-105) lassen sich folgende Elemente in den Lieddichtungen der Jahre 1813-1819 finden:
| | Deutsche Naturbilder, vor allem die Naturmetaphern von den deutschen Eichen und vom |
| durch eine grüne Frühlingslandschaft fließenden Rhein- und Elbstrom, | |
| | National-kulturelle Leistungen der Deutschen in der Geschichte, wie "deutsche Art", |
| "deutscher Fleiß", "deutsche Treue", "deutsche Wahrhaftigkeit", | |
| | Gedanken an ein staatlich geeintes Deutschland, wobei durchgängig - dem Jahn´schen |
| Sprachgebrauch entsprechend - vom deutschen Volk und ganzen Vaterland gesprochen wurde, die Begriffe "Nation" und "Nationalstaat" waren damals noch fremd und ungebräuchlich, | |
| | Freiheit des Vaterlandes von den vielfältigen Pressionen napoleonischer, also ausländischer |
| Macht- und Gewaltpolitik, wobei anfangs weniger ein von der Herrschaftswillkür deutscher Fürsten befreites deutsches Volk gemeint war. Aber die Tendenz, den Freiheitsbegriff als befreit von Fürstenmacht und Fürstenwillkür weiterzufassen, läßt sich bereits in den Liedern von 1813 herauslesen, | |
| | Gleichheit aller männlichen Deutschen, wobei die Turnergemeinschaften das Vorbild und |
| Modell abgaben für die erstrebte bürgerliche Mittelstandsgesellschaft. Die Vorstellung von der Gleichberechtigung der Frauen innerhalb der Nation war damals noch blanke Utopie. | |
| | Und schließlich findet man in den Texten alle nationalen Aussageelemente dem Zeitgeist |
| entsprechend romantisch eingebettet in die religiöse Gedanken- und Gefühlswelt. Das nationale Anliegen und nationale Engagement wurde religiös-christlich legitimiert und überhöht. |
Die Analyse der Liedtexte vermittelt uns eine zweckgerichtete bewußtseinsbildende
Lyrik, die im kämpferisch leidenschaftlichen Ton emotionale Effekte erzielen
sollte. Es zeigt sich, daß die Poeten und Turner dazu neigten, "Volk",
"Vaterland", "Freyheit" und "Gleichheit" als vom
menschlichen Gefühl her zu fassende Phänomene zu deuten. Überhaupt
wirkten die gesungenen Lieder nicht allein bewußtseinsbildend, sondern
auch emotionalisierend auf Sänger und Zuhörer.
Die patriotischen Lieder vermittelten ihnen das Bewußtsein und das Gefühl,
dem "Vaterland" und seinen Menschen unmittelbar zu begegnen. Es ist
die Zeit der Romantik, in der Jünglinge und junge erwachsene Männer
Gefühle zeigen, weinen dürfen, in der pathetische Rede Begeisterung
erzeugt. Die vaterländischen Gesänge der Turner stellten ein effektives
Medium zur Kräftigung ihres Gemeinschaftsgeistes dar. Friedrich Ludwig
Jahn hat das Medium Gesang nicht nur mit dem turnerischen Alltag verbunden,
sondern er wies dem patriotischen Lied im differenzierten Festritual der Turnfeste
einen zentralen Platz zu. In einer Zeit, in der es weder eine moderne Massenkultur
noch eine - erst durch die industrielle Fabrikarbeit geschaffene starr von der
Arbeitszeit abgegrenzte - Freizeit gab, spielten Festzeit und Feste eine wichtige
regenerative Rolle im Leben der Menschen. Jahn war bekanntlich der Schöpfer
der mit einem Schauturnen verbundenen alljährlichen natuonalen Turnfeste.12)
Den 18. Oktober 1813, den Tag der Völkerschlacht bei Leipzig, bestimmte
er zum Hauptfeiertag der Turnbewegung. An diesem Gedenktag bekannten sich die
Turner zur deutschen Nation und ihren nationalstaatlichen Zukunftsträumen,
gaben aber ihren Anschauungen zugleich eine antifranzösische Wendung. Hierzu
sei am Rande bemerkt, daß sich Jahns undifferenzierter Franzosenhaß
innerhalb der Turnbewegung bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nicht durchsetzen
konnte.
In den turnerischen Nationalfeiern von 1817 13) in Berlin waren die patriotischen Lieder wie folgt in das Festgeschehen eingebunden:
| - | Der Turnplatz ist festlich geschmückt, vom Klettergerüst weht die Landesfahne. |
| - | Die Turner finden sich zu einem festgelegten Zeitpunkt am Versammlungsort ein. |
| - | Jahn spricht über aktuelle Probleme der Turnkunst. |
| - | Ein Weihelied bzw. "Dank- und Denklied" zur geschichtlichen Erinnerung an denkwürdige |
| Begebenheiten wird gemeinsam gesungen. | |
| - | Die turnerischen Vorführungen, Spiele und Wettkämpfe beginnen. |
| - | Die Turner kleiden sich vollständig an, schmücken ihre Mützen mit Eichenlaub und ziehen, |
| geleitet von Fackelträgern, mit Gesang zur Feuerstätte. | |
| - | Hier folgen: Kirchenlied, Ehrenhoch auf den König, Gesang, Reden und Ehrenhochs auf |
| die Sieger bei Leipzig, das Vaterland und die Turnkunst. | |
| - | Die Erzählung der "Denkzeit" und ein ernstes Lied beschließen das Turnfest. |
Vaterländische und Turnlieder, abwechselnd gesungen oder gesprochen, und das religiöse Lied fanden damals Eingang in das turnerische Festritual. Mit den Liedern erzeugte Jahn eine weihevolle, quasi-religiöse Atmosphäre und vermittelte so das Gemeinschaftserlebnis emotional. Die zeitliche Plazierung und Funktionalisierung des Gesangs war eine Innvation Jahns, die lange Zeit das turnerische Festritual zumindest formal bestimmen sollte.
Friedrich Ludwig Jahn hatte ohne Zweifel frühzeitig den großen meinungsbildenden und propagandistischen Wert patriotischer Lieder erkannt und sie öffentlich zur Erzeugung national-deutscher Stimmungen und Bewußtseinsinhalte propagandistisch und aktionistisch eingesetzt. Ihm gebührt trotz aller Frankophobie das Verdienst, der geistige und propagandistische Schöpfer der schlichten wie lyrisch anspruchsvollen volkstümlichen Turnlieder zu sein. Erst nach Jahns Tode (1852) im Verlaufe der Wilhelminischen Kaiserzeit (1871 - 1918) wurden die traditionellen Gesänge der Turner vom politischen Nationalismus, dem auch immer mehr die Turnbewegung huldigte, instrumentalisiert und mißbraucht.14)
Anmerkungen:
| 1) | Textform des Vortrages, den der Autor am 13. Juli 2001 auf Friedrich-Ludwig-Jahn- |
| Kolloquium zum Sportfest in Lanz gehalten hat. | |
| 2) | Vgl. die jüngste Veröffentlichung EISENBERG, C.: Friedrich Ludwig Jahn - "Erfinder" |
| des Turnens, in: Sportwissenschaft 30 (2000), S. 125-139. | |
| 3) | Vgl. zu Jahn und die frühe Nationalbewegung DÜDING, D.: Friedrich Ludwig Jahn - |
| Begründer der deutschen Nationalbewegung?, in: Stadion 4 (1978), S. 83-120 und LANGEWIESCHE, D.: "für Volk und Vaterland kräftig zu würken...". Zur politischen und gesellschaftlichen Rolle der Turner zwischen 1811 und 1871, in: DERS.: Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, München 2000, S. 103-131. | |
| 4) | Vgl. zum deutschen Patriotismus PRIGNITZ, C.: Vaterlandsliebe und Freiheit. |
| Deutscher Patriotismus von 1750 bis 1850. Wiesbaden 1981. | |
| 5) | Vgl. zum Problem der Männlichkeit McMILAN, D.A.: "...die höchste und heiligste |
| Pflicht... ." Das Männlichkeitsideal der deutschen Turnbewegung 1811-1871, in: KÜHNE, T. (Hrsg.): Männergeschichte - Geschlechtergeschichte, Männlichkeit im Wandel der Moderne. Frankfurt/New York 1996, S. 88-100. | |
| 6) | Der Autor stützt sich in seiner Argumentation auf DÜDING, D.: Organisierter |
| gesellschaftlicher Nationalismus in Deutschland (1808-1847). Bedeutung und Funktion der Turner- und Sängervereine für die deutsche Nationalbewegung.München 1984, vor allem S. 94-109. Die beste Übersicht zum deutschen Turnliedgut findet sich bei BRENDICKE, H.: Turnerliederdichtung, in: Encyklopädisches Handbuch des gesamten Turnwesens und der verwandten Gebiete, hrsg. v. Carl Euler, III. Bd. Wien, Leipzig 1896, S. 275-283. | |
| 7) | Vgl. EULER, C: Ernst Moritz Arndt, Friedrich Ludwig Jahn und das deutsche |
| Vaterlandslied, in: Monatsschrift für das deutsche Turnwesen 4 (1885), S. 182 f. | |
| 8) | Vgl. DÜRRE, E.: Eine Rechtfertigung Jahn`s, in: Deutsche Turn-Zeitung 21 (1876), |
| S. 121-124; BRENDICKE, H.: Friedr. Ludw. Jahns Werke, in: Jahrbücher der deutschen Turnkunst 5 (1886), S. 62 f. | |
| 9) | Vgl. zur Biographie der beiden Brüder STEIGER, G.: Follen, Adolf; Follen, Karl in: |
| Lexikon Biographien zur deutschen Geschichte von den Anfängen bis 1945 hrsg. v. Kurt Pätzold (Leiter), Berlin 1991, 143 f.. | |
| 10) | Vgl. WASSMANNSDORFF, K.: Verschollene Turnlieder und Follen`s "Freie Stimmen |
| frischer Jugend" vom Jahre 1819, in: Deutsche Turn-Zeitung 27 (1882), 269-272, 295-298, 319-322, 333-335, 345-347, 355-357. | |
| 11) | Ebd., S. 297. |
| 12) | Vgl. ZIESCHANG, K.: Vom Schützenfest zum Turnfest. Die Enstehung des Deutschen |
| Turnfestes unter besonderer Berücksichtigung der Einflüsse von F. L. Jahn, Ahrensburg 1977 (Sportwissenschaftliche Dissertationen, Bd. 11). | |
| 13) | Die Daten der Feste waren der 31. März, an jenem Tage marschierten 1814 die gegen |
| Napoleon verbündeten Mächte in Paris ein, und der 18. Oktober, dem Tage als die Entscheidung in der "Völkerschlacht" bei Leipzig fiel. | |
| 14) | Vgl. JOHN, H.-G.: Politik und Turnen. Die Deutsche Turnerschaft als nationale |
| Bewegung im deutschen Kaiserreich von 1871-1914). Ahrensburg 1976 (Sportwissenschaftliche Dissertatione |

Jahn und die nationale Frage
Festrede in Halle am 19. 05. 2001 zum Siftungsfest der Halle-Leobener Burschenschaft Germania Altherrenverband e.V.
| Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, | |
| schwankt sein Charakterbild in der Geschichte! |
Auf kaum eine andere Persönlichkeit der deutschen Geschichte passt dieser Ausspruch Schillers (über Wallenstein) besser als auf Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852).
Seine Leistungen sind im Laufe der deutschen Geschichte extrem unterschiedlich bewertet worden. Seine Würdigung reicht von der Verehrung, mitunter überzogenen Vergötterung seiner Anhängerschaft, den Turnern/-innen einerseits, bis zur schroffen Ablehnung von einigen seiner und unserer heutigen Zeitgenossen.
Obwohl Jahn nur acht Jahre seines Lebens öffentlich aktiv war - im 33. Lebensjahr hat er 1811 den ersten öffentlichen Turnplatz in der Hasenheide/Berlin geschaffen, im 41. Lebensjahr wurde er 1819 verhaftet - hat er uns ein Erbe hinterlassen, das von den Machthabern aller Epochen deutscher Geschichte in Anspruch genommen wurde: Im Kaiserreich (1871-1918) war er der königstreue Nationalist, der für sein unerschütterliches Eintreten für die Einheit Deutschlands unter preußischer Führung sogar ins Gefängnis ging, von den Nazis (1933-1945) wurde er als der um hundert Jahre vorausdenkende erste Nationalsozialist missbraucht. Ebenso wurde er von der DDR-Ideologie vereinnahmt. In der alten Bundesrepublik haben diverse politische Gruppierungen unterschiedliche Einordnungen vorgenommen, die sich entweder auf seine nationale Gesinnung stützten oder seine sozialen Tendenzen hervorhoben. Während der linksorientierten akademischen Kulturrevolution 1968 wurde er von Siegfried Lenz in "Die Zeit" als Stargammler bezeichnet. Mitte der 1980er Jahre wurde sogar gefragt: "War Jahn ein Grüner?" (BRAUN, 1994).
Zwei herausragende Historiker des 19. Jahrhunderts, Georg Gottfried Gervinus und Heinrich von Treitschke - im Gegensatz zum Historiker Leopold von Ranke und dem Politologen Ernst Moritz Arndt - haben Jahn nicht nur rundweg eine eigenständige politische Denkfähigkeit abgesprochen (v. Treitschke kannte Jahn persönlich gar nicht), sondern auch Jahns Persön-lichkeit und seine politisch-gesellschaftlichen Aktivitäten - insbesondere die von ihm gegrün-dete und geleitete frühe Turnbewegung - durch eine Vielzahl von Negativurteilen gründlich diskreditiert. Mehrere Generationen von Historikern haben deshalb kein Interesse entwickelt, sich in eigenen Forschungen mit der Turnbewegung zu befassen, weil sie es auch als wissen-schaftlich unergiebig angesehen haben, einer gesellschaftlichen Bewegung Aufmerksamkeit zu schenken, die nach der Meinung zweier renommierter Fachkollegen das Produkt eines unselbständigen, unschöpferischen Geistes war. Für v. Treitschke war Jahn ein lärmender Barbar, ein Banause, ein Polterer mit ungeschlachten Sitten und zugleich Parteifanatiker, der eine Generation zu akademischer Rohheit und jakobinischer Unduldsamkeit verführte.
Wenn die Jahn-Forschung nach dem Zweiten Weltkrieg keine Untersuchung bezüglich
der frühen und der vormärzlichen Turnbewegung hervorbrachte, dürfte
dies nach Düdings Meinung sicherlich von der ausgesprochenen Langzeitwirkung
beeinflusst worden sein, die das Verdikt Gervinus' und v. Treitschkes gegen
Jahn und die Turnbewegung innerhalb der deutschen Historiographie hatte. Das
ist bedauerlich und Zeichen der Missachtung Jahns durch v. Treitschke, denn
Jahn hob sich aus dem Kreis der wirkungsmächtigsten nationalen Vordenker
Fichte, Arndt, Schleiermacher, Luden durch ein politisches Verständnis
von Nation heraus, das das vergleichsweise größte Maß
an Konkretheit aufwies, obgleich er den Begriff Nation nicht gebrauchte,
sondern von Volkstum sprach.
Jahn übte durch die 1810 in Lübeck erfolgte Veröffentlichung
seines Buches Deutsches Volksthum auf die entstehende nationale Bewegung
einen eminenten Einfluss aus. So ist sein Deutsches Volksthum ein breit
angelegter und mit vielen Detailvorschlägen ausgestatteter Entwurf für
eine nationaldeutsche Staats- und Gesellschaftsordnung, denn er bezog alle in
diesem Buch unterbreiteten Reformvorschläge auf die innere Gestaltung des
politischen, kulturellen und sozialen Lebens in einem solchen Staat. Keiner
der anderen durch Wort und Schrift in der Öffentlichkeit agierenden Patrioten
hat in den ersten Jahren nach der Niederlage Preußens von 1806 derartig
konkrete, konstituierende Reformen gefordert wie Jahn. Keiner der anderen nach
1806 auftretenden nationalen Wortführer hat sich zudem in für die
Öffentlichkeit bestimmten Reden und Schriften auch nur annähernd so
ausführlich und detailliert mit der inneren Organisation eines künftigen
deutschen Nationalstaates beschäftigt wie Jahn im Deutschen Volksthum.
Mit Jahns pragmatisch-nüchterner, ganz auf die Organisierung eines deutschen
Nationalstaates gerichteten politischen Denkweise konnte sich keiner der anderen
zwischen 1806 und 1819 in der Öffentlichkeit für den nationalen Gedanken
werbenden Patrioten messen (ANTONOWYTSCH, 1933, 32). Keiner war auch nur annähernd
so erfolgreich wie er (GERVINUS, v. TREITSCHKE, EICHBERG, DÜDING). Nicht
alle Ideen kamen von ihm, aber er setzte sie um, ein wirkungsvoller Public-Relations-Mann
in Sachen Turnen und Nationalbewußtsein (BRAUN, 1993, 106f).
Der Breslauer Naturphilosoph Heinrich Steffens, der Jahn und den Hasenheide-Turnplatz
1817 kennen lernte und der - erschrocken von den Wirkungen, die er von einer
selbständigen, keinem staatlichen Reglement unterworfenen Bewegung ausgehen
sah - in einer Streitschrift Jahn und die Turner massiv angriff, registrierte
an Jahn etwas (...) Ursprüngliches . In seinem derben Wesen
habe man ein gährendes Chaos wahrnehmen können, das Jahn bedeutenden
Einfluss auf Knaben, Jünglinge und Familienväter habe gewinnen lassen;
ein Einfluss, der schließlich zu einer Regeneration des Volkes
geführt habe. "Ein Mann, der eine solche Macht ausübte, war mir",
so gestand Steffens in seinen Lebenserinnerungen, "schon als ein solcher,
als ein mächtig geschichtlicher Naturgegenstand anziehend und wichtig (STEFFENS,
1843, 306ff). Von Treitschke hat dies nicht erkannt bzw. anerkannt.
So ist im Laufe der geschichtlichen Entwicklung des Nationalstaatsgedankens
und mit der Modifizierung des Turnens - vom alle Leibesübungen umfassenden
Begriff bis zur Einengung auf das Gerätturnen/Kunstturnen - bis in die
heutige Zeit immer wieder von den unterschiedlichsten Standpunkten her zu Jahns
Leben und Werk Stellung bezogen worden. Es entstand ein Jahnbild, das sehr heterogene
Züge aufweist.
Wenn heute behauptet wird, der Bart ist ab oder Jahn gehört auf
den Müllhaufen der Geschichte, dann steht diesen Kritikern nur das
ewig gestrige Bild des alten Turnvaters, kahlköpfig und mit langem Bart,
vor Augen. Sie haben aber nicht verstanden, was der dynamische Dreißigjährige
mit seinem Turnen beabsichtigte: Er wollte der bloß einseitigen Vergeistigung
die wahre Leibhaftigkeit zuordnen (...) und im jugendlichen Zusammenleben den
ganzen Menschen umfassen und ergreifen. Er hat das Turnen nicht über
die geistige Ausbildung stellen, es aber auch nicht zur einseitigen paramilitärischen
Drillschule verkommen lassen wollen. Der Frankfurter Pädagoge Friedrich
Adolph Wilhelm Diesterweg schrieb (in: Jahrbuch für Lehrer 1854):
| "...Die Leibesübungen waren aber nicht die Hauptsache, sondern die Erweckung deutschen Sinnes, deutschen Nationalgefühls, deutscher Volkstümlichkeit, ... Jahn verstand dies meisterhaft; er war der lebendige Repräsentant alt- und urdeutscher Weise und Natur. Die Wirkung, die er auf Knaben und Jünglinge ausübte, war fabelhaft; vielen von ihnen erschien er nicht blos als ein außerordentlicher Mann, sondern als ein Ideal; seine Worte wurden wie Orakelsprüche aufgenommen, sie flogen von Mund zu Mund." |
Die Beziehung Jahns zur Deutschen Burschenschaft
Zu Beginn des Universitätslebens im Hochmittelalter hatten sich die Studenten nach ihrem Herkunftsland als Deutsche, Franzosen usw. zusammengeschlossen; denn bis in die Neuzeit wurden an allen europäischen Universitäten in lateinischer Sprache die vier Fakultätswissenschaften Jura, Medizin, Philosophie und Theologie gelehrt - eine Verwirklichung des Europagedankens, wie er heute wieder durch Internationalisierung angestrebt wird. Als die meisten deutschen Länder mit der Festigung des fürstlichen Einzelstaates innerhalb des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation - diesem zentraleuropäischen Vielvölkerstaat - im 15. und 16. Jahrhundert eigene Hochschulen bekamen, entwickelten sich hier innerhalb der deutschen Studenten Landsmannschaften, die sich nach der Herkunft ihrer Mitglieder Hessen, Franken, Sachsen usw. nannten. Eine große, alle anderen wichtigen Aufgaben überwuchernde Rolle spielte bei ihnen der Komment, der aufs genaueste das Duell und das Trinkwesen festlegte. Die Landsmannschaften entarteten im Laufe der Zeit zu Rauf- und Saufgesellschaften. Im Zeitalter des Rationalismus und der Aufklärung erhob sich deshalb die Forderung nach einer gesitteteren Lebensführung. So entstanden - nachweisbar ab 1716 - neben den Landsmannschaften die studentischen geheimen Orden. Hier wurde, dem idealistischen Geist der Aufklärung entsprechend, die Beseitigung aller Unterschiede der Geburt, des Bekenntnisses und der kleinstaatlichen Zugehörigkeit gefordert. In ihnen verbanden sich die Studenten auf Grund gleicher Gesinnung und verpflichteten sich zur Erfüllung eines bestimmten Lebensideals; demzufolge dauerte auch der Zusammenhang der Mitglieder über die Studienzeit hinaus fort.
Um sich gegen die Orden behaupten zu können, mussten sich die Landsmannschasften
innerlich erneuern. In Jena forderte um 1790 eine Gruppe - anstelle der bisher
üblichen Duelle - studentische Ehrengerichte; aber die Antragsteller konnten
sich nicht durchsetzen. Sie wurden als Schokoladisten verspottet, da
sie ihre Händel bei einer Tasse Schokolade bereinigten. Den landsmannschaftlichen
Kränzchen hingegen gelang es, die Orden in ihrer Bedeutung herabzudrücken.
Eine dritte, zahlenmäßig schwache Verbindung bildeten die Finken,
die durch ästhetisch wissenschaftliche Vereinigungen einen zwanglosen Zusammenhalt
fanden (RUNDNAGEL, 94f).
In Halle begann Jahn als 17jähriger sein Studium zunächst als Wilder.
Er wäre auch auf Grund seiner prekären finanziellen Situation nicht
in der Lage gewesen, das honorige Auftreten der Landsmannschafter oder
Kränzianer mitzumachen. Er "studierte zwei Jahre in Frieden,
schlug alle Anträge des Kranzes ab und erklärte ihnen am 6. März
1798 den Krieg" (in: MEYER, 25). Damit begann für Jahn eine neue Zeit,
folgenreich und lebensbestimmend: die Mitgliedschaft im Orden Unitas, in dem
er bald eine führende Rolle übernahm (JAHN, Günther, 1995, 24).
Schließlich wurde die Feindschaft mit den Kränzianern so heftig,
dass er sich, obgleich selbst ein herzhafter Schläger, in die Höhle
am Giebichenstein zurückziehen musste. Hier las er den utopischen Staatsroman
Dya-Na-Sore oder Die Wanderer des österreichischen Offiziers und
Schriftstellers W. F. v. Meyern, in dem dieser seine Gedanken über Nationalerziehung,
Wehrpflicht und die Beteiligung der Bürger am Staatsleben zum Ausdruck
brachte. "Ohne Theilnahme am Staate sind Tugend, Ehre und Charakter - Luftgestalten"
schrieb von Meyern, was auf Jahn 1799 besonderen Eindruck machte und zum Glaubensbekenntnis
"ja, Pflicht" wurde (JAHN, G., 1992, 12f, 1995, 37).
Nach seinem Studium in Greifswald ab 1800 unter dem Pseudonym Fritze,
wo er den Unitistenorden neu gründete, seiner Hauslehrerzeit in Neubrandenburg
ab 1803, wo er den Grundstein für sein späteres volkstümliches
Turnen legte, seinem Studium in Göttingen 1805/06, wo er das Consilium
abeundi erhielt, denn er hatte am Auszug der Studenten nach Hannoversch-Münden
teilgenommen, dort eine öffentliche Rede gehalten mit folgenden Schwerpunkten:
1. Gegen die deutsche Zwietracht
2. Für die Freiheit der Studenten, für die Freiheit des Vaterlandes
3. Gegen die Rohheit des deutschen Verbindungswesens
4. Für die Ausbildung zum deutschen Manne
5. Für die Pflege und Reinigung der deutschen Sprache
6. Für Leibesübungen als Mittel der Charaktererziehung
7. Für eine Beschränkung der Duelle auf wirkliche Ehrenangelegenheiten
und seinen ständigen Händeln, geriet er 1806 auf seinem Weg nach
Berlin in die preußische Katastrophe von Jena und Auerstedt. Jahns Tätigkeit,
seine Reisen und Aufenthalte bis 1809 sind noch wenig erforscht. Er muss aber
in jenen Jahren seine Ansichten von weltbürger-lichem zu nationalstaatlichem
Denken gewandelt haben.
Als Jahn Ende 1809 nach Berlin übersiedelte, verstärkte sich seine
öffentliche Wirksamkeit. Er wurde zu einem unentbehrlichen Aktivisten im
Kampf für die Befreiung Preußens, später Deutschlands. Sein
Buch Deutsches Volksthum wirkte ähnlich den Reden Fichtes wie ein
flammender Appell an das Nationalbewusstsein der Zeitgenossen. Harte und gerechte
Kritik übte er an gesellschaftlichen Mißständen seiner Zeit.
Er setzte sich für soziale, politische, militärische und pädagogische
Reformen ein. Da ihm die bisherigen losen Beziehungen zwischen Gleichgesinnten
nicht mehr genügten, entwarf er 1810 die Konzeption eines Geheimen Deutschen
Bundes. Die Gründung erfolgte am 14. November 1810. Die Mitglieder,
namhafte Persönlichkeiten, gelobten sich Treue und Verschwiegenheit. Als
Pflicht galten u.a. Kampf für Wahrheit, Recht und Vaterland. Der Zweck
war die Erhaltung des deutschen Volkes in seiner Ursprünglichkeit und Selbständigkeit,
Neubelebung der Deutschheit, Bewahrung des Volkstums, Schutz und Schirm wider
heimliche Verderbung von innen, wider Knechtschaft von außen, (...) hinwirkend
zur endlichen Einheit unseres zersplitterten, geteilten und getrennten Volkes
(zit. n. JAHN, G., 1992, 29f).
Seit dem Winter 1811/12 wandte sich Jahn, nachdem er im Frühsommer 1811
den ersten öffentlichen Turnplatz eingerichtet hatte, wieder seinem alten
Vorhaben zu, dass das gesamte Volk im Mittelpunkt seiner Reformbestrebungen
stehen müsse. Die Neugestaltung des akademischen Verbindungslebens sollte
in dieses umfassende Programm einbezogen werden. Anlass dazu gab die Rede Fichtes
Über die einzig mögliche Störung der akademischen Freiheit.
Darin sprach sich dieser gegen die herkömmliche Form des Verbindungswesens
aus, wie es der Student Jahn zuvor so oft getan hatte. Zusammen mit dem mit
ihm verbundenen aus Magdeburg stanmmenden Friedrich Friesen arbeitete Jahn einen
Konstitutionsentwurf Ordnung und Einrichtung der deutschen Burschenschaften
aus. Gegen den Willen Fichtes wurde diese Burschenschaftsordnung in Berlin bekannt
gemacht und Jahn ließ sie durch seine Emissäre auch an anderen
Universitäten verteilen, so dass sie bereits 1812 in Jena in Umlauf war.
Die Ordnung bestand aus 48 Paragraphen. Der § 14 lautet: Jeder Bursche
müsse sich "deutsch ausbilden für Volk und Vaterland, leiblich
und geistig". Und der § 24: "Die Landsmannschaften (...) widersprechen
dem Begriff von einem einzigen deutschen Volke (...)", da sie die Zerrissenheit
Deutschlands an den Universitäten fortlebten. Jahn, inzwischen 34jährig
und an keiner Universität eingeschrieben, ist der Burschenschaft nicht
beigetreten, um nicht als Bevormunder zu gelten.
Für den bevorstehenden Freiheitskampf gegen Napoleon hatte Jahn schon
Ende 1812 bei der preußischen Regierung für die Aufstellung eines
Freiwilligenverbandes geworben. Als dann im Frühjahr 1813 schließlich
die Freikorps gebildet wurden, war es neben dem publizistischen Wirken von Arndt
und Görres besonders Jahn zu verdanken, dass so viele aus der gebildeten
Jugend Deutschlands in das königlich-preußische Freikorps Lützow
eintraten., dem auch Jahn beitrat und zum Hauptmann gewählt wurde. Es heißt,
dass durch den guten Geist und Gemeinsinn, die vornehmlich von Jahn, Friesen,
Th. Körner u.a. geprägt wurden, die Frei-willigen aus den Reihen der
Landsmannschaften für eine allgemeine deutsche Burschenschaft gewonnen
wurden. Da die Gründung der Burschenschaft der Zeitereignise wegen verschoben
worden ist, kann das Freikorps von Lützow als deren Wiege bezeichnet
werden. Das Interesse daran erhielt durch die bereits eingeleitete Verbreitung
der Ordnung und den Freiheitskampf von 1813 großen Aufschwung.
Jahns Äußerung 1842 gegenüber seinem ersten Biographen Heinrich
Pröhle, "daß die Burschenschaft unter den Lützowern entstanden
sei" bestätigt diese Vermutung. Die Farben der Lützower Uniform
haben auf jeden Fall bei der Entstehung der Burschenschaftsfarben schwarz-rot-gold
mitgewirkt; denn nach 1815 ist nur noch von dieser Herleitung die Rede (
JAHN, G., 1995, 104).
Das Lützowsche Freikorps bekam 1813 von Berliner jungen Frauen eine
Fahne geschenkt, die der Jenaer von 1816 ähnlich war. Da aber das Freikorps
auf königliche Anordnung keine Fahne führen durfte, wurde sie Jahn
und Dürre übergeben und von letzterem aufbewahrt. Diese Fahne bestand
aus zwei Bahnen schwarzer und roter Seide und goldenen Fransen. Die erste Fahne
der jungen Burschenschaft führte die Farben rot-schwarz, eingerahmt von
goldenen Fransen und ist heute noch zu sehen auf einer zeitgenössischen
Farbradierung anläßlich der Feier zum Friedensfest auf dem Marktplatz
von Jena am 18. Januar 1816. Die Fahne der in Jena am 12. Juni 1815 gegründeten
Urburschenschaft hatte seit dem 31. März 1816 eine andere Farbaufteilung:
rot-schwarz-rot mit goldenem Eichenzweig in der Mitte. Erst seit dem Burschentag
im Oktober 1818 - im Oktober 1817 war auf der Wartburg die Deutsche Burschenschaft
im Gedächtnis an die Reformation 1517 und die Schlacht bei Leipzig 1813
gegründet worden - tauchte die Bezeichnung schwarz-rot-gold als
Dreifarb auf. Jahn liebte diese seit dem Hambacher Fest im Mai 1832 halboffiziellen
deutschen Farben. Er glaubte, dies seien die Farben des Heiligen römischen
Reiches deutscher Nation (919-1806) gewesen. Jedoch enthielt nur das Wappenschild
- schwarzer Adler, rote Fänge auf goldenem Grund - diese Farbzusammenstellung.
Jahn wurde in der Nacht zum 14. Juli 1819 verhaftet, weil er, wie er in seiner
legendären Schwanenrede sagte, die er als Abgeordneter und einer
der fünf Vizepräsidenten der Nationalversammlung in der Frankfurter
Paulskirche 1848/49 hielt, "die höchst gefährliche Lehre von
der Einheit Deutschlands zuerst aufgebracht" habe.
Diese Ausführungen können im Jahn-Museum der Stadt Freyburg an der
Unstrut in Wort und Bild nachvollzogen werden. Das neugestaltete 1999 eröffnete
Museum in Jahns Wohnhaus in der Schloßstraße 11 ist in vier Komplexe
gegliedert:
| 1. | Fr. L. Jahn: | Schöpfer des deutschen Turnens |
| 2. | Fr. L. Jahn: | persönliches Leben und Familie |
| 3. | Fr. L. Jahn: | Publizist und Patriot |
| 4. | Fr. L. Jahn: | Reformer - Revolutionär? |
| Deutschtümler - Deutscher? |
Ein weiteres Jahn-Museum ist in seinem Schulsaal seines Geburtsortes Lanz in der Prignitz zu besichtigen, das ebenfalls nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten neu gestaltet wurde.
Literatur
Antonowytsch, Michael: Friedrich Ludwig Jahn. Ein Beitrag zur Geschichte der Anfänge des deutschen Nationalismus. In: Historische Studien, Heft 230. Berlin 1933
Braun, Harald: Die "ungeschichtlichen Jahre" Friedrich Ludwig Jahns. In: Schriften der DVS, Bd. 51. Die Entwicklung der Leibesübungen in Deutschland von den Philanthropisten bis zu den Burschenschaftsturnern. (Hrsg. G. Spitzer). Sankt Augustin 1993. S. 106-118
Braun, Harald: Friedrich Ludwig Jahn - gestern und heute. In: Jahn-Report. 1. Ausgabe, hrsg. vom Förderverein zur Traditionspflege und Erhaltung der Fr.-L.-Jahn-Gedenkstätten e.V. Freyburg/Unstrut 1994
Braun, H.; Kunze, E.; Langenfeld, H.: Über das Turnwesen (1811-1819). Transkription des Berichtes Nr. XX der Central-Untersuchungs-Commission zu Mainz von 1821. In: Schriften zum Hochschulsport der Universität Bremen, Band 3. Bremen 1998
Düding, Dieter: Organisierter gesellschaftlicher Nationalismus in Deutschland (1808-1847). Bedeutung und Funktion der Turner- und Sängervereine für die deutsche Nationalbewegung. In: Studien zur Geschichte des 19. Jahrhundert, Band 13. München 1984
Eichel, Wolfgang u.a.: Die Körperkultur in Deutschland von 1789 bis 1917. Band 2. Sport-verlag Berlin 1965
Jahn, Friedrich Ludwig: Deutsches Volksthum. Lübeck 1810
Jahn, Günter: Friedrich Ludwig Jahn. Volkserzieher und Vorkämpfer für Deutschlands Einigung. Göttingen 1992
Jahn, Günter: Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert. In: Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung, Band 15. Heidelberg 1995
Meyer, Wolfgang: Die Briefe Friedrich Ludwig Jahns. Leipzig 1913
Rundnagel, Erwin: Friedrich Friesen. Ein politisches Lebensbild. München & Berlin 1936
Steffens, Heinrich: Was ich erlebte, Band 8. Breslau 1843
Wertheimer, Martha: Turnvater Jahn. Eine Auswahl aus seinen Schriften.
Offenbach a.M. 1921

Prof. Dr. Hans-Joachim Bartmuß
Aus den "Acta des Magistrats zu Freyburg betreffend die Polizei-Aufsicht über den Dr. Friedrich Ludwig Jahn" - Zum Schicksal F. L. Jahns nach seiner Haftentlassung 1825 bis zu seiner Rehabilitierung gegen Ende des Jahres 1840
Unter den im Archiv des Jahn-Museums befindlichen Schätzen befinden sich auch die o. g. Acta, die - vorausgesetzt sie werden in objektiver Weise interpretiert und nicht, wie das heutzutage leider Mode zu werden scheint, aus "moderner" Sicht - m. E. vieles und vor allem sehr Konkretes auszusagen vermögen über die Ursachen, die Jahn in die "unauffällige Lebensweise" während dieser Zeit in Freyburg trieben, und seine tiefe Resignation erklären, die auch noch Jahre nach seiner Rehabilitierung anhielt. Zwar sind in der Vergangenheit die "Regierungsakten Jahn" in verschiedener Hinsicht zitiert und mit wechselnder, von den jeweiligen Zeitströmungen bestimmter Zielrichtung interpretiert worden, doch "Regierungsakten", ob von Instanzen der königlichen Zentrale oder beim preußischen Regierungsbezirk geführt, sind m. E. bei weitem nicht so aussagekräftig wie Akten, die am Ort desjenigen, den sie direkt betreffen, geführt werden. Spiegeln doch die örtlichen Polizeiberichte die Art und Weise der Ausführung der an die örtlichen Beamten ergangenen Weisungen wider, sind ihrem Charakter nach die konkreten "Ausführungsbestimmungen" zu den erteilten Weisungen und sagen nicht zuletzt auch das konkret aus, was an die betreffende Person unmittelbar herangetragen bzw. über ihn im einzelnen bestimmt wurde. Vor allem aber ermöglichen uns diese örtlichen Berichte, in gewissem Grade nachzuvollziehen, wie sich das entsprechende "Objekt" der Polizeiaufsicht, in unserem Falle Friedrich Ludwig Jahn, unter diesen Bedingungen fühlte und verhielt, wie er notgedrungen seine Lebensweise und sein Verhalten auf diese bedrückenden Verhältnisse einstellte bzw. einzustellen genötigt war und wie sich schließlich dadurch im Laufe der Jahre auch sein Charakter veränderte. Deshalb halte ich es für dringend geboten, den Inhalt dieser Friedrich Ludwig Jahn betreffenden Freyburger Polizeiakte, die im Gegensatz zu den Jahn betreffenden Regierungsakten in der Geschichtsschreibung bisher kaum benutzt oder auch nur beachtet worden ist, hier etwas ausführlicher auszubreiten.
Bei den folgenden, aus den handschriftlich überlieferten Dokumenten in
Druckschrift übertragenen Zitaten von Weisungen des zuständigen preußischen
Ministers, des Merseburger Regierungspräsidenten und des Querfurter Landrats
sowie von Berichten des Freyburger Stadtmagistrats habe ich aus der Handschrift
für mich unleserliche Wörter oder auch Wortpassagen ausgelassen und
dies durch 3 Punkte kenntlich gemacht. Dort, wo ich bei der Transkription von
Wörtern aus dem handschriftlichen Text in Druckschrift nicht sicher genug
war, ob meine Übertragung richtig ist, habe ich hinter das betreffende
Wort ein in Klammern eingefasstes Fragezeichen gesetzt.
Nun aber zum Inhalt der Friedrich Ludwig Jahn betreffenden Freyburger Polizeiakte:
Anfang Juni 1825 erhält die "Wohllöbliche Polizei Behörde
zu Freiburg an der Unstruth ein auf den 2. Juni 1825 datiertes Schreiben aus
"Colberg", das vom "Königlich Preußischen Polizei
Directorium" verfasst wurde, und in dem es u. a. heißt: "Der
seit 5 Jahren hier anwesend gewesene Doctor der Phylosophie Friedrich Ludwig
Jahn hat heute den nachgesuchten Reisepaß zur Reise nach dem dortigen
Orte über Treptow a/O, Stargard, Koenigsberg a/m, Cüstrin und Friedland,
auf 8 Wochen gültig, für sich und seine Familie erhalten, weil er
sich dort aufzuhalten wünscht. Euer Wohllöblichen PolizeiBehörde
verfehle ich nicht, davon Nachricht zu geben, weil der p. Jahn nach der Allerhöchsten
KabinettsOrder vom 3. April unter polizeilicher Aufsicht bleiben soll, weshalb
ich von der dieserhalb mir zugegangenen Bestimmung in dem Schreiben der hiesigen
Königl. Commandantur vom 12. d. M. Abschrift ganz ergebenst beifüge.
Von dem Eintreffen des p. Jahn bitte ich sowohl mich gefälligst zu benachrichtigen,
als auch dem Herrn Minister des Innern und der Polizei von Schuckmann Excellenz
die nöthige Anzeige davon zu machen. Sollte er aber binnen der im Paß
bemerkten Reisefrist von 8 Wochen dort nicht eintreffen, so sehe ich ebenfalls
einer gefälligen Benachrichtigung entgegen." (pag. 1) Die Abschrift
des erwähnten und beigefügten Schreibens der "Commandantur von
Colberg" vom 12. Mai 1825, an die Kolberger Polizeibehörde gerichtet
und von einem "GeneralMajor und Commandant von Funck" unterschrieben,
sagt aus: "Des Herrn Ministers des Innern und der Polizei von Schuckmann
Excellenz haben mich mittels ... Schreibens vom 4/II d. Mts. zur weiteren Veranlassung
davon in Kenntniß gesetzt: dass dem Dr. Jahn, dessen FreisprechungsUrtheil
schon früher hier eingegangen und ihm bereits am 29. v. M. publiciert worden,
nach der Allerhöchst erlassenen CabinetsOrdre vom 3. ... künftig sein
Aufenthalt weder in Berlin und in einem Umkreise von 10 Meilen, noch in einer
Universitäts- und Gymnasial Stadt erlaubt werde, auch derselbe da, wo er
seinen Wohnsitz wähle, unter polizeilicher Aufsicht bleibe, ihm dagegen,
so lange er diese Bedingungen hinsichtlich seines Aufenthalts pünktlich
erfülle, und so lange sein Betragen tadellos bleibe, die Pension von Eintausend
Thalern, die er bis jetzt bezieht, belassen werden solle. Diese Allerhöchste
Bestimmung ist dem p. Jahn unterm gestrigen Tage zum Protokoll eröffnet
und von ihm zu selbigem bemerkt worden: dass er vorläufig hier in Colberg
zu verbleiben und sich aufzuhalten gedenke, von einer etwaigen demnächstigen
andern Wahl aber sofort Anzeige machen werde." Er sähe sich gegenüber
dem Königl. Wohllöbl. Polizei Directorium "veranlasst, hiervon,
um wegen der fernern hinsichtlich des p. Jahn verbleibenden polizeilichen Aufsicht
jedem Zweifel möglichst zu begegnen, dienstergebenst zu benachrichtigen."
(pag. 2)
Bereits mit Datum vom 13. Juni 1820 konnte der Freyburger Polizeirat dem Kolberger Polizeidirektorium, dem Innen- und Polizeiminister von Schuckmann und dem Landrat des Querfurter Kreises, dem Frh. von Danckelmann, mitteilen, dass der Doctor der Philosophie Friedrich Ludwig Jahn mit seiner Familie in Freyburg eingetroffen sei. In allen diesen Schreiben wird betont, dass Jahn sofort unter polizeiliche Aufsicht gestellt worden sei bzw. unter polizeilicher Aufsicht bleibe. (pag. 3)
Interessant ist auch das nächste, in der Akte Jahn befindliche Dokument,
nämlich ein Schreiben des zuständigen Landrats des Querfurter Kreises,
des Freiherrn von Danckelmann, vom 4. Juli 1825, in dem er präzisiert,
was unter "Polizeiaufsicht" zu verstehen sei: "Die polizeiliche
Aufsicht welche über den D. Philosophiae
F. L. Jahn gehalten werden soll, darf auch nicht so weit ausgedehnt werden,
dass
die Ortsbehörde jeden seiner Schritte wahrnimmt, sondern es genügt,
wenn er im Allgemeinen beobachtet und darauf die Aufmerksamkeit gerichtet wird,
mit wem er im öffentlichen Verkehr steht? und ob namentlich junge Leute,
Studirende, Lehrer oder Zöglinge von nahen gelehrten Anstalten sich häufig
bei ihm einfinden? - In Gemäßheit vorstehender hoher Anordnung wird
E. Wohllöbl. Stadtmagistrat in Freiburg hierdurch veranlasst, von dem Treiben
des p. Jahn und seinem Betragen wenn er nicht Anlaß giebt, sofort speziell
zu berichten, quartaliter, jedesmal sint (?) den 1sten Octbr., 1. Janr, 1. Apr.
und 1. Juli bis auf weitere Anordnung Anzeige zu machen, und im Fall er einen
anderen Aufenthalt wählt, mir sogleich davon Nachricht zu ertheilen."
(pag. 6; pag. 4 fehlt in der Akte, pag. 5 ist der Beleg mit der aufgestempelten
Gebühr in Höhe von "Acht G. Groschen" und dem Siegel des
Polizeisekretariats für den am 2. Juni 1825 für "den Doctor der
Philosophie Herrn Friedr. Ludw. und deßen Begleitung ausgegebenen Reisepaß").
Der nächste Brief an den Stadtmagistrat in Freiburg stammt wiederum vom
Landrat und ist auf den 15. August 1825 datiert: "In Gemäßheit
hoher Verordnung vom 5ten dises Monats wird E. Wohllöbl. Stadtmagistrat
in Freiburg hierdurch angewiesen, auf den D. Philosophiae F. L. Jahn in Freiburg,
für den Fall wenn er nach Rossleben reisen sollte, besonders aufmerksam
zu seyn und demselben keinen längeren als den behufs der Reise dahin nothwendigen
Aufenthalt zu gestatten, auch dasjenige was darüber man kennen wird, sofort
näher anzuzeigen." (pag. 7)
Der erste in der Akte verzeichnete Bericht aus Freyburg über Jahns Verhalten
stammt vom 1. Oktober und wurde am 22. Oktober 1825 zur Post gegeben; er bezieht
sich unmittelbar auf den Landratsbrief vom 4. Juli. Darin wird angezeigt, "dass
der sich gegenwärtig hier aufhaltende Doctor der Philosophie, F. L. Jahn
sich nicht nur sehr eingezogen und ruhig verhält und unseres Wissens mit
Niemand in öffentlichen Verkehr stehet, sondern dass auch bei ihm sich
keine ... Leute, Studierende, Lehrer oder Zöglinge von gelehrten Anstalten
bei ihm einfinden." (pag. 8)
Offensichtlich versäumte dann der Freyburger Stadtmagistrat, zum nächstfälligen
Termin, dem 1. Januar, Bericht über Jahn zu erstatten. Deshalb schreibt
am
6. März 1826 der Landrat von Danckelmann an die Freiburger Oberen: "Von
Einem Wohllöblichen Stadtmagistrate ist der für den 1. Januar dieses
Jahres fällig gewesene Bericht über das Treiben und Betragen des Dr.
Jahn nicht eingegangen. Wohlderselbe wird daher hierdurch ..., die nach der
Verfügung vom 4. Juli vorigen Jahres über den p. Jahn vierteljährig
zu erstattenden Anzeigen bei Vermeidung Fünf Thaler Ordnungsstrafe ...
pünktlich einzureichen." (pag. 9) Der Bericht wird daraufhin sehr
rasch, bereits am 10. März, eingereicht mit der Formulierung: "Von
dem Treiben und Betragen des Dr. Jahn alhier vermögen wir nichts Nachtheiliges
zu berichten indem derselbe bei einer eingezogenen (?) Lebensart sich fortwährend
ruhig und ... wohl verhält." (pag. 9, Rückseite) Es folgt dann
in der Jahnschen Polizeiakte ein Brief des Freyburger Stadtrats an den Landrat
vom 1. April mit einem bemerkenswerten Antrag: "Da der Professor Dr. Jahn
alhier, über dessen Betragen wir... unterm 10ten vorigen Monats berichtet
haben, in seinem ruhigen und unverdächtigen Verhalten fortfährt, so
fragen wir gehorsamst an, ob es nicht genügen möchte, jährlich,
oder halbjährlich und, wenn es Veranlassung dazu giebt, davon sofort speciell
zu berichten?" (pag.9, Rückseite, u. pag. 10) Am 12, April 1826 schreibt
daraufhin die Abteilung des Innern der "Königl. Preuß. Regierung"
in Merseburg (d. i. das spätere Regierungspräsidium) an den Landrat
des Querfurter Kreises: "Da nach dem anbei zurückerfolgenden Berichte
des Stadtraths zu Freiburg der Professor Dr. Jahn in seinem ruhigen und unverdächtigen
Betragen ..., so mögen die angeordneten QuartalsAnzeigen hierüber
bis auf weiteres ..., und wollen wir nachgeben, dass für die Folge nur
jederzeit am Schlusse des Jahres Bericht deshalb erstattet werde, es wäre
denn, dass der Professor Dr. Jahn sein Benehmen änderte und sich in dieser
Hinsicht als verdächtig und unruhig bewiese, in welchem Falle unverzüglich
unter specieller Anführung der Umstände vom Stadtrathe zu Freiburg
Bericht zu erstatten ist." (pag. 11) Der ausdrücklichen Aufforderung,
das Weitere zu verfügen, kam der Landrat am 20. April nach, indem er eine
Abschrift dieses Schreibens an den Stadtmagistrat in Freiburg sandte und ihm
die Weisung erteilte, den jährlichen Bericht am 15. Decbr. jeden Jahres
zu erstatten. (pag. 11, Rückseite) An diesem Tage des Jahres 1826 ging
mit Bezug auf diese Anordnung vom 12. April 1826 eine kurze Mitteilung des Freyburger
Stadtrats an den Landrat, wonach "der Professor Dr. Jahn hier in seinem
ruhigen und unverdächtigen Verhalten fortfährt". (pag. 12) Auch
der Bericht vom 29. Dezember 1827 an den Landrat sagt nichts Neues aus und lautet
sehr lakonisch: "Infolge der hohen RegierungsVerordnung vom 12. April v.
J. berichten ... gehorsamst, dass uns von dem Professor Dr. Jahn hier etwas
Nachtheiliges nicht bekannt geworden ist und derselbe sich fortwährend
tadellos verhält." (pag. 12, Rückseite) Der Landrat hatte bereits
am 24. Dezember an den Freyburger Stadtmagistrat geschrieben - dieses Schreiben
traf allerdings erst am 30. Dezember in Freyburg ein -, um ihn zu veranlassen,
"ungewöhnliche Anzeige über das Verhalten des Dr. Jahn sofort
... einzusenden, und diese Eingabe künftig bei Vermeidung ... Ordnungsstrafe,
jedesmal den 1.n Decbr. zu bewerkstelligen." (pag. 13)
Ende Oktober1828 änderte Jahn plötzlich seinen Wohnsitz und wählte Kölleda als seinen neuen Aufenthaltsort, ohne dass aus den Freiburger Polizeiakten hervorginge, worin der eigentliche Grund für diese "Verbannung" bestand. Hierüber geben nur die Regierungsakten Aufschluß, aus denen hervorgeht, dass am 15. September 1828 beim Berliner Innen- und Polizeiministerium eine Anzeige vom Unterrichtsministerium eingegangen war, dass Jahn öfter in Merseburg gewesen und dort, ebenso wie in Freyburg, mit Gymnasiasten zusammengetroffen sei, deren Vorsatz zu turnen er gebilligt habe. (Siehe "Die Briefe F. L. Jahns, hrsg. v. Wolfgang Meyer, Leipzig 1913, S. 314.) Ein Schreiben der Abteilung des Innern der "Königl. Regierung zu Merseburg" an den Querfurter Landrat, datiert auf den 24. Oktober 1828, enthält nur folgende Mitteilung: "Durch ein Rescript des Königl. Ministeriums des Innern und der Polizei vom 19. v. Mts ist angeordnet worden, dass der Dr. Jahn zu Freiburg, diesen Wohnort verlassen und einen andern von Universitäten und Gymnasien gehörig entfernten Aufenthalt wählen soll. Der p. Jahn hat vom 1. November d. J. ab mit unserer Genehmigung die Stadt Cölleda zu seinem Wohnorte gewählt und wird im Laufe dieses Monats dahin abgehen. - Indem wir Euer Hochwohlgeboren hiervon benachrichtigen, tragen wir Ihnen auf, von der Zeit an, von der p. Jahn Freiburg verlassen hat, die polizeiliche Aufsicht über ihn aufzuheben." (pag. 15; selbstverständlich wurde in Kölleda weiterhin die Polizeiaufsicht über Jahn ausgeübt.) Die "Abschrift zur Nachricht und Achtung" ist vom Landrat erst am 31. Oktober ausgefertigt worden und schließlich am 10. November 1828 in Freiburg eingetroffen. (pag. 15, Rückseite) Das erklärt, warum der Freiburger Stadtrat von der Abreise Jahns nach Kölleda überrascht war und die Gründe dafür zumindest am 1. November 1828 auch noch nicht kannte. Das Schreiben des Stadtrats vom 1. November 1828 an den Landrat von Danckelmann lautet wörtlich: "Da nach der uns zugekommenen öffentlichen Kunde dem bisher hier wohnhaft gewesenen Professor der Philos. Dr. Friedrich Ludwig Jahn die hohe Verfügung zugekommen sein soll, den hiesigen Ort bis zum Schlusse des Monats Octbr. d. J. bei Verlust seiner bisher genossenen Pension zu verlassen, derselbe auch am 29sten v. Mts. wirklich von hier abgereißet ist und sich nach Cölleda als seinen künftig gewählten Aufenthaltsort begeben haben soll, so stehen wir nicht an, Euch hiervon so oft als dass die von uns bisher über Selbigen geführte sowohl specielle als policeyliche Aufsicht hierdurch ihre Endschaft (?) erreicht hat, sofort gehorsamste Anzeige zu machen. Seine übrige Familie befindet sich ... hier, soll aber im Begriffe stehen, demselben ebenfalls nachzufolgen und nächstens von hier abzureisen." (pag. 14)
Das nächste, in der Freyburger Polizeiakte über Jahn enthaltene Dokument
ist wesentlich, nämlich fast 7 Jahre jünger. Es stammt vom 17. 09.
1835 und enthält genaue Vorschriften darüber, wie die Polizeiaufsicht
über Jahn konkret auszusehen habe, sobald er von Kölleda nach Freyburg
zurückgekehrt sein werde. Das Datum dieses nachstehend zitierten Schreibens
ist insofern interessant, weil Jahn erst fast genau ein halbes Jahr später
wieder in Freyburg eingezogen ist, d. h. dass die Vorkehrungen der Regierung,
die "Sicherheit" der Bevölkerung gegenüber dem "Demagogen"
F. L. Jahn betreffend, in diesem Falle außerordentlich zeitig einsetzten.
Bei diesem Schreiben vom 17. 09. 1835 handelt es sich nämlich um die an
die Königl. Regierung zu Merseburg gerichtete Abschrift eines Briefes "in
Vertretung des Herrn Geheimen Staatsministers v. Rochow, vermöge Allerhöchsten
Auftrags des Justiz Ministers" von einem Mitarbeiter ("Mühler")
unterschrieben. Es lautet: "Unter den in dem Berichte der Königl.
Regierung vom 9. d. M. ... angezeigten Verhältnissen ist dem Dr. Jahn in
Cölleda der von ihm nach der hierneben wieder zurückgebenden Vorstellung
vom 3. d. M. beabsichtigte Umzug nach Freiburg zu gestatten. Die Königl.
Regierung hat dies dem p. Jahn zu eröffnen und wegen seiner polizeilichen
Beaufsichtigung in Freiburg das Nöthige zu verfügen." (pag. 16)
Von Merseburg wurde eine Abschrift dieses Briefes an den Landrat Helldorf zu
Bedra gesandt und ihm folgende Weisung erteilt: "Abschrift zur Nachachtung
und um außer der über Dr. Jahn zu führenden speciellen Beaufsichtigung
insonders auch darauf zu achten, ob und welche Personen genauere oder auffallende
Verbindung mit ihm anknüpfen, wie auch ob und mit wem er in vorzugsweiser
...dung steht. Von periodischer Berichtserstattung über diese Gegenstände
absehend haben Sie dabei den leisesten sich ergebenden Verdachtsgründen,
welcher Art sie auch sein mögen, uns ungesäumt Anzeige zu machen und
zu gleichem Verfahren, jedoch ohne dass der Dr. Jahn durch solches unnöthig
belästigt oder sonst einiges Aufsehen erregt werde, die Ortsbehörde
anzuweisen. Insbesondere wird dabei der etwaige Umgang des p. Dr. Jahn mit jungen
Leuten aus der Klasse der Schüler und Studenten im Auge zu behalten, und
event. werden die erforderlichen Maßregeln zu treffen seyn, um einen solchen
zu verhindern, insofern die bekannten Uebelstände daraus zu besorgen sein
möchten. Die veränderten Umstände, welche den früher untersagten
Aufenthalt des p. Jahn in Freiburg jetzt zulässig machen, bestehen übrigens
wesentlich in
E. Hochwohlgeboren Persönlichkeit und in dem Vertrauen, was wir zu Ihnen
für die angemessene Beaufsichtigung desselben haben können."
(pag. 16 f.) Nach Absenderangabe und Unterschrift folgt dann noch mit Datum
vom 10. Oktober 1835 eine längere Anweisung "An Herrn Bürgermeister
Schier, Wohlgeboren, in Freiburg" mit detaillierten Vorschriften für
die Kontrolle Jahns: "Abschrift erhält der Bürgermeister Schier
Wohlgeboren zu Freiburg mit dem Auftrage, den p.Jahn auf schickliche Weise unter
die genaueste Controlle zu stellen. Ihrer Umsicht gebe ich die hier speciell
anzuordnenden ... anheim, und bemerke nur, dass solche der hohen Anordnung zu
Folge jedenfalls so zu treffen, dass der p. Jahn nicht unnöthig belästigt
und alles Aufsehn vermieden werde. Bey der Nähe mehrerer gelehrten Schulen
und auch Universitäten haben Sie auf die Freiburg besuchenden Schüler
und Studenten ganz vorzüglich Acht zu geben, ob selbige in irgend eine
Communikation mit dem Dr. Jahn treten. Bey dem geringen Umfange von Freiburg
und der gewöhnlich sehr ... Handlungsweise des p. Jahn wird es nicht schwer
halten, alle seine Schritte ohne große Veranstaltungen gehörig zu
beobachten und jeden nachtheiligen Einfluß, den derselbe ausüben
möchte, sofort zu bemerken. Euer Wohlgeboren haben mir regelmäßig
vierteljährlich über das Verhalten des p. Jahn zu berichten, wobey
die von Königl. Hochlöbl. Regierung besonders ausgehobenen Punkte,
als:
| 1. | ob und welche Personen eine genaue und auffallende Verbindung mit dem p. Jahn |
| anknüpfe? | |
| 2. | ob und mit wem er vorzugsweise in Correspondenz stehe? |
| 3. | ob junge Leute aus der Klasse der Schüler und Studenten, wie es bei früherer |
| Anwesenheit des Jahn der Fall war, jetzt wieder mehr Freiburg besuchen und solche mit Jahn in Berührung kommen, so wie auch | |
| 4. | ob der p. Jahn an öffentlichen Orten, wie er es früher, sogar mit Leuten geringen |
| Standes ... gethan, über Verfassung und Politik spreche? Und | |
| 5. | Womit er sich im Allgemeinen beschäftige? vorzugsweise im Auge zu halten sind. |
| Ueberdem erwarte ich auch sofortige Anzeige bey jedem besondern Vorfall oder ... Verdacht." (pag. 17, Vorder- und Rückseite) |
Am 20. März 1836 zeigt dann der Bürgermeister von Freyburg dem Landrat
"ergebenst an, dass der Dr. philos. Jahn hier eingetroffen ist". (pag.
18) Der erste, zum 1. Juli 1836 fällige Bericht über das Verhalten
Jahns hält sich genau an die
5 Vorgaben vom 10. Oktober 1835, auf die er auch ausdrücklich Bezug nimmt.
Er schreibt dann, "dass der Dr. philos. Jahn seit seinem Aufenthalte hier
ruhig und still gelebt und sich ohne Tadel geführet hat. Uebrigens hat
| ad 1.; | Niemand ... auffallende Verbindung mit ihm geknüpft; |
| ad 2., | Seine Korrespondenz beschränkt sich, eingegangener Erkundigung nach, blos auf |
| Verwandte (?) und einige Bekannte in Berlin und Stettin. | |
| ad 3., | Schüler und Studenten haben sich nicht in vermehrter Anzahl, seit dem der p. Jahn sich |
| hier aufhält, eingefunden, und eben so wenig ist derselbe mit solchen in eine nähere Berührung gekommen. | |
| ad 4., | Aeußerungen über Politik und Verfassung, namentlich an öffentlichen Orten gegen |
| Leute geringeren Standes sind mir nicht bekannt geworden und scheint sich derselbe | |
| ad 5., | größten Theils mit Lektüre und schriftstellerischen Arbeiten zu beschäftigen. |
Seine Lebhaftigkeit und die ihm eigene Unruhe hat, seit er hier entfernt gewesen,
sich bedeutend vermindert." (pag. 18)
Im folgenden Bericht vom 1. 10. 1836 beschränken sich dann die Auskünfte
des Bürgermeisters darauf, "dass der Dr. philos. Jahn auch in dem
letztverflossenen Vierteljahre seine ruhige Lebensart fortgesetzt und sich ohne
Tadel geführet hat. - Hinsichtlich der speciell auszuführenden Punkte
habe ich lediglich das in meinem Berichte vom 1. Juli Gesagte zu wiederholen."
(pag. 18 f.)
Die folgenden , in der Polizeiakte Jahn enthaltenen Berichte vom 31. 12. 1836,
1. 4. und 30. 9. 1837, 19. 1., 31. 3., 1. 10. und 31. 12. 1838, 2. 4. und 31.
12. 1839 sagen nichts anderes aus. (pag. 19 und 21; pag. 20 fehlt.) Sie beziehen
sich ohne Ausnahme auf die Verordnung vom 10. Oktober 1835 und bezeugen Jahn
die Beibehaltung seiner " ruhigen Lebensweise" und bestätigen
jeweils den Bericht vom 1. Juli 1836. Lediglich im Bericht vom 19. 1. 1838 wird
Zusätzliches berichtet: Bei Jahn hätten sich Leute aufgehalten, dabei
hätten sich zwei Namen "aber von mir nicht haben ausgemittelt werden
können". (pag. 21) Der Bericht vom 2. April 1839 ist danach offenbar
im gleichen Wortlaut am 2. 7., 1. 10. und 31. 12. 1839 sowie am 2. 1., 2. 4.
und 10. 7. 1840 wiederholt und deshalb in die Akte nicht im Wortlaut aufgenommen
worden, lediglich die Postausgangsdaten sind neben dem Wortlaut des Berichts
vom 2. 4. 1839 festgehalten. (pag. 21, Rückseite)
Die Beendigung der Polizeiaufsicht über Jahn wird mit dem Brief des Freyburger Bürgermeisters an den Landrat, datiert auf den 19. 8. 1840, eingeleitet. Darin verweist er darauf, dass der preußische König - es handelt sich dabei um Friedrich Wilhelm IV., der der Nachfolger seines Vaters, Friedrich Wilhelms III. (+ 7. 6. 1840) war und wegen seiner scheinbar liberalen Haltung allseits mit großen Erwartungen begrüßt wurde - "alle diejenigen welche sich während der Regierung des hochseligen (?) früheren Königs des Hochveraths, des Landesverraths, der Majestätsbeleidigung, der Theilname an unerlaubten Verbindungen und Erregung von Mißvergnügen gegen die Regierung schuldig gemacht haben, ... vollkommen und ohne alle Einschränkung zu begnadigen geruht. In Folge dessen dürfte nach meinem ... Dafürhalten auch die polizeiliche Aufsicht welche ich über den Dr. phil. Ludwig Jahn hier zu führen habe, jetzt ohne weiteres aufzuheben sein." (pag. 22) Abschließend bittet der Bürgermeister den Landrat um Unterstützung seiner Bitte, die polizeiliche Aufsicht über Jahn aufzuheben. Jahn hatte, wie aus seinem Mahnschreiben vom 30. 10. 1840 hervorgeht, am 23. August ein entsprechendes Gesuch mit der Bezeichnung "zu eigenen Händen" an den Innen- und Polizeiminister v. Rochow gerichtet. (Die Briefe F. L. Jahns, a.a.O, XI, Nr. 2, S. 463) Mit dem nächsten in die Akte Jahn aufgenommenen Dokument, dem Brief des preußischen Ministers des Innern und der Polizei von Rochow vom 31. 10. 1840 an die "Königl. Regierung zu Merseburg", wird dann der erste Schritt zur Rehabilitierung Jahns vollzogen: "Der Königl. Regierung wird hierdurch zur Kenntnißnahme und weiteren Veranlassung bekannt gemacht, dass des Königs Majestät die durch die Allerhöchste Kabinettsorder vom 3ten Mai 1825 gegen den Doctor F. L. Jahn angeordneten polizeilichen Beschränkungen, welche der Königl. Regierung am 6ten Juni 1825 eröffnet worden sind, auf meinen Antrag unterm 23.n d. Mts. wieder aufzuheben geruhet haben, und dass der p. Jahn heute davon in Kenntniß gesetzt wird." (pag. 22, Rückseite) Am 12. November 1840 sendet die Merseburger Regierung eine Abschrift dieses Schreibens an den Querfurter Landrat, der seinerseits dem Freyburger Bürgermeister am 23. 11. 1840 dieses wichtige Schreiben übersendet, die der Freyburger Magistrat am 26. November 1840 an das Landratsamt zu Querfurt zurückschickt. (pag. 22 f.)
Für das Verhalten Friedrich Ludwig Jahns in den Jahren zwischen 1840 und
1852 hatten die 6-jährige Haft und die 15-jährige Polizeiaufsicht
mit allen den von höchster Stelle angeordneten und von den örtlichen
Behörden, wie die Freyburger "Polizei-Akte Jahn" beweist, strikt
befolgten und jederzeit durchgesetzten Maßnahmen schwerwiegende Folgen.
Nicht nur die Briefe Jahns vor seiner Rehabilitierung, sondern auch die danach
geschriebenen legen davon sehr klar Zeugnis ab. Langjährige Haft und Polizeiaufsicht
haben aus dem unbekümmerten, furchtlosen und gesellschaftlich höchst
aktiven Mann, der im 2. Jahrzehnt des
19. Jahrhunderts eine erstaunliche Wirkung auf seine Mitmenschen in Preußen
und in vielen anderen deutschen Staaten ausübte, einen zurückgezogen
lebenden, ängstlichen, verbitterten und resignierenden Mann gemacht, der
Ende 1842, mehr als 2 Jahre nach Ende der Polizeiaufsicht an seinen Freund und
Gönner Dr. Dieffenbach in Berlin schreibt, sein Lebensschiff sei gestrandet,
und er mühe sich vergeblich ab, es wieder flott zu machen (Meyer, Briefe,
XI/15, S. 476). Und an die Turngemeinde zu Limburg (Lahn) schreibt er am 21.
07. 1848: "Meine Zeit ist gewesen, und das verlöschende Licht meines
Lebens mag still verglimmen. Ich ... gehe selbst jeder unschuldigen Volksfreude
seit Jahren aus dem Wege ..."
(Meyer, Briefe, XII/6, S. 539).
Aus der Freiburger Polizeiakte geht hervor, dass es vor allem ökonomischer
Druck war, der von den Behörden ausgenutzt wurde, um Jahn zur Untätigkeit
und Unterwerfung unter die angeordneten, menschenunwürdigen Maßnahmen
zu zwingen. Mit der Drohung, ihm bei Nichtbefolgung der von der Obrigkeit verordneten
Vorschriften die Pension von 1000 Talern, die für ihn und seine Familie
in Freyburg und Kölleda die wichtigste Lebensgrundlage war, zu entziehen,
wurde Jahn gefügig gemacht und gezwungen, sich unauffällig zu verhalten
(pag. 2, pag. 14). Jahns daraus entstandene Verbitterung wird aus vielen Briefen
an seine Freunde, die er mit ironischem Unterton teilte "in die, so was
von mir hielten, als ich noch nichts galt, und in die, so an mir hielten, als
ich nichts mehr war" (Meyer, Briefe, XI/52 vom 17. 01. 1847, S. 521). Die
Zeit seit seiner Verhaftung im Jahre 1819 bezeichnet Jahn als Leidenszeit (Meyer,
Briefe, VIII/6 vom 05. 07. 1831, S. 330). Am 28. 11. 1840 schreibt er an den
Innen- und Polizeiminister v. Rochow: "Auch bin ich in den 21 Jahren so
aus der Welt gekommen, dass ich mir wie ein erwachter Siebenschläfer vorkomme"
(Meyer, Briefe, XI/3, S. 465). Mehrfach bezeichnete sich Jahn sowohl vor wie
nach seiner "Rehabilitation" als "Klausner" bzw. "Einsiedler"
(Meyer, Briefe, X/16 v. 13. 12. 1839, S. 456; XI/47 v. 27. 09. 1846, S. 516;
XIII/3 v. 06. 08.1851, S. 563). Besonders litt Jahn darunter, was er in seinem
Brief an die Frankfurter Turngemeinde am 31. 12. 1843 so formulierte: "Dennoch
habe ich für alle einzelnen Verirrungen meiner und anderer Turner büßen
müssen; jedes Aufwallen ist mir in die Schuhe geschoben und mit mir der
Sache. Jeder vorschnelle Spruch, jede vorwitzige Rede galt als meine Aufgabe.
Jedes Lied, was auch noch nicht vor meine Ohren gekommen, scholl den Anklägern
und Turnfeinden als Widerhall meiner Brust." (Meyer, Briefe, XI/21, S.
488) Jahn beklagt 1840, dass er seit 21 Jahren nichts mehr für das Turnen
tun konnte (Meyer, Briefe, XI/3 v. 28. 11. 1840, S. 465), und am 26. 12. 1847
stellt er fest, dass das Leben mit der Jugend jung erhalte, eine Frau habe jedoch
"darin besser als wir Männer, die wir leicht in demagogischen Verruf
kommen können" (Meyer, Briefe, XI/60, S. 528). Resignierend schreibt
er 1844 an Dürre, einen seiner wertvollsten Vorturner auf der Hasenheide,
"vom Manne der Tat bin ich längst nur noch zum Raten zu brauchen,
da ich, aus höherer Pflicht, die schwere Kunst übe, mich um die Zeit
zu betrügen, weil man der Zeit auch Zeit lassen muß" (Meyer,
Briefe, XI/26 v.
13. 01. 1844, S. 496). 5 Tage vorher hatte er sich bereits deutlicher Dürre
gegenüber geäußert mit den Worten, "nur durch Stillsitzen
und Stillschweigen kann ich dem Turnen nützen" (Meyer, Briefe, XI/23
v. 08. 01. 1844, S. 492). Von tiefer Resignation zeugt auch der Satz, den er
in einem Brief vom 14. 02. 1841 an den Innen- und Polizeiminister v. Rochow
schrieb: "Die Zeit gleicht alles aus. Ich aber mag weder den einen zur
Lust, den anderen zur Last sein und keinem zur Schau" (Meyer, Briefe, XI/8,
S. 470). Die Auswirkungen der Bedrückungen durch Haft und Polizeiaufsicht
auf Jahn sind selbst einVierteljahr vor seinem Tode noch deutlich erkennbar,
wenn er in einem Brief an einen Bekannten sich im Anschluß an ein aus
einer Zeitung vom Jahre1830 entnommenes Zitat, "mich schreibert gar selten",
mit den Worten fortfährt, "Wen sollte ich auch wohl schreibern, wenn
er erlebt hat, dass auf freundschaftliche Briefe, wo die Briefsteller sich gehen
ließen, auf Stammbuchblätter und Tagebücher der sich selbst
lebendig zergliedernden Schreibphilister, die Kamptzische Demagogenverfolgung
zumeist und zunächst gebaut war." (Meyer, Briefe, XIII/9 v. 21. 07.
1852, S. 569) Seine Verbitterung und sein vor allem daraus erwachsenes Misstrauen
wirkte sich nicht zuletzt auch auf sein Verhältnis zu ehemaligen verdienten
Weggefährten aus der Zeit der Hasenheide und der Befreiungskriege, auf
sein Verhältnis zu Maßmann (Meyer, Briefe, XI/19 v. 13, 10. 1843,
S. 482 f. und XI/46 v. 31, 08. 1846, S. 513; Minister Eichmann hatte Maßmann
nach Berlin berufen, während Jahn überhaupt nicht beachtet wurde,
was ihm die ironische Bemerkung entlockte, "die Turner möchten durch
meinen Umgang verlernen - Gesundheit zu rufen, wenn der Hohe Magistrat nieset")
und zu Ernst Eiselen, dem Mitverfasser des Buches über die Turnkunst von
1816 (Meyer, Briefe XI/19 v. 13. 10. 1843, S. 483): "Turnmeister, Turner
und das Turnen sind verfolgt worden. Ernst Eiselen ist unangefochten geblieben.").
Vielfach wird in der Jahnliteratur die Ansicht vertreten, Jahn hätte sich
auf Grund der negativen Frankfurter Erlebnisse 1848/49 schließlich resignierend
und verbittert in sein Freyburger Haus zurückgezogen. Über das Frankfurter
Jahr hat er sich jedoch durchaus nicht in diesem Sinne geäußert.
"Ich kann auf Frankfurt ohne Selbstvorwürfe zurückblicken, und
die dort verlebte Zeit ist nicht das schlechteste Jahr meines Lebens",
schreibt er im Dezember 1849 an einen guten Freund (Meyer, Briefe XII/31, S.
559). Das und die anderen hier zitierten brieflichen Äußerungen sprechen
eher dafür, dass die Hauptursache für Jahns Resignation und Verbitterung
in den Bedrückungen zu suchen ist, die er seit 1819 in 6-jähriger
Haft und in der Zeit danach unter den menschenunwürdigen Bedingungen polizeilicher
Aufsicht und Kontrolle erleben musste.

Freundschaftsbande, Freundschaftsbünde Friedrich Ludwig Jahns
Der von mir gewählte Vortragstitel mag manche Zuhörer und späteren
Leser etwas überraschen. Einige werden sich noch gut an die überregionalen
Presseartikel zum
150. Todestage Jahns im vergangenen Jahr erinnern; dort wurde Jahn auf breiter
Front so dargestellt, als habe er fast nur mit und aus politischen Feindbildern
leben können. In dem auf drei Bände angewachsenen neuen Sammelwerk
über Deutsche Erinnerungsorte' taucht Jahn erstaunlich häufig
im Personenregister auf; in vier verschiedenen Beiträgen ist er als mehr
oder minder negative Erinnerungsfigur präsent, gemessen an heutigen Bekenntnissen
zur sogenannten politischen Korrektheit. Lediglich im Beitrag von G. Pfister
wird eine andere Tonart angeschlagen.
Aber ist dies überhaupt vorstellbar, dass ein Mensch in seiner engeren
Umgebung und weiteren Gesellschaft nur aus Feindbildern heraus lebe und agiere?
Sind denn nicht auch Freundschaftsbande notwendig und hilfreich für unsere
soziale Existenz - damals wie heute? Es scheint, dass im Falle Jahns seine teils
stärkeren, teils schwächeren Gruppenbindungen und Freundschaftsbande
bislang zu wenig beleuchtet wurden; deshalb soll im folgenden versucht werden,
allzu einseitige Ansichten über Friedrich Ludwig Jahn in ein anderes Licht
zu rücken.
Ich versuche dies mit einer knappen Skizze zu einer frühen Freundesgruppe
aus Jahns langer Hochschulzeit; ergänzend kommen gegen Ende ein paar personenbezogene
Beispiele zu lebenslangen Freundschaftsbanden in den Jahn'schen Netzwerken hinzu.
Zwei Jahre nach Beginn seines Studiums in Halle, im März 1798, schloss
sich Jahn einer der damaligen reformorientierten Studentenverbindungen an, dem
Orden Unitas bzw. der Eintracht. Kernbegriffe und Leitmotive dieser teilweise
geheim agierenden, weil staatlich verfolgten Verbindung waren Eintracht, Freundschaft
und wechselseitiges Vertrauen. In einem Stammbuchblatt für Jahn vom Mai
1799 brachte einer seiner Ordensbrüder die sich wechselseitig bedingenden
Aspekte sehr schön zum Ausdruck:
| "Freundschaft ist ein Geschenk, womit E i n t r a c h t nur ihre Vertrauten beglückt. Um einen Antheil an ihren Wohlthaten zu erhalten, muß man ihr ein Opfer gebracht haben, und um mit ihren Freuden bekannt zu werden, muß man mit Ihr selbst bekannt seyn." |
Jahn selbst schrieb einem anderen Ordensbruder ins Stammbuch:
| "Freundschaft ist der erste Kampfpreis; Zufriedenheit das zweite Loos; Wer aber beides fand und errang, Den schmückt die köstlichste Krone." |
Den stärksten freundschaftlichen Rückhalt fand Jahn damals jedoch weniger in Halle, sondern eher unter etwas jüngeren Ordensbrüdern in Jena; dort war er zwar nie eingeschrieben, aber häufig zu Gast. Hier lassen sich denn auch Namen und Kleingruppen fassen, deren gemeinsames Band vor allem durch wechselseitiges Vertrauen gebildet wurde; so etwa
- bei der jeweiligen Stellensuche und Karriereplanung,
- bei der späteren Gründung des antinapoleonischen geheimen Deutschen Bund',
- bei der gemeinsamen Unterstützung des Lützow`schen Freikorps,
- schließlich bei dem Engagement für die Verbreitung des Turnens.
Ablesen lassen sich die intensiven Freundschaftsbande an den frühen Briefwechseln
Jahns; sie sind teils gedruckt, wie die Briefe an Feuerstein, teils noch ungedruckt,
wie die überlieferten Briefe an Jahn, welche die ältere Forschung
großzügig übergangen hat. Wenigstens einer dieser Briefe sei
hier stellvertretend zitiert; der Ordensbruder Salchow schrieb Jahn im Herbst
1810 unter anderem:
"Ich will nichts von der Welt, sie hat kein Vergnügen mir zu bieten,
das ich nicht ... bald ermüdend gefunden hätte - das der Freundschaft
abgerechnet, die indeß keine Frucht der Welt, sondern unserer Herzen war".
Salchow war, nebenbei bemerkt, einer der wenigen engen Freunde, denen Jahn brieflich
auch sein zeitweiliges Liebesleid offenbaren konnte.
Bekannter aus den gedruckten Briefen ist Jahns acht Jahre jüngerer Jenaer
Busenfreund Fritz Wolf Feuerstein. Wir finden den angehenden Mediziner später
im Deutschen Bund', im Gruner'schen Agentennetz, dann als Regimentsarzt
im Lützow'schen Freikorps und dessen Folgeeinheit. Noch Ende der 1830er
Jahre verabredete Feuerstein einen Familienbesuch bei Jahn in Freyburg. Nach
Jahns Tod war Feuerstein einer der ersten, der die aufbewahrten Briefe der Freundschaft
der Turnerschaft testamentarisch zur Publikation überließ.
Ein weiteres Beipiel wäre aus der jüngeren Gruppierung der Burschenturner
der spätere Jurist
Ulrich. Er hat, nach Briefzeugnissen Jahns, diesen mehrfach mit seiner Familie
in Freyburg besucht. In Königsberg war Ulrich 1847 Gründer des dortigen
Turnverens; zugleich engagierte er sich wie Jahn in der innerkirchlichen Oppositionsbewegung
der Lichtfreunde'.
(Diese Gruppierung mit ihren spezifischen Freundschafts- und Vertrauensbanden
wird inzwischen von J. Bartmuß weiter untersucht).
Solche Einzelbeispiele ließen sich durchaus vermehren, worauf hier jetzt
verzichtet wird. Doch ein Aspekt soll noch gestreift werden, die langfristige
Wirkung früherer Gruppenbindungen.
Jahn war nach dem Brand seiner Freyburger Wohnung (1838) und den dann begonnenen
Hausbau, wie bekannt, in erhebliche finanzielle Not geraten. Hier griffen schließlich
gute Freunde ein. Ehemalige Lützower und Burschenturner organisierten eine
Geldsammlung mit letztlich zufrieden stellendem Erfolg für Jahn. Entscheidend
sind daran m.E. nicht so sehr die gesammelten Taler, die man zusammenrechnen
und bei Pröhle nachlesen kann. Entscheidender waren die Personen und Personengruppen,
die da spendeten und einem in Not geratenen Freund selbstlos weiterhalfen. Teilweise
gab man symbolisch und faktisch zurück, was Jahn persönlich in früheren
Jahren jüngeren Freunden und Weggefährten an Starthilfen hatte zukommen
lassen.
Hier haben wir, so meine ich, ein konkretes Beipiel und einen Einstiegsbereich,
um die langfristigen Gruppenbindungen und Freundschaftsbande Jahns genauer zu
untersuchen. Aus der weiteren Erhellung solcher Gruppengeflechte und Freundschaftsbande
könnte partiell ein anderes Jahnbild entstehen!
Anmerkungen:
1) Kurzvortag zur Mitgliederversammlung des Fördervereins am
22. Aug. 2003. - Der Duktus des Vortrages wird hier beibehalten; auf Quellenbelege
und Literaturhinweis
