Zu Besuch bei Turnvater Jahn in Freyburg

Nur wenige Kilometer vor den Toren der Domstadt Naumburg liegt im Schutze der mächtigen Neuenburg die historische „Jahn- und Weinstadt“ Freyburg. Dass die kleine Stadt auf eine 1000jährige Weinbautradition zurückblicken kann, verdankt sie einem Glücksfall der Natur: Auf den Muschelkalkhängen der Unstrut wachsen nämlich nicht nur Orchideen, sondern hier gedeiht auch ein feiner Wein. Dass Freyburg aber auch zur Jahnstadt wurde, hat etwas mit einem weit weniger glücklichen Kapitel der Geschichte zu tun.

Im Jahre 1819 wurde Friedrich Ludwig Jahn nämlich im Zuge der einsetzenden „Demagogenverfolgung“ verhaftet. Selbst sein Freispruch nach sechsjähriger Festungshaft brachte ihm nicht die ersehnte Freiheit: Unter der Auflage, sich in keiner Universitäts- oder Gymnasialstadt niederzulassen, wurde er unter Polizeiaufsicht gestellt und wählte als Wohnsitz Freyburg, das er in seinen studentischen Wanderjahren kennen gelernt hatte. Er erwarb später am Hang des Schlossberges ein Grundstück und baute mit finanzieller Hilfe seiner treuen Turnfreunde hoch über der Stadt ein Haus.

Nach seinem Tod (1852) musste das Haus veräußert werden. Erst 1919 konnte es die Deutsche Turnerschaft erwerben und nach einer Zwischennutzung 1936 zum Jahn-Museum umgestalten. Im Zuge dieser Maßnahme verlegte man auch das Grab Friedrich Ludwig Jahns in den „Ehrenhof“ des Wohnhauses. Seit 1995 liegt die Nutzung des Anwesens und der Betrieb des Museums in der Obhut des Jahn-Fördervereins, der das Haus nach Jahns eigenen Bauplänen denkmalgerecht in den ursprünglichen Zustand zurückversetzte und die ständige Ausstellung völlig neu gestaltete.

Bei einem Besuch in Freyburg lohnt es sich auf jeden Fall, einen Abstecher zu Jahns Wohnhaus zu machen, denn das Jahn-Museum zeichnet jetzt in vier Ausstellungskomplexen anhand wertvoller Exponate ein differenziertes und interessantes Bild Jahns. Der Rundgang beginnt natürlich mit Jahn als dem Begründer des Turnens und der Turnbewegung. Jahn erscheint hier in seiner Rolle als Pädagoge. Der Rundgang wendet sich dann der Person Jahns und seinem Privat- und Familienleben zu. Hier wird der Museumsbesuch wirklich zu einem Besuch bei Turnvater Jahn. Im dritten Komplex wird Jahn der Publizist und Patriot dargestellt. Im letzten Teil geht es um das Wirken Jahns als Politiker und um die bedeutende Rolle Jahns in der deutschen Nationalgeschichte. Das Jahn-Museum in der Schloßstraße 11 ist dienstags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr (von April bis Oktober bis 17 Uhr) geöffnet.

Beim Bummeln durch die idyllische Winzerstadt mit ihren einladenden Weinlokalen und Restaurants wird der Besucher auf zwei weitere Gebäude stoßen, die an Jahns Freyburger Zeit erinnern: Die Erinnerungsturnhalle (linkes Bild) wurde 1894 von der Deutschen Turnerschaft errichtet und enthielt in einem kleinen Zimmer das erste Jahn-Museum. Unter dem Jahn-Denkmal an der Giebelseite befand sich das erste Ehrengrab des Turnvaters. Das Museumszimmer erwies sich sehr schnell als zu klein. Deshalb ließ die Deutsche Turnerschaft schon 1903 einen stattlichen neuen Museumsbau errichten, der heute unter dem Namen Ehrenhalle (rechtes Bild) festlichen Veranstaltungen und wissenschaftlichen Kongressen als würdiger Rahmen dient, während die Erinnerungsturnhalle noch immer für ihren ursprünglichen Zweck genutzt wird. Beide Gebäude können besichtigt werden.

Der kulturbeflissene Besucher Freyburgs wird sicher auch zur Neuenburg hinaufpilgern (oder hinauffahren). Als Burg der mächtigen Landgrafen von Thüringen war sie gewissermaßen ein „Zweitwohnsitz“ der heiligen Elisabeth von Thüringen, deren Geburtstag sich heuer zum 800. Mal jährt. Die Neuenburg soll der Legende nach der Ort des Kreuzwunders gewesen sein, bei dem ein Aussätziger, den die mildtätige Elisabeth aufgenommen hatte, sich in den Gekreuzigten verwandelte – eines der vielen Wunder, die Elisabeth zu einer „Nationalheiligen“ des Mittelalters machten. Heute ist die Neuenburg natürlich ein höchst sehenswertes Museum.

Wer sich dagegen mehr zur Weinkultur hingezogen fühlt, wird vielleicht eher zur Rotkäppchen Sektkellerei pilgern. Auch sie ist eine Freyburger Sehenswürdigkeit und auch sie kann besichtigt werden.

Karl Thielecke