Friedrich Ludwig Jahn zum Geburtstag

Hoch verehrter Herr Prof. Dr. Jahn, lieber Turnbruder,

Am 11. August jährt sich Ihr Geburtstag zum 229. Mal. Ich nehme das zum Anlass, einen sehr persönlichen Dankesbrief an Sie zu richten, wohl wissend, dass er Sie nie erreichen wird. Aber insgeheim hoffe ich natürlich, dass er andere Leser findet.

Es gibt in unserer deutschen Geschichte vermutlich nicht viele Persönlichkeiten, die derart sichtbare Spuren ihres Wirkens hinterlassen haben wie Sie – und mit Spuren meine ich nicht die vielen Denkmäler, Schulen, Straßen, Turnhallen, Sportplätze, Vereine usw., die ihren Namen tragen. Manche Leute, selbst solche aus den Turnverbänden und Schulverwaltungen, sehen das als abgeschlossene Traditionspflege, einige „Modernisierer“ finden es sogar anstößig. Dabei sind Sie viel gegenwärtiger als solchen Leuten bewusst ist und manchmal melden Sie sich sogar eindrucksvoll aus der Vergangenheit zurück. Man denke nur an das letzte Jahr, als Deutschland plötzlich und unerwartet in einem schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer versank. Schwarz-Rot-Gold: Unsere ursprünglichen Turnerfarben, die auf Sie zurückgehen und die sich 1832 beim Hambacher Fest in den Herzen der Deutschen als die deutschen Nationalfarben durchsetzten. Überhaupt das Hambacher Fest: Vor wenigen Wochen feierte das politische Deutschland den 175. Jahrestag dieses Ereignisses als einen Meilenstein der deutschen Demokratie. Nur wenigen, die darüber geredet und geschrieben haben, war bewusst, dass das Hambacher Fest die direkte Fortsetzung des Wartburgfestes von 1817 war und dass es in Hambach über weite Strecken um Forderungen ging, die schon die Burschenturner von 1817 unter Ihrem Einfluss auf der Wartburg postuliert hatten. Immer wieder erweist sich so der (vermeintlich) aufs museale Altenteil abgeschobene „Turnvater“ als äußerst aktuell und irgendwie kommt keiner so richtig an Ihnen vorbei – nur der DTB hat leider die Gelegenheit versäumt, diesen, seinen ureigensten, Teil am deutschen Nationalerbe für sich zu reklamieren.

Dieses alles habe ich aber nicht gemeint, als ich vorhin von den sichtbaren Spuren Ihres Wirkens sprach. Ich habe damit etwas viel näher Liegendes und Alltäglicheres gemeint: Noch immer nämlich beeinflussen Sie ganz direkt das Leben vieler unserer Mitbürger und bereichern es, indem Sie Tag für Tag eine nach Millionen zählende Menschenschar im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung setzen. Ihre große, und für Ihre Zeit geradezu revolutionäre Idee, mit der Sie den Lebensstil der folgenden Generationen auf eine damals noch unvorstellbare Weise umkrempelten, ist natürlich das Turnen. Durch Ihr Turnen bestimmen Sie, zum Beispiel, auch meinen Wochenrhythmus: Montags, dienstags und freitags bin ich in der Turnhalle – und das schon fast ein ganzes Leben lang! Ohne meine Turnerinnen und Turner und ohne die Turnerei insgesamt wäre mein Leben entschieden ärmer. So wie mir geht es vielen zehntausend Übungsleiterinnen und Übungsleitern in Deutschland – auch denen, die sich nicht, wie ich, bewusst in Ihrer Nachfolge sehen. Der Stein, den Sie 1811 ins Rollen brachten, erfüllt uns heute noch mit Begeisterung und unsere Schützlinge vom Kinder- bis zum Seniorenalter lassen sich davon immer wieder von Neuem anstecken und mitziehen. Ja, Sie bereichern noch immer unser Leben!

Vieles in der Turnerei hat sich seit Ihrer Zeit geändert und es wird oft gemutmaßt, dass Sie das, was wir heute so treiben, mit Missfallen betrachten würden. Das glaube ich aber nicht. Das Besondere an ihrer Turnerei ist ja die von Anfang an darin angelegte Offenheit und Dynamik. Das, was Sie 1816 in Ihrer „Deutschen Turnkunst“ veröffentlichten, war das Ergebnis eines fünfjährigen, ununterbrochenen Experimentierens und Erprobens. Wer kann heute schon sagen, wohin Sie Ihr Weg noch geführt hätte, wenn die Turnsperre Ihre Bemühungen nicht jäh gestoppt hätte? Vieles, worauf wir heute so stolz sind, war in der Hasenheide nach Ziel und Methode schon vorhanden. Denken wir nur an unsere modernen Fitnessstudios: Was eigentlich ist der prinzipielle Unterschied zwischen Ihren Turnplätzen und den neuen Studios (außer, dass die Studios überdacht, geheizt und teuer sind)? Auch die Turnplätze dienten zuförderst der körperlichen Ertüchtigung; Reck, Barren und Klettergerüst waren die ersten Kraftmaschinen, schon lange, bevor an ihnen die ersten Kunststücke geturnt wurden.

Der Turnplatz auf der Hasenheide war auch der Geburtsort des Kunstturnens, das sich zu einem deutschen Exportschlager sondergleichen entwickelt hat. Die Hasenheide war aber vor allem die Wiege dessen, was wir heute „Breiten-, Freizeit- und Gesundheitssport“ nennen. Den hatten wir in Deutschland schon vor 160 Jahren und früher als anderswo. In vielen Ländern der Erde fasst die „Sport for all“-Bewegung nach dem „deutschen Modell“ erst jetzt langsam Fuß.

Wenn man Ihre Schriften ein wenig vom Staub der Geschichte befreit, dann stellt man darin eine bemerkenswerte Aktualität fest. Allen Missgünstigen, die Ihre Verdienste nicht anerkennen wollen, zum Trotz: Wir haben Ihren Grundideen nur wenig hinzugefügt, sind aber auf vielen Gebieten weit hinter ihnen zurück geblieben – und das nicht nur auf pädagogischem Gebiet. Im Laufe der Jahre ist uns in vielen Bereichen die von Ihnen so hoch geschätzte Brüderlichkeit abhanden gekommen und von manchen „Modernisierern“ wird das Turnen gar nur noch als Geschäftsfeld, als „Marke“ und als monetär zu bewertendes Wirtschaftsgut betrachtet. Dieses sollten wir als Turnfamilie nicht ohne gründliche Diskussion und Widerstand hinnehmen – ebenso wie wir die extremen und bis ins Unmoralische überspitzten Leistungsforderungen des Kunstturnens, das Doping u.v.m. nicht einfach hinnehmen sollten.

Ihr Turnen, lieber Turnbruder Jahn, lebt. Und so werde ich denn hoffentlich noch einige Zeit montags, dienstags und freitags in die Turnhalle eilen, nicht um eine verstaubte Tradition zu pflegen, sondern um das höchst moderne und sich immer wieder erneuernde und faszinierende Turnen an die nächste Generation weiterzureichen.

Mit aufrichtigen turnbrüderlichen Grüßen,

Ihr Karl Thielecke aus Regensburg