Das Wartburgfest 1817 - Der Anfang der deutschen Bewegung im 19. Jahrhundert

Als das politische Deutschland im Mai dieses Jahres den 175. Jahrestag des Hambacher Festes als einen Meilenstein auf dem Wege zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland würdigte, wird kaum einem der Festredner bewusst gewesen sein, dass der Aufbruch der Deutschen zu einem einigen und demokratisch verfassten Staat schon fünfzehn Jahre vorher auf der Wartburg stattgefunden hatte (1) und dass die Ergebnisse des Wartburgfestes die politische Agenda nicht nur von Hambach, sondern auch die der folgenden 150 Jahre nachhaltig beeinflusst haben.

Die Vorgeschichte
Nach den Befreiungskriegen erhofften sich die meisten Deutschen die Wiederherstellung des Deutschen Reiches und die Errichtung eines rechtsstaatlich-demokratischen Staatswesens, so wie es die Fürsten in der Stunde der Not versprochen hatten. Der Wiener Kongress (1815) machte diese Träume zunichte. Vor allem die Studenten, von denen viele 1813 Leib und Leben für die Freiheit Deutschlands eingesetzt hatten, fühlten sich betrogen. 1815 gründeten Jenaer Studenten, viele von ihnen Turner und ehemalige Lützower Jäger, mit Unterstützung des „Turnvaters“ Friedrich Ludwig Jahn die Urburschenschaft, deren Ziel es war, alle deutschen Studenten zusammenzufassen, das landsmannschaftliche Denken zu überwinden und den Nationalgedanken zu pflegen. Von Jena aus erging zu diesem Zweck (möglicherweise auf Betreiben Jahns) im Sommer 1817 an 13 deutsche Universitäten die Einladung zu einem Fest auf der Wartburg. Anlass sollten der 300. Jahrestag des Thesenanschlags Martin Luthers (31. Okt. 1517), die vierte Wiederkehr der Völkerschlacht bei Leipzig (16.-19. Okt. 1813) und ein erstes Bundesfest der Burschenschaft sein. Die Wartburg war in Erinnerung an die Übersetzung des Neuen Testaments und die Schaffung der deutschen Schriftsprache durch Luther gewählt worden und weil sie in Sachsen-Weimar-Eisenach, dem liberalsten unter den deutschen Kleinstaaten, lag.

Das Fest auf der Wartburg
Die Einladung erregte überall Begeisterung und das Fest wurde, trotz der Warnungen mehrerer Regierungen, von Großherzog Carl August genehmigt, der die Behörden anwies, die Feiern zu unterstützen - und den Landsturm zum eventuellen Einsatz gegen die Studenten in Bereitschaft zu versetzen! Insgesamt trafen mehr als 450 Studenten (d.h. jeder 20. der damals Studierenden!) von allen deutschen Universitäten, viele Altakademiker und einige liberale Professoren in Eisenach ein. Am Morgen des 18. Oktobers 1817 begaben sich die Teilnehmer, immer zu zweit gehend, in einem langen Zug zur Wartburg hinauf. Dabei führten sie die Fahne der Jenaischen Burschenschaft in den Farben rot-schwarz-rot mit goldenen Fransen und mit goldenem Eichenlaub bestickt (2) mit sich.
Das Fest hatte in Erinnerung an die Reformation deutliche religiöse und nationale Züge. Man betete und sang Ein feste Burg ist unser Gott und Nun danket alle Gott. Heinrich Herrmann Riemann hielt eine mutige und selbstbewusste Rede, in der er die glückliche Befreiung Deutschlands mit dem Auszug der Kinder Israel aus Ägypten verglich. Professor Lorenz Oken forderte die Auflösung der Landsmannschaften und sprach sich gegen die Zersplitterung Deutschlands aus. Bei einem gemeinsamen Mittagessen wurden viele patriotische Trinksprüche ausgebracht.
Anschließend zog man zur Stadt zurück und feierte gemeinsam mit dem Landsturm einen Gottesdienst in der Marktkirche. Danach kam es zu einer Verbrüderung mit dem Landsturm und zur Vorführung Jahnscher Turnübungen vor den staunenden Eisenacher Bürgern.

Die Bücherverbrennung auf dem Wartenberg
Am Abend zogen die Studenten in einem Fackelzug auf den nahen Wartenberg und entzündeten zur Erinnerung an den Sieg über Napoleon ein Siegesfeuer. Hauptredner war hier Ludwig Rödiger, der in einer begeistert aufgenommenen Rede den studentischen Unmut scharf artikulierte. Der Protest erreichte einen Höhepunkt, als einige Studenten unter Führung des Jahnschülers Hans Ferdinand Maßmann begannen, „undeutsche“ Bücher, wie den Code Napoleon, Kotzebues Geschichte des deutschen Reichs und Saul Aschers Germanomanie unter entsprechenden Kommentaren zu verbrennen. Den Flammen überantwortet wurden als Symbole des verhassten reaktionären Geistes auch ein preußischer Ulanenschnürleib, ein hessischer Militärzopf und ein österreichischer Korporalstock (3). Das erregte in besonderem Maße den Unwillen der regierenden Fürsten.

Die Grundsätze und Beschlüsse des 18. Oktobers
Das Wartburgfest wurde am 19. Oktober mit einer Diskussion über Fragen der studentischen Verantwortung gegenüber dem Staat fortgesetzt. Höhepunkt war eine Rede des Heidelberger Studenten Friedrich Wilhelm Carové. Eine Zusammenfassung (und wahrscheinlich Ergänzung) der Ergebnisse der Diskussionen auf der Wartburg erarbeitete später ein kleiner Kreis Jenaer Studenten, dem auch Heinrich von Gagern, der erste Präsident der Frankfurter Nationalversammlung, angehörte. Diese Beschlüsse mit dem Titel Die Grundsätze und Beschlüsse des 18. Oktobers waren so brisant, dass sie aus Angst vor Repressalien nicht veröffentlicht, aber trotzdem durch viele Abschriften in ganz Deutschland verbreitet wurden. Sie nehmen die Forderungen (insbesondere Freiheit der Person, Sicherheit des Eigentums, Meinungs- und Pressefreiheit, Einrichtung von Schwurgerichten, Ministerverantwortlichkeit, Gleichheit vor dem Gesetz) vorweg, die in Hambach so leidenschaftlich diskutiert wurden und sie flossen teilweise wörtlich in die Paulskirchenverfassung (1849), die Weimarer Verfassung (1919) und das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (1949) ein. Neben der Tatsache, dass das Wartburgfest der Ausgangspunkt der Deutschen Bewegung des 19. Jahrhunderts war, liegt gerade in diesen Grundsätzen und Beschlüssen die bleibende Bedeutung des Wartburgfestes für die Entstehung des demokratischen deutschen Rechtsstaates. Zugleich zeigen die Ereignisse des Wartburgfestes, wie untrennbar die Geschichte der frühen Turnbewegung und die deutsche Nationalgeschichte miteinander verwoben sind. (4)

Karl Thielecke


Anmerkungen und weiterführende Literatur

(1) Dabei hatte schon 1832 der Heidelberger Student Karl Heinrich Brüggemann darauf hingewiesen, dass das Hambacher Fest die direkte Fortsetzung des Wartburgfestes sei und er hatte seine Zuhörer aufgefordert, nun alle zu dem zu stehen, was die deutsche Jugend auf der Wartburg geschworen habe.

(2) Die Turnerfarben Schwarz, Rot und Gold setzten sich 1832 in Hambach in der jetzt üblichen Anordnung als die deutschen Nationalfarben durch.

(3) Die Bücherverbrennung auf dem Wartenberg hatte einen maßgeblichen Anteil am späteren Zustandekommen der „Karlsbader Beschlüsse“ der Turnsperre, der „Demagogenverfolgung" und letztlich auch der Inhaftierung und Verbannung Jahns.
Die Bücherverbrennung wirft aber auch einen dunklen Schatten auf das Fest und erschwert eine gerechte Würdigung seiner Bedeutung.

(4) Die beiden folgenden Aufsätze eignen sich besonders gut für eine vertiefende Lektüre:
Eike Wolgast, „Feste als Ausdruck nationaler und demokratischer Opposition – Wartburgfest 1817 und Hambacher Fest 1832.“
Peter Kaupp, „ ‚Aller Welt zum erfreulichen Beispiel’ Das Wartburgfest von 1817 und seine Auswirkungen auf die demokratischen deutschen Verfassungen“
Beide Aufsätze finden Sie unter www.jahn-museum.de >> Jahn-Bibliothek