August Schärttner – Turner und Revolutionär

Ein beinahe vergessener Geburtstag

Vor 190 Jahren (1) begann in Hanau das kurze, aber bewegte Leben des August Ferdinand Schärttner, der in der deutschen Turnbewegung und in der Revolution von 1848/49 eine führende Rolle spielte und heute doch fast vergessen ist.

Schärttner hatte bei seinem Vater das Küfnerhandwerk gelernt und war dann auf „die Walz“ gegangen. Nach seiner Rückkehr (1837) schloss er sich der soeben erst gegründeten Turngemeinde Hanau an, wurde 1841 deren Vorsitzender und zwei Jahre später Gründungsmitglied der Hanauer Turnerfeuerwehr. Damit war er einer der Pioniere des Turnerfeuerwehrwesens, das sichtbarer Ausdruck des Gemeingeistes und des Bürgersinns der frühen Turnbewegung war. Schärttner war 1844 auch für die turnerische Leitung des ersten Feldbergfestes (2) verantwortlich.

Als ein Mann mit starken politischen Überzeugungen begann Schärttner schon 1840 Kontakte mit Turnern aus Frankfurt, Offenbach und Mainz zu knüpfen, aus denen sich der erste deutsche Turnverband, der Rheinischhessische Turnbezirk, entwickelte. Nachdem er im Revolutionsjahr 1848 als Mitglied der Hanauer Volkskommission dem Kurfürsten von Hessen-Kassel neben anderen Grundrechten die Versammlungsfreiheit abgerungen hatte, erließ die Hanauer Turngemeinde am 19. März 1848 an alle deutschen Turnvereine eine Einladung zu einer Zusammenkunft in Hanau am 2. April. Das Ergebnis dieses ersten Deutschen Turntages, an dem auch Friedrich Ludwig Jahn teilnahm (3), war die Gründung des Deutschen Turnerbundes. Hanau wurde zum geschäftsführenden Vorort bestimmt. Dieser erste Deutsche Turnerbund war nun allerdings kein Verband für Leibesübungen im heutigen Sinne, sondern eher eine politische Organisation mit den Aufgaben einer (damals noch nicht zulässigen) politischen Partei.

Da sich die Turner im April nicht auf gemeinsame politische Ziele hatten einigen können, berief Schärttner einen zweiten Turntag für den 2./3. Juli, wieder in Hanau, ein. Uneinigkeit über die Frage, ob das erstrebte wiedervereinigte Deutschland eine konstitutionelle Monarchie oder eine Republik sein solle, führte zum Bruch zwischen Schärttner und Jahn und zu einer Spaltung des jungen DTB. Schärttner legte den Vorsitz nieder und gründete mit seinen Parteigängern den Demokratischen Turnerbund.

In den Jahren 1848/49 überschlugen sich in Deutschland die Ereignisse. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen wurde 1849 von der Frankfurter Nationalversammlung die deutsche Kaiserkrone angeboten, die er aber ablehnte. Als Folge kam es überall in Deutschland zu Unruhen und Revolutionen, von denen die Badische Revolution die bedeutendste war und am konsequentesten das Ziel einer demokratischen Republik verfolgte. Schärttner mobilisierte ein aus Hanauer und Bockenheimer Turnern bestehendes Bataillon und eilte den badischen Gesinnungsgenossen zu Hilfe. Die Badische Revolution wurde jedoch von den vereinigten fürstlichen Armeen niedergeschlagen und Schärttner rettete sich mit den Resten seiner Turnerwehr ins Schweizer Exil. Aus der Schweiz emigrierte er über Frankreich nach London und eröffnete dort ein Lokal, das vor allem von deutschen Emigranten frequentiert wurde. Zu seinen Gästen gehörten so bekannte Persönlichkeiten wie Karl Schurz, Karl Marx und auch der berühmte Architekt Gottfried Semper aus Dresden. Schärttner trat dem „Bund der Kommunisten“ und dem „kommunistischen Arbeiterbildungsverein“ bei (4), überwarf sich aber aus politischen Gründen schließlich mit Karl Marx.

Im Oktober 1857 (acht Jahre nach der Revolution!) wurde Schärttner im Hanauer Turnerprozess in Abwesenheit wegen Hochverrats zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt – einer Strafe, die er natürlich nie antreten musste. Am 22. Februar 1859 verstarb er im Alter von nur 42 Jahren in London. Dort ist er auch begraben.

Dem Turner und Revolutionär August Schärttner wurde nachgesagt, ein rechtschaffener Mann gewesen zu sein, der sich (wie Karl Marx in einem Brief an Friedrich Engels schrieb) unerbittlich für soziale Gerechtigkeit und die Einheit Deutschlands in einer Demokratie eingesetzt habe. Er verdient es, dass wie ihm ein ehrendes Gedenken bewahren.

Karl Thielecke


Anmerkungen:

(1) Der beinahe vergessene Geburtstag war der 31. Januar 1817

(2) Zum ersten Feldbergfest hatte August Ravenstein aus Frankfurt aufgerufen. In einem zeitgenössischen Bericht heißt es: „Nach Ravensteins Rede begannen die Turner der Hanauer Turngesellschaft unter August Schärttner mit den turnerischen Vorführungen. Den Anfang machte der Schneckenaufmarsch, dem das Steinstoßen der Geübten folgte; hieran reihten sich das Ziehringen als Massenkampf, ferner sechs von je acht Turnern gleichzeitig ausgeführte Ringelmühlen und schließlich Freiübungen. Mit fünf gleichzeitig aufgestellten Pyramiden und einem "Lebehoch" endigte das Gebotene. Mit klingendem Spiel ging es dann den Berg hinunter.“

(3) Jahn wohnte in Hanau bei Schärttner und hielt auf dem ersten Turntag eine feurige Rede.

(4) Wegen seiner Mitgliedschaft im „Bund der Kommunisten“ genoss Schärttner in der DDR besondere Wertschätzung. So wurde z. B. die Gerätturnhalle der DHfK in Leipzig nach ihm benannt. Die Halle trägt auch heute noch seinen Namen.