Ein Jahr Friedrich-Ludwig-Jahn-Bibliothek im Internet

Der Friedrich-Ludwig-Jahn-Förderverein in Freyburg an der Unstrut hat sich das Ziel gesetzt, die Erinnerung an die Person und das Werk Friedrich Ludwig Jahns zu bewahren. Zu diesem Zweck wurde vor etwa einem Jahr mit dem Aufbau einer virtuellen Bibliothek im Internet begonnen, die der Leser unter www.jahn-museum.de >> Bibliothek findet.

Aufgabe dieser Textdatenbank soll es unter anderem sein, der ungerechtfertigten Einengung des Jahnbildes auf die Rolle des „Turnvaters“ entgegenzuwirken, denn Jahn war mehr als nur der Begründer des Gerätturnens, als der er heute häufig nur noch gesehen wird. Die Friedrich-Ludwig-Jahn-Bibliothek soll Bausteine für ein komplexeres, differenzierteres und damit realitätsnäheres Bild seines vielschichtigen Wirkens liefern. Durch die Einbettung in die geschichtlichen Zusammenhänge soll die Sammlung zum Verständnis des Phänomens „Jahn“ beitragen und seine turnerische, politische, pädagogische und sprachpflegerische Wirkungsgeschichte nachzeichnen. Dabei wird nicht unterschlagen, dass Jahn schon zu seinen Lebzeiten eine umstrittene Persönlichkeit war und dass sich an ihm auch heute noch die Geister scheiden. Die Texte berücksichtigen daher unterschiedliche Standpunkte der Jahn-Rezeption. Es soll aber auch deutlich werden, welche bleibenden Verdienste er sich bei allem Streit um seine Person erworben hat und in welch erstaunlichem Maße die Geschichte des deutschen Turnens und die deutsche Nationalgeschichte miteinander verwoben sind.

Die Friedrich-Ludwig-Jahn-Bibliothek umfasst inzwischen über fünfzig sorgfältig ausgewählte Titel und bietet damit interessanten und anregenden Lesestoff für viele, viele Stunden. Sie ist trotz dieser noch überschaubaren Zahl von Büchern und Artikeln bereits die größte zusammenhängende turngeschichtliche Textsammlung im Internet und sie wächst ständig weiter.

Um dem interessierten Leser einen leichteren Zugang zu ermöglichen, werden vier Texte als Einstiegslektüre besonders empfohlen:

(1) Gertrud Pfister beschäftigt sich in „Biographien und Wirklichkeiten – Friedrich Ludwig Jahn als soziales Konstrukt“ mit den Schwierigkeiten, die der Versuch historische Ereignisse oder Personen zu rekonstruieren, mit sich bringt. Dieser grundlegende Aufsatz ist ein rechter Augenöffner für Nicht-Historiker.

(2) Horst Ueberhorst gibt in „Die Belebung des Gemeingeistes und des Bürgersinns“ einen gut lesbaren Überblick über die Geschichte des Turnens und ihre Schlüsselfigur Friedrich Ludwig Jahn und lenkt dabei den Blick auf die historisch-politischen Dimensionen des Turnens.

(3) Karen Hagemann hat ihren Aufsatz „Deutschheit, Mannheit, Freiheit“ anlässlich des 150. Todestags Jahns in Die Zeit veröffentlicht. Manchen Leser, der Jahn bis jetzt immer nur als den „Turnvater“ wahrgenommen hat, wird es wundern, Jahn dort vorrangig als einen Politiker kennenzulernen.

(4) Hans-Joachim Bartmuß schließlich macht sich, wie es dem Vorsitzenden des Friedrich-Ludwig-Jahn-Fördervereins wohl zukommt, gründliche „Gedanken zur Jahn Tradition“.

Zu den besonderen Kostbarkeiten der Bibliothek gehören digitalisierte Originalausgaben von Jahns „Deutsches Volksthum“ (2. Auflage von 1817) und dem später dazu von ihm verfassten und weniger bekannten Buch „Merke zum deutschen Volksthum“ (1833) sowie der Aufsatz „Volk, Leut und Deut“, den er als Mitbegründer der Berlinischen Gesellschaft für Deutsche Sprache und Alterthumskunde schrieb. Ebenso rar ist eine digitalisierte Ausgabe von Johann Christoph Friedrich GutsMuths „Turnbuch für die Söhne des Vaterlands“ (1. Auflage von 1817).

Die letztjährigen Jahrestage des Wartburgfestes und des Hambacher Festes haben zur Bildung eines besonderen Schwerpunkts in der Textsammlung geführt: Besonders wertvoll sind die digitalisierten Originalausgaben der ersten Beschreibung des Wartburgfestes von Hans Ferdinand Maßmann und des ersten Zeitschriftenberichts über dieses Fest aus der Zeitschrift ISIS von Prof. Lorenz Oken. Auch sonst ermöglicht die Friedrich-Ludwig-Jahn-Bibliothek schon viele Zeitreisen in ein unbekanntes Land, wo wir zum Beispiel mit Erstaunen feststellen, dass es Turner waren, die an den Wiegen der meisten deutschen Feuerwehren standen. Lassen Sie sich einladen und überraschen!

Und noch ein Wort zur Klärung: Die Friedrich-Ludwig-Jahn-Bibliothek wendet sich nicht an die Fachwissenschaft, sondern in erster Linie an die interessierte Öffentlichkeit. Sie soll zu einer vertieften Beschäftigung mit Jahns Person und Werk und der Turngeschichte anregen. Es ist, das sei hier ausdrücklich gesagt, nicht das Ziel des Projektes, eine wissenschaftliche Bibliothek mit dem Anspruch enzyklopädischer Vollständigkeit zu errichten.

Karl Thielecke