„...für Volk und Vaterland kräftig zu würken...“

Die Turnerfeuerwehren – ein (fast) vergessenes Kapitel der Turngeschichte

„…für Volk und Vaterland kräftig zu würken…“ (1). Mit diesem Jahn-Zitat überschreibt Dieter Langewiesche seinen höchst lesenswerten Aufsatz über die politische und gesellschaftliche Rolle der Turner von den Anfängen bis zur Reichsgründung (2), in dem allerdings die Turnerfeuerwehren nicht vorkommen. Auch Horst Ueberhorst erwähnt in seinem äußerst informativen Überblick „Die Belebung des Gemeingeistes und des Bürgersinns – Von den historisch-politischen Dimensionen des Turnens“ (3) das Thema Turnerfeuerwehren nicht. Die beiden namhaften Historiker stehen damit nicht etwa allein da. Daniel Leupold stellt in seiner Dissertation (2003) fest, dass erstaunlicherweise die Geschichte des freiwilligen Feuerwehrwesens bis jetzt wissenschaftlich so gut wie gar nicht aufgearbeitet worden ist (4) – aus turnhistorischer Sicht besonders bedauerlich, denn die ersten freiwilligen Feuerwehren wurden fast ausnahmslos von oder unter Mitwirkung von Turnern gegründet.

Die Anfänge
Bis in die 1840er Jahre war das Löschwesen in Deutschland (mit Ausnahme von Köln, Trier und Saarlouis) vollkommen unzureichend organisiert. Regelmäßig zeigte sich, dass im Ernstfall die später so genannten “Pflichtfeuerwehren” versagten und die Löschmaßnahmen im Chaos zusammenbrachen. Das große Umdenken setzte 1842 mit dem verheerenden Stadtbrand von Hamburg ein, bei dem in vier Tagen und vier Nächten ein Drittel der Stadt verbrannte. 1700 Häuser wurden zerstört, 50 Menschen kamen in den Flammen um und 20.000 Hamburger verloren das Dach über dem Kopf. Es stellte sich die Erkenntnis ein, dass im Brandfall eine große Menge unwilliger, unausgebildeter, undisziplinierter und schlecht ausgerüsteter Männer unter einer inkompetenten Führung nie effektiv arbeiten würde. Deshalb trat in Hanau die junge Turngesellschaft 1843 mit dem Wunsch an den Magistrat heran, den Turnern eine Feuerspritze und weitere Gerätschaften zur Bedienung zu überlassen. Dem Wunsch wurde stattgegeben und so kam es am 1. Juli 1843 zur Gründung des ersten aus etwa 100 Turnern bestehenden freiwilligen Löschcorps unter der Leitung des von den Turnern gewählten Hauptmanns August Schärttner. (5)

Am 4. Februar 1845 fand unter dramatischen Umständen die Gründung einer weiteren Turnerfeuerwehr statt, als sich Mitglieder des Turnvereins Offenbach bei einem Brand einer Feuerspritze bemächtigten und damit so erfolgreich agierten, dass der Turnverein hinfort mit der Brandbekämpfung beauftragt wurde.

Die nächste – und vielleicht folgenreichste - Gründung einer freiwilligen Feuerwehr erfolgte ein Jahr später im badischen Durlach. Das „Pompier Corps“(6), das sich dort unter der Leitung des Stadtbaumeisters Christian Hengst gebildet hatte, zeichnete sich 1847 beim Brand des großherzoglichen Hoftheaters in Karlsruhe so glänzend aus, dass die deutschen Zeitungen tagelang darüber berichteten. Noch im selben Jahr entstanden in Südwestdeutschland, aber auch in Leipzig, "Pompier-Corps" nach Durlacher Vorbild, so z.B. in Rastatt, Tübingen, Heilbronn, Schwäbisch Gmünd und Schwäbisch Hall, Karlsruhe, Heidelberg (7), Ulm und anderswo – und die Gründungen hörten auch im nächsten Jahr nicht auf. Es ist zwar nicht klar, ob das Durlacher Pompier-Corps wirklich eine Turnerfeuerwehr war, sicher ist aber, dass bei ihrer Gründung erstmals Carl Metz mitwirkte, der in der Folge als „Geburtshelfer“ bei so vielen Feuerwehren tätig wurde, dass er eine besonders herausragende Rolle in der Feuerwehrgeschichte einnimmt.


Der Turnlehrer und „Ingenieur“ Carl Metz (1818 – 1877) hatte im Elsass das militärisch organisierte französische Feuerlöschwesen kennen gelernt und 1842 in Heidelberg eine Fabrik für den Bau von Feuerlöschgeräten gegründet. Sein geschäftlicher Erfolg beruhte darauf, dass er seinen Kunden nicht nur Feuerspritzen verkaufte, sondern dass er ihnen auch das „know-how“ für die erfolgreiche Organisation des Feuerlöschwesens nach französischem Vorbild mitlieferte. Ihm war nämlich klar, dass eine Anschaffung moderner Geräte nicht ausreichte. „Es handelt sich nicht allein um die Anschaffung von Löschgerätschaften, denn die Werkzeuge sind tot, aber die Nächstenliebe und der feste Wille, im Falle der Not helfen zu wollen, müssen lebendig sein. Keine Obrigkeit kann hierzu zwingen; es müssen sich freiwillige Vereine bilden, die aus tatkräftigen Männern bestehen, denen das Wohl ihrer Nebenmenschen so sehr am Herzen liegt als das eigene.“ Dabei dachte Metz wahrscheinlich an die Turner, denn 1848 verkündete er auf einem Flugblatt: „Löschwesen ist Turnwesen!“

 

Löschwesen ist Turnwesen und politisches Handeln
Feuerwehrchroniken reduzieren die Bedeutung der Turner bei der Gründung ihrer Wehr gern auf deren körperliche Fitness, die bei den damaligen Techniken der Brandbekämpfung natürlich von großer Bedeutung war. Das Zitat lässt erkennen, dass für Metz aber nicht die Fitness, sondern die turnerische Einstellung im Vordergrund stand – und damit erhält das Zitat eine politische Dimension, denn „das Jahnsche Turnen war von seinen Anfängen an politisch akzentuiert und motiviert, [und zwar] politisch im ursprünglichen Sinne als [Arbeit] für die Bürgergemeinde und den Staat“ (8). Aufgabe des Turners war es „für Volk und Vaterland kräftig zu würken“. Jahn und die Turner hatten die Nassauische Denkschrift des Freiherrn vom Stein (1807) verinnerlicht, der „die Belebung des Gemeingeistes und Bürgersinns" gefordert hatte, um den Staat auf eine neue soziale Grundlage zu stellen: die auf Freiheit und Gleichheit gegründete bürgerliche Gesellschaft. Und so war der Einsatz für das Feuerlöschwesen für die Turner eben politisches Handeln in einem uns fremd gewordenen Sinne, politisches Handeln als freiwilliger, selbst bestimmter Einsatz für die Bürgergemeinde.

Aber er war politisch auch in einem anderen, viel brisanteren Sinne. Für Volk und Vaterland zu wirken hatten die Turner von Anfang an (zumindest in Preußen) im Sinne einer allgemeinen Volksbewaffnung verstanden um die Befreiung des Vaterlandes vom Napoleonischen Joch aus eigener Kraft zuwege zu bringen, immer in der Hoffnung, danach auch an den politischen Entscheidungsprozessen teilhaben zu dürfen. Später, im Vormärz, träumten die Turner (vor allem die im Südwesten) von der Volksbewaffnung als einem Mittel, die Teilhabe der Bürger am Staat und die Freiheit und die Bürgerrechte notfalls mit Gewalt zu erreichen. Auf diese Turner musste das militärisch organisierte Pompierwesen eine starke Anziehungskraft ausüben und so ist es denn kein Zufall, dass die ersten Turnerfeuerwehren in Südwestdeutschland entstanden.

Auch die Obrigkeit sah das so. Als 1847 in Regensburg der Wunsch formuliert wurde, eine Feuerwehr zu gründen, lehnte der Magistrat das strikt ab. Auch in Karlsruhe betrachtete die Obrigkeit den Wunsch nach einer freiwilligen Feuerwehr mit äußerstem Misstrauen, konnte dann aber die Gründung einer „Feuerwehr“ (9) aus 202 Bürgern und 160 Turnern nicht verhindern. Selbst in Durlach musste sich der Stadtbaumeister und „Pompier-Capitain“ Hengst wegen der „Soldatenspielerei“ ständige Anfeindungen gefallen lassen.

Dass das Misstrauen der Behörden nicht ganz grundlos war, zeigte sich schon wenig später in den Revolutionsjahren 1848/49. Die Hanauer Turner, zum Beispiel, bewaffneten sich und nahmen unter der Leitung des radikal-demokratischen, republikanisch gesinnten August Schärttner 1849 als „Hanauer Turnerbataillon“ am Badischen Volksaufstand teil. Der Turner Carl Metz stand ebenfalls auf der Seite der Aufständischen. Er organisierte in der Reichsfestung Rastatt die Brandbekämpfung so effektiv, dass es den preußischen Truppen während der dreiwöchigen Belagerung nicht gelang, Rastatt in Brand zu schießen. Auch die Karlsruher Feuerwehr bewaffnete sich, aber (und hier zeigt sich die Trennlinie, die damals die Turnerschaft und die ganze Bevölkerung spaltete) sie bezog Position gegen die Aufständischen, wobei nicht überliefert ist, wie sich die 160 Karlsruher Feuerwehrturner verhielten.

Nach der Revolution schlug die Reaktion zunächst einmal voll zu. Von den ungefähr 300 Turnvereinen, die 1848 in Deutschland existiert hatten, wurden etwa 200 als politische Vereinigungen eingestuft und verboten. Und so wie den Turnvereinen ging es auch den Turnerfeuerwehren. So wurden zum Beispiel die Turnerfeuerwehren in München und in Nürnberg aufgelöst. Auch die Neugründung von Feuerwehren wurde unterbunden. Die schon erwähnten Regensburger, mussten noch bis 1858 warten, bis sie unter Beteiligung der Turner ihre Wehr einrichten durften. Ein Kuriosum ist die Entwicklung in Hanau. Hier sollte den als radikal bekannten Turnern schon 1848 auf Geheiß der kurfürstlichen Polizeidirektion die Feuerspritze entzogen werden. Das damalige Stadtoberhaupt widersetzte sich aber dieser Anordnung mit der Begründung, „daß die Löschanstalten durch die Beihilfe der Turner eine sehr ansehnliche Verbesserung erfahren hätten, daß die Turner stets die ersten am Platze wären und mit einer Gewandtheit und Umsicht arbeiteten, die noch bei jedem Brandunglück ausschlaggebend gewesen seien ...“ Die Hanauer Turnerfeuerwehr überstand so auch den Auszug des Schärttnerschen Turnerbataillons und bestand noch bis 1861, als sie in der Hanauer freiwilligen Feuerwehr aufging – deren 374 Mitglieder allesamt Turner waren! (10)

Neuer Anfang und alte Ziele
Mit Beginn der „Neuen Ära“ (1858) in Preußen, die zu einer Liberalisierung des politischen Lebens führte, erstarkte auch die Turnbewegung wieder. Zwar war in der Revolution von 1848/49 der Versuch gescheitert, einen freiheitlichen gesamtdeutschen Verfassungsstaat zu schaffen, aber der Wunsch nach nationaler Einheit, an den sich auch Freiheitserwartungen knüpften, bestand unvermindert fort. Das Bürgertum, dem auch die Turnbewegung zugerechnet werden muss, sah sich durch die wirtschaftliche Entwicklung gestärkt und leitete aus seiner wirtschaftlichen Kraft auch Erwartungen auf politische Teilhabe am Staat ab. Mit dem 1. Deutschen Turn- und Jugendfest (1860) in Coburg begann eine riesige Vereinsgründungswelle: Allein in den nächsten beiden Jahren entstanden über 1000 neue Turnvereine. Ab 2010 werden sich deshalb in Deutschland die 150-jährigen Vereinsjubiläen häufen und parallel dazu auch die 150-jährigen Feuerwehrjubiläen, denn die Turner wendeten sich jetzt wieder mit voller Kraft dem Löschwesen zu. Auch das 1. Deutsche Turn- und Jugendfest in Coburg war, was häufig übersehen wird, gleichzeitig ein Feuerwehrfest (11).

 

In Coburg betrat mit Theodor Georgii, dem Vorsitzenden des Schwäbischen Turnerbundes, ein Mann die nationale Bühne, der von Anfang an dem Feuerlöschwesen auf das engste verbunden war. Georgii (1826 – 1892) war in vieler Beziehung ein Mann der ersten Stunde. Als angehender Jurastudent bezog er 1843 die Universität Tübingen und schloss sich dort den Burschenschaftern an. 1845 war er dabei, als die Tübinger Turngemeinde gegründet wurde und 1847 gehörte er auch zu den Gründern des Tübinger Pompierkorps. Bei der Gründung des Schwäbischen Turnerbundes wirkte Georgii führend mit und 1852 rief er in seiner Vaterstadt die Esslinger Steigerkompagnie ins Leben, deren Hauptmann er wurde. Schon 1851 hatte auf sein Betreiben der allgemeine schwäbische Turntag in Stuttgart beschlossen: „Die allgemeine Beteiligung der Turngemeinden an den Feuerwehren wird als Grundsatz aufgestellt.“ (12) 1860 gehörte Georgii zu den Initiatoren des Coburger Turnfestes und 1868 wurde er als erster zum Vorsitzenden der Deutschen Turnerschaft gewählt. Wo immer es möglich war, nutzte er seine Stellung in der Turnbewegung, um für das Feuerlöschwesen zu werben. So wurde denn das 3. Deutsche Turnfest (1863) in Leipzig durch die wiederholten Demonstrationen der Leipziger Turnerfeuerwehr zu einer viel beachteten Werbeaktion für das Turnerfeuerwehrwesen – und so war es auf vielen Turnfesten, auch beim 4. Bayerischen Bundesturnfest 1874 in Regensburg, wo die Vorführungen der Feuerwehr zu den wichtigsten Programmpunkten der Festfolge gehörte.

Nach 1860 blieb das Turnerfeuerwehrwesen nicht mehr auf Süd- und Südwestdeutschland beschränkt. Jetzt erfasste die Gründungswelle auch Preußen, wo es vorher wegen der Turnsperre kaum zur Gründung von Turnerfeuerwehren gekommen war, und auch in Preußen ging die Initiative zur Gründung freiwilliger Feuerwehren zunächst meist von den Turnern aus und orientierte sich an den südwestdeutschen Vorbildern.

Die turnerischen Aktivitäten blieben weiterhin den alten Zielen verpflichtet. So wie die Burschenschaften in der Frühzeit, nahmen jetzt die deutschen Turnfeste symbolisch und demonstrativ die nationale Einheit vorweg. Auch die Turnerfeuerwehren blieben ein Vehikel zur Erreichung politischer Ziele. Es ging den Turnern immer noch darum, im Sinne Jahns (und des Freiherrn vom Stein) für Volk und Vaterland kräftig zu wirken und sich mit der eigenverantwortlichen Übernahme hoheitlicher Aufgaben auch demokratische Mitbestimmungsrechte zu sichern. Zudem waren die Turnerfeuerwehren Institutionen, in denen demokratische Verhaltensweisen galten und eingeübt wurden: Alle Ämter wurden durch demokratische Wahl vergeben, alle wichtigen Beschlüsse wurden von den Mitgliedern mit einfacher Mehrheit gefasst. Damit folgten die Turnerfeuerwehren einer Traditionslinie, die auf dem Turnplatz in der Hasenheide begonnen hatte, und trugen dazu bei, nicht nur der allmählichen Verlagerung von staatlichen Kompetenzen auf die Selbstverwaltungsebene den Weg zu bereiten, sondern auch die Bevölkerung auf die Mitwirkung im Staat vorzubereiten.

Die Turnerfeuerwehren nach der Reichsgründung
Mit der Reichsgründung änderte sich die Situation allmählich: Die nationale Einheit war erreicht (wenn auch ohne Zutun der Turner) und der Kampf gegen den deutschen Partikularismus damit zu Ende. Zwar blieben die Turner auch im Wilhelminischen Kaiserreich ihren unerfüllten liberalen Vorstellungen verpflichtet und hielten an den alten Reichsfarben schwarz-rotgold fest, aber auf der unteren Ebene hatte man doch einiges erreicht. Das freiwillige Feuerwehrwesen und damit auch die Turnerfeuerwehren waren jetzt selbst in Preußen allgemein anerkannt. Zwar musste man mit dem Löschdienst als hoheitlicher Aufgabe noch immer von den Behörden „beliehen“ werden, konnte dann aber eigenverantwortlich agieren. Und in die inneren Angelegenheiten der Feuerwehren mischten sich die Behörden nicht ein. Auch wenn das neue Reich nicht in der Tradition der Paulskirche stand, man arrangierte sich. Die zunehmende Militarisierung des Lebens stieß bei den militärisch organisierten Wehren sogar auf Zustimmung.


Die flächendeckende Sicherstellung eines effektiven Feuerlöschwesens wurde nach der Reichsgründung als eine wichtige Aufgabe der staatlichen Daseinsvorsorge vorangetrieben. Dabei setzten die Behörden jetzt auf das erfolgreiche Modell der freiwilligen Feuerwehren. Neben freiwilligen Feuerwehren wurden auch weiterhin Turnerfeuerwehren gegründet, doch nun waren es oft nicht mehr die Turnvereine, die bei den Behörden um die Erlaubnis zur Gründung einer Feuerwehr nachsuchen mussten – jetzt waren es die Behörden selbst, die die Turnvereine zu Hilfe riefen, wie z.B. in der aufstrebenden Hafenstadt Geestemünde (heute Bremerhaven), wo 1889 der Turnverein von der Stadtverwaltung gebeten wurde, eine „freiwillige Turner-Feuerwehr“ zu bilden und den Brandschutz der Stadt, des Handels- und des Petroleumhafens zu übernehmen. So war es auch anderswo: Aufgrund einer Verfügung der Bezirksregierung Stade, zum Beispiel, wurden 1902 freiwillige Turner-Feuerwehren auch in Freschluneberg und Westerbeverstedt gegründet.

Turnerfeuerwehren waren die Vorreiter des bürgerschaftlichen Engagements
Die für uns Heutigen gar nicht mehr nachvollziehbare, für die damaligen Menschen aber offenbar nicht ungewöhnliche Beauftragung des Geestemünder Turnvereins mit der Sicherstellung des Brandschutzes für Stadt und Hafen zeigt, welches außerordentliche Vertrauen sich die Turnerfeuerwehren erworben hatten und welche Kompetenz den Turnvereinen auf diesem Gebiet zugeschrieben wurde. „Turner standen an den Wiegen von Freiwilligen Feuerwehren“, nennt Egid Fleck seinen Aufsatz, aber sie standen nicht nur an den Wiegen: Turnerfeuerwehren waren 100 Jahre lang ein wesentlicher und überall bekannter Teil des Brandschutzes. Umso erstaunlicher, dass über ihre Geschichte so wenig bekannt ist.

Diese Geschichte begann 1843 in Hanau, sie endete 1938, als im Rahmen der nationalsozialistischen Gleichschaltung die traditionsreichen Turnerfeuerwehren in die Feuerschutzpolizei eingegliedert wurden. Wie die Turnbewegung insgesamt, so ist auch das Turnerfeuerwehrwesen auf das Engste mit der deutschen Nationalgeschichte verwoben: Im Vormärz mit Misstrauen betrachtet, nach der Revolution von 1848/49 als politisch gefährlich verboten, später zunehmend als verlässliche Partner im Katastrophenschutz geschätzt, nehmen die Turnerfeuerwehren in der Geschichte des bürgerschaftlichen Engagements einen einzigartigen Vorreiterplatz ein. Unter dem turngeschichtlichen Blickwinkel wäre es deshalb äußerst wünschenswert, wenn dieses Kapitel der Turngeschichte wieder die gebührende Aufmerksamkeit erhielte und wenn unter diesem Aspekt die polische und gesellschaftliche Rolle der Turner eine neue Bewertung erführe.

 


Bild 1: Carl Metz (1818 – 1877), Turnlehrer und Ingenieur

Bild 2: Die Deutsche Turnzeitung zeigt einen Turner und einen Feuerwehrturner im Titel: Löschwesen ist Turnwesen und Turnwesen ist Löschwesen!

Bild 3: Theodor Georgii (1826 – 1892), Der erste Vorsitzende der DT

Bild 4: Helm eines sächsischen Turnerfeuerwehrmannes (mit Turnerkreuz und den Farben Schwarz-Rot-Gold!), Aus der Sammlung G. Sandvoss


Karl Thielecke


Anmerkungen

(1) Jahn/Eiselen, Die Deutsche Turnkunst , Vierter Abschnitt, II Die Turngesetze

(2) Dieter Langewiesche, in: Nation, Nationalismus und Nationalstaat in Deutschland und Europa, München 200, S. 103 - 131

(3) www.jahn.museum.de >> Bibliothek

(4) Daniel Leupold, Die freiwilligen Feuerwehren in der Rheinprovinz bis 1918 (Dissertation) Köln 2003

(5) Möglicherweise begann die Geschichte der Turnerfeuerwehren schon 1841 mit der Gründung eines „ Freiwilligen Lösch- und Rettungs-Corps“ in Meißen. Es ist aber nicht klar, ob es sich hier um eine Turnerfeuerwehr handelte.

(6) Vorbild der Durlacher Wehr waren die französischen „Sapeur-Pompier-Corps“, daher der Name.

(7) In Heidelberg wurde die Löschmannschaft von Burschenturnern gegründet.

(8) Horst Ueberhorst „Die Belebung des Gemeingeistes und des Bürgersinns – Von den historisch-politischen Dimensionen des Turnens“, www.jahn-museum.de >>Bibliothek

(9) Am 24. August 1847 wird in Karlsruhe erstmals der Begriff „Feuerwehr“ (in Anlehnung an „Bürgerwehr) benutzt.

(10) Homepage der Freiwilligen Feuerwehr Hanau-Mitte/Geschichte

(11) Darauf weist Georgii hin.

(12) Egid Fleck, „Turner standen an den Wiegen von Freiwilligen Feuerwehren“, www.jahn-museum.de >> Bibliothek