Zu den XXIX. Olympischen Sommerspielen in Peking: Die Olympischen Spiele vor dem Hallischen Thore (1811)

Haben die Olympischen Spiele der Neuzeit etwa nicht 1896 in Athen begonnen, wie wir bis jetzt immer angenommen haben, sondern haben sie womöglich ihre Wurzeln auf der Hasenheide in Berlin? Im Morgenblatt für gebildete Stände, Nr. 192, das am 12. August 1811 in Jena erschien, lesen wir nämlich den folgenden Korrespondentenbericht:

Berlin, 18. Juli. Wir haben jetzt ein verkleinertes Bild von den Olympischen Spielen vor dem Hallischen Thore. Durch die Thätigkeit und das umsichtsvolle Bestreben des Dr. Jahn, Verfasser des bekannten Werks: Volksthum, haben sich die jungen Leute von einem hiesigen Gymnasium vereint, auf einem freyen Platz ein Gehege gezogen, und die nöthigen Anstalten getroffen, sich im Ringen, Springen, Laufen, Klettern und allen Bewegungen, welche dem Körper Gleichgewicht und Gewandheit geben, zu üben. Dies geschieht in den Freystunden unter der Aufsicht der Lehrer in einem dazu gewählten einfachen und bequemen Anzug, oft vor einer bedeutenden Zahl von Zuschauern.

Unser Korrespondent hatte, das wissen wir heute, natürlich nur ein sehr ungenaues Bild von den Olympischen Spielen der griechischen Antike und noch weniger ahnte er, was mit der Wiederbelebung der Olympischen Spiele 1896 auf uns zukommen würde. Die alten Spiele waren, zumindest in ihrer Glanzzeit vom achten bis zum zweiten vorchristlichen Jahrhundert, ein religiöses Hochfest, das dem Göttervater Zeus selbst geweiht war. Danach verkamen sie zu einem Wettkampf für Berufsathleten, bis sie 394 n. Chr. auf Befehl des christlichen Kaisers Theodosius I. als heidnischer Kult ganz verboten wurden.

Die Ähnlichkeiten zwischen dem Geschehen im alten Olympia und dem auf der Hasenheide waren bestenfalls oberflächlich: An beiden Orten standen Leibesübungen zwar im Mittelpunkt des Geschehens, wenn auch mit gänzlich anderer Sinngebung. Der Agon, der Wettkampf, spielte auf der Hasenheide gar keine Rolle – er war für die nächsten einhundert Jahre bei den Turnern sogar streng verpönt – wie sehr, das mussten die ersten deutschen Olympioniken der Neuzeit 1896 bei ihrer Rückkehr aus Athen schmerzlich erfahren: sie wurden aus der Deutschen Turnerschaft ausgeschlossen, weil diese den Wettkampfgedanken damals strikt als „undeutsch“ ablehnte.

Allerdings darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch das Geschehen auf der Hasenheide von einem „Hochgedanken“ getragen war, nämlich dem, dass

(die) Turnkunst … die verlorengegangene Gleichmäßigkeit der menschlichen Bildung wieder herstellen, der bloß einseitigen Vergeistigung die wahre Leibhaftigkeit zuordnen, der Überverfeinerung in der wiedergewonnenen Männlichkeit das notwendige Gegengewicht geben und im jugendlichen Zusammenleben den ganzen Menschen umfassen und ergreifen (soll).

Insofern hatte das Turnen auf der Hasenheide eine zutiefst humanistische Grundlage, die sich (auf dem Umweg über GutsMuths und die Philantropisten) auch auf griechische Vorbilder berief, aber die doch so gar nichts mit dem religiösen Gehalt der antiken Olympischen Spiele zu tun hatte.

Als Pierre de Coubertin 1894 zur Wiederbelebung der Olympischen Spiele aufrief, begeisterte er die Öffentlichkeit mit einem hehren Gedankengebäude: Die Jugend der Welt sollte sich bei sportlichen Wettkämpfen messen statt sich auf den Schlachtfeldern zu bekämpfen, so wollte er zum Frieden und zur internationalen Verständigung beitragen und wollte helfen, nationale Egoismen zu überwinden. Zugelassen zu den Wettkämpfen sollten natürlich nur reine Amateure sein.

Dabei wollte de Coubertin sicher an den Glanzzeiten der alten Olympischen Spiele anknüpfen, aber ohne den religiösen Wesenskern der alten Spiele blieb nur ein sekularisierter Olympiaverschnitt mit einigen später hinzugefügten pseudoreligiösen Elementen, wie der Entzündung des Olympischen Feuers durch „Priesterinnen“ im Hain von Olympia übrig. Die beiden Weltkriege konnte diese blasse Idee nicht verhindern und statt der Überwindung nationaler Egoismen machte sich ein oft hässlicher Chauvinismus breit. Schon vier Jahrzehnte später waren die XI. Olympischen Sommerspiele in Berlin zu einem Propagandaforum der Nationalsozialisten verkommen. Von Anfang an wurden die Spiele der Neuzeit von dem Monster des Dopings begleitet. Der Amateurgedanke war schnell ausgehöhlt. Das IOC erwies sich als korrupt. Der Kommerz und die Politik überschatteten bald alles.

Nein, die Olympischen Spiele der Neuzeit haben zum Glück ihre Wurzeln nicht auf der Hasenheide in Berlin und wir täten gut daran, uns gerade jetzt, wenn die deutsche Riege um Fabian Hambüchen in Peking einen hoffentlich großen Auftritt hat, wieder auf die moralischen Grundlagen unserer Turnbewegung zu besinnen!

Karl Thielecke