Besprechung

Schulke, Hans-Jürgen: Bruder Jahn - Ein Essay zur Brüderlichkeit in Deutschland. Jahn-Report Sonderausgabe, August 2008.

In einer geistreichen und interessanten 40-seitigen und reich bebilderten Abhandlung zu Bruder Jahn entwirft Schulke eine neue Sichtweise des seit nunmehr 200 Jahren von seinen Gegnern verdammten und seinen Anhängern hoch verehrten Gründers des Turnens.

In vier Kapiteln
1. Vater oder Bruder - Was war Jahn?
2. Brüderlichkeit. Deutsche Defizite und Distanzen
3. Die Verbrüderungspraxen des Friedrich Ludwig Jahn
4. Bruder Jahn: Phantast, Pädagoge, Politiker
mit Vor- und Nachwort versucht Schulke, das politische Konzept und Wirken und deren Nachhaltigkeit des Pädagogen, Sprachforschers und Mitgestalters der ersten deutschen Verfassung aus den konträren Überlieferungen herauszufiltern. Vom Negativ-Urteil eines Zeitgenossen Jahns bis hin zum erstmaligen ideologiefreien wie selbst-verständlichen Gebrauch der Nationalfarben während des Sommermärchens 2006 reicht die Spannweite. Geschickt deutet er die Ambivalenz der Beurteilung Jahns durch Zeitzeugen an und geht davon aus, “dass eine weitere theoretische und ideologiekritische Zuordnung Jahns wenig Ertrag verspricht, weil kein umfassendes und zugleich in sich schlüssiges System des Turnens von Jahn begründet wurde, das in staatsrechtliche, nationalökonomische, sozialphilosophische oder politische Theorien eingeordnet werden könnte.”

Schulke wendet sich vom Bild des Turnvaters (Turnopas) ab, hin zum Bruder Jahn, um diesem einen neuen Zugang zu verschaffen, und fragt nach “der politisch-kulturellen Substanz seiner Brüderlichkeit”, die weder in der älteren noch in der neueren Jahnforschung untersucht worden ist. Mit provozierender Polarisierung versucht er eine Diskussion zu entfachen, damit Jahn 2011 bei der 200. Wiederkehr der Eröffnung des ersten öffentlichen Turnplatzes in der Berliner Hasenheide endlich in einem gerechteren Bild erscheinen kann, und dies sowohl bei seinen Gegnern (vgl. Bildungskritiker B. Bueb: Lehrer brauchen Führung, in: Spiegel, Nr. 27, 08. 09. 2008, S. 142 - 146) als auch Befürwortern.

Um dieses Ziel zu erreichen, untersucht Schulke nicht nur die Person Jahn, seine Ideen und Ziele (dabei auch die praktische Umsetzung der Parole “Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit” der Französischen Revolution, wobei die letzte Kategorie in allen Epochen der deutschen Geschichte vernachlässigt wurde), sondern auch Jahns Initiativen, diese vom Turnplatz aus auf das ganze deutsche Volk zu übertragen. Da kein anderer gesellschaftlicher Bereich so offene und dynamische Assoziationen wie gemeinsam betriebene Leibesübungen kennt, sei es “vielversprechend, nach Entstehung und Dynamik der Brüderlichkeit bei Turn- und Sportvereinen zu forschen“, ausgehend bei “Bruder Jahn”.

In Zeiten ständischer Hierarchien, in denen die Menschen in Klassen eingeteilt und Kinder ihre Eltern siezten, lebte Jahn auf seinem Turnplatz die Einheit und Freiheit durch Brüderlichkeit. Im emotionalen Zusammenwachsen Jugendlicher - distanziert oder gar losgelöst von Erwachsenen und der Obrigkeit - sah Jahn das prägende Sozialmuster. Das war revolutionär. Aber er hat sich nicht systematisch oder programmatisch darüber geäußert. Ebenso spärlich findet sich Brüderlichkeit später in Satzungen und Parteiprogrammen - ganz anders jedoch in Liedgut, Gedichten und Briefen: Da wird die brüderliche Nähe beschworen.

In Verbindung mit Jahns Ideen und seiner Wirkung versucht Schulke eine Interpretation des Triangel und sieht die Brüderlichkeit “als vermittelnde Instanz zwischen Freiheit und Gleichheit”, führt Beispiele der Schieflage auf, in der die Brüderlichkeit vernachlässigt bzw. überbetont wird.

Die “Karriere” der Brüderlichkeit aus sozialhistorischer und psychomotorischer Sicht auf das Verhalten des jungen Jahn übertragen, lässt dessen Handeln begreifbar werden. Ausgehend vom Negativbild von Jahn und seiner Ideen skizziert Schulke dessen Lebensweg über die praktische Auseinandersetzung hin zur Verbrüderung, die nicht mit Jahns Verhaftung im Juli 1819 endete, sondern nach 1840 ohne sein aktives Zutun wieder auflebte und heute auch die Schwestern mit einbezieht.

Eine doppelte Paradoxie in der Brüderlichkeit als politischer Kategorie wird spürbar, denn “Jahns Prozess der Verbrüderung benötigt Herausforderung, Gefahr, Gegnerschaft”, die auf Dauer und außerhalb des Turnplatzes nicht mit seinen Idealen, seinem humanistischen Menschenbild und seiner demokratischen Grundhaltung in Einklang zu bringen sind. Letztendlich können Prozess und Ergebnis der Verbrüderung nicht diktiert werden, da sonst Freiheit und Gleichheit, von deren Grundprinzipien Jahn nie abrückte, nicht mehr gegeben wären, konstatiert Schulke und legt damit eine Basis für kontroverse Diskussionen.

Wie selbstverständlich geht er gegen Ende seines Essays von einem wirkungsvollen Konzept der Verbrüderungstheorie und -praxis Jahns aus und erklärt dies plausibel anhand des persönlichen Werdeganges Jahns bis zu dessen 40. Lebensjahr - seiner breiten öffentlichen Anerkennung, aber auch Demütigung. Immerhin hat er als Abgeordneter der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848/49 an seiner frühen politischen Zielsetzung, der Einheit Deutschlands in einer konstitutionellen Monarchie unter preußischer Führung, starr festgehalten und damit einer Parteienlandschaft Vorschub geleistet, die einer allgemeinen Verbrüderung entgegenstand.

Als der ewige Turnvater - das Bild des Turnopas hängt noch immer in vielen Turnhallen - kommt Jahn nicht an die (heutige) Jugend heran. Um dies zu erreichen, muss der Lebensweg des jungen Jahn “brüderlich begleitet und neu vermessen werden”; denn zu seiner aktiven Zeit (1811 - 1819) habe der junge Jahn, so der norwegische, an deutschen Universitäten lehrende Naturphilosoph Henrik Steffens (1773 - 1845), “bedeutenden Einfluss auf Knaben, Jünglinge und Familienväter gewinnen” können: “ein Einfluss, der schließlich zu einer Regeneration des Volkes geführt” habe. “Ein Mann, der eine solche Macht ausübte, war mir”, so gestand Steffens in seinen Lebenserinnerungen 1843, “schon als ein solcher, als ein mächtig geschichtlicher Naturgegenstand anziehend und wichtig”.

Was sollen wir aber heute noch mit Jahn? Unter dem Aspekt der Brüderlichkeit ge-sehen, gilt es, bei Jahn noch vieles zu entdecken. “Bewegungsaktivitäten und Vereine”, schlussfolgert Schulke, können neue Optionen liefern und brüderliche Bindungen in der heutigen individualisierten und unpersönlichen Welt fördern. Deshalb muss Jahns Traum von der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit in und durch Bewegung weiter Ziel der deutschen Turnbewegung” bleiben. Das Internationale Deutsche Turnfest in Frankfurt 2009 und anstehende Gedenkfeiern zu Jahn (200 Jahre Hasenheide 1811-2011) sollten so gestaltet werden, dass sie auch die Jugendlichen ansprechen und diese über das im Essay aktualisierte Bild des Bruder Jahn für dessen Ideen und Ziele öffnen und zu einer Renaissance Jahns führen.

Harald Braun