Vor 150 Jahren: Das erste deutsche Turn- und Jugendfest 1860 zu Coburg

Als der preußische König Friedrich Wilhelm IV. 1842 die von seinem Vater rund 20 Jahre zuvor verhängte „Turnsperre“ aufhob, bildeten sich in schneller Folge zahlreiche Männer-Turnvereine. Ihre regionalen Organisationsschwerpunkte hatte diese vormärzliche Turnvereinsbewegung in Sachsen und in Südwestdeutschland, wo bis 1848 jeweils etwa 100 Turnvereine entstanden. Im Rhein-Main-Neckar-Gebiet und im Königreich Sachsen entwickelten sich in diesem Zeitraum intensive Kontakte zwischen den Turnvereinen, die ihren Ausdruck in regionalen Turnfesten und Turntagen fanden.

Nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 fielen insbesondere die Turnvereine der staatlichen Repressionspolitik zum Opfer, die sich in den Revolutionsjahren politisch engagiert hatten, um die Fürstenherrschaft in Deutschland zu beseitigen. So retteten sich am Ende nur etwa 100 zahlenmäßig kleine Turnvereine über die Jahrhundertmitte. Zu diesen Vereinen zählte auch der im Juli 1848 von 22 jungen Männern in Coburg gegründete Turnverein.

Ende der 1850er Jahre erweckten vor allem die enormen ökonomischen und technischen Verbesserungen der Kommunikations- und Verkehrsmittel (Ausbau des Eisenbahn- und Telegraphensystems) die liberale und nationale Bewegung in Deutschland zu neuem Leben. Nationalpolitische Schillerfeiern, die im Herbst 1859 in ganz Deutschland den freiheitlichen und nationalen, bürgerlichen und populären Dichter in den Mittelpunkt stellten, erreichten große Teile der Bevölkerung und verstärkten den Wunsch nach „Einheit“ und „Freiheit“.

Als die beiden damals 34jährigen schwäbischen Turnlehrer Carl Kallenberg aus Stuttgart und Theodor Georgii aus Esslingen in einem „Ruf zur Sammlung“ in der „Deutschen Turn-Zeitung“ im Februar 1860 alle Turner in Deutschland zur Teilnahme an einem „allgemeinen deutschen Turn- und Jugendfest“ aufriefen, das im Laufe des Jahres 1860 in einer Stadt Mitteldeutschlands stattfinden sollte, erklärten sich die Coburger Turner sogleich bereit, die Austragung eines solchen gesamtdeutschen Festes zu übernehmen. Am 29. April 1860 trat der Festausschuss, dem neben acht Mitgliedern des Coburger Turnvereins Theodor Georgii (Esslingen), Carl Kallenberg (Stuttgart), Dr. Ferdinand Goetz (Leipzig) und Dr. Eduard Angerstein (Berlin) angehörten, mit einer Einladung an die Öffentlichkeit.

Mitte Juni bereitete dann die damals etwa 10.000 Einwohner zählende Stadt den Turnern einen begeisternden Empfang, den Georgii, der Festpräsident, in seiner Rückschau so zusammenfasste: „Die Stadt hatte ihr Festgewand vollends angezogen, sie prangte in einem grünen Wald von Maien, Kränzen und Gewinden, in einem bunten Gemisch von Flaggen und Fahnen in Stadt- und Landes-, vor allem in den deutschen Farben schwarz-rot-golde. Am freundlichsten aber grüßten überall die Menschen. Mehr als 1.200 Turner wurden gastfrei untergebracht, der fremde, nie gesehene Mann ohne Frage und Bedenken als Bekannter aufgenommen in den Kreis der eigenen Familie; solche Gastfreundschaft ist, zumal in unserer Zeit, nicht hoch genug anzuschlagen, sie gibt einem Feste den rechten Grund, die rechte Weihe, da es so von der ganzen Stadt nicht äußerlich nur, nein, von Herzen mitgefeiert wird.“

Die „Einzeichnungsliste“ wies 139 Gemeinden und Städte aus allen Teilen Deutschlands aus. Der 1. Deutschen Turntages am 17. Juni 1860 in der herzoglichen Reithalle am Schloss diskutierte leidenschaftlich die Schaffung einer Dachorganisation für alle deutschen Turnvereine, verzichtete aber am Ende auf die Gründung eines überstaatlichen deutschen Turnerbundes, weil er befürchtete, dass einige Regierungen den Turnvereinen ihres Staates den Anschluss an diese gesamtdeutsche Organisation versagen würden.

Aber natürlich wurde in Coburg auch geturnt. Nachdem sich die Turner am frühen Sonntag-Nachmittag auf dem Schlossplatz versammelt hatten, setzte sich der Festzug – mit dem schwarz-rot-goldenen Banner von den Schwaben angeführt – durch das Spalier der Coburger zum Turnplatz in Bewegung. Die turnerischen Darbietungen demonstrierten die Vielseitigkeit des Turnens. Etwa 50 Riegen gingen zum Vereinsturnen an die Geräte (Reck, Pferd, Barren, Kletterstangen). Neben dem Turnen an Geräten standen noch Vorführungen im Hochsprung, Fechten und Ringen auf dem Programm. Am Montag führte eine Wanderung nach Callenberg und Rosenau.

Das Coburger „Turn- und Jugendfest“ fand nicht nur unter den Turnern, in der Presse und in der Öffentlichkeit eine insgesamt große Aufmerksamkeit, sondern auch bei Regierungen und Behörden. Selbst die Polizei hatte an diesem Fest nichts auszusetzen. So bildete der „Ruf zur Sammlung“ den Auftakt zur Neuformierung der Turnvereinsbewegung, die sich nach dem Coburger Turnfest Bahn brach.

Bestanden bis 1858 insgesamt 234 Turnvereine, so wurden allein im Turnfestjahr 1860 253 Vereine neu gegründet. Nach Berlin 1861 kamen beim dritten Deutschen Turnfest 1863 in Leipzig rund 20000 aktive Turnfestteilnehmer zusammen. Coburg aber war mit seinem Bekenntnis zur (damals nicht vorhandenen) deutschen Einheit und zur Schaffung einer nationaldeutschen Turnorganisation Ausgangspunkt für die Gründung der „Deutschen Turnerschaft“, die beim 4. Turntag der deutschen und österreichischen Turnvereine am 21. Juli 1868 in Weimar erfolgte.

Dr. Josef Ulfkotte