Buchbesprechung

Josef Ulfkotte: Briefe von Friedrich Ludwig und Emilie Jahn an Wilhelm Lübeck 1835 – 1876

Mit der jetzt vorgelegten Veröffentlichung über den „späten“ Jahn schließt die Wissenschaft, die sich mit dem Schöpfer des Turnens auseinander setzt, erneut eine Lücke: Die Jahre nach 1819, also nach der wirkungsmächtigsten Zeitspanne seines Lebens in Berlin (1809 bis 1819) bis zu seinem Tod im Jahre 1852, galten bisher als vermeintlich ungeschichtlich und umrissen das Bild eines unpolitischen und öffentlich nicht mehr wirksamen „Turnvaters“.
Die Briefe, die Ulfkotte in dieser Edition zusammengestellt hat, zeigen, dass Jahn in seiner zweiten Lebenshälfte, die er mit den Unterbrechungen in Kölleda (Zwangsaufenthalt, 1829-1836) und Frankfurt (1848/49, Tätigkeit als Abgeordneter) in Freyburg an der Unstrut verbrachte, durchaus an der weiteren Entwicklung des Turnens interessiert war und sich mit seiner Meinung Gehör zu verschaffen suchte. Er pflegte vielfältige Kontakte, die seine Einstufung als einen erfolgreichen Netzwerker rechtfertigen. Jahns Freyburger Jahre können jetzt genauer analysiert werden.

Der 1809 geborene Wilhelm Lübeck, seit 1828 Schüler Eiselens, hatte für das Weiterbetreiben des Turnens in den Jahren der „Turnsperre“ dadurch besondere Bedeutung, dass er in Berlin viel für das nicht öffentliche Turnen leistete (entscheidend war ja, dass das 1819 als staatsgefährlich verbotene Turnen nicht für politische Zwecke instrumentalisiert wurde): In Kooperation mit den Behörden gab es nicht nur Privat-Turnanstalten, sondern auch einen von der Regierung gewollten und geförderten Turnunterricht in den Schulen. Das sind Aktivitäten, bei deren Betrachtung die Turnhistoriker bisher weitgehend Ernst Eiselen am Wirken sahen, bei deren Verfolgen Lübeck aber seit 1829 ein wichtige Rolle spielte; sowohl als Turnlehrer, als einer, der selbst Turnlehrer ausbildete, als derjenige, der 1843 das „Lehr- und Handbuch der deutschen Turnkunst“ veröffentlichte und der auch nach seinem Ausscheiden als städtischer Turnlehrer 1856 zehn weitere Jahre als Turn- und Fechtlehrer in der Kadettenanstalt wirkte (er starb 1879 in Bad Freienwalde).
All dies verfolgte Jahn aus der Ferne intensiv. Seine Briefe dokumentieren das. Wobei er Lübeck nicht nur fachlich unterstützte und zahllose Anregungen gab, sondern ihn auch nutzte, in Berlin, wohin er selbst nie wieder zurückkehren wollte, sein Netzwerk auszubauen; zudem war Freyburg eine beliebte Anlaufstelle für Turnfahrten und für den Besuch von Freunden. Dass Jahn in dieser Zeit alles andere als isoliert war, zeigt auch der Fall des westfälischen Oberpräsidenten Vincke aus Münster, der Jahn so sehr schätzte, dass er ihn mehrfach zum Umzug nach Westfalen zu bewegen versuchte.

Vor allem aber ermöglicht diese Quellenedition Einblicke in das Familienleben Jahns, die bislang so nicht möglich waren, weil die Briefe von Emilie Jahn, geb. Hentsch, die Jahn 1825 geheiratet hatte, bisher nicht veröffentlicht wurden. Emilies alltägliche Sorgen, Nöte und Ängste um die Zukunft der Familie bringt sie in diesen Briefen ebenso zum Ausdruck wie z.B. ihre Freude über die Entwicklung ihrer Enkelkinder. Im Grunde gehörte Lübeck zur Familie, für Emilie war er ein wichtiger Ratgeber in lebenspraktischen Fragen, gerade auch nach Jahns Tod. Einige Briefe erwecken durchaus den Eindruck, dass Emilie und auch ihr Ehemann froh darüber gewesen wären, wenn nicht der Freyburger Kantor Quehl, sondern Lübeck ihre Tochter Sieglinde geheiratet hätte. Doch daraus wurde nichts, Lübeck blieb zeit seines Lebens unverheiratet. Für weitere Untersuchungen, etwa zur Lebensgeschichte von Jahns Sohn Arnold Siegfried, bieten Emilies Briefe aufschlussreiche Hinweise, aber auch zur der Frage der Errichtung des Hasenheide-Denkmals für ihren verstorbenen Mann.

Nicht nur für die biographisch angelegte Jahnforschung und für die Turngeschichte dürfte diese Quellenedition von großem Nutzen sein, sondern auch für bestimmte historische Teildisziplinen wie die Alltagsgeschichte, die Mentalitätsgeschichte und nicht zuletzt die Geschlechtergeschichte.
Erstmalig werden in dieser übersichtlich angeordneten Quellensammlung die Briefe veröffentlicht, die Jahn von 1844 bis zu seinem Tod 1852 an Wilhelm Lübeck gerichtet hat. Es ist erstaunlich, dass die Jahnforschung dieses Vorhaben, das Friedrich Quehl bereits 1919 ins Auge gefasst hatte, erst mit dem Erscheinen dieses Buches verwirklicht hat. Die Vorstellung, dass nur Männer „Geschichte machen“ und (durch welche Umstände auch immer) in den Rang von „Persönlichkeiten der Geschichte“ erhoben werden, ist heute überholt. Auch deshalb ist es sehr verdienstvoll, dass Ulfkotte alle erreichbaren Briefe von Jahns Ehefrau Emilie in diesem Band dokumentiert hat. Sie stammen aus dem Bestand der umfangreichen Historischen Sondersammlungen der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, insgesamt handelt es sich um 189 Schriftstücke, die der Editor sorgfältig für den Druck vorbereitet hat. Der Briefwechsel setzt 1835 ein und reicht – mit einer Unterbrechung – bis in Emilies Todesjahr 1876.

Nun sind die überlieferten Briefe der Eheleute Jahn an Lübeck bekannt, über das weitere Schicksal der Gegenbriefe von Wilhelm Lübeck nach Emilies Tod herrscht bis jetzt Ungewissheit. Sollten sie noch existieren? Hat sie der Lübecksche Turnverein in Berlin erhalten? Ist er in den Besitz der Familie Quehl gelangt? Oder schlummern sie auf irgendeinem Dachboden? Als Ergänzung dieser Briefe-Sammlung wären Lübecks Schreiben natürlich außerordentlich wertvoll.

Es ist das Verdienst Josef Ulfkottes, dass er uns in jahrelanger Arbeit (hauptberuflich ist das Mitglied des Präsidiums der Jahn-Gesellschaft ja Gymnasiallehrer) wichtige Nachlassteile (deren Vorhandensein 1978 publik wurde) jetzt zugänglich macht und so weitere Forschungen ermöglicht. Der Zentral- und Landesbibliothek Berlin danken wir für den 248-Seiten-Band, der selbstverständlich eine ausführliche Einleitung und Hinführung umfasst (30 Seiten), dazu vier Seiten Abbildungen und ein siebenseitiges Personenregister zu den Briefen.

Hansgeorg Kling


Ulfkotte, Josef: Briefe von Friedrich Ludwig und Emilie Jahn an Wilhelm Lübeck 1835 – 1876. Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2010. ISBN 978-3-925516-38-2, Paperback

(Das Buch ist über Libri regulär im Buchhandel und im Internet für 18 Euro bestellbar und auch bei Amazon gelistet. Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) nimmt keine Bestellungen an.)