Friedrich Ludwig Jahn und die deutsche Einheit

Am 3. Oktober 2010 fand in Freyburg (Unstrut) die zentrale Festveranstaltung des Burgenlandkreises „20 Jahre deutsche Einheit“ statt. Hansgeorg Kling hielt die Festrede in der Friedrich-Ludwig-Jahn-Ehrenhalle.

Der Blick auf dieses Jahr 2010, in dem wir 20 Jahre deutsche Einheit begingen, macht noch einmal bewusst, wie viel Selbstverständliches inzwischen entstanden ist. 20 Jahre nach Mauer und Stacheldraht ist eine Normalität in unserem Zusammenleben eingetreten, die wir nicht geahnt hatten. Aber: Das Zusammenwachsen von Ost und West ist noch nicht abgeschlossen. Die Werte und Prägungen in den Köpfen der Menschen wirken weiter. Wir wissen noch immer nicht genug voneinander.

Unsere Erfahrung mit den 20 Jahren zeigt: Wenn wir Einheit, Freiheit und Demokratie im geeinten Deutschland bewahren wollen, kommt es auf jeden Einzelnen an. Um noch mehr Gemeinschaft entstehen zu lassen und um die Einheit weiterzuführen, müssen wir zu einer Art Zusammenkunft auf der Grundlage von Unterschieden finden. Die Gemeinsamkeit im großen DTB über Landesturnverbandsgrenzen hinweg ist dabei offenbar eine große Hilfe.

Angesichts des Ringens um Einheit und Freiheit liegt es durchaus nahe, danach zu fragen, wie es damit bei Jahn und zu seiner Zeit stand. Friedrich Ludwig Jahn (1778 – 1852) war in einer Weise politisch aktiv, die in seinen aktivsten Jahren (1806-1819) als revolutionär eingestuft werden muss: Die von Jahn ausgehende Turnbewegung war von Anfang an Teil der frühen Nationalbewegung und trug sie. Sie war wesentlich darauf ausgerichtet, die Jugend auf den Kampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft, für die Rettung Preußens vor dem Untergang und auf die Einigung Deutschlands (unter preußischer Führung) vorzubereiten.

Wir wissen durch neuere Veröffentlichungen auch von Jahns strategischen Vorgehen: Er nutzte das Ausstrahlen des Turnens, sich eine gesamtdeutsche Öffentlichkeit zu schaffen, die er mit seinem politischen Wollen „offensiv“ konfrontierte. Als zupackend zeigte er sich nicht zuletzt dadurch, dass er maßgeblich für das gegen Napoleon gerichtete Zusammentrommeln des königlich-preußischen Freikorps Lützow sorgte, in dem er Hauptmann war. Und als vorzüglicher „Netzwerker“ war er erfolgreich dabei, die Farben Schwarz-Rot-Gold durchzusetzen.

Wir können also die damaligen Vorleistungen für unsere heutige Demokratie, für die heutige Ausprägung der deutschen Einheit und für gesellschaftlichen Fortschritt nicht hoch genug einschätzen. Über das Erreichte sollten wir uns freuen.

Hansgeorg Kling