Johann Christoph Friedrich GutsMuths "Gymnastik ist Arbeit im Gewand jugendlicher Freude" (Kurzversion)

Geschichtslosigkeit wird in Deutschland seit 1945 planvoll gepflegt und so ist auch der Name Johann Christoph Friedrich GutsMuths heute (fast) vergessen, obwohl ihn doch manche für den "Großvater" des deutschen Turnens hielten und er unzweifelhaft einer der großen Wegbereiter in der Geschichte der Leibeserziehung, ja der Pädagogik überhaupt war.

Johann Christoph Friedrich GutsMuths wurde am 9. August 1759 in Quedlinburg in einer Zeit geboren, in der der leibfeindliche Einfluss der Kirchen und das Vorbild Frankreichs zu einer ungesunden Verweichlichung der gebildeten Stände geführt hatten. Schon im Alter von vierzehn Jahren musste GutsMuths eine Hauslehrerstelle annehmen und entwickelte so sein lebenslanges Interesse an pädagogischen Fragen. Nach dem Besuch der Universität Halle (1779 - 1782), wo er sich zur Vorbereitung auf den Lehrberuf neben Theologie intensiv mit Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte und neueren Sprachen beschäftigt und die bedeutendsten zeitgenössischen Pädagogen studiert hatte, nahm GutsMuths die Stelle eines Erziehers an der von Christian Gotthilf Salzmann nach Dessauer Vorbild neu gegründeten Schule in Schnepfenthal an. (Das Dessauer Philanthropin war eine reformpädagogische Schule, an der unter anderen Neuerungen erstmals in der Neuzeit auch Gymnastik Lehrfach war.)

GutsMuths übernahm die Gymnastik in Schnepfenthal und entwickelte sie in intensiver Arbeit zu einem durchdachten System der Körperbildung mit dem ausdrücklichen Anspruch, dadurch nicht nur zur körperlichen Ertüchtigung sondern auch zur geistigen, moralischen und charakterlichen Bildung der Jugend beizutragen. Er veröffentlichte 1793 die Ergebnisse seiner Arbeit in seinem zum Klassiker gewordenen Buch Gymnastik für die Jugend, das ihn (und Schnepfenthal) berühmt machte und in acht Sprachen übersetzt zum "Bestseller" und Exportschlager wurde. In der zweiten Auflage der Gymnastik sprach sich GutsMuths - auch eine Weltneuheit - schon für den Gymnastikunterricht für Mädchen aus. Der Versuch, Gymnastik zum Pflichtfach an preußischen Schulen zu machen, scheiterte, aber schon 1828 wurde Gymnastik nach GutsMuths'schem Vorbild obligatorisches Unterrichtsfach in Dänemark.

Auch mit seinem zweiten Hauptwerk Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes (1796), der ersten deutschen Spielesammlung unter pädagogischem Aspekt, betrat GutsMuths Neuland. Dieses Buch wurde ebenfalls zu einem einflussreichen "Bestseller" und "Longseller", der noch viele Jahre nach GutsMuths Tod in immer neuen Auflagen erschien. Sein drittes Grundwerk auf dem Gebiet der Leibeserziehung ist sein Kleines Lehrbuch der Schwimmkunst zum Selbstunterricht (1798). An der darin empfohlenen "Angel" haben unzählige Kinder das Schwimmen gelernt.

Ab etwa 1800 beschäftigte sich GutsMuths intensiv mit seinem zweiten Spezialthema, der Geographie, und veröffentliche zahlreiche Bücher und Aufsätze. Auch als Geograph ging GuthsMuths neue und richtungweisende Wege und übte damit einen prägenden Einfluss auf seinen Schüler Carl Ritter aus, der als Begründer der Hochschulgeographie später selbst ein berühmter Geograph wurde. Daneben war GutsMuths auch noch der Herausgeber der führenden deutschen pädagogischen Zeitschrift Bibliothek der Pädagogischen Literatur (später Neue Bibliothek für Pädagogik, Schulwesen und die gesamte neueste pädagogische Literatur Deutschlands), für die er von 1800 - 1819 insgesamt 53 Bände redigierte.

GutsMuths nahm 1789 offen für die Französische Revolution und die Proklamation der Menschenrechte Partei und wurde dafür unter Zensur gestellt. Nach der Völkerschlacht von Leipzig (1813) wandelte er sich zum glühenden Patrioten und schrieb 1814 Über vaterländische Erziehung. Unter dem Einfluss Jahns versuchte er mit Turnbuch für die Söhne des Vaterlandes (1817) und Katechismus der Turnkunst (1818) eine Synthese zwischen Jahns Turnen und seiner Gymnastik. Jahn und GutsMuths begegneten sich mit großem Respekt. Jahn nennt GutsMuths einen "echten Vaterlandsfreund" und dankt ihm ausdrücklich als seinem "Vorarbeiter", während GutsMuths dem "kräftigen Jahn" das "große Verdienst der unmittelbaren Einführung" des Turnens zuspricht. Gemeinsam legten beide das Fundament, auf dem wir heute stehen.

GutsMuths starb am 21. Mai 1839 im Alter von fast achtzig Jahren nach einem langen und fruchtbaren Leben im Dienste der Jugend. Es war ein Leben, das ihm einen bleibenden Platz in der Geschichte der Leibesübungen, der Geographie und der Pädagogik - und hoffentlich auch in unserer Erinnerung - sichert.

Karl Thielecke, 26.11.2006