Gruß vom Turnfest

Vor zwei Jahren fiel dem Verfasser die abgebildete Reproduktion einer Turnfest-Grußkarte in die Hände. Sie soll aus der Zeit um 1900 stammen. Für welches Turnfest sie hergestellt wurde, hat der Verleger nicht angegeben. Die vorliegende Karte ist aber ein ganz typisches Stück. Ähnliche Karten tauchen in Antiquariaten gar nicht so selten auf. Meist verwenden sie jedoch erkennbare Motive der Turnfeststadt und lassen sich so genauer einordnen.

Der Zeichner unserer Karte gehörte offenbar nicht zu den begnadeten Meistern seines Faches: die Komposition ist eher schlicht zu nennen. Sie ist dreiteilig angelegt: Links dominiert der stolze Turner mit seiner schwarz-rot-goldenen Fahne und Schärpe den Bildaufbau, rechts sieht man zwei "Szenen", die eine über der anderen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass es sich bei dem oberen Bildchen gar nicht um eine Szene, also die Darstellung eines Geschehens handelt, sondern dass hier nur typische Bildmotive nebeneinander gereiht sind, die für die damaligen Betrachter die Vorstellung von Turnen und Turnfest assoziierten. Uns dagegen erlauben sie den Blick in eine uns fremd gewordene turnerische Welt. Zunächst einmal fällt sofort auf, dass das Turnen an Geräten damals noch eine Freiluftaktivität war und auf einem Turnplatz stattfand. Wenn man das heute erleben will, muss man sich schon in die Jahnstadt Freyburg an der Unstrut bemühen, wo diese Tradition noch immer aufrecht erhalten wird. Am 18./19. August 2007 findet dort, wie alle Jahre, das 85. Jahn-Turnfest, natürlich wieder im Freien, statt. Das Turnen an Reck, Barren und Seitpferd erkennen wir gleich wieder, aber für die Turner um 1900 gehörte das schwingenden Trapez und das Springen mit dem Stab offensichtlich auch zum turnerischen Repertoire - wobei es beim Stabspringen weniger um die Höhe als um die "echt turnerische Haltung" zu gehen scheint.

Besonders interessant ist der sechste Turner, der mit der Hantel. Die versierten Wilhelm-Busch-Leser werden sich hier vielleicht an den "Turner Hoppenstedt" erinnern, mit dem Wilhelm Busch liebenswürdig-ironisch das Turnen seiner Zeit auf die Schippe nahm (1). Die allseitige körperliche Ausbildung der damals noch fast ausschließlich männlichen Turner war um 1900 ein wichtiges turnerisches Anliegen. Das Thema war für das Turnen offenbar so typisch, dass es unser Zeichner in der linken unteren Ecke gleich noch einmal aufgreift, indem er die Hantel, das Gewicht und den schweren eisernen Stossstein in die Komposition einfügt. Der DTB hat sich irgendwann von diesem "altmodischen" Aspekt der turnerischen Arbeit getrennt, mit dem Ergebnis, dass das traditionelle Männerturnen fast völlig zum Erliegen gekommen ist - und die Fitness-Studios dort weitermachen können, wo die Turner das Feld geräumt haben.

Vor diesem Hintergrund wird dann gleich auch klar, dass das untere Bildchen mit dem Turnerumzug auch keine "Szene", sondern die Darstellung eines traditionellen Bestandteils der Turnfeste mit großem Wiedererkennungswert ist. Nicht fehlen durfte bei einem Turnfest auch das Bild des "Turnvaters Jahn", zu dem sich die damaligen Turner, im Gegensatz zur heutigen DTB-Führung, ganz selbstverständlich bekannten. Es ist hier mit Eichenlaub bekränzt und stellt den Turnvater als den "Alten im Bart" dar. Er trägt die von ihm selbst erfundene altdeutsche Tracht. Mit in die Darstellung hineinkomponiert sind wichtige turnerische Symbole: Das in rot und weiß gehaltene Vier-F-Wappen der Turner, der Turnergruß "Gut - Heil!" und das Eichenlaubmotiv, das nicht nur zur Bekränzung des Jahn-Bildes und als Siegerkranz dient, sondern sehr auffällig auch die linke untere Ecke füllt. Die Eiche galt damals als der nationale Baum der Deutschen und die "Deutsche Eiche" hat sich bis heute in den Namen vieler der damals gegründeten Turnvereine gehalten, wie etwa beim TB "Deutsche Eiche" Regenstauf von 1893 (in Bayern), beim TV "Deutsche Eiche" Holzminden von 1894 (in Niedersachsen) oder beim TV "Deutsche Eiche" Bottrop-Eigen von 1909 (in Nordrhein-Westfalen).

Das auffälligste Element der Komposition indes ist links der Turner mit seiner Fahne, der schon aufgrund seiner Größe das ganze Bild beherrscht. Wer aber die uns so vertraute schwarz-rot-goldene Fahne für das Zeichen eines bei den Turnern besonders verbreiteten Patriotismus hält, der hat die Botschaft nicht verstanden (2). Als diese Turnfestkarte um 1900 versandt wurde, da waren die Farben des deutschen Reiches Schwarz-Weiß-Rot! Schwarz-Rot-Gold hingegen, das waren die Farben der Lützower Jäger und der Burschenturner; die Farben, die vor 175 Jahren beim Hambacher Fest erstmals in größerer Zahl mitgeführt wurden und das Streben nach Freiheit, Bürgerrechten und nationaler Einheit symbolisieren sollten; das waren die Farben der Frankfurter Nationalversammlung und der Revolution von 1848. Schwarz-Rot-Gold war eines der mächtigsten Symbole der Turnbewegung. Indem die Turner um 1900 diese im Kaiserreich verpönten Farben zeigten, stellten sie sich trotz ihrer Kaisertreue demonstrativ in die liberale und demokratische Tradition der frühen Turnbewegung und mahnten, wie Jahn nach den Befreiungskriegen oder die Turner bei der Einweihung des Jahn-Denkmals auf der Hasenheide (3), die noch immer nicht voll erreichte Teilhabe der Bürger am Staat an.

Dass nach dem zweiten Weltkrieg beide deutsche Staaten diese Farben für ihre Fahne wählten, ist ein bewusster Rückgriff auf diese frühe demokratische Tradition, an deren Ausbildung die Turner einen so maßgeblichen Anteil hatten. Die Wahl dieser Farben nach dem zweiten Weltkrieg unterstreicht demonstrativ auch den Wunsch nach Wiedererlangung der nationalen Einheit, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Ursache für das Entstehen der Turnbewegung überhaupt war. Das Schwarz-Rot-Gold der Turner ist das Symbol einer Tradition, zu der auch wir Turner von heute uns ohne wenn und aber bekennen können.

Diese historischen Zusammenhänge werden allen denen kaum bewusst gewesen sein, die im letzten Sommer in der Euphorie der Fußball-Weltmeisterschaft mit diesen Farben auf die Straßen gegangen sind. Auch der Aufruf zu mehr Patriotismus, mit dem die Bundeskanzlerin sich bei ihrem Amtsantritt an die deutsche Öffentlichkeit gewendet hat, dürfte nicht der Grund für den unerwartet unverkrampften Umgang der deutschen Öffentlichkeit mit unseren Nationalfarben gewesen sein. Vielleicht zeigen beide Ereignisse im Zusammenhang aber, dass die Zeit für eine Neubewertung der deutschen Geschichte, auch im DTB, gekommen ist und dass unser Geschichtsbewusstsein sich nicht allein und für immer aus den zwölf schlimmen Jahren des Dritten Reiches speisen muss.

Karl Thielecke


Weiterführende Lektüre:

(1) Wilhelm Busch: Folgen der Kraft

(2) Dr. Hans-Jürgen Schulke: Zwischen Design und Bewusstsein - bewegende Spurensuche nach Schwarz-Rot-Gold in: www.jahn-museum.de >> Pressedienst

(3) Prof. Dr. Dieter Langewiesche: Turnen und Nationalbewegung im 19. Jahrhundert in: www.jahn-museum.de >> Bibliothek