Das Hambacher Fest 1832

Vom 26. bis zum 28. Mai 1832 versammelten sich etwa 30.000 Menschen aus ganz Deutschland, aber auch aus Polen, Frankreich und selbst aus dem fernen England in dem kleinen Ort Neustadt an der Haardt und zogen in einem nicht enden wollenden Zug zur Burgruine Hambach hinauf. Dabei führten sie viele schwarz-rot-goldene Fahnen mit sich. Es war eine Versammlung, wie sie Deutschland noch nie gesehen hatte, eine Versammlung mit einer Vorgeschichte und mit Folgen, die bis in unsere Gegenwart wirken. Unter dem Namen "Hambacher Fest" ist dieses 175 Jahre zurückliegende Ereignis in die Geschichtsbücher eingegangen.

Die Vorgeschichte

Neustadt an der Haardt (heute "an der Weinstraße") auf dem linken Rheinufer hatte bewegte Jahre erlebt. 1797 hatten es die Franzosen besetzt und vier Jahre später sogar ihrer Republik einverleibt. Nach dem Sturz Napoleons kamen die linksrheinischen Teile der ehemaligen Kurpfalz als "bayerische Pfalz" an das noch junge Königreich Bayern. Die Franzosen hatten dort das französische Rechts- und Verwaltungswesen eingeführt, das den Bürgern Freiheiten und Rechte einräumte, die in Deutschland unbekannt waren und König Max I. Josef war weise genug gewesen, der Pfalz diese Rechte in der Verfassung von 1818 zu belassen. Sein Sohn Ludwig I., der seine nationale Gesinnung durch den Bau der Befreiungshalle bei Kelheim und der Walhalla bei Regensburg für alle sichtbar dokumentiert und 1826 in Bayern die Turnsperre aufgehoben und das Jahnsche Turnen eingeführt hatte, dieser liberale Ludwig I. hatte 1825 in seinem Reich sogar die Pressezensur abgeschafft. Trotzdem war in der Pfalz die Unzufriedenheit groß: Die Zollgrenze zwischen Bayern und dem preußisch-hessischen Zollverein riegelte die Pfalz von ihrem wirtschaftlichen Hinterland ab und die hohe bayerische Steuerlast führte zu einer Verarmung der Bevölkerung.

Die Unzufriedenen hatten in den Journalisten Philipp Jakob Siebenpfeiffer und Johann Georg August Wirth zwei Sprecher gefunden, die der allgemeinen Unmut eine laute und der Münchner Regierung sehr lästige Stimme gaben. Überall in Europa gärte es und spätestens nach der Julirevolution in Frankreich (1830) begann Ludwig zu fürchten, dass das revolutionäre Gedankengut auch auf die Pfalz übergreifen könnte, und versuchte mit repressiven Maßnahmen und der Einschränkung der eben erst gewährten Pressefreiheit die Ruhe in seinem Reich zu sichern.

Das Hambacher Fest

Für den 26. Mai 1832 war aus Anlass des bayerischen Verfassungstages zu einem Fest auf das Hambacher Schloss geladen worden. Durch einen flammenden Gegenaufruf gelang es Siebenpfeiffer, das Verfassungsfest zu einem gegen die Regierung gerichteten "deutschen Nationalfest" umzufunktionieren. Der Aufruf fand einen ungeheueren, nicht erwarteten Widerhall. Nach einigem Hin und Her wurde das Fest von der Obrigkeit schließlich als "Volksfest" genehmigt.

Unter den Festbesuchern stachen besonders zwei Gruppen heraus. Die einen waren die zum Teil von weit her angereisten Burschenschafter, zwar nur eine kleine Minderheit unter den Festbesuchern, aber doch schon durch ihre Studentenmützen und Bänder auffällig. Durch ihre aktive Beteiligung an den Diskussionen bestimmten sie einen Großteil des Geschehens (1). Die anderen waren die mit besonderem Jubel begrüßten Polen, die nach dem missglückten polnischen Aufstand ihr Vaterland verlassen mussten und wie Helden begrüßt wurden. Nicht nur die Studenten, auch viele der anderen Besucher führten Fahnen in den verbotenen Burschen- und Turnerfarben Schwarz-Rot-Gold mit sich oder trugen Schärpen, Bänder und Kokarden in diesen Farben. Ein schwarz-rot-goldenes Banner wurde am 27. Mai auch auf dem höchsten Turm der Hambacher Ruine gehisst. Die Farben, die die Burschenturner schon 15 Jahre vorher beim Wartburgfest gezeigt hatten, galten seit den Tagen von Hambach im Volk als die deutschen Nationalfarben. Die Turner hielten daran auch noch in der Zeit des wilhelminischen Kaiserreiches fest.

Nach dem stundenlangen Aufstieg der Menschenmassen zur Hambacher Ruine stand der 27. Mai ganz im Zeichen der beiden Hauptredner Siebenpfeiffer und Wirth.

Siebenpfeiffer (2) forderte, dass die Deutschen sich nicht mehr wie Knechte unter das Joch ihrer Fürsten beugen sollten. Er prophezeite ein wirtschaftlich geeintes Europa, in dem Frauen und Männer gleichberechtigt seien und in dem das Volk seine nationale Einheit durchsetzen werde, er schloss mit den Worten: "Hoch lebe jedes Volk, das seine Ketten bricht und mit uns den Bund der Freiheit schwört! Vaterland - Volkshoheit - Völkerbund hoch!"

Auch Wirth (3) forderte Freiheit und staatliche Einheit für das deutsche Volk. Aber er lehnte im Gegensatz zu Siebenpfeiffer jede Unterstützung durch Frankreich ab. Für den Fall eines französischen Eingreifens sagte er sogar das Zusammengehen aller Deutschen unabhängig von ihrer politischen Einstellung voraus und eine Rückgewinnung von Elsaß und Lothringen für das geeinte Deutschland. Auch Wirth beendete seine furiose Rede mit einem Hochruf: "Hoch! Dreimal hoch leben die vereinigten Freistaaten Deutschlands. Hoch! Dreimal hoch das conföderierte republikanische Europa!"

Wirths Rede wurde nach anfänglichem Staunen mit unbeschreiblichem Jubel aufgenommen. Der Heidelberger Student Karl Heinrich Brüggemann forderte die Vertreibung der fürstlichen Despoten und die Einführung der Volksherrschaft auf gesetzlichem Wege. Selbst der Ruf nach der sofortigen Einführung der Republik wurde laut.

Nach Wirths Rede entwickelte sich das Fest zu einem großen Diskussionsforum. Am folgenden Tag endete im Schießhaus vor der Stadt ein Treffen führender Demokraten mit dem Ziel, einen Nationalkonvent zu etablieren, allerdings chaotisch.

Die Folgen

Die bayerische Regierung und der Deutsche Bund reagierten auf die republikanisch-nationalen Bestrebungen mit Verfolgung und Repression: Die Karlsbader Beschlüsse wurden wieder in Kraft gesetzt, 8.500 Soldaten in die Pfalz verlegt, die führenden Persönlichkeiten des Hambacher Festes verhaftet und zum Teil jahrelang eingekerkert. Viele der bedeutendsten Köpfe, aber auch ein nicht enden wollender Strom einfacher Menschen emigrierten in die Schweiz, nach Frankreich oder in die USA. Trotzdem hörten die Unruhen nicht auf, aber erst 1848 gelang der nationalen und liberalen Opposition wieder ein Teilerfolg.

"Hambach war die größte und bedeutendste demokratische Volksversammlung des Vormärz, die erste politische Massenveranstaltung in Deutschland, der Höhepunkt einer breiten Bewegung in den deutschen Staaten, die erstmalige massenhafte Vertretung nationaler, radikaler republikanischer Forderungen sowie die erste Formulierung der Grundrechte des deutschen Volkes." (zitiert nach Lönnecker) Hambach war aber auch eine Abbildung der in Deutschland herrschenden Meinungsvielfalt, die sich aus unterschiedlichen historischen Erfahrungen speiste. Die mehrheitlich südwestdeutschen Teilnehmer hatten die "Franzosenzeit" als einen Akt der bürgerlichen Befreiung erfahren, neigten eher radikal-demokratischen Ansichten zu und betonten den Freiheitsgedanken. In den Teilen Deutschlands, die die napoleonische Besatzung als Demütigung und Unterdrückung erlebt hatten, war die Grundstimmung eher national-konservativ und mehr auf die deutsche Einheit gerichtet. Der radikale Wirth, der im oberfränkischen Hof aufgewachsen war, wurde in Hambach mit seinen antifranzösischen Ausfällen unerwartet zum Sprachrohr einer politischen Richtung, die im Ernstfall die Einheit über die Freiheit stellte. (Man hört in ihm an dieser Stelle geradezu den Turnvater Jahn, der später denn auch aus seiner Freyburger Verbannung gegen die "verhambacherte Jugend" wetterte.)

Das Hambacher Fest fand lange Zeit in der Geschichtsschreibung wenig Beachtung. Erst in den 1970er Jahren wurde es als ein wichtiger Erinnerungsort entdeckt und in seiner Bedeutung als ein Meilenstein auf dem Wege zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland angemessen gewürdigt.

Karl Thielecke


Anmerkungen

(1) Einen sehr lesenswerten Bericht über das Hambacher Fest aus burschenschaftlicher Sicht liefert Harald Lönnecker (www.jahn-museum.de >> Bibliothek)

(2) Die Rede Siebenpfeiffers findet sich unter www.jahn-museum.de >> Bibliothek

(3) Die (gekürzte) Rede Wirths findet sich unter www.jahn-museum.de >> Bibliothek